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Heines letzten Tage

Sein letzter Lebenskampf erzählt das Drama eines Intellektuellen in der Moderne, der sich von Gott schon verabschiedet hat und dann doch eine Form der Koexistenz sucht, die nicht unter seinem intellektuellen Niveau ist, der den Abschied von Gott einst für einen Freiheitsgewinn hielt, jetzt aber aufgrund neuer Erfahrungen die Verluste bemerkt, die die Selbstunterbrechung religiöser Sinnressourcen mit sich bringt.

"Gott wird mir die Torheiten verzeihen, die ich über ihn vorgebracht, wie ich meinen Gegnern die Torheiten verzeihe, die sie gegen mich geschrieben, obgleich sie geistig so tief unter mir standen, wie ich unter dir stehe, o mein Gott", hofft Heinrich Heine und äußert sich vierzehn Tage vor seinem Tod:

"Bin sehr elend. Hustete schrecklich 24 Stunden lang; daher heute Kopfschmerz, wahrscheinlich auch morgen.. Welche unbehaglichen Missstände! Ich werde fast wahnsinnig vor Aerger, Schmerz und Ungeduld. Ich werde den lieben Gott, der so grausam an mir handelt, bey der Thierquälergesellschaft verklagen."

Als Heinrich Heine im Sterben lag, kniete seine Geliebte an seinem Bett und betete zu Gott, dass er ihm alle Sünden verzeihen möge. Daraufhin sagte Heine mit schwacher Stimme: "Meine Liebe, sorge dich nicht - er wird mir schon verzeihen, denn Sünden vergeben gehört zu seinem Beruf." (Dieu me pardonnera. C'est son metier.")

Gestorben ist Heinrich Heine am 17.Februar 1856 an "tuberkulöser Meningitis" - so lautet der aktuelle Befund. Begraben wurde er auf dem Pariser Friedhof Montmartre. Kein Rabbi, kein Pastor, kein Priester durfte ihn begleiten. Heine hat es so gewollt.

Kurz zuvor hatte er noch gedichtet:

"Keine Messe wird man singen,

Keinen Kadosch wird man sagen,

Nichts gesagt und nichts gesungen

Wird an meinen Sterbetagen.

Doch vielleicht an solchem Tage,

Wenn das Wetter schön und milde,

Geht spazieren auf Montmartre

Mit Paulinen Frau Mathilde.

Mit dem Kranz von Immortellen

Kommt sie mir das Grab zu schmücken.

Und sie seufzet: Pauvre homme!

Feuchte Wehmut in den Blicken.

Leider wohn ich viel zu hoch,

Und ich habe meiner Süßen

Keinen Stuhl hier anzubieten;

Ach! sie schwankt mit müden Füßen.

Süßes. dickes Kind, du darfst

Nicht zu Fuß nach Hause gehen!

An dem Barrieregitter

Siehst du den Fiaker stehen."

Jahre später schrieb Gustav Flaubert an Léonie Brainne am 25.April 1879.

"Ich denke mit Bitterkeit daran, dass bei Heinrich Heines Begräbnis neun Personen anwesend waren! O Publikum! O Bürger! O Lumpenpack! - Ihr Elenden!"

Bimini

enthält letzte Gedichte und Gedanken und wurde aus Heines Nachlass 1869 herausgegeben,

Hier eine gekürzte Fassung:

"Männer wie Columbus, Cortez

Und Pissaro und Bilbao,

Habt Ihr in der Schul auswendig

Schon gelernt; ihr kennt sie gut.

Wenig oder gar nicht kennt ihr

Ihren Zeit- und Zunftgenossen,

Jenen Wasserabenteurer,

Namens Juan Ponce de Leon."

Das Gedicht endet mit folgenden Zeilen:

"Muse, kleine Zauberin,

Mach mein Lied zu einem Schiffe,

Und mit aufgespannten Segeln

Fahren wir nach Bimini!

Wer will mit nach Bimini?

Steiget ein, ihr Herren und Damen!

Wind und Wetter dienend, bringt

Euch mein Schiff nach Bimini.

Kleiner Vogel Kolibri!

Führe uns nach Bimini!

Fliege du voran, wir folgen,

In bewimpelten Pirogen.

Kleines Fischlein, Bridisi!

Führe uns nach Bimini;

Schwimme du voran, wir folgen

Rudernd mit bekränzten Stengen.

Auf der Insel Bimini.

Blüht die ewge Frühlingswonne,

Und die goldenen Lerchen jauchzen

Im Azur ihr Tirili."

Wo aber liegt Bimini? Bimini ist eine vor vierhundert Jahren entdeckte Insel unweit der Küste Floridas, um die sich zahlreiche Legenden ranken. Für Heine war sie ein Ort der Sehnsucht, Synonym für das Paradies auf Erden.

"Nach dem ewigen Jugendlande,

Nach dem Eiland Bimini

Geht mein Sehnen und Verlangen.

Alte Katze Mimili

Alter Haushan Kikeriki,

Lebet wohl,

wir kehren nie,

Nie zurück von Bimini."

Der Kinderton, schreibt Dolf Sternburger, ist herzerquickend, herzzereißend. Der alte Ritter Ponce de Leon, der die Fahrt prächtig antritt, findet am Ende das Land, aber nur der Berichterstatter weiß, wie es in Wahrheit aussieht.

"In das stille Land, wo schaurig

unter schattigen Zypressen

Fließt ein Flüßlein, dessen Wasser

Gleichfalls wundertätig heilsam -

Lethe heißt das gute Wasser!

Trink daraus und du vergisst

All dein Leiden ja, vergessen

Wirst du, was du je gelitten -

Gutes Wasser! gutes Land!

Wer dort anlangt, verlässt es

Nimmermehr denn dieses Land

Ist das wahre Bimini."

Dieses Land, von dem keiner mehr zurückkehrt, ist das Land des Todes.

(Sternberger S.317/318 und Bd.6/1, S.244-266, Bd.6/2 S.76).


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