zurück vor auf Inhaltsverzeichnis


Leipzig (1765-1768)

Die Leipziger Jahre trugen ihm dann seine erste Bekanntschaft mit der plastischen Kunst des Altertums ein. Adam Friedrich Oeser, Freund und Lehrer des Archäologen Johann Joachim Winkelmanns, ermunterte ihn, Schüler in seiner Akademie zu werden. Das war Weihnachten 1765. Er regte ihn auch an, Winkelmanns Werke zu lesen.

Der stärkste Eindruck, den er von der antiken Welt mit sich nach Leipzig genommen hatte, waren die Mythen. Er zog sie zur Symbolisierung seiner eigenen Gefühle heran. Seine vergebliche Liebe zu Käthchen und die süßen, marternden Einbildungen, die sie entzündete, verglich er mit den Qualen des Tantalus. (In Prometheus). In “Dichtung und Wahrheit erzählt er von der Ehrfurcht, mit der über die Gedanken und die Abhandlungen Winkelmanns brütete und wie er sich abquälte, auch noch aus den rätselhaftesten Stellen einen Sinn herauszufinden. Er berichtet von der Hochstimmung, mit der Winkelmanns Ankunft in Leipzig im Sommer 1768 erwartet wurde und von der Bestürzung, die ihren kleinen Kreis befiel, als statt des angebeteten Meisters die Kunde von seinem tragischen und schrecklichen Tod eintraf. Winkelmann war nämlich am 8. Juni 1768 in Triest von einem Italiener namens Arcangeli erdolcht worden, der auf goldene Medaillen gierig war, die Winkelmann besaß.

- Vor Winkelmanns "Geschichte der Kunst des Altertums” im Jahr 1763 lag noch kein Buch vor, das einen genauen Bericht von der Entwicklung der antiken Kunst gab. 1755 erschienen Winkelmanns "Gedanken über die Nachahmung der Griechen in der Malerei und Bildhauerkunst". Sie wurden von der gebildeten Gesellschaft mit begeisterter Zustimmung begrüßt. Für Winkelmann war die griechische Kunst das absolute Ideal, dem sich anzunähern das Bestreben eines jeden Künstlers sein sollte. Winkelmann wurde über Nacht berühmt, die kultivierte Elite Deutschlands wartete begierig auf seine nächsten Botschaften aus Rom. -

Durch Winkelmann, der das Wesen griechischer Kunst als "eine edle Einfalt und eine stille Größe" umschrieben hatte, lernte Goethe ein Griechenland der Palaistra kennen, Palaistra war im antiken Griechenland ein architektonisch gestalteter, meist von Säulenhallen umgebener Platz für die sportliche Erziehung der Jugend. "Sämtliche Räume waren mit Kunstwerken aller Art ausgeschmückt, vor allem mit Standbildern von Göttern und Helden wie Hermes, Apollo und den Musen der schönen Leiber und der Sonne, wo der Geist des Philosophen und das Auge des Künstlers für den Anblick der Schönheit gebildet waren: ein Land, in dem ein freundliches Klima die gesamte Natur zur glücklichsten Entwicklung brachte, wo die Schönheit über alles hoch geachtet wurde und keine bürgerliche Steifheit den freien und ungezwungenen Ausdruck der jugendlichen Freuden hemmte.”

Im Brief an Friederike Oeser vom 11.Februar 1768 schreibt Goethe: "Unter Deutschlands Eichen wurden keine Nymphen geboren wie unter den Myrten im Tempel." Die Idee der "glücklichen Natur der Griechen” sei ihm klar gegenwärtig. In Leipzig las Goethe wahrscheinlich um 1766 Lessings "Laokoon" und erweiterte damit sein Bild von den Griechen auf entscheidende Weise. Wäre nicht Lessings "Laokoon" erschienen (1767), so wäre Goethe vielleicht bei der Winkelmannschen Vorstellung von Griechen stehen geblieben, in der ein kalter Stoizismus ihre Daseinsfreude überwog. Von Lessings "Laokoon" erfuhr er jedoch, dass die Griechen tiefe Gefühle besaßen und zu ihnen ein ebenso gesundes wie natürliches Verhältnis hatten wie zu allen anderen Gegenständen des Lebens. Gesund und natürlich war auch ihr Verhältnis zum Tod. Ihnen war er nicht das abschreckende Knochengerippe, sondern ein lieblicher Knabe, der Bruder des Schlafs.

Lessing hatte in "Laokoon" geschrieben: "Wut und Verzweiflung schändete keines ihrer Werke.” Goethe hingegen meinte, dass die Gestalten, auf die sich Lessing bezog, sehr wohl Zorn und Verzweiflung äußerten. "Sie scheuten nicht so sehr das Häßliche als das Falsche." Man müsse "die Fürtrefflichkeit der Alten in etwas anderes als in der Bildung der Schönheit" suchen.

Goethe wusste nun dreierlei, dass die Griechen das Leiden kannten, dass Aufrichtigkeit das erste Gesetz ihrer Kunst war, und dass sie sich deshalb nicht fürchteten, auch das schrecklichste Leiden sowohl in der Plastik als auch in der Dichtung darzustellen. Sie besaßen (ähnlich sah es Wieland) die höchste ästhetisch-moralische Qualität, die Sterblichen erreichbar ist. Durch Wielands "Grazien" (1769 erschienen) wurde der Dichter Wolfgang Goethe zu dem Glauben ermutigt, dass die gesamte ästhetische Sinnlichkeit aus dem Wesen griechischer Kunst stammt. Lessing hatte nämlich sein Gedankensystem auf die Laokoon-Plastik übertragen. Er hatte sie zwar nicht gesehen und kannte sie nur aus primitiven Abbildungen und erblickte gleichwohl mehr als die Augen der Ästhetiker. "Man muss Jüngling sein, um sich zu vergegenwärtigen, welche Wirkung Lessings Laokoon auf uns ausübte, indem dieses Werk uns aus der Region eines kümmerlichen Anschauens in die freien Gefilde des Gedankens hinriss", schrieb Goethe.

Nachdem Goethe Lessings "Laokoon" gelesen hatte, legte er dessen Erkenntnisse dem eigenen Werk und seinem von Winkelmann mitbestimmten Verständnis der antiken Kunst zugrunde. Die Ausgangsfrage allerdings, warum Laokoon nicht schreie, beantwortete Goethe in einem Brief an Oeser und in seinem Aufsatz "über Laokoon" 1798 in einer von Lessing abweichenden Art. In diesem Aufsatz berührte Goethe zum ersten Mal einen Punkt, der von grundlegender Bedeutung für ein angemessenes Verständnis seiner Ansicht über die Griechen ist. Er sagte dort, dass sich das Schönheitsgefühl des Künstlers in seiner höchsten Energie und Würde zeige, wenn es "die leidenschaftlichen Ausbrüche der menschlichen Natur in der Kunstnachahmung " zu mäßigen und zu bändigen versteht."

Im Oktober 1769 besuchte Goethe den Mannheimer Antikensaal, der damals berühmt war, denn nirgends sonst in Deutschland fanden sich so viele Gipsabgüsse antiker Plastiken. Hier sah er die ersten griechischen Statuen. In einem französisch geschriebenen Brief berichtete er Langer am 30.November von seinen Eindrücken. Auf die Laokoon-Gruppe, so in “Dichtung und Wahrheit”, sei seine größte Aufmerksamkeit gerichtet gewesen. Im Aufsatz “Laokoon” (1798) kam er auf die Frage, warum Laokoon nicht schreie, zurück. Er könne nicht schreien. Die kunstreiche Stellung des Hauptkörpers sei aus zwei Anlässen zusammengesetzt worden: aus dem Streben gegen die Schlangen und aus dem Fliehen vor dem augenblicklichen Biss. Um diesen Schmerz zu mildern, musste der Unterleib eingezogen und das Schreien unmöglich gemacht werden.


zurück vor auf ursula@UrsulaHomann.de Inhaltsverzeichnis