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Heines Zukunftsträume

"Die bisherige spiritualistische Religion war heilsam und nothwendig, solange der größte Teil der Menschen im Elend lebte und sich mit der himmlischen Seligkeit vertrösten musste. Seit aber, durch die Fortschritte der Industrie und der konomie, es möglich geworden ist, die Menschen aus ihrem materiellen Elend herauszuziehen und auf Erden zu beseligen, seitdem Sie verstehen mich. Und die Leute werden uns schon verstehen, wenn wir ihnen sagen, dass sie in der Folge alle Tage Rindfleisch statt Kartoffeln essen sollen, und weniger arbeiten und mehr tanzen werden. - Verlassen Sie sich darauf, die Menschen sind keine Esel. -" (An Heinrich Laube am 10.7.1833.)

Mittlerweile, so hofft der Dichter zuversichtlich, sei "die Menschheit ( ) aller Hostien überdrüssig, und lechzt nach nahrhafterer Speise, nach echtem Brot und schönem Fleisch." Heine fordert - von BSE noch gänzlich unberührt - (Ulrich Engel) "Rindfleisch statt Kartoffeln", mehr Tanz und weniger Arbeit.

"O lass nicht ohne Lebensgenuss

Dein Leben verfließen"

, mahnt er.

"Fliegt dir das Glück vorbei einmal,

So fass es am Zipfel."

Nicht wenige Heine-Biografen haben ihm die Abschaffung der Sünde zugeschrieben.

Heine ging es um Erkenntnis, Freiheit und Glück, einschließlich der Sinnenfreude in all ihren Variationen. Nachdrücklich plädiert Heinrich Heine für eine Religion der Freude. "Einst, wenn die Menschheit ihre völlige Gesundheit wiedererlangt, wenn der Friede zwischen Leib und Seele hergestellt und sie wieder in ursprünglicher Harmonie sich durchdringen, dann wird man den künstlichen Hader, den das Christentum zwischen beiden gestiftet, kaum begreifen können."

Auf dem Weg nach Genua stellt der Reisende auf dem Schlachtfeld von Marengo folgende Überlegungen an, "emporblühen wird ein neues Geschlecht, das erzeugt worden in freier Wahlumarmung, nicht im Zwangsbette und unter der Kontrolle geistlicher Zöllner, mit der freien Geburt werden auch in den Menschen freie Gedanken und Gefühle zur Welt kommen, wovon wir geborenen Knechte keine Ahnung haben."

Noch 1844 dichtet er:

"Wir wollen hier auf Erden schon

Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,

Und wollen nicht mehr darben;

Verschlemmen soll nicht der faule Bauch

Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug

Für alle Menschenkinder,

Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,

Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,

Sobald die Schoten platzen!

Den Himmel überlassen wir

Den Engeln und den Spatzen."

Joseph A.Kruse bemerkt dazu:"Die Berufung auf das Hier und Jetzt im neuen Lied, die Vernachlässigung des Himmels als Ort falscher irdischer Versprechungen ist religionskritisch, aber keineswegs irreligiös. Heine geht es immer wieder um den ursprünglichen Sinn froher Botschaften. Das Leben darf nicht pervertiert werden zugunsten eines postulierten besseren Nachher. Das wäre Ausbeutung aufgrund Vorspiegelung ungesicherter Tatsachen, damit auch eine Verderbnis des Glaubens."

Und in einem anderen Gedicht hofft Heine:

"Das alte Geschlecht der Heuchelei

Verschwindet Gott sei Dank heut,

Es sinkt allmählich ins Grab, es stirbt

An seiner Lügenkrankheit.

Es wächst heran ein neues Geschlecht

Ganz ohne Schminke und Sünden,

Mit freien Gedanken, mit freier Lust-

Dem werde ich alles verkünden."

Für das Zeitalter des Vaters steht für Heine das Alte Testament und das Zeitalter des Sohnes für das bisherige Christentum, Nun aber sieht er das Zeitalter des Heiligen Geistes kommen. Er deutet darauf in der um 1825 entstandenen Harzreise hin.

"Jetzo, da ich ausgewachsen,

Viel gelesen, viel gereist,

Schwillt mein Herz, und ganz von Herzen

Glaub ich an den Heil'gen Geist.

Dieser tat die größten Wunder,

Und viel größre tut er noch;

Er zerbrach die Zwingherrnburgen,

Und zerbrach des Knechtes Joch.

Alte Todeswunden heilt er,

Und erneut das alte Recht:

Alle Menschen, gleichgeboren,

Sind ein adliges Geschlecht."

Das Zeitalter des Heiligen Geistes, in dem Freiheit und Gleichheit für alle kommen wird, wird ein demokratisches Zeitalter sein, in dem auch die Religiosität und das Gottesbild demokratischen Ansprüchen genügen. Doch ist die Individualität die Voraussetzung für das demokratische Religions- und Kulturverständnis Heines.

Wie Heine sich die Zukunft vorstellt, geht auch aus dem Vorwort zu "Deutschland. Ein Wintermärchen" hervor.

"..wenn wir den Gott, der auf Erden im Menschen wohnt, aus seiner Erniedrigung retten, wenn wir die Erlöser Gottes werden, wenn wir das arme glückenterbte Volk und den verhöhnten Genius und die geschändete Schönheit wieder in ihre Würde einsetzen", dann werde uns die ganze Welt zufallen.

Kein Wunder. dass Heine den niederländischen Maler Jan Steen in "Schnabelwopski" preist: "..keine Nachtigall wird je so heiter und jubelnd singen, wie Jan Steen gemalt hat. Keiner hat so tief wie er begriffen, das auf dieser Erde ewig Kirmes sein sollte; er begriff, dass unser Leben nur ein farbiger Kuss Gottes sei, und er wusste, dass der Heilige Geist sich am herrlichsten offenbart im Licht und Lachen."

Heine sprach nicht nur in Prosa, sondern auch in Versen von der neuen Kirche, die erst noch errichtet werde:

"Auf diesem Felsen bauen wir

Die Kirche von dem dritten

Dem dritten neuen Testament

Das Leiden ist ausgelitten.

Vernichtet sei das Zweierlei,

Das uns so lang betöret;

Die dumme Leiberquälerei

Hat endlich aufgehöret.

Hörest du den Gott im finstern Meer?

Mit tausend Stimmen spricht er.

Und siehst du über unserm Haupt

Die tausend Gotteslichter?

Der heilge Gott der ist im Licht

Wie in den Finsternissen;

Und Gott ist alles was da ist;

Er ist in unsern Küssen."

(Seraphine)

In seinen "Englischen Fragmenten", geschrieben 1828, verheißt er: "Die Freiheit ist eine neue Religion; die Religion unserer Zeit. Wenn Christus auch nicht der Gott dieser Religion ist, so ist er doch ein hoher Priester derselben, und sein Name strahlt beseligend in die Herzen der Jünger. Die Franzosen aber sind das auserlesene Volk der neuen Religion, in ihrer Sprache sind die ersten Evangelien und Dogmen verzeichnet. Paris ist das neue Jerusalem, und der Rhein ist der Jordan, der das geweihte Land der Freiheit trennt von dem Land der Philister."

Als Heine 1831 nach Paris geht, tut er das, um, wie er an Varnhagen van Ense schreibt, "ganz den heiligen Gefühlen meiner neuen Religion mich hinzugeben und vielleicht als Priester derselben die letzten Weihen zu empfangen" und zwar im Sinne der "Doktrin" Saint-Simons, durch die die Ausbeutung der Massen mit technokratischen Mitteln überwunden werden sollte. Einer seiner Freunde meint sogar, er sei "der erste Kirchenvater der Deutschen." Tatsächlich wähnte Heine damals, wenn auch nur für kurze Zeit, sein Absolutes gefunden zu haben.

Der innerweltliche Zirkel seines Messianismus und seiner revolutionären Ansätze fanden, wie oben dargestellt, in dem Lied des "Wintermärchens" von 1844 ihren beredten Ausdruck.

Aber bald erkennt er, dass Gott nicht imstande ist, "das Weltübel zu heilen".

"Wieviel hat Gott schon getan, um das Weltübel zu heilen! Zu Mosis Zeit tat er Wunder über Wunder, später in der Gestalt Christi ließ er sich sogar geißeln und kreuzigen, endlich in der Gestalt Enfantins tat er das Ungeheuerste, um die Welt zu retten; er machte sich lächerlich aber vergebens. Am Ende erfasst ihn vielleicht der Wahnsinn der Verzweiflung, und er zerschellt sein Haupt an der Welt, und er und die Welt zertrümmern." (Bd.VI/1, S.621).


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