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GERNOT U.GABEL/CARL HELMUTH JAGENBERG(Hrsg.):Der entmündigte Philosoph. Briefe von Franziska Nietzsche an Adalbert Oehler aus den Jahren 1889-1897. 127 S., Gabel-Verlag, Hürth 1994;

Nachdem Friedrich Nietzsche im Januar 1889 in Turin einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte, war er für die Welt verstummt. Zeugnis über sein weiteres Schicksal konnten daher nur jene Menschen geben, die Zutritt zu ihm hatten. Zu diesen gehörte vor allem seine Mutter Franziska. Sie hatte den Werdegang ihres Sohnes von Anfang an aufmerksam verfolgt. Zu seinen Schriften fand sie allerdings keinen Zugang. Seine zunehmende antikirchliche und antichristliche Einstellung hat sie weder gebilligt noch verstanden. Vielmehr hatte sie gehofft, ihren Sohn eines Tages als Nachfolger seines Vaters als Pfarrer auf der Kanzel zu sehen. Als Nietzsche jedoch 1869 zum außerordentlichen Professor an der Universität Basel ernannt wurde, war sie, wie es jede andere Mutter an ihrer Stelle auch gewesen wäre, stolz auf ihren Sohn.

Nach dem Ausbruch seiner Krankheit hat sie ihn in ihrem Naumburger Haus aufopferungsvoll bis zu ihrem Tode im Jahr 1897 gepflegt. Das geistige Erbe des Philosophen wurde dagegen von der Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche verwaltet. Zwischen der geschäftsgewandten und selbstbewussten Tochter, die dabei ihre eigenen Interessen verfolgte, und der Mutter, der einzig das Wohlergehen ihres Sohnes am Herzen lag, kam es alsbald zu heftigen Meinungsverschiedenheiten. Als Franziska Nietzsche selbst immer älter und schwächer wurde, bestellte sie ihren Neffen Adalbert Oehler zum Vormund ihres Sohnes. Da sich der Neffe überwiegend in Magdeburg aufhielt, gingen zwischen beiden viele Briefe hin und der. Oehler hat die Briefe seiner Tante, die eine eifrige Briefschreiberin war, sorgfältig aufbewahrt. Sie sind eine aufschlussreiche Lektüre und zweifellos die unmittelbarste Quelle über die letzten dunklen Jahre des Philosophen. Denn die Korrespondenz, die jetzt in einem ansprechenden kleinen Bändchen von Gernot U.Gabel und Carl Helmuth Jagenberg herausgegeben wurde,vermittelt ein sehr persönliches, intimes Bild vom Krankenlager Nietzsches und vom Familienleben der Oehlers aus der Sicht von Franziska Nietzsche. Zugleich ist sie eine indirekte Charakterstudie jener beiden Frauen,die sich, jede auf ihre Weise, um das Vermächtnis des umnachteten Philosophen bemüht und sich darüber nahezu verfeindet haben.


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