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Was aber sind jiddische Sprache und jiddische Literatur?

Jiddisch ist - so viel ist sicher - sehr viel mehr als nur ein humorvoller Dialekt und verfügt nicht nur über einige sentimentale Redewendungen. Für orthodoxe Juden erfüllte diese Sprache eine wichtige Funktion sowohl in der alltäglichen Kommunikation als auch in den Bereichen der religiösen Unterweisung. Grenzüberschreitend bewahrte sie den Common Sense des Ostjudentums.

Das Jiddische, das von rechts nach links geschrieben wird, setzt sich aus Deutsch, Hebräisch, Aramäisch und mehreren slawischen Dialekten zusammen. Es ist keine Mundart, sondern eine Volkssprache, eine Misch- oder Komponentensprache, die seit tausend Jahren im Gebrauch war und von der jüdisch-aschkenasischen Bevölkerung von Holland bis zur Ukraine und von Lettland bis zur Türkei gesprochen wurde. Jiddisch ist eine wahre Fundgrube für Sprachforscher und Historiker und eine vielschichtige und fortbildungsfähige Sprache, von der behauptet wird: "Jiddisch spricht man nicht, jiddisch redt sich." Eine Ahnung von der Eigenart dieser Sprache vermittelt auch folgende Anekdote: "Da sitzen zwei Juden, was reden jiddisch.. Man redet nicht, man schweigt. Plötzlich macht der eine:"Aaaah!". Darauf bemerkt der andere:" Du erzählst mir..?" Eine Unterhaltung auf jiddisch ist ein "Schmus" mit Andeutungen und Symbolen.

Jiddisch besitzt nicht nur eigene Redewendungen, Metaphern und Euphemismen, sondern auch einen charakteristischen sprachlichen Witz und poetischen Expressionismus, die die Väter der jiddischen Literatur - Isaak Leib Peretz(1851-1915), der klassische jiddische Erzähler Mendele Mocher Sforim(geboren als Schalom Jakob Abramowicz 1835 in Kopyl/Weißrussland, gestorben 1917 in Odessa) und Scholem Rabinowicz alias Scholem Alejchem (1859-1917), alle drei wirkten im späten 19.und 20.Jahrhundert - berühmt und beliebt gemacht haben.

Man sagt dem Jiddischen die reichste Entwicklung und die umfangreichste eigene Literatur nach. Denn so wie die Sprache so ist auch die jiddische Literatur: bunt und vielfältig.

Singer lobte 1978 in seiner Nobelpreisrede, die er demonstrativ auf jiddisch hielt, also in der Sprache des Exils, die Magie und den sanften Humor, den unprätentiösen, aber sophistischen Scharfsinn, die Lebenslust wie den Überlebenswillen einer ehemals boomenden Literatur." Und er sagte außerdem: "Jiddisch hat noch nicht sein letztes Wort gesprochen. Es hält Schätze bereit, die der Welt noch nicht zu Augen gelangt sind. Es war die Sprache von Märtyrern und Heiligen, von Träumern und Meistern der Kabbala - reich an Humor und Erinnerungen, die das Menschengeschlecht nicht vergessen darf. Im übertragenen Sinne ist Jiddisch die weise und bescheidene Sprache von uns allen, die Sprache der furchtsamen und hoffenden Menschheit." Auch der noch in Czernowitz lebende einzige jiddische Schriftsteller Josef Burg (er wurde 1912 in Wischnitz/Bukowina geboren und verbrachte seine Jugend in Czernowitz) sieht durchaus hoffnungsvoll in die Zukunft und verkündet:"Jiddisch lebt. Es erscheinen jiddische Bücher, es gibt jiddische Schriftsteller, eine junge Generation. Eine Zeitschrift erscheint in New York, die heißt 'Jugendruf'. Auf jiddisch heißt sie auch so...In Weißrussland, in Moldawien sind Schulen eröffnet worden. Jiddisch wird wieder gelernt..,so dass Jiddisch weitergehen wird. Und ich bin überzeugt, dass eine Sprache, die eine Literatur geschaffen hat, die zur Weltliteratur gehört, nicht so leicht verschwinden kann."

Das Interesse junger Menschen aus dem deutschsprachigen Raum, die in Potsdam, Düsseldorf, Trier oder Hamburg Jiddisch studieren oder zumindest lernen, sieht Josef Burg nicht mit Befremden, sondern mit Freude und Genugtuung. Er selbst geht mit gutem Beispiel voran und gibt die "Czernowitzer Blätter" heraus. Diese sind die einzige jiddische Zeitung, die heute in der Ukraine im Umlauf ist.

Der unausgesprochenen Frage, warum er nicht ausgewandert sei, begegnet Burg so: "Der Pruth spricht mit mir jiddisch. Die Häuser auch. Die Wälder sprechen und singen zu mir jiddisch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Donau jiddisch spricht."


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