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Heines Dichtung nach der religiösen Wendung

Die Revision seiner religiösen Einstellung inspirierte Heine zu ausdrucksstarken Prosatexten und Gedichten, wie etwa zu den "Hebräischen Melodien". In der Matratzengruft, in den letzten schmerzhaften Jahren und Stunden seines Lebens kehrte Heine zum Judentum, zum biblischen persönlichen Gottesglauben seiner Kindheit zurück, nicht naiv fromm, sondern skeptisch durchsetzt. Einen Wiederanschluss an die Tradition des eigenen Volkes sucht er zum Beispiel mit Gedichten wie "Jehuda ben Halevy", bei dem er den zweiten Teil mit dem Psalm 137 beginnen lässt:

"Bei den Wassern Babels saßen

Wir und weinten, unsre Harfen

Lehnten an den Trauerweiden-

Kennst du noch das alte Lied?

Kennst du noch die alte Weise,

Die im Anfang so elegisch

Greint und sumset wie ein Kessel,

Welcher auf dem Herde kocht?

Lange schon, jahrtausendlange

Kochts in mir. Ein dunkles Wehe!

Und die Zeit leckt meine Wunde,

Wie der Hund die Schwären Hiobs."

Aber Übermut und Ironie haben Heine selbst jetzt nicht verlassen, nicht einmal im täglichen Leben. So ruft er einem Besucher zu, der mit ansieht, wie Heine vom Stuhl zum Bett getragen wird: "Sehen Sie, wie man mich in Paris auf Händen trägt!"

Heine hat viele Versionen der Abschwörung hinterlassen. Forscht man nach, welchen Gesinnungen er eigentlich abschwört, so trifft man mit verblüffender Regelmäßigkeit in diesen Äußerungen auf den Namen Hegels.

Heine erinnert sich: "Wir standen des Abends am Fenster und ich schwärmte über die Sterne, dem Aufenthalt der Seligen. Der Meister aber brümmelte vor sich hin: 'Die Sterne sind nur ein leuchtender Aussatz am Himmel!' - 'Um Gottes willen!' rief ich, 'es gibt also droben kein glückliches Lokal, um dort die Tugend nach dem Tode zu belohnen?' Er sah mich mit spöttisch an: 'Sie wollen also noch ein Trinkgeld dafür haben, dass Sie im Leben Ihre Schuldigkeit getan, dass Sie Ihre kranke Mutter gepflegt und Ihren Herrn Bruder nicht verhungern ließen und Ihren Feinden kein Gift gaben' "

(Briefe über Deutschland Bd.5 S.197)

"In manchen Momenten, besonders wenn die Krämpfe in der Wirbelsäule allzu qualvoll rumoren, durchzuckt mich der Zweifel, ob der Mensch wirklich ein zweibeinichter Gott ist, wie mir der selige Professor Hegel vor fünfundzwanzig Jahren in Berlin versichert hatte."

"Mit meinem Atheismus ist mir niemals Ernst gewesen. Meine frühen Freunde, die Hegelianer, haben sich als Lumpen erwiesen. Das Elend der Menschen ist zu groß. Man muss glauben."

"Wenn man auf dem Sterbebette liegt, wird man sehr empfindsam und weichselig, und möchte Frieden machen mit Gott und der Welt ..Ja, wie mit der Kreatur, habe ich auch mit dem Schöpfer Frieden gemacht, zum größten Ärger meiner aufgeklärten Freunde, die mir Vorwürfe machten über dieses Zurückfallen in den alten Aberglauben, wie sie meine Heimkehr zu Gott zu nennen beliebten.." - "Hegel ist bei mir sehr heruntergekommen, und der alte Moses steht in floribus", heißt es in einem Brief an Heinrich Laube im Januar 1850.

Und in den "Geständnissen" bekennt er: "Ich war jung und stolz, und es tat meinem Hochmut wohl, als ich von Hegel erfuhr, dass nicht, wie meine Großmutter meinte, der liebe Gott, der im Himmel residiert, sondern ich selber auf Erden der liebe Gott sei." Aber im Februar 1848 seien ihm Geld und Gesundheit abhanden gekommen und so "kam ich selber wieder zur Vernunft!" - "Ich kehrte zurück in die niedre Hütte der Gottesgeschöpfe, und ich huldigte wieder der Allmacht eines höchsten Wesens, das den Geschicken der Welt vorsteht und das auch hinfüro meine eigenen irdischen Angelegenheiten leiten sollte."

Weiter unten: "In diesem Zustand ist es eine wahre Wohltat für mich, dass es jemand im Himmel gibt, dem ich beständig die Litanei meiner Leiden vorwimmern kann, besonders nach Mitternacht, wenn Mathilde sich zur Ruhe begeben, die sie oft sehr nötig hat. Gottlob in solchen Stunden bin ich nicht allein, und ich kann beten und flennen soviel ich will und ohne mich zu genieren, und ich kann ganz mein Herz ausschütten vor dem Allerhöchsten und ihm manches vortragen, was wir sogar unsrer eigenen Frau zu verschweigen pflegen."

"Ja, ich bin zurückgekehrt zu Gott", versichert der Dichter, "wie der verlorene Sohn, nachdem ich lange Zeit bei den Hegelianern Schweine gehütet."

Zurückgekehrt ist der Dichter zu einem Gott, mit dem man sprechen, dem man sein Leid klagen, mit dem man hadern kann wie Hiob. Denn Heines Rückkehr zu Gott ist beileibe keine versöhnte Rückkehr. Vielmehr ringt er mit ihm wie einst Jakob mit dem Engel und verschafft sich Luft im Spott. Seinem Freund Heinrich Laube schreibt er: "Gottlob, dass ich jetzt wieder einen Gott habe, da kann ich mir doch im Übermaße des Schmerzes einige fluchende Gotteslästerungen erlauben; dem Atheisten ist solch eine Labung nicht vergönnt."

"Bei seinem Testament vom 13.November 1851", bemerkt Ralf Schnell in seinem Heineband, "sieht sich Heine noch einmal herausgefordert, die Frage nach seinem Glauben und seiner Gottesvorstellung aufzuwerfen: 'Seit vier Jahren habe ich allem philosophischen Stolz entsagt, und ich bin zu den religiösen Ideen und Gefühlen zurückgekehrt. Ich sterbe im Glauben an Einen Einzigen und Ewigen Gott, den Schöpfer der Welt, dessen Gnade ich für meine unsterbliche Seele erflehe. Ich bereue es, in meinen Werken manchmal von heiligen Dingen ohne den ihnen schuldigen Respekt gesprochen zu haben, aber ich wurde vielmehr durch den Geist meiner Epoche als von meinen eigenen Neigungen fortgerissen. Wenn ich ohne mein Wissen die guten Sitten und die Moral, die die wahre Substanz aller monotheistischen Glaubensanschauungen ist, verletzt habe, so bitte ich Gott und die Menschen dafür um Verzeihung.' "

Sein Credo lautet: "Gott war immer der Anfang und das Ende all meiner Gedanken." Doch sind seine religiösen Überzeugungen und Ansichten "frei geblieben von jeder Kirchlichkeit, kein Glockenschlag hat mich verlockt, keine Altarkerze hat mich geblendet."

Heines religiöse Haltung ist mithin nicht kirchlich oder institutionell gebunden, nicht saturiert christlich bekehrt wie es bei Rahel Varnhagen, Dorothea Schlegel oder Felix Mendelssohn der Fall war, seine Haltung ist am ehesten jüdisch auf Grund seines ausgeprägten historischen Bewusstseins. Er hat sich seine Freiheit bewahrt. Er ist in erster Linie Dichter.

"Ich habe den Weg zum lieben Gott weder durch die Kirche, noch durch die Synagoge genommen. Es hat mich kein Priester, es hat mich kein Rabbiner ihm vorgestellt. Ich habe mich selbst bei ihm eingeführt, und er hat mich gut aufgenommen."

Die Frage, ob der Mensch weiterlebt oder ob seine Spur "in Äonen untergeht" hat ihn ebenfalls beschäftigt. Sein Nachwort zu "Romanzero" beschließt er mit folgenden Worten: "Wie sträubt sich unsere Seele gegen den Gedanken des Aufhörens unserer Persönlichkeit, der ewigen Vernichtung! Der horror vacui, den man der Natur zuschreibt, ist vielmehr dem menschlichen Gemüte angeboren. Sei getrost, teurer Leser, es gibt eine Fortdauer nach dem Tode, und in der anderen Welt werden wir auch unsere Seehunde wiederfinden.- Und nun, lebe wohl, und wenn ich Dir etwas schuldig bin, so schicke mir Deine Rechnung. Geschrieben zu Paris, den 30.September 1851."

"Ob wir einst auferstehen! Sonderbar! meine Tagesgedanken verneinen diese Frage, und aus reinem Widerspruchsgeiste wird sie von meinen Nachtträumen bejaht."

Heine fragt weiter:

"Nur wissen möcht ich: wenn wir sterben

Wohin dann unsere Seele geht?

Wo ist das Feuer, das erloschen?

Wo ist der Wind, der schon verweht?"

Damit wird das Flüchtige und Ungreifbare des Lebens selbst und unserer Leistungen und Wirkungsspuren beschrieben, das beinahe mit dem Nichts beantwortet werden muss, aber dennoch eine vage Möglichkeit des Fortbestehens behält.

"Wo wird einst des Wandermüden

Letzte Ruhestätte seyn?

Unter Palmen in dem Süden?

Unter Linden an dem Rhein?

Werd ich wo in einer Wüste

Eingescharrt von fremder Hand?

Oder ruh ich an der Küste

Eines Meeres in dem Sand?

Immerhin wird mich umgeben

Gotteshimmel, dort wie hier,

Und als Todtenlampen schweben

nachts die Sterne über mir." (Bd.4 S.483)

Der Dichter begehrt von den Wogen des Meeres zu erfahren:

"O lös't mir das Rätsel des Lebens

Das qualvoll uralte Rätsel--Sagt mir, was bedeutet der Mensch?

Woher ist er kommen?

Wo geht er hin?

Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?

--

Es murmeln die Wogen ihr ew'ges Gemurmel,

Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken,

Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,

Und ein Narr wartet auf Antwort."

Aus "Ruhelechzend" die letzte Strophe:

"Oh Grab, du bist das Paradies

Für pöbelscheue zarte Ohren-

Der Tod ist gut, doch besser wär's

Die Mutter hätt' uns nie geboren."

"Am Ende", meint Heine im 5.Börnebuch, "kommt es auf eins heraus, wie wir die große Reise gemacht haben, ob zu Fuß oder zu Pferd oder zu Schiff.. Wir gelangen am Ende alle in dieselbe Herberge in dieselbe schlechte Schenke, wo man die Tür mit einer Schaufel aufmacht, wo die Stube so eng, so kalt, so dunkel, wo man aber gut schläft, fast gar zu gut.."

In Heines Spätwerk, in dem er sich an den letzten und ernstesten Gegenständen abarbeitet, am Leiden, am Tod, an der Frage nach dem Weiterleben nach dem Tod, gibt es Texte, die beim Leser ein Schwindelgefühl erzeugen, weil der Autor jeden Standpunkt, den er einnimmt, umgehend wieder verlässt, weil man nicht weiß, was man ihm glauben soll, so wie er nicht weiß, was er glauben soll.

Im Nachwort zur Gedichtsammlung "Romanzero" (1851) spricht er von der "Allgüte" und "Allgerechtigkeit" Gottes, um dann im ironischen Absturz hinzuzufügen, wer an Gott glaubt, dem werde die "Unsterblichkeit" wie ein Markknochen mitgegeben, den ein Fleischer seinen Kunden "unentgeltlich" zu ihrem Kauf in den Einkaufskorb lege. Durch den Bruch der Stilebene wird die gesamte Teleologie wieder in Frage gestellt. Derartige Perspektivwechsel kommen bei Heine häufig vor.

Heine malt sich den Aufstieg in den Himmel aus:

"Vielleicht auch amüsiert man sich

Im Himmel besser als du meinst.

Siehst du den großen Bären einst

(Nicht Meyer-Bär) im Sternensaal,

Grüß ihn von mir viel tausendmal!"

Heines literarischen Texte zeigen, dass er fähig war, im Kontext seines existentiellen Unglücks ein Gespräch mit Gott in den verschiedensten Rollen und Tonarten zu führen und zwar unter den Bedingungen neuzeitlicher Religionskritik, indem er, wenn er mit dem Gott der Hebräischen Bibel redet, alles in ein Zwielicht der Ironie taucht. So denkt er darüber nach, Jahr für Jahr, warum Gott Menschen leiden lässt, und schließt dabei nicht aus, dass es dem Herrn von Himmel und Erde auch "Spaß" machen könnte, Menschen leiden zu sehen. In "Geständnisse" schreibt er: "..ich darf sogar den Spaß Gottes vor ihr Forum (das der ewigen Vernunft Anm.) ziehen, und einer ehrfurchtsvollen Kritik unterwerfen."

Der Dichter, der jetzt ernst nimmt, was er früher verspottet hat, wandelt sich, schreibt Karl-Josef Kuschel in seinem Buch "Gottes grausamer Spaß. Heinrich Heines Leben mit der Katastrophe", vom "großen Heiden zum "todkranken Juden".

"Ich bin nicht mehr der große Heide", bekennt er in einem Zeitungsartikel, der am 25.April 1849 in der Augsburger "Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht wurde, "..ich bin kein lebensfreudiger, etwas wohlbeleibter Hellene mehr, der auf trübsinnige Nazarener weiter herablächelte ich bin jetzt nur ein armer todkranker Jude, ein abgezehrtes Bild des Jammers, ein unglücklicher Mensch!"

"Ich bin zu der Gewissheit gekommen", soll Heine dem Paris-Besucher Ferdinand Meyer im September 1849 gesagt haben, "dass es einen Gott gibt, der ein Richter unserer Taten ist, dass unsere Seele unsterblich und dass es ein Jenseits gibt, wo das Gute belohnt, das Böse bestraft wird."

An diesem und an anderen Texten werde deutlich, so Kuschel, dass eine Auseinandersetzung mit Gott denkbar ist, bei der selbst der Todkranke und der in seiner Kreatürlichkeit erbärmliche Mensch nichts von seiner Würde und seinem Witz verliert. Heine verbleibt in der Ironie eines Nicht-Begreifens, das in Schmerz, Elend, Ekel und Verzweiflung hadernd auf Gerechtigkeit dringt.

Wie dieser "todkranke Jude", der Lazarus und Hiob zugleich sei, mit Gott redet, ist meilenweit von "theologischer Beschwichtigung" entfernt. Denn Heine beugt sich nicht. Er spielt auch nicht nur mit Gott, und wenn er während seiner Krankheit mit diesem ironisch, spöttisch, geistreich umgeht, so habe dies nichts, meint Kuschel, mit Frivolität zu tun, sondern mit der Freiheit des Menschen, die in der biblischen Hiob-Freiheit begründet ist.

So wie der Tod auf nichts eine Antwort ist, so ist auch Gott nie einfach die Antwort auf all unsere Lebenskrisen und Existenzfragen, schon gar nicht auf die Grundfrage nach dem Sinn des Leidens Unschuldiger. Wer an Gott glaubt, erfährt die Widersprüche, die Risse, Brüche und Abgründe in seiner Schöpfung um so schmerzlicher, weil sein Glaube den Schöpfer voraussetzt.

Die Abgründigkeit Gottes, auch sein Fern- und Fremdbleiben, die göttlichen Dunkelheiten gehen beim späten Heine nicht verloren.

Heines letzter Lebenskampf erzählt, laut Kuschel, das Drama eines Intellektuellen in der Moderne, der sich von Gott schon verabschiedet hat und dann doch eine Form der Koexistenz sucht, die nicht unter seinem intellektuellen Niveau ist, der den Abschied von Gott einst für einen Freiheitsgewinn hielt, jetzt aber aufgrund neuer Erfahrungen die Verluste bemerkt, die die Selbstunterbrechung religiöser Sinnressourcen mit sich bringt. Was ihn, den Theologen Kuschel selbst seit langem antreibt, das seien Entwürfe einer glaubwürdigen Rede von Gott im Angesicht persönlicher oder geschichtlicher Katastrophen. Die Frage: "Wie aber lebt man als aufgeklärter Mensch mit Gott in der Katastrophe? Wie lebt man mit Gott im Wissen darum, dass man früher diesem Gott bereits die Sterbeglöckchen geläutet und den Himmel eigentlich "den Engeln und Spatzen" hatte überlassen wollen?

Lange Zeit habe er, so Kuschel, Heine in erster Linie als Kritiker der Religion gesehen, dann aber sei er auf Texte gestoßen, die ein "Mehr an Sprach- und Denkmöglichkeiten in der kritischen Auseinandersetzung mit Gott" versprachen, und er habe geahnt, dass Heines Ringen mit Gott auch für unsere Zeit von größter Bedeutung sei. Von seiner Lebens- und Sterbegeschichte erzählen, hieße zugleich von der Tragödie eines Intellektuellen erzählen, der zu Gott zurückkehren will und gleichzeitig weiß, dass dies nicht sein kann und sein darf, da das Maß an religionskritischer Aufgeklärtheit offenbar jegliche Konzession am Gottesglauben verbietet. Jahrzehntelang habe man sich auf diese Weise die Religion ironisch auf Distanz gehalten. Heute zwängen Zäsurerfahrungen im persönlichen oder politischen Leben nicht selten zu neuen Entscheidungen und möglicherweise zu einer Neubewertung des "Faktors" Religion. Wie aber soll und kann man von Gott neu reden, ohne die berechtigten Einsichten der Religionskritik zu verwerfen? Heine hat einen Weg gefunden, der beides zugleich möglich macht: Demut und Rebellion, Hinnahme des Unabänderlichen und Widerstand dagegen, Ergebung und Anklage. Er habe eine "Rückkehr" zu Gott im Akt des Protestes vollzogen. Seiner Auseinandersetzung mit dem Schöpfer komme mithin exemplarische Bedeutung zu.

"Mein Leib ist jetzt ein Leichnam, worin

Der Geist ist eingekerkert-

Manchmal wird ihm unwirsch zu Sinn,

Er tobt und rast und berserkert.

Ohnmächtige Flüche! Dein schlimmster Fluch

Wird keine Fliege töten.

Ertrage die Schickung und versuch,

Gelinde zu flennen, zu beten."

Das Gedicht zeigt Heines Wendung, er hat seinen Teil an conditio humana, die Krankheit angenommen.

Aufschlussreich ist auch folgende Passage aus dem Nachwort zu "Romanzero": "..was mich betrifft, so kann ich mich in der Politik keines sonderlichen Fortschritts rühmen; ich verharrte bei denselben demokratischen Prinzipien, denen meine früheste Jugend huldigte und für die ich seitdem immer flammender erglühte. In der Theologie hingegen muss ich mich des Rückschritts beschuldigen, indem ich, was ich bereits oben gestanden, zu dem alten Aberglauben, zu einem persönlichen Gotte zurückkehrte. Das lässt sich nun einmal nicht vertuschen, wie es so mancher aufgeklärte und wohlmeinende Freund versuchte. Ausdrücklich widersprechen muss ich jedoch dem Gerüchte, als hätten mich meine Rückschritte bis zur Schwelle irgendeiner Kirche oder gar in ihren Schoß geführt. Nein, meine religiösen Überzeugungen und Ansichten sind frei geblieben von jeder Kirchlichkeit; kein Glockenschlag hat mich verlockt, keine Altarkerze hat mich geblendet. Ich habe mit keiner Symbolik gespielt und meiner Vernunft nicht ganz entsagt."

Jedoch empfanden Heines Zeitgenossen dessen biblische Theologie vielfach als blasphemisch. Die politischen Linken indes, insbesondere Börne und Marx, sahen in Heine alsbald einen Verräter und Abtrünnigen, obwohl dieser von seinen politischen und mythopoetischen Überzeugungen bis zu seinem Lebensende nichts abgeschworen und nichts preisgegeben hatte, selbst dann nicht, als kurz nach der Veröffentlichung von "Wintermärchen" seine politisches Erwartungen gedämpft wurden, als seine Gesundheit ruiniert und sein Glaube an das Glück auf Erden, auf die eigenen Göttlichkeit erschüttert war und Heine nach Ausbruch seiner Krankheit im Jahr 1848 die Probleme der Verwirklichung seiner politischen Träume nüchterner und realistischer als zuvor eingeschätzt hat.

Die grandiosen Erwartungen an eine künftige Versöhnbarkeit von Gerechtigkeit und Schönheit bleiben freilich ebenso erhalten wie sein Glaube an eine geschichtliche Einlösbarkeit der Menschheitsutopien.

Und im März 1854 fragt sich der Kranke:

"Aber warum muss der Gerechte soviel leiden auf Erden? Warum muss Talent und Ehrlichkeit zugrunde gehen, während der schwadronierende Hanswurst, der gewiss seine Augen niemals durch arabische Manuskripte trüben mochte, sich räkelt auf den Pfühlen des Glücks und fast stinkt vor Wohlbehagen? Das Buch Hiob löst nicht diese böse Frage. Im Gegenteil, dieses Buch ist das Hohelied der Skepsis, und es zischen und pfeifen darin die entsetzlichen Schlangen ihr ewiges: Warum?"

So grübelt Heine, den der Schmerz zu Gott hinquält und der sich bis ans Ende vor die Notwendigkeit gestellt sieht, Gott mit den Rätseln seiner Schöpfung zu konfrontieren.

"O Gott, verkürze meine Qual,

Damit man mich bald begrabe;

Du weißt ja, dass ich kein Talent

Zum Martyrium habe.

Ob deiner Inkonsequenz, o Herr,

Erlaube, dass ich staune:

Du schufest den fröhlichsten Dichter und raubst

Ihm jetzt seine gute Laune.

Der Schmerz verdumpft den heitern Sinn

und macht mich melancholisch;

Nimmt nicht der traurige Spaß ein End,

So werd ich am Ende katholisch.

Ich heule dir die Ohren voll

Wie andre gute Christen-

O Misere! Verloren geht

Der beste der Humoristen."

Mit seinem Gedicht "Zum Lazarus" sprach und spricht Heine noch heute vielen aus dem Herzen:

"Lass die heiligen Parabolen,

lass die frommen Hypothesen -

Suche die verdammten Fragen

Ohne Umschweif uns zu lösen,

Warum schleppt sich blutend, elend,

Unter Kreuzlast der Gerechte,

Während glücklich als ein Sieger

Trabt auf hohem Ross der Schlechte?

Woran liegt die Schuld? Ist etwa

Unser Herr nicht ganz allmächtig?

Oder treibt er selbst den Unfug?

Ach, das wäre niederträchtig.

Also fragen wir beständig,

Bis man uns mit einer Handvoll

Erde endlich stopft die Mäuler -

Aber ist das eine Antwort?"

Hier führt derselbe Autor, der einige Jahre zuvor das Jubellied des Atheismus und der Diesseits-Utopik angestimmt hat mit "Ein neues Lied, ein besseres Lied/O, Freunde will ich euch dichten/Wir wollen hier auf Erden schon/Das Himmelreich errichten" -

einen verzweifelten Dialog mit dem alten Gott. Das eine Gedicht bezeugt die mögliche Göttlichkeit des Menschen, das andere beklagt die vermeintliche Unmenschlichkeit und Ungerechtigkeit Gottes.

" Ach der Spott Gottes lastet schwer auf mir. Der große Autor des Weltalls, der Aristophanes des Himmels, wollte dem kleinen irdischen sogenannten deutschen Aristophanes recht grell dartun, wie die witzigsten Sarkasmen desselben nur armselige Spöttereien gewesen im Vergleich mit den seinigen, und wie kläglich ich ihm nachstehen muss im Humor, in der kolossalen Spaßmacherei."

"Ja, die Lauge der Verhöhnung, die der Meister über mich herabgeußt, ist entsetzlich und schauerlich grausam ist sein Spaß. Demütig bekenne ich seine Überlegenheit und ich beuge mich vor ihm im Staube. Aber wenn es mir auch an solcher höchsten Schöpferkraft fehlt, so blitzt doch in meinem Geiste die ewige Vernunft, und ich darf sogar den Spott des Gottes vor ihr Forum ziehen und einer ehrfurchtsvollen Kritik unterwerfen. Und da wage ich nun die untertänigste Andeutung auszusprechen, es wolle mich bedünken, als zöge sich jener grausame Spaß, womit der Meister den armen Schüler heimsucht, etwas zu sehr in die Länge; er dauert schon über sechs Jahre, was nachgerade langweilig wird. Denn möchte ich ebenfalls mir die unmaßgebliche Bemerkung erlauben, dass jener Spaß nicht neu ist und dass ihn der große Aristophanes des Himmels schon bei einer anderen Gelegenheit angebracht, und also ein Plagiat hoch an sich selbst begangen habe."

Nicht alle Heine-Biografen haben diese letzte Phase seines Lebens als Rückkehr zu einem persönlichen Gott gedeutet. Bei Marcel Reich-Ranicki, einem exzellenten Heine-Kenner, findet man hierüber nur wenig. Um so intensiver setzt sich der Literaturpapst mit Heines Beziehungen zum Judentum und zur Erotik und den Frauen auseinander. Walter Grab wiederum glaubt, dass es Heine mit der "'Rückkehr zum Gottesglauben' in seinen letzten Lebensjahren nicht so ernst war, wie es manche Forscher behaupten." Günter Grass hat sich dagegen 1972 in einem Interview zur späten Religiosität Heines distanziert, aber respektvoll geäußert: "Ja, da beginnt (in der Matratzengruft) bei Heine ein Resignationsprozess, der dann mit der Konversion endet. Ich glaube, wir haben kein Recht, darüber unseren Stab zu brechen. Der Mann ist sehr einsam gewesen, hat viel Veränderung angestrebt und nur wenig erlebt. Welchen Schluss er daraus gezogen hat, das hat sich in den letzten Gedichten niedergeschlagen, und das muss man so respektieren."

Beate Wirth-Ortmann erlebte bei einem Heine-Kongress in den neunziger Jahren sogar, dass die religiöse Struktur in den Werken Heines, wenn sie überhaupt Erwähnung fand, allenfalls als Satire oder Parodie betrachtet wurde. Nicht selten wird in der Sekundärliteratur, konstatiert Wirth-Ortmann, Heines Religiosität gänzlich geleugnet.

Der Dichter. dem es wie kaum einem anderen gegeben war, zu sagen, wie er leidet, hat den eigenen Krankheits- und Sterbeprozess über Jahre nicht nur beschrieben und poetisch gestaltet, sondern auch zum Gegenstand der Auseinandersetzung mit sich, mit der Gesellschaft und Gott gemacht, so dass über die literarische Formgebung Themen wie Krankheit, Sterben und Tod ffentlichkeitscharakter bekommen.

Die Erfahrung der Krankheit hat Heine ausgekostet, auch der Schwäche und des Alters, und in aller Helligkeit bedacht - im Unterschied zu Nietzsche, der in geistiger Umnachtung versank, so dass er vor ähnlicher Erkenntnis bewahrt blieb, sowie im Unterschied zu Goethe, der hochbetagt verschied und im Unterschied zu Büchner, der unfasslich jung mit 24 Jahren ohne längere Krankheits- und Verfallsgeschichte starb. Andere erleiden Ende ihres Lebens einen qualvollen Prozess und sind unfähig, literarisch zu arbeiten. Bei Heine hat die Krankheit zwar seinen Körper, nicht aber seine literarische Imagination gelähmt. Er hat seine Rolle als Kranker und Sterbender, ähnlich wie Papst Paul Johannes II., bewusst angenommen und öffentlich gemacht. Gerade die letzten Gedichten Heines - manche klingen wie eine Klage aus dem Grabe, in anderen Versen setzt er sich lebendig mit seiner Situation auseinander - reflektieren seine Situation und machen sich zuweilen auch über diese lustig.


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