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Weiningers Erlösungsvorstellungen

Weininger hat dem Judentum, hier ganz auf den Spuren Wagners und Chamberlains, mithin alle nur denkbar schlechten Eigenschaften zugesprochen, Eigenschaften, wie sie seiner Meinung nach ebenfalls dem Weibe anhaften. Wie für Wagner lag für Weininger die einzige Möglichkeit, dem Fluch des Judentums zu entgehen, darin, dass Juden gegen sich selbst kämpfen und das Judentum in sich besiegen - "Erlösung durch Selbstvernichtung" hatte es bei Richard Wagner geheißen. Weininger ging noch einen Schritt weiter und verband den Inbegriff von Männlichkeit, dessen höchste Form der Religionsstifter sei, eine Erlösungsfunktion. Auch Christus "war ein Jude, aber nur, um das Judentum in sich am vollständigsten zu überwinden". Daher sei er der größte Mensch, der seine "besondere Erbsünde" - nämlich Jude zu sein - durch die "vollkommene Negation" seines Wesens besiegt habe.

Nichts anderes aber wollte das jüdisch-deutsche Bürgertum, meint Joachim Riedl. "Von jeher hatte es sich von seiner Emanzipation auch die Möglichkeit zu seiner vollkommenen Assimilierung erhofft. Es wollte deutscher als die Deutschen sein; so übernahmen die Juden Sitten, Gebräuche und Vaterlandsliebe von den Deutschen. Jede neue antisemitische Welle, die ihr deutsches Rollenmodell periodisch erfasste, bestärkte die Juden nur noch mehr in ihrem unerbittlichen Wunsch nach Anpassung." Weininger selbst hatte einmal behauptete, nur der Jude, der Christ geworden sei, habe das volle Recht als Arier zu gelten.

Der Erfolg von Weiningers Buch beruhte zweifellos nicht zuletzt auf seiner "Erlösungstheorie", die christlichen wie säkularen Ansprüchen genügte. Der Mensch, so verheißt das Werk, werde die Erlösung finden, wenn er alles Weibliche und alles Jüdische in sich überwunden habe.

Allerdings sollte die Tatsache, dass Weininger auf Grund seines Buches immer wieder als düsteres Beispiel für jüdischen Selbsthass angeführt wird, nicht verdunkeln, dass seine Interpretation des Antisemitismus im Grunde eine Vorwegnahme der 'Pathischen Projektion' ist, die Horkheimer und Adorno in der "Dialektik der Aufklärung" als Erklärungsmuster für den Antisemitismus vorgeschlagen haben.

Zudem kann Weiningers Verhältnis zur Frau und zum Judentum gewiss nur aus den Nöten verstanden werden, von denen dieser geniale junge Mensch bedrängt wurde. Rudolf Kaßner und Stefan Zweig berichten, wie wenig das Äußere Weiningers dazu angetan war, in ihm einen bedeutenden und vielseitigen Geist vermuten zu lassen. Er hatte das Gebaren eines nervösen Commis und sah meistens aus wie nach einer dreißigstündigen Eisenbahnfahrt..."schmutzig, ermüdet, zerknittert, ging schief und verlegen herum, sich gleichsam an eine unsichtbare Wand drückend, und der Mund unter dem dünnen Schnurrbärtchen quälte sich irgendwie schief herab. Seine Augen (erzählten mir später die Freunde) sollen schöne gewesen sein: ich habe sie nie gesehen, denn er blickte immer an einem vorbei (auch als ich ihn sprach, fühlte ich sie keine Sekunde lang mir zugewandt):all dies verstand ich erst später aus dem gereizten Minderwertigkeitsempfinden, dem russischen Verbrechergefühl des Selbstgepeinigten", berichtet 1926 Stefan Zweig in seinem Aufsatz "Vorbeigehen an einem unauffälligen Menschen: Otto Weininger."

Fremd war Weininger der spielerisch-leichtsinnige Genius der Wiener belle époque. Selten lächelte er. Er war unfähig zu Gemütlichkeit und allem Lässig-Gelösten. Anfänglich noch an Kants Ethik der autonomen Persönlichkeit sich ausrichtend, wurde er zuletzt immer misstrauischer gegenüber der lebendigen Individualität: sie erschien ihm als eine Frucht schuldhafter Eitelkeit. "Der Verbrecher ist eitel, denn er hat den Wunsch zur Einzigartigkeit."


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