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Resümee:

Unverkennbar ist Goethes genuine Neigung zur Religion, selbst in der kritischen Auseinandersetzung mit ihr. Seine Weltanschauung und sein Verständnis von Religion haben sich kontinuierlich entwickelt. Es gab keine radikalen Umbrüche. Dennoch liegen zwischen seiner Jugend und der Weite seiner reifen Jahre und seinem Alter Welten.

Goethes Auseinandersetzung mit dem Christentum war ein lebenslanger Prozess: von der protestantischen Herkunft, seiner frühen Kritik an der Orthodoxie über die Begegnung mit dem Pietismus, die Einflüsse durch hermetische Traditionen bis zur Beschäftigung mit den Konfessionen und den Weltreligionen. Insofern spiegelt sich in Goethes Leben und Werk auch der allgemeine Wandel des Christentums im Verlauf des 18.Jahrhunderts. Er stand in einer Umbruchzeit, in der religiöse Vorbilder, Legenden und Heiligenviten ihre schützende Wirkkraft zu verlieren begannen und dem Indidividumm die Aufgabe des Mündigwerdens übertragen wurde.

Goethe befand selbst im Laufe seines Lebens, dass die Religion in den ersten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts allgemein in einer kritischen Phase war. "Die Menschheit steckt jetzt in einer religiösen Krise, wie sie durchkommen will, weiß ich nicht, aber sie muss und wird durchkommen."

In Goethes Weltbild fallen alle Gegensätze zur Einheit zusammen: Gott und die Welt, Geist und Natur, Idee und Materie, Individuum und Gesellschaft.

"Diese aus Glauben und Schauen entsprungene Überzeugung, welche in allen Fällen, die wir für die wichtigsten erkennen, anwendbar und stärkend ist, liegt zum Grunde meinem sittlichen sowohl als literarischen Lebensbau, und ist als ein wohl angelegtes und reichlich wucherndes Kapital anzusehn, ob wir gleich in einzelnen Fällen zu fehlerhaften Anwendung verleitet werden können", heißt es in "Dichtung und Wahrheit" und in Faust: "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen."

Am 31.März 1827 schreibt der Dichter dem Schauspieler Krüger in ein Widmungsexemplar seiner "Iphigenie auf Tauris":

"Was der Dichter diesem Bande /

Glaubend, hoffend anvertraut, /

Werd' im Kreise deutscher Lande /

Durch des Künstlers Wirken laut. /

So im Handeln, so im Sprechen /

Liebevoll verkünd' es weit: /

Alle menschlichen Gebrechen /

Sühnet reine Menschlichkeit." /

Der höhere Standpunkt, der Wissen, Glauben, Andacht, Staunen und allgemein sittliche und religiöse Vorstellungen umschließt, nimmt in Goethes Spätwerk eine besondere Stellung ein. Dazu schreibt Karl Otto Conrady in seiner Goethe-Biographie: "Aus unserer Sicht der späten Nachgeborenen fügen sich Goethes Betrachtungen von Gott, Natur und Mensch zu einer ziemlich kohärenten 'Weltanschauung'; jedenfalls lässt sich zusammenhängend beschreiben und erläutern, wenn man durchgängige Konstanten beachtet, die spätestens seit der Rückkehr aus Italien gültig geblieben sind. Aus seiner eigenen Perspektive nahm sich das anders aus. Er hatte die ihn überzeugenden Antworten erst zu suchen und zu finden. Er war in keinem tradierten Glauben mehr geborgen, und die Erschütterungen der Revolution hatten die gesellschaftlichen Ordnungen aufgebrochen, zumindest deren Geltung und zukünftige Ausgestaltung zum dauernden Problem gemacht, dem sich stellen musste, wer Auskunft über tragfähige Konzepte für sinnvolles Handeln erhalten und selbst geben wollte. Insofern verkörperte Goethe exemplarisch die Existenz des neuzeitlichen Menschen, der allgemein gültige Sicherungen verloren hat."

"Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, /

Hat auch Religion; /

Wer jene beiden nicht besitzt, /

Der habe Religion." /

Schlussvers von:"Ein und alles"

"Das Ewige regt sich fort in allen; /

Denn alles muss in Nichts zerfallen, /

Wenn es im Sein beharren will."

"Vermächtnis"

"Kein Wesen kann zu nichts zerfallen, /

Das Ew'ge regt sich fort in allen; /

Am Sein erhalte dich beglückt! /

Das Sein ist ewig, denn Gesetze /

Bewahren die lebend'gen Schätze /

Aus welchem sich das All geschmückt."


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