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Die Bibel

Goethe kannte die Bibel von Kindheit an. Sie bewegte das Gemüt des Kindes mit der Anschaulichkeit ihrer Bilder und der Kraft ihrer Sprache, die auch seine prägte und ihn bis ins hohe Alter begleitete.

Besonders das Alte Testament, seine erzählerische Qualität hat Goethes geistige Bildung und schriftstellerische Entwicklung geprägt. Sein Leben lang hat er aus der Bibel zitiert und mit ihren Geschichten seine Gedanken und Einfälle veranschaulicht.

Seine antichristlichen Ausbrüche richteten sich nie gegen die Bibel selbst, sondern gegen die Verabsolutierung eines einziges Aspekts, auf den man ihre Auslegung reduzieren wollte, weil er darin eine Beeinträchtigung der biblischen Fülle sah.

Goethe war keine religiöse Natur wie etwa Luther und Schleiermacher, aber wo ihm tiefe, freie und kraftvolle Frömmigkeit entgegentrat, wie vor allem im Alten Testament, da hatte er ein inneres Organ dafür, sie wahrzunehmen und anzuerkennen.

"Die derbe Natürlichkeit des Alten Testaments und die zarte Naivität des Neuen hatte mich im Einzelnen angezogen..ich hatte überhaupt zu viel Gemüt an dieses Buch verwandt, als dass ich es jemals wieder hätte entbehren sollen."

In "Dichtung und Wahrheit" gesteht er:"Ich für meine Person hatte sie lieb und wert,denn fast ihr allein war ich meine sittliche Bildung schuldig."

Doch war die Bibel für ihn kein Buch der Offenbarung, sondern ein Kunstwerk mit prächtigen Sujets und reizenden Farben. Im Abschnitt "Hebräer" des "Divan" schreibt er: "Ein großer Teil des Alten Testamentes ist mit erhöhter Gesinnung, ist enthusiastisch geschrieben und gehört dem Feld der Dichtkunst an." Am Schluss heißt es dann: "Und so dürfte Buch für Buch dartun, dass es uns deshalb gegeben sei, damit wir uns daran wie an einer zweiten Welt versuchen, uns daran verirren, aufklären und ausbilden mögen."

In der "Geschichte der Farbenlehre" wiederum sagt er: "Jene große Verehrung, welche der Bibel von vielen Völkern und Geschlechtern der Erde gewidmet worden, verdankt sie ihrem inneren Werte. Sie ist nicht etwa nur ein Volksbuch, sondern das Buch der Völker, weil sie die Schicksale eines Volks zum Symbol aller übrigen aufstellt, die Geschichte desselben an die Entstehung der Welt anknüpft und durch eine Stufenreihe irdischer und geistiger Entwicklungen notwendiger und zufälliger Ereignisse bis in die entferntesten Regionen der äußersten Ewigkeit hinausführt. Wer das menschliche Herz, den Bildungsgang der einzelnen kennt, wird nicht in Abrede stellen, dass man einen trefflichen Menschen tüchtig herausbilden könnte, ohne dabei ein anderes Buch zu brauchen als etwa Tschudis schweizerische und Aventins bayerische Chronik. Wie viel mehr muss also der Bibel zu diesem Zweck genügen, da das Volk, als dessen Chronik sie sich darstellt, auf die Weltbegebenheiten so großen Einfluss ausgeübt hat und noch ausübt."

Goethe war kein Kirchenchrist oder Konfessionalist. Von allzu frömmelnden Zeitgenossen abgestoßen, hat er sich dennoch nicht der zu seiner Zeit schon weit verbreiteten agnostischen oder atheistischen Version neuzeitlicher Aufklärung zugewandt. Gerade wenn man im Sinne seiner Selbstdeutung seine Werke als "Bruchstücke einer großen Konfession" versteht, schließt sich der Kreis seines Lebens vom anfänglichen, milieuvermittelten Pietismus zu einer Altersgläubigkeit, die sich ausdrücklich in mehreren Bekundungen findet. Die eine hat Eckermann aus seinem letzten Gespräch zu Goethes Lebzeiten festgehalten, wo dieser, elf Tage vor seinem Tod, gesagt hatte:

"Ich halte die Evangelien alle vier für durchaus echt, denn es ist in ihnen ein Abglanz einer Hoheit wirksam, die von der Person Christi ausging, und die von so göttlicher Art ist, wie nur je das Göttliche erschienen ist. Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, ihm anbetende Ehrfurcht zu erweisen, so sage ich: Durchaus. Ich beuge mich vor ihm als der göttlichen Offenbarung als des höchsten Prinzips der Sittlichkeit und zwar die mächtigste, die uns Erdenkindern wahrzunehmen vergönnt ist. Ich anbete in ihr das Licht und die zeugende Kraft Gottes, wodurch allein wir leben, weben und sind, und alle Pflanzen und Tiere mit uns. Fragt man mich aber, ob ich geneigt sei, mich vor einem Daumenknochen des Apostels Petri oder Pauli zu bücken, so sage ich: Verschont mich und bleibt mir mit euren Absurditäten vom Leibe!"

Für Goethe war die Bibel das "verbindende Urdokument der Menschheit". Im Hinblick auf ihre Entstehungs-, Wirkungs- und Auslegungsgeschichte erklärte er:"Die Bibel, das sind 3000 Jahre Menschheitsgeschichte."

Zeitlebens hat er sich mit der Bibel auseinander gesetzt, nur gelegentlich hat er religiöse Fragen explizit formuliert, meist bilden sie den Subtext seiner Werke und Schriften. Goethe hat die Religion und das Nachdenken über Religion in einzigartiger Weise in sein Werk und in seine Sprache integriert. "Farbenlehre", "Dichtung und Wahrheit", "West-östlicher Divan" sind die großen Werke zwischen 1810 und 1820. Sie alle spiegeln Goethes religiöse Einstellung und zeigen die Ausweitung seiner religiösen Überzeugungen ins Allgemeine, in philosophischer, biographischer und kulturgeschichtlicher Hinsicht.

Auch für seine "Farbenlehre" greift Goethe auf das Modell von Polarität und Steigerung zurück, das er als Grundstruktur des Lebens und Denkens begreift. Gerade die "Farbenlehre" hat ausgeprägte theologische Elemente und stellt eine "kryptotheologische Dogmatik" dar (Albrecht Schöne). Die Verbindung von Gott und Licht ist ein altes Motiv, das Goethe aufgreift und in den verschiedenen Kontexten einsetzt. "Das Licht ist eine der ursprünglichen, von Gott erschaffenen Kräfte und Tugenden, welches ein Gleichnis in der Materie darzustellen sich bestrebt." In diesem Werk hat Goethe mit der Verkündigung des Lichtes (A.Schöne) dessen "Reinheit und Wahrheit" als Offenbarung des Göttlichen erfahren. Heißt es doch in der "Farbenlehre": "Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken...So bildet sich das Auge am Licht fürs Licht, damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete." Diesem Blick entsprechend entwickelte Goethe seinen symbolischen Stil, wo Innen und Außen einander spiegeln, wo das Besondere das Allgemeine repräsentiert.

Laut Albrecht Schöne hat der Dichterfürst mit seiner "Farbenlehre" eine Art von Religionsgründung betrieben, in der er sich selbst als Kirchenvater einsetzte. Diese Schrift sei nämlich der Versuch, eine Heilslehre zur Deckung zu bringen mit der empirischen Wirklichkeit und das vorgewusste Wahre so als Wirkliches auszuweisen.

Auch im "West-Östlichen Divan" wird die Verbindung von Gott und Licht mehrfach angesprochen.

"Metamorphose", ein weiterer Zentralbegriff der naturwissenschaftlichen, voran der morphologischen Schriften Goethes, enthält ebenfalls eine religiöse Dimension: die Verwandlung, die Transformation von einem Zustand in einen anderen, von einer tieferen zu einer höheren Stufe.

Mit "Dichtung und Wahrheit" beginnt in den Jahren nach 1810 Goethes eigene Ineinssetzung seiner religiösen Biographie und der allgemeinen religionsgeschichtlichen Entwicklung: "Ich bin mir selbst historisch geworden."

Ferner ist der "Faust", an dem der Dichter wohl sechzig Jahre seines Lebens gearbeitet hat, übervoll von Zitaten und Anspielungen aus der Bibel. Schon der Prolog beginnt alttestamentlich. Die Wette um Fausts Seele beruht auf Anregungen aus dem Buch Hiob, ebenso der Lobgesang der Engel. Der Autor sieht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Faust und Moses, beide durften das gelobte Land nicht betreten.

Im "Werther"ist gleichfalls eine Fülle alttestamentlicher Bilder und Reminiszenzen verwoben, ebenso im "Götz von Berlichingen", in "Clavigo", "Stella", im "Prometheus-Fragment", "Egmont", selbst in der "Iphigenie" - "Die Götter rächen der Väter Missetat nicht an dem Sohn, ein jeglicher, gut oder böse, nimmt sich seinen Lohn mit seiner Tat hinweg" - , in "Die Wahlverwandtschaften", "Hermann und Dorothea" und in vielen der Goetheschen Gedichte.

Werther zum Beispiel schreibt an einem 15.November an Wilhelm einen Brief, in dem es heißt:"Ich ehre die Religion, dass weißt Du, ich fühle, das sie manchem Ermatteten Stab, manchem Verschmachtenden Erquickung ist. Nur - kann sie denn, muss sie denn das einem jeden seyn? Wenn du die große Welt ansiehst, so siehst du Tausende, denen sie's nicht war. Tausende, denen sie's nicht seyn wird, gepredigt oder ungepredigt, und muss sie's mir denn seyn? Sagt nicht selbst der Sohn Gottes, dass die um ihn seyn würden, die ihm der Vater gegeben hat. Wenn ich ihm nun nicht gegeben bin! Wenn mich nun der Vater für sich behalten will, wie mir mein Herz sagt!" Selig fühlt sich Werther indessen in die Natur hinein; Naturerlebnis ist ihm zugleich Erfahrung des Göttlichen. Aber am Schluss ist das Glücksgefühl im Nachdenken über die eigene Begrenztheit versunken.

In der "Braut von Korinth" (1798) brach etwas auf, schreibt Conrady, das einen biografischen Zusammenhang hat. "Das unverhüllt Grausige war indes eine andere Art der Klage über Verlorenes" und weist auf Goethes fundamentale Religionskritik hin, die ihm nicht auszutreiben gewesen sei. Die Strophe, der um ihr sinnliches Dasein betrogenen Tochter der bekehrten Korinther ist eine schonungslose Anklage, gesprochen freilich von einer erdichteten Gestalt, aber nicht im Widerspruch zu anderen Äußerungen Goethes selbst. Wo aus der Verheißung aufs Jenseits die Unterdrückung der Triebe gefolgert wird, ist die Natur des Menschen verhöhnt, einem ideologischen Zwang aufgeopfert, der dann, wie es im dichterischen Vorgang bedeutet wird, Widernatürliches hervortreibt.

'Und der alten Götter bunt Gewimmel /

Hat sogleich das stille Haus geleert. /

Unsichtbar wird Einer nur im Himmel, /

Und ein Heiland wird am Kreuz verehrt; /

Opfer fallen hier, /

Weder Lamm noch Stier, /

Aber Menschenopfer unerhört.' /

Diese Dichtung hat ihr Humanes darin, dass sie das Inhumane christlich erzwungener Askese grell zum Vorschein bringt."

(Zum Verständnis der Geschichte: Die Eltern hatten ein ursprünglich gebilligtes Verlöbnis annulliert, nachdem sie Christen geworden waren. Sie weihten die Tochter dem Himmel und dachten, den Jüngling mit einer zweiten Tochter abzufinden. Das Mädchen starb vor Gram im Kloster und kam als Vampir wieder, um das ihr zustehende Maß an Sinnefreude abzuholen.)

Die "Wanderjahre" von 1821 räumen der christlichen Religion eine besondere Stellung unter den Religionen ein. Die wahre Religion besteht in der Ehrfurcht vor sich selbst. Das ist die höchste Stufe, zu der ein Mensch geführt werden kann.

Vor allem Goethes Alterswerk "Wilhelm Meisters Wanderjahre" zeigt deutlich, dass Goethe bis in sein Alter hinein dem Alten Testament die immer gleiche Liebe und Ehrfurcht erwiesen hat.

Biblische Bilder und Sprachverwendungen durchziehen aber nicht nur sein gesamtes Werk, sondern auch seine Briefe, besonders die an Zelter und Jacobi, sowie seine Gespräche.


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