zurück vor auf Inhaltsverzeichnis


Luthers Wirkung darf nicht unterschlagen werden

Man muss Luther infolgedessen auch von seinen Wirkungen, Reflexen und schädlichen Folgen in den Blick nehmen. Dazu gehört ebenfalls die berüchtigte Obrigkeitshörigkeit des deutschen Protestantismus. Nolens volens gab Luther nachfolgenden Generationen für ihren Antisemitismus die geistige Legitimation und ein "gutes Gewissen". Die Folgen dieses Selbst- und Sendungsbewusstsein sind unübersehbar. Schon zu Luthers Lebzeiten veranlassten seine judenfeindlichen Pamphlete den Kurfürsten seines Landes, die dort ansässigen Juden aus dem Territorium auszuweisen. Ähnlich reagierte Landgraf Philipp von Hessen. Hier kam es zu einer Verschärfung der Judengesetzgebung. Auch in anderen protestantischen Hochburgen war die jüdische Existenz damals lange Zeit ernsthaft gefährdet, und es gehört keineswegs zu Luthers Verdiensten, dass die dunklen Wolken, die er mit heraufbeschworen hat, an den meisten Juden vorbeizogen, ohne eine größere Katastrophe auszulösen. Gleichwohl wurden die Stellungnahmen Luthers zum Judentum entscheidend für den Weg, den der Protestantismus nach ihm beschritt. Sie prägten auf Jahrhunderte hinaus das Verhältnis zwischen Christen und Juden. Noch 1789, zweihundert Jahre nach der ersten Niederlassung der Juden in Hamburg, versuchte die dortige evangelische Geistlichkeit (man denke, im Zeitalter der

Spätaufklärung!), den Bau der ersten Synagoge zu verhindern. Das Erbe Luthers warf, wie man sieht, einen langen Schatten. Als man die Juden nicht verdrängen konnte, bemühte man sich, sie zur Taufe zu überreden. Zum Glück für die Hamburger Juden bestimmten aber nicht allein die rigiden Vorstellungen orthodoxer Lutheraner die politische Kultur Hamburgs, sondern ebenso nüchterner Kaufmannssinn, der früh erkannt hatte, welche Vorteile der Überseehandel und die Finanzerfahrungen der aus Spanien eingewanderten Juden der Hansestadt boten.


zurück vor auf ursula@UrsulaHomann.de Inhaltsverzeichnis