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Juden in Mecklenburg-Vorpommern

Geschichte und Gegenwart

Beginn jüdischer Niederlassungen

Zu Beginn unserer Zeitrechnung lebten in Mecklenburg die slawischen Volksstämme der Obotriten und Leutiter. Sie waren, so berichtet der Historiker L. Donath in seiner im vorigen Jahrhundert erschienenen "Geschichte der Juden von Mecklenburg", "heidnisch in ihrem Glauben, roh und barbarisch in ihren Sitten." Das jüdische Volk jedoch habe stets nur dort seinen Wohnsitz aufgeschlagen, "wo bereits ein gewisser Grad von Cultur und Gesittung herrschte", obwohl, fügt Donath hinzu, die Juden vielleicht in heidnischer Umgebung auf größere Toleranz und Gastfreundschaft rechnen durften als in christlichen Ländern. Doch erst als die Christianisierung in Mecklenburg einige Fortschritte gemacht habe, seien die ersten Juden dorthin gekommen, "vielleicht in der Hoffnung, in dem Lande, das eben die Taufe erhalten und vom Fanatismus noch nicht so durchwühlt war, eine sicherere und friedlichere Zufluchtsstätte zu finden." Der Historiker Ulrich Grotefend vermutet dagegen, dass es möglicherweise schon vor der Germanisierung und Christianisierung Juden im späteren Mecklenburg und Pommern gegeben habe, die dann, als Christen ins Land kamen, nach Polen weiterzogen. Die Mehrzahl der Historiker nimmt indessen an, dass die ersten Juden aus dem Land Brandenburg stammten - denn dort waren sie 1243 unter dem Vorwand, sie hätten Hostien gestohlen und geschändet, verfolgt und viele von ihnen auch ermordet worden - sowie aus dem Rheinland und der Maingegend, wo Pogrome der Kreuzzugsritter überlebende Juden in die Flucht getrieben hatten. Wahrscheinlich hat zu einer Zeit, als man in Schleswig-Holstein noch keine Juden kannte, sich schon eine Reihe von ihnen in Mecklenburg und Pommern angesiedelt, wie etwa in Wismar, Rostock, Parchim, Stralsund, Greifswald, Pasewalk, Wolgast und Löckwitz.

Genau genommen, beginnen die Nachrichten über die mecklenburgischen Juden mit einem Pferdediebstahl: Ein Schuster namens Jordan stahl seinem Nachbarn ein Pferd" und versetzte es bei den Juden",so steht es im Wismarer Stadtbuch um 1260. Einige Jahre später, am 14.April 1266, stellte Fürst Heinrich I. von Mecklenburg die in Wismar ansässigen Juden mit den fürstlichen Dienern gleich und betrachtete sie als seine Schützlinge - gegen Entrichtung eines nicht geringen Schutzgeldes. Dabei ließ sich der Landesherr keineswegs von uneigennütziger Menschenliebe leiten. Motiv seines Handelns war vielmehr seine ständige Finanznot. Laut Donath standen die Juden zu Heinrich I., dem Pilger, in einem "Clientenverhältniß", sie waren seine Schützlinge, keine Kammerknechte. Sie brauchten nicht ständig Abgaben zu zahlen, sondern mussten "nur" die Erlaubnis, "Leben und Luft athmen zu dürfen, für theures Geld erkaufen."

Je mehr die Hansestädte an Macht und Einfluss gewannen, desto häufiger schlugen diese den fürstlichen Willen in den Wind. Das geschah ganz augenfällig, nachdem Heinrich von Mecklenburg" in seiner glühenden Frömmigkeit" zu einem Pilgerzug nach Palästina aufgebrochen war, wo er von Moslems sechsundzwanzig Jahre lang gefangen gehalten wurde. Während seiner Abwesenheit jagte die Stadt Wismar seine Schutzjuden kurzerhand davon. Im Grunde lebten Juden in mecklenburgischen Städte nur dann unbesorgt und unbehelligt, wenn diese, wie Rostock von 1301 bis 1323, unter dänischer Herrschaft standen. Dennoch erhielten einige Juden im heutigen Mecklenburg-Vorpommern schon früh das städtische Bürgerrecht und die Konzession, Häuser zu kaufen.

Die Geschichte der Juden in Pommern wiederum ist bislang noch weniger erforscht worden als die der Juden in Mecklenburg, vielleicht weil es in Pommern fast gar keine kulturellen Zentren mit langer jüdischer Tradition gegeben hat wie beispielsweise in Schlesien. Doch so viel steht fest: in der Stadt Stralsund, die nach ihrer Gründung im Jahre 1234 schnell zu einer der reichsten Städte in Deutschland aufstieg, haben zu allen Zeiten Juden Handel getrieben. Auch wenn sie in der Stadt selbst keinen festen Wohnsitz hatten, so deutet doch die bereits Anfang des 15.Jahrhunderts in den Akten genannte "Judenstraße" auf deren häufige Anwesenheit hin. Aber ansonsten werden in der Zeit vom 13. bis zur Mitte des 14.Jahrhunderts in Pommern nur vereinzelt Juden erwähnt - urkundlich erstmals am 2.Dezember 1261. Auch in den folgenden Jahrhunderten ist der jüdische Bevölkerungsanteil in Pommern immer ziemlich niedrig gewesen.

Die stets prekäre Situation von Juden im heutigen Mecklenburg-Vorpommern verschärfte sich mit den Pogromen der Pestzeit Mitte des 14.Jahrhunderts. Als die Seuche ausbrach, tauchte das Gerücht auf, Juden hätten die Brunnen vergiftet. Die ersten Pogrome fanden in Krakow und Güstrow statt. In Krakow wurden die Opfer 1325 gerädert und in Güstrow 1330 verbrannt. Ihre Güter wurden eingezogen und von ihrem Geld Kapellen erbaut, die fortan als beliebte Wallfahrtsorte den Herrschern und der Geistlichkeit zusätzliche Einnahmen sicherten. Die Verfolgung der Juden in Mecklenburg kulminierte nochmals im Oktober 1492, als ihnen Hostienfrevel vorgeworfen wurde und am 24.Oktober 1492 in dem kleinen, idyllisch an einem See gelegenen mecklenburgischen Städtchen Sternberg 27 Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Im selben Jahr, in dem mit der Entdeckung Amerikas in Europa angeblich das Mittelalter zu Ende gegangen war, wurden Juden in ganz Mecklenburg gefangen gesetzt und peinlichen Verhören unterzogen, bei denen sie, so schreibt ein Chronist, "alles" eingestanden hätten. Über diesen Vorgang liegen zwei einander widersprechende Protokolle vor. Aber kein Ermittler hat je versucht, die Widersprüche zu klären. Wahrscheinlich weil es nichts zu klären gab und weil man nur einen Vorwand gesucht hatte, um die Juden loszuwerden. Wieder wurde ihr Vermögen zugunsten der Herzöge eingezogen, wieder wurden alle Schulden, die die Herrscher bei ihnen hatten, für null und nichtig erklärt, sozusagen als Entschädigung für das nicht mehr fließende Geld aus dem Judenregal. Für die angeblich geschändeten Hostien wurde auf Beschluss von Bischof und Domkapitel zu Schwerin eine sogenannte Heiligblutkapelle an die Sternberger Dorfkirche angebaut. Die Einnahmen an den Prozessionen zu dieser Kapelle wurden so präzise geregelt, dass man an den Festlegungen ablesen kann, wer an dem Judenmord verdient hat: der Pfarrer von Sternberg, die Geistlichkeit der Sankt-Jakobi-Kirche zu Rostock und der Bischof von Schwerin.

Schon im 15.Jahrhundert hat der evangelische Theologe Osiander die Manipulation des Schuldspruchs und das unaufrichtige Verhalten der Ankläger aufgedeckt. Es seien Schuldsprüche nach vorgefertigtem Muster gewesen, befand er und stellte die Frage, wer denn wohl glauben wolle, dass ausgerechnet Menschen, die in tagtäglicher Unsicherheit lebten, Straftaten begingen, die ihre ohnehin bedrohliche Lage noch weiter verschärften. Die Verbrennung der Juden von Sternberg auf dem sogenannten Judenberg nahe der Stadt sei, so folgerte Osiander, ein einwandfreier Justizmord gewesen und die Vertreibung der übrigen Juden aus den mecklenburgischen Ländern ein reiner Willkürakt. Auch der evangelisch-lutherische Pastor Bard nennt um 1900 die Legende von der Hostienschändung eine "pia fraus", einen frommen Betrug, der die Stadt Sternberg in der Inflationszeit nach dem 1.Weltkrieg indessen nicht davon abgehalten hat, auf dem gedruckten Notgeld das angebliche Geschehen von 1492 als wahre historische Begebenheit darzustellen.

Aber nochmals zurück zum Ende des Mittelalters. Das Gerücht von der Hostienschändung in Sternberg hatte sich bis nach Pommern ausgewirkt und den dort regierenden Herzog Bugeslav zu der Annahme verleitet, dass auch er nach der Sternberger Anklage Juden in seinem Lande nicht mehr dulden dürfe. So wurden auch hier alle vertrieben. Ob sich dennoch Juden in den nächsten zweihundert Jahren in Mecklenburg und Pommern aufgehalten haben, ist nicht bekannt. Bekannt ist nur, dass sich nach dem Westfälischen Frieden 1648, durch den Vorpommern zu Schweden kam, in diesem Territorium offiziell vorerst keine Juden niederlassen durften.


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