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Höchstleistungen auf allen Gebieten

Auch auf jüdischer Seite bemühten sich viele, an die Bewegung der Aufklärung Anschluss zu finden und das Ghetto geistig zu überwinden. Der bedeutendste Vertreter der jüdischen Aufklärung, der Haskala, war bekanntlich der aus Dessau gebürtige und seit 1743 in Berlin lebende Philosoph Moses Mendelssohn (1729-1786). Doch in

Brandenburg war Mendelssohns Einfluss weniger deutlich zu spüren als in Berlin. Für die einzelnen Gemeinden war es oft schwierig, für gute Allgemeinbildung zu sorgen, weil viele noch am orthodoxen Ritus festhielten und jüdische Schulen bevorzugten. Aber auf die Ausbildung Behinderter und Benachteiligter war man auch in der Provinz bedacht. 1873 gründete der Pädagoge Markus Reich (1844-1911) in Fürstenwalde/ Spree die Israelitische Taubstummenanstalt. Zwei wichtige jüdische Kinderheime entstanden in Beelitz und in Caputh.

Eine grundsätzlich neue Entwicklung innerhalb der jüdischen Bevölkerung und auch in den Beziehungen zwischen Juden und Christen zeichnete sich in Preußen seit der Mitte des 18.Jahrhunderts ab. Neben die zahlenmäßig kleine, aber einflussreiche wirtschaftliche Oberschicht der preußischen Juden, die wichtige und einträgliche Funktionen im Dienste des Monarchen und teilweise auch des Adels übernahm, trat

nun nach und nach eine schmale kulturelle Oberschicht aufgeklärter und gebildeter Juden, die die traditionelle Isolierung jüdischen Lebens durchbrach und aktiven Anteil

kulturellen und geistigen Leben der Zeit nahmen. Nach der Emanzipation verband sich ihre Eingliederung in die Gesellschaft mit einem schnellen Aufstieg, der zu wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Höchstleistungen führte.

Die zunehmende Integration und Assimilation der Juden in die deutsche Gesellschaft fand aber auch ein antisemitisches Echo. Ende des 19.Jahrhunderts organisierte der Domprediger Adolf Stöcker eine antisemitische Partei, die 1893 sechzehn Abgeordnete in den Reichstag schicken konnte. Überdies fanden antisemitische Anschauungen verstärkt Aufnahme in die Parteiprogramme neugegründeter konservativer Parteien und in antidemokratische Massenorganisationen wie den 1891 gegründeten Alldeutschen Verband oder den Bund der Landwirte (1893). Nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte in Potsdam der Ortsgruppenvorsitzende des stark antisemitisch orientierten "Alldeutschen Verbandes" einen Bericht über das Machwerk "Die Weisen von Zion" und heizte damit antijüdische Stimmungen in der Bevölkerung stark an. 1901 erklärte der preußische Innenminister Schönstedt, er leugne nicht die ausgezeichneten Eigenschaften der jüdischen Anwälte, ihre Ehrlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue, aber bei der Ernennung zum Notar könne er nicht das Misstrauen eines großen Teils der christlichen Bevölkerung Juden gegenüber unberücksichtigt lassen. Dabei machte der jüdische Bevölkerungsanteil nicht einmal ein Prozent aus.

Gleichwohl fühlten sich die meisten Brandenburger Juden der deutschen Kultur, dem öffentlichen und politischen Leben sowohl im Kaiserreich als auch in der Weimarer Republik eng verbunden. Nirgendwo in Deutschland konnte sich das assimilierte Judentum trotz aller Anfeindungen und Anfechtungen so günstig entfalten wie in Preußen. Über Jahrhunderte waren Juden aus Landwirtschaft und Handwerk herausgehalten worden, nun erwiesen sie sich für die neuen Aufgaben im Bank- und Immobiliengeschäft, in Industrie, Wissenschaften und den selbständigen Berufen geradezu prädisponiert. Viele Juden zog es in die Hauptstadt. War noch in vielen

Städten der Mark Brandenburg die Zahl der jüdischen Einwohner während der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts angestiegen, so ging sie dann gegen Ende des Jahrhunderts drastisch zurück. In kleineren Gemeinden verschlechterte sich die Situation im 20.Jahrhundert sogar noch weiter.


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