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Bedeutende mecklenburgische Juden

In Krakow genoss die alteingessene Familie Nathan besondere Verehrung. Viele ihrer nicht unbeträchtlichen Gewinne, die die Familie aus dem Textil-und Produktenhandel erzielte, stellte sie der Stadt für öffentliche Zwecke zur Verfügung. 1852 eröffnete Ascher Nathan ein Kaufhaus, während der Gemeindevorsteher Benno Nathan eine Fortbildungsschule für junge Kaufleute errichtete. 1910 gehörte er zu den Stiftern des Reuter Gedenksteins in einer Gartenanlage. Sein Bruder Josef förderte die Freiwillige Feuerwehr und war ein Verehrer des plattdeutschen Dichters Fritz Reuters. Josef Nathan verfasste selbst ebenfalls plattdeutsche Lyrik und dichtete einmal: "Min oll lütt Vaterstadt, tüschen See un Barg: Hier hett min Weig dunn stahn, hier stah' min Sarg." Wie ihre nichtjüdischen Nachbarn betrachteten sich die Nathans im 19.Jahrhundert in erster Linie als Mecklenburger und pflegten wie alle Einheimischen die plattdeutsche Sprache.

Fritz Reuter, Mecklenburgs"Nationaldichter", wiederum hat in seinem großen Roman "Ut mine Stromtid" in der Figur des Moses Isaak Salomon einem Mecklenburger Juden ein ehrfurchtsvolles Denkmal gesetzt. Ein Stavenhagener Jude, der Arzt Michael Liebmann (1810-1874), hat in Reuters Leben eine wichtige Rolle gespielt: Er unterstützte Reuter tatkräftig, als sich dieser 1866 mit einem Spendenaufruf für die Verwundeten der Schlacht von Langensalza an seine Landsleute wandte. Ein Jahr später, als Reuter den Tiedge-Preis erhielt, revanchierte er sich mit einer Spende für das Krankenhaus, das Liebmann in Reuters Heimatstadt Stavenhagen gründen wollte. Reuter schrieb dazu:"..weil ich seit langen, langen Jahren Dein treues und ehrenvolles Wirken in Deinem Berufe und Deine Liebe und Freundschaft für mich kenne, so sende ich diese Gabe an Dich. Dir, dem Juden, der in trübster Zeit, in Not und in Tod treu zu mir gestanden hat, verdanke ich viel mehr als manchem, durch seinen Glauben aufgeputzten Christenmenschen."

Die bekannteste jüdische Familie in Neubuckow waren die Burchards. Ihr entstammte ein "Amerikafahrer" namens Martin Burchard, der in Brasilien zu Vermögen gekommen war und seiner Heimatstadt testamentarisch 40.000 Goldstück vermachte, mit der Auflage, von diesem Geld ein Altersheim zu errichten.

1768 war die jüdische Gemeinde von Alt-Strelitz gegründet worden. Kurz zuvor war Strelitz, die Residenz der mecklenburg-strelitzschen Fürsten, samt Schloss und Städtchen abgebrannt. Herzog Adolph Friedrich I. ließ sich eine neue Residenz und eine neue Stadt bauen, die den Namen Neustrelitz erhielt. In einer Mischung aus Toleranz und Eigennutz rief der Herzog 1733 Neuansiedler in sein Land und gewährte jüdischen Einwanderern gegen eine geringe Gebühr das Niederlassungsrecht. Diese schufen aus der abgebrannten Residenz Alt-Strelitz die jüdische Hauptstadt Mecklenburgs"Oll-Mochum". Es war das einzige Schtetl in ganz Mecklenburg. Nirgendwo sonst in dieser Region sollen die Juden im 18.und in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts so autonom gewesen sein wie gerade in Alt-Strelitz. Immerhin hatte ihnen der Herzog bei ihrer Ankunft eine zehnjährige Steuerfreiheit gewährt, Bauplätze geschenkt oder billig vergeben, preiswertes Baumaterial überlassen und freie Religionsausübung zugestanden. Die herzogliche Toleranz führte bald dazu, dass Alt-Strelitz die höchste jüdische Bevölkerungszahl erreichte, die es je in Mecklenburg gegeben hat. Die jüdische Gemeinde in Alt-Strelitz verfügte über eine eigene Polizei und besaß neben einer Synagoge eine eigene Freischule, die auch von christlichen Eltern geschätzt wurde. Dem Herzog von Neustrelitz war es nur recht, dass die Juden seinem winzigen Staat wirtschaftlich auf die Sprünge halfen. Organisierten sie ihre Handelsgeschäfte doch viel besser als ihre schwerfälligen christlichen Kollegen. Nicht zuletzt dem Gewerbefleiß der Juden war es zu danken, dass das Haus Mecklenburg-Strelitz bald eines der reichsten deutschen Fürstenhäuser war.

In Strelitz lebte einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten, der Sprachforscher und Literaturhistoriker Daniel Sanders (1819-1897). Als Sanders, der in Strelitz das Amt des Schulleiters innehatte,1897 starb, brachte die Stadt Strelitz an seinem Wohnhaus eine Gedenktafel an. Die Nazis rissen die Tafel ab und ließen sie einschmelzen. Das Haus, das Sanders nach endlosen Querelen hatte kaufen dürfen, vernichtete 1945 ein Feuersturm, der das ganze Schtetl Oll Mochum verschlang.

Viele Juden waren aufrechte Patrioten, wie etwa Marcus Isaak aus Malchin, der in der Silvesternacht 1761, als die Stadt von den Truppen Friedrichs II. von Preußen belagert und beschossen wurde, "mit großer Tapferkeit" das Niederbrennen der Stadt verhindert hatte. Aus Malchin stammte auch Siegfried Marcus, ein bekannter Erfinder auf dem Gebiet der Elektrotechnik und allem Anschein nach der Erbauer des ersten mit Benzin getriebenen Automobils sowie des ersten 4-Taktmotors - zehn Jahre vor Daimler und Benz. (Die FAZ widmete ihm zu seinem 100.Todestag am 1.Juli 1998 einen längeren Artikel.)

In Schwerin wirkte von 1840 bis 1847 Dr.Samuel Holdheim, ein bedeutender Judaist und radikaler Vertreter der jüdischen Reformbewegung in Deutschland. In seinem Hauptwerk "Über die Autonomie der Rabbinen" verlangte er unter anderem die Aufhebung aller "national-jüdischen" Gesetze, also jener Bestimmungen, die über den religiösen Bereich hinausgingen und eine vollständige Integration der Juden in das jeweilige Staatswesen verhinderten.

Weniger liberal als in Mecklenburg-Neustrelitz ging es überdies im viel größeren Mecklenburg-Schwerin zu. Herzog Friedrich, "der Fromme", dessen Regierungszeit in die Zeit der Aufklärung fiel, war zwar kein Judenfeind, vielmehr verhielt er sich Juden gegenüber durchaus tolerant. Doch ihre "Bekehrung" zum Christentum lag ihm am Herzen. Einer seiner eifrigsten Gehilfen war der Bützower Orientalist Georg Oluf Tychsen, ein hartnäckiger Proselytenmacher, der einmal bei seinen Versuchen, Juden zur Taufe zu bewegen, mit einer deftigen Tracht Prügel bedacht wurde. Ähnlich ambivalent wie der Herzog benahm sich Ende des 18.Jahrhunderts Professor Georg Brockmann, Pastor an St.Marien in Greifswald. In einer Predigt forderte er Christen zur Toleranz auf und verlangte von ihnen, sie sollten durch ihren Lebenswandel, "den Unglauben der Juden beschämen". Dieser Geistliche verzichtete zwar auf Gewaltanwendungen, nicht aber auf christliche Missionierung.

Unter den Machtkämpfen der Landesherren mit der Ritterschaft und den Städten in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts hatten vor allem die Juden zu leiden. Als die Ritter und Städte einmal mit Nachdruck die Vertreibung der Juden verlangten, erließ der Schweriner Herzog 1749 die Ordre, dass außerhalb der Jahrmärkte in seinem Territorium keine Juden zu dulden seien, ausgenommen jene, die eine herzogliche Spezialkonzession besäßen. Zu einer Vertreibung kam es indessen nicht, weil Mecklenburg während des siebenjährigen Krieges (1756-1763) bis an den Landkonkurs geraten war und Landesherr und Städte folglich auf die Finanz- und Handelsbeziehungen der Juden angewiesen waren.

Während der Napoleonischen Zeit konnten sich die mecklenburgischen Juden einige Jahre lang der Toleranz und freien Entwicklung erfreuen. "Ihre Sklavenketten brachen, wo die Soldaten Frankreichs erschienen", stellt der Chronist lakonisch fest. Nach der Niederlage Napoleons wurde im Großherzogtum Mecklenburg ein großer Teil der Emanzipationsversprechungen wieder aufgehoben. In Güstrow, "Klein-Paris" genannt, plante man 1819 sogar, Juden am Abend des Versöhnungstages in der Synagoge zu

überfallen und zu töten. Doch wurde die Synagoge auf Veranlassung des Güstrower Bürgermeisters von Soldaten bewacht, während die Offiziere dem Gottesdienst beiwohnten. Die Rädelsführer mit ihren bewaffneten 173 Helfershelfer hatten "den Riesenmuth, 14 wehrlose Familien an ihrem heiligsten Feste zu überfallen und wohl auch zu misshandeln oder gar niederzumachen; waren aber viel zu feige, mit den 70 Soldaten der Garnison und der Polizei in gefährliche Berührung zu kommen", heißt es in der Chronik.

Herzog Friedrich Franz I. (1756-1837) war einer der wenigen deutschen Herrscher, der sich ernsthaft um die Beseitigung der Ausgrenzung von Juden bemühte. Am 22.Februar 1813 wurde gegen den Widerstand der Ritterschaft und der Magistrate der Städte allen Juden durch landesherrliche Verordnung die bürgerliche Gleichstellung eingeräumt. Anfeindungen der Stände ließen nicht lange auf sich warten. Als sich auch der Großherzog von Mecklenburg-Strelitz auf die Seite der Ritter und Stände stellte, blieb Großherzog Friedrich Franz I. nichts anderes übrig, als sein fortschrittliches Gesetz 1817 ersatzlos aufzuheben. Die Juden standen verfassungsrechtlich wieder auf dem Stand von 1755. Noch am 20.Januar 1814 hatte der Herzog darauf hingewiesen: "Die in Mecklenburg geborenen Juden sind auch Mecklenburger, Unsere Untertanen, die ein gleiches Recht mit anderen auf Unsere Landesherrliche Vorsorge und Bedachtnahme der Verbesserung ihres Zustandes haben, welche letztere sich nicht ohne Vorteil für die übrigen Untertanen und das ganze Land denken läßt."

Nach der Revolution von 1848 wurden Juden auch in Mecklenburg zum ersten Mal in die Parlamente gewählt. Doch das Wechselbad zwischen Emanzipation und Restriktion ging weiter. Erst Jahrzehnte später wurde mit der vollen rechtlichen Gleichstellung, die am 3.Juli 1869 vom Norddeutschen Bund beschlossen und 1870/71 auf das geeinte Deutschland ausgedehnt wurde, jeder religiösen Diskriminierung der Rechtsboden entzogen. Damit war auch in Mecklenburg "die politisch-bürgerliche Leidens-Toleranz und Emanzipations-Geschichte der Juden abgeschlossen, und wie wir hoffen mit göttlicher Hilfe für alle Zeiten", schreibt Donath frohgemut, nicht ahnend, welch schlimmes Schicksal die Deutschen ihren jüdischen Landsleuten im nächsten Jahrhundert bereiten würden. "In politisch-bürgerlicher Beziehung", meint er weiter, "wird es für alle Söhne des deutschen Reiches, ohne Unterschied der Confession, fortan nur eine Geschichte des engeren Vaterlandes - für uns Mecklenburg - und des großen deutschen Vaterlandes, geben. Was sich bei den Juden als solche, an deutscher Geschichte abspielen wird, wird nur, wie bei den anderen Confessionen, auf religiösem Gebiet sich bewegen."

In dieser Zeit hat sich auch Rostock, das sich jahrhundertelang gegen den Zuzug von Juden gesträubt hatte, eines besseren besonnen und Juden aufgenommen. Hier erstand die größte Gemeinde Mecklenburgs neben Schwerin und Güstrow. Eine eigene jüdische Schule hat Rostock freilich nie besessen. Rostocker Juden mussten daher ihre Kinder auf die Thora-Schulen in Hamburg und Frankfurt/Main schicken. Ihren weltlichen Unterricht erhielten jüdische Kinder in städtischen Schulen und in Privatschulen. Die meisten besuchten das Gymnasium. Die Hansestadt hat durch die Ansiedlung von Juden aber nicht nur zahlungskräftige Steuerzahler gewonnen, sondern auch eine große Zahl tüchtiger Ärzte, Rechtsanwälte, Universitätsprofessoren und Kaufleute. Die größte soziale Leistung vollbrachte die Reformpädagogin Marie Bloch mit dem Fröbelschen Kindergarten. In Stralsund waren ebenfalls die oft sehr angesehenen jüdischen Geschäftsleute in das gesellschaftliche Leben der Stadt fest integriert. Immer häufiger kam es zu Eheschließungen zwischen Juden und Christen. Die kleine Gruppe der "Ostjuden" blieb dagegen isoliert.

Ende des 19. Jahrhunderts zogen zahlreiche jüdische Familien in die prosperierende Hauptstadt Berlin und in die weltoffenen Handelsplätze wie Hamburg oder Frankfurt. Nach dem Ersten Weltkrieg gerieten auch Juden in Not. Inflation und Weltwirtschaftskrise trafen sie genauso wie nichtjüdische Bürger. Jüdische Firmen gingen in Konkurs. Synagogen wurden verkauft, um mit dem Erlös die Friedhöfe erhalten zu können.


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