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Jüdisches Leben in der Eifel und in der Pfalz

Seit dem Spätmittelalter ist jüdisches Leben auch in der Eifelstadt Wittlich dokumentiert. Am 4.April 1309 schreibt der Pfarrer Richard zu Großlitten in seinem Testament, er schulde dem Juden Moses aus Wittlich sechs Trier Soldi. Der Trier Erzbischof Balduin von Luxemburg (1307-1354) siedelte in Wittlich und anderen Amtsstädten jüdische Geldverleiher an, um den Finanzmarkt seines Erzstiftes zu stärken. Er schützte sie allerdings nicht vor Anschuldigungen, Brunnen vergiftet und damit die Pest verursacht zu haben. Bei den Verfolgungen im Jahre 1349 wurden alle Mitglieder der kleinen Wittlicher Gemeinde ermordet. Die zweite Wittlicher jüdische Gemeinde entstand im 17.Jahrhundert. Etliche Juden kamen aus Böhmen hierher. Nach der französischen Revolution (1789) begann auch in Wittlich die allmähliche Gleichstellung der Juden mit den anderen Bürgern. Im 19.Jahrhundert nahm die Zahl der Gemeindemitglieder rasch zu. Unter dem Vorsitz des wohlhabenden Kaufmanns Isaak Frank erbauten sie von 1908 bis 1910 ihre erste eigene Synagoge und verfügten über eine eigene Schule. Selbst das kleine Bausendorf, direkt neben Wittlich gelegen, hatte eine kleine eigenständige Synagogengemeinde.

Die Entwicklung der jüdischen Gemeinden zeigt im großen und ganzen vom 18.Jahrhundert an ein positives Bild, allerdings mit gewissen Verschiebungen vom Land nach den Städten. Viele Juden hatten einen beträchtlichen Anteil an der Erschließung und Entwicklung des rheinischen Weinhandels, wie etwa in Langenlosheim an der Nahe. Die meisten Gemeinden im Rhein und Moselland waren liberal, ohne reformistisch zu sein, abgesehen von kleinen orthodoxen Gruppierungen in den Großstädten, die dann eigene Gemeindezentren bildeten.

In ähnlicher Weise wie die Gesamtbevölkerung wuchs auch die 1854 gegründete jüdische Gemeinde Ludwigshafens kontinuierlich an. 1933 zählte sie 1.070 Mitglieder und ließ damit zumindest quantitativ alle anderen israelitischen Gemeinden der Pfalz weit hinter sich. Sie konnte auf keine historisch gewachsene Tradition zurückblicken und nahm als einzig urban geprägte Gemeinde eine Sonderstellung innerhalb des pfälzischen Landjudentums ein. Für das liberale Klima der Pfalz und der jungen Stadt, spricht, dass Max Lippmann, der Inhaber der "königlichen Salzniederlage" und Gründer eines Eisen- und Farbwarendetailgeschäfts ab 1860 zwei Wahlperioden lang dem Stadtrat angehörte.

In der Pfalz haben im Laufe der Jahrhunderte fast in jedem Dorf und in jeder Stadt Juden gewohnt. Im 19.Jahrhundert existierten in über hundert Orten jüdische Kultusgemeinden mit Synagogen und Betstuben, Friedhöfen, Schulen und Tauchbädern. Fast drei Prozent der Pfälzer waren Mitte des vorigen Jahrhunderts jüdischen Glaubens. Juden in der Pfalz waren keine "exotischen Erscheinungen" wie heute, da die meisten Leute persönlich keine Juden kennen, sondern ein selbstverständlicher Teil pfälzischen Lebens und pfälzischer Kultur. Trotz der im 19.Jahrhundert wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage einsetzenden Massenauswanderungen in die USA und dem Wegzug in Großstädte wie Mannheim und Frankfurt lebten zu Beginn der Nazizeit noch 6487 Juden in der Pfalz, die in den vier Rabbinatsbezirken Frankenthal, Kaiserslautern, Landau und Zweibrücken und in 72 Kultusgemeinden organisiert waren.

Eindringlicher als irgendwo sonst in der Pfalz und vielleicht gar in Deutschland zeugen in Edenkoben Steuerlisten und Gerichtsprotokolle vom jüdischen Leben und der oft schwierigen Koexistenz mit der größtenteils protestantischen Bevölkerung in dem kurpfälzischen Winzerstädtchen. Nicht privat kam man sich näher, sondern durch gemeinsame Geschäftsbeziehungen. Beide Seiten waren aufeinander angewiesen. Keine hat Reichtümer aufhäufen können. Steuerlisten aus der Mitte des 18.Jahrhunderts belegen, dass "75 Prozent der Edenkobener Judenfamilien in der Kategorie der Minimal- oder Marginalexistenzen einzureihen" waren.

Während das 19.Jahrhundert für die rechtliche Stellung der Juden in der zwischenzeitlich französischen und seit 1818 bayerischen Pfalz entscheidende Fortschritte brachte, änderte sich hier die Gewerbestruktur kaum. Versuche des fortschrittlichen Gemeindevorstehers Ische Isaac in Edenkoben, Juden in Handwerk und Landwirtschaft zu integrieren, scheiterten am Unwillen der mehrheitlich orthodoxen Edenkobener Gemeinde. Schließlich konnte Isaac mit Unterstützung des Bürgermeisters durchsetzen, dass an Stelle des traditionellen "Cheder" eine Elementarschule trat, in der neben Hebräisch und den Religionsgesetzen auch das Wissen der Zeit vermittelt wurde. Schon Mitte des 19.Jahrhunderts galt die Edenkobener Gemeinde als eine der fortschrittlichsten der Pfalz, deren Synagogenordnung, die den Gottesdienst äußerlich an den protestantisch anzugleichen suchte, vorbildhaft wurde. Anfang unseres Jahrhunderts war der Assimilierungsprozess so weit fortgeschritten, dass die Edenkobener Juden - sicher auch unter dem Einfluss des positivistischen Zeitgeistes - ihren Glauben kaum noch praktizierten.

Im Fürstentum Birkenfeld, das seit 1817 in Personalunion mit dem Großherzogtum Oldenburg verbunden war, genossen die jüdischen Bürger dank der Weitsicht ihres Großherzogs die Vorzüge der völligen staatsbürgerlichen Emanzipation. Die Verfassung für das Großherzogtum Oldenburg vom 18.Februar 1849 gestand jedem Bürger das Recht auf Glaubens- und Gewissensfreiheit zu. Das Fürstentum Birkenfeld war neben Luxemburg das einzige Land des Deutschen Bundes, das die Integration der Juden in die bürgerliche Gesellschaft nicht durch Gesetze behinderte. An diesem Zustand hat sich bis 1933 nichts mehr geändert. Kleinere und mittelgroße jüdische Gemeinden gab es auch in der südlichen Pfalz in Albersweiler, Essingen, Ingenheim, Haßloch und Rülzheim. 1931 lebten in Ludwigshafen 1400 Juden, unter ihnen etwa 600 "Ostjuden". Das waren ungefähr zwei Drittel aller in die Pfalz eingewanderten Ostjuden. Im Laufe der Zeit haben zahlreiche Wörtern hebräischen Ursprungs und jiddische Redensarten die pfälzische Mundart bereichert und die Pfälzer Speisekarte um den Mohnzopf und die Koscher, eine Rindswurst, vergrößert. Trotz massiver Verfolgungen und Vertreibungen während des Mittelalters und der frühen Neuzeit haben sich "eine ganze Masse von Wörtern zum Teil hebräischen Ursprungs" schreibt der Sprachwissenschaftler August Becker schon 1858, "in die Volkssprach eingeschmuggelt."


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