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Rückkehr nach Weimar

Als der Dichter 1788 nach Weimar zurückkehrte, war er überzeugt, in Italien das Geheimnis der griechischen Überlegenheit in Kunst und Leben enträtselt zu haben. Mit der Rückkehr nach Weimar am 18.Juni 1788 war der von Geheimnis umwitterte Urlaub zu Ende, den sich der Geheime Rat v.Goethe, alias Philipp Müller, fast einunddreiviertel Jahre gegönnt hatte.

Die Vortrefflichkeit der griechischen Kunst beruhte für Goethe auf der Vortrefflichkeit der griechischen Lebensweise. Die "Römischen Elegien" und die "Venezianischen Epigramme" zeigen seinen neuen Stil im Sinne der "Alten". Nach der Rückkehr nach Weimar folgte für Goethe eine unproduktive Epoche von 1790 bis 1793. Er arbeitete an Reineke Fuchs, dessen Welt der Welt Homers nahe kam.

Im Sommer 1794 wurde Goethes Liebe zu Homer durch die Gegenwart des Dichtergelehrten und Übersetzers Johann Heinrich Voß in Weimar von neuem belebt. Der Sommer 1794 brachte ihm die Freundschaft mit Schiller. Dieser gab ihm das Vertrauen, dass es richtig sei, für Leben und Kunst griechische Maßstäbe zu gewinnen und damit die höchste Existenzform zu erreichen, derer der Mensch fähig ist.

Der Gedanke, die griechische Literatur durch Unterdrückung der eigenen Individualität nachzuschaffen, hatte sich jedoch als unausführbar dargestellt. Goethe musste einsehen um 1805, dass er Griechenland nicht wieder lebendig machen konnte. Er musste sich damit zufrieden geben, das Altertum als ein ewig Entferntes, ein Dahingegangenes und Niewiederkehrendes zu betrachten.

Er musste erkennen, dass er ein Moderner und ein Nordmensch war, und nahm sein Schicksal an. Griechenland war “nur” ein Erlebnis gewesen. Doch hatte dieses wie kein anderes seine Weltanschauung gewandelt und bewegt. Lange hatte ihm die deutsche Welt, vor allem um 1785, keinen Stoff für seinen künstlerischen Drang geboten. In Italien erst hatte er die Vision des Menschen gewonnen, vor allem durch die griechischen Statuen und durch Homer.

Wie uneingeschränkt Goethe das Griechentum als Grundlage aller wahren Kunst betrachtete, geht besonders aus seiner Feststellung hervor, dass Homer von jeher die reichste Stoffquelle für Künstler gewesen sei. Die christliche Tradition wird einfach übergangen.

Nachdem er alles aus dem antiken Griechenland gezogen hatte, begann sich sein Geist von dort abzuwenden. Er sah ein, dass seine Leidenschaft für Griechenland ihn für die echten Vorzüge anderer Lebensformen blind gemacht hatte. Aber durch all sein Streben hatte er die Idee des griechischen Menschen gewonnen, die in seiner Seele niemals verwelkte. Für ihn blieb nur die Lebensform gültig und möglich, welche die Griechen vertreten hatten. "Jeder sei auf seine Art ein Grieche! Aber er sei's."

Nun war auch seine Entwicklung beendet. Zwei Drittel seines Lebens waren vorüber. (Man schrieb das Jahr 1805.) Bis dahin hatte er alles, was nicht auf griechischen Maßstäben fußte, als wertlos oder als zweitrangig eingestuft. Jetzt war er bereit, die Welt ohne Leidenschaft oder Vorliebe zu betrachten und Gutes in jedem schöpferischen Einfall zu finden. Sein Interesse wurde allgemeiner. Alles, was sich in der Welt bewegte und regte, zog seine Aufmerksamkeit an. Er wurde duldsamer. Sein Blick hatte sich geweitet, befreit von der Tyrannei eines absoluten Maßstabes. Seine Liebe zum griechischen Wesen lief als eine Unterströmung seiner verstandesmäßigen Tätigkeit durch alle Jahre weiter bis zu seinem Tod.

1821 fing er ein neues Studium des Euripides an. Dieser wurde gegen Lebensende sogar sein Lieblingsautor. Noch drei Wochen vor seinem Tod verteidigte er Euripides mit kräftigen Worten gegen die Gelehrten. Griechenland blieb bis zum Schluss seine erste und einzige Liebe.

Seiner Ansicht nach, konnte die europäische Kultur nur dann voranschreiten, wenn sie sich auf die griechische Tradition gründete. Nach 1805 hatten sich Goethes Interessen so geweitet, dass sie alle bekannten Kulturen der Erde einschlossen: Nun wurde auch der Stil seines Schaffens umfassender. Das zeigt vor allem der zweite Teil des Faust in der Vermählung von Faust mit Helena. Helena ist das Sinnbild zwar nicht des gesamten griechischen Daseins, wohl aber seiner höchsten Leistung. Selbstkontrolle. Rohe Lebendigkeit, hatten die Griechen gelehrt, in Gestalt zu verwandeln, reiner Mensch und nicht halbes Tier, eben human zu sein So weit der moderne Mensch kultiviert war, hatte er dies den Griechen zu verdanken. Das ist in prosaischen Worten die Bedeutung der Helene-Episode im Faust. Die Griechen hatten als erste europäisches Leben gelebt.

Goethe selbst allerdings betrachtete die Griechen als den Idealtyp der gesamten, nicht nur der europäischen Menschheit. Um zu neuem Leben zu kommen, musste ein antikes Ideal erst durch das lebendige Medium eines modernen Geistes hindurchgehen. Goethe war dieses lebendige Medium; darin erkennen wir die Bedeutung und den Wert seiner Bindung an das Griechentum


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