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Homer

Homer gehörte für Goethe zu den großen produktiven Begegnungen wie Shakespeare. Den Stoff der "Ilias" lernte er schon als Knabe kennen. In Straßburg führte er die "Odyssee" bei sich ähnlich wie Werther. Auch in den ersten Weimarer Jahren war sie ihm eine “Seelenarznei” (an Ch.v.Stein 24,3,1776). Auf der italienischen Reise, in Sizilien, erscheinen ihm Licht, See und Inseln als homerische Welt. Im Gedankenaustausch mit Schiller untersucht er die homerischen Werke als Muster der epischen Gattung und versucht, aus ihnen Gesetze abzuleiten.

Homers Beschreibungen des Menschen in seinen einfachsten Beziehungen zur Natur übten auf Goethe eine besänftigende Wirkung aus. Außer Homer soll auch Aischylos einer seiner Lieblingsdichter gewesen sein.

Schon in den Tagen des Sturms und Drangs war der homerische Mensch für Goethe so etwas wie ein Urmensch gewesen. Die Erkenntnis der sizilianischen Reise und die neu gelesene Odyssee hatten ihn zu der Überzeugung gebracht, dass die Griechen vollkommene Menschen gewesen seien, die in einer vollkommen natürlichen Umgebung lebten und dass er selbst in Zukunft sein eigenes Schaffen auf die gleichen Gesetze gründen müsse. Er fasste die Männer und Frauen Homers als "Urmenschen" auf.

Bei Homer glaubte er, den Menschen gefunden zu haben, wie Gott ihn ersann, der alle seine Möglichkeiten zur Vollendung brachte. Goethe orientierte seine Kunstauffassung an dem unvergleichlichen Vorbild Homers. Die kanonische Stellung des Homer und Sophokles konnte kaum fester begründet werden als durch Lessing, der Homers Gedichte als Muster hinstellte, von denen man nur zum Schaden der Kunstwirkung abweichen konnte.

"Hermann und Dorothea" erinnert in mancherlei Weise an Homer.

An Herder, der Homer ebenfalls sehr geschätzt hat, schreibt Goethe am 10.Juli 1772 aus Wetzlar: "Seit ich nichts von Euch gehört habe, sind die Griechen mein einzig Studium. Zuerst schränkt ich mich auf den Homer ein, dann um den Sokrates forscht ich in Xenophon und Plato, da gingen mir die Augen über meine Unwürdigkeit erst auf, gerieth an Theokrit und Anakreon, zuletzt zog mich was an Pindar, wo ich noch hänge."

(Wer über Goethes Homer-Rezeption Genaueres wissen möchte, dem sei der Aufsatz “Immer anders. Goethes Homer” von Ulrike Landfester, erschienen in: “Homer und die deutsche Literatur”. edition text & kritik, München, Heinz Ludwig Arnold (Hg.) 2010 empfohlen.)


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