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Heine als Religionskritiker

Heftig attackierte Heine die unheilige Allianz von Thron und Altar, "jene Missgeburt, die man Staatsreligion nennt" und beklagte, dass wir "während wir über den Himmel streiten .. auf Erden zu Grunde" gehen. Doch offensichtlich sei der Himmel für Menschen erfunden, denen die Erde nichts mehr bietet, merkt der Schriftsteller an und fügt sarkastisch hinzu: "Heil dieser Erfindung, Heil einer Religion, die dem leidenden Menschengeschlecht in den bitteren Kelch einige süße, einschläfernde Tropfen geistiges Opium goss, einige Tropfen Liebe, Hoffnung und Glauben."

Heine sprach von drei großen Fragen, die es zu lösen gilt: Die "große Gottesfrage", die "große Suppenfrage" und die "große Kamel-Frage".

Suppenfrage ist die Frage nach dem materiellen Überleben, während die Kamelfrage die Verwirklichung oder Nichtverwirklichung von sozialer Gerechtigkeit meint. Die Erläuterung der "Suppenfrage" zeigt, dass Heine, der eine Zeitlang der religiösen Sozialutopie des Saint Simonismus anhing, hinter jeder politischen Veränderung ursächliche materielle Auslöser sah. An die Verheißung weltumspannender Brüderlichkeit nach einer gelösten "Suppenfrage" hat er allerdings nicht so recht glauben wollen.

Heine kritisierte ferner alles, was nach veräußerlichter Religiosität roch und lehnte einen Glauben, der nur merkantilen Zwecken dient, entschieden ab. In seinem Gedicht "Das Sklavenschiff" lässt er den Sklavenhändler Mynheer van Koeck beten:

"Um Christi willen verschone o Herr,

Das Leben der schwarzen Sünder!

Erzürnten sie dich, so weißt du ja,

Sie sind so dumm wie die Rinder.

Verschone ihr Leben um Christi willn,

Der für uns alle gestorben!

Denn bleiben mir nicht dreihundert Stück

So ist mein Geschäft verdorben."

Eine Religion, die sich in so durchsichtiger Weise plumpen Geschäftsinteressen beugt, entspricht weder Heines Auffassung von Religion noch dem Evangelium Jesu Christi. Gegen ein ökonomisch-verbrämtes Religionsgebaren wird der Dichter in Paris zum Künder sozial-religiöser Utopien. (Ulrich Engel)

Das Christentum habe dem Menschen, heißt es weiter in Heines Katalog der Vorwürfe, ein Sündenbewusstsein verschafft, das er vorher nicht hatte. "Die Religion gewährte keine Freude mehr, sondern Trost, es war eine trübselige, blutrünstige Delinquentenreligion", stellt Heine kategorisch fest und beschreibt den Beginn des Christentums mit folgenden Worten: "Da plötzlich keuchte heran ein bleicher, bluttriefender Jude, mit einer Dornenkrone auf dem Haupte, und mit einem großen Holzkreuz auf der Schulter, und er warf das Kreuz auf den hohen Göttertisch, dass die goldenen Pokale zitterten, und die Götter verstummten, und immer bleicher wurden, bis sie endlich ganz in Nebel zerrannen. Nun gabs eine traurige Zeit, und die Welt wurde grau und dunkel."

Sinnenfreude und alles Schöne seien von da an verpönt gewesen. "Du darfst den zärtlichen Neigungen des Herzens Gehör geben und ein schönes Mädchen umarmen, aber du musst eingestehn, dass es eine schändliche Sünde war, und für diese Sünde musst Du Abbuße tun." Im Christentum werde die Welt des Geistes, behauptet Heine weiter, durch Christus und die Welt der Materie durch Satan repräsentiert. Daher gilt es, "allen sinnlichen Freuden des Lebens zu entsagen." So sei durch die gewaltsame Trennung von Geist und Materie "die große Weltzerrissenheit, das Übel," entstanden.

Den Pfaffen aber, insbesondere den deutschen, warf er "Scheinheiligkeit, Heuchelei und gleißendes Frömmeln vor: "Ein katholischer Pfaffe wandelt einher, als wenn ihm der Himmel gehöre! ein protestantischer Pfaffe hingegen geht herum, als wenn er den Himmel gepachtet habe."Er sprach auch von "Zeloten des Katholizismus", vom "Pfaffengeschmeiß", vom "Pompadurchristentum" und nannte die Pfaffen insgesamt "das diplomatische Corps Gottes". "Es sind die Theologen, die dem lieben Gott ein Ende machen", lautet ein weiterer Gedankensplitter von Heine.

Heines Urteil über das Christentum ist unerbittlich: "In der Theorie ist die heutige Religion eben so aufs Haupt geschlagen, sie ist in der Idee getötet, und lebt nur noch ein mechanisches Leben, wie eine Fliege, der man den Kopf abgeschnitten, und die es gar nicht zu merken scheint, und noch immer wohlgemut umherfliegt." (Briefe über Deutschland. Ein Bruchstück Bd.V, S.196)

Er weiß aber auch: Die Kirche "Wird uns alle überleben" (Aufzeichnungen Bd.VI/I S.638), sie bleibt ein Koloss und "das langsame Abtragen seiner Quadern" wird noch "viele Jahrhunderte dauern." (Geständnisse Bd.VI/I,S.492)


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