zurück vor auf Inhaltsverzeichnis


Nietzsche und die Gegenwartsliteratur

Und wie steht es heute mit Nietzsches Stellenwert in der Gegenwartsliteratur? Während des Zweiten Weltkriegs sollen, wie im Ersten Weltkrieg, manche Soldaten neben Goethes "Faust" auch Nietzsches "Zarathustra" im Gepäck gehabt haben. Auch der junge Martin Walser war, wie aus seinem Buch "Der springende Brunnen" hervorgeht, mit Nietzsches Zarathustra wohl vertraut gewesen, als er als junger Soldat im letzten Kriegsjahr eingezogen wurde, während der früh verstorbene Wolfgang Borchert(1921-1948), schreibt Peter Rühmkorf in seiner Rowohlt Monographie, neben Barlach und Rilke auch Nietzsche immer dann anführte, "wo er sich und die eigene Brüchigkeit meinte."

Nach 1945 fühlte man sich genötigt, behauptet Johann Prossliner in seinem "Lexikon der Nietzsche-Zitate", sich von ihm zu distanzieren. Die Folge war, dass eine ganze Generation sich von Brecht und Kafka ernährte und "Nietzsche rechts liegen ließ", so dass nach dem Krieg bei den jüngeren Literaten Nietzsche eigentlich kein Thema mehr war. Was ab 1955 im deutschen Sprachraum an literarischen Äußerungen kam, sind Marginalien, Zitate, Randnotizen, kaum der Rede wert gewesen. Bei Alfred Andersch etwa und Thomas Bernhard tauchen Nietzsche-Gedanken beiläufig in den Texten auf. Arno Schmidt rechnete, nörgelnd, skurril und lamentierend, mit dem "Machtverhimmler ab, "dem maulfertigen Schuft, dem gewetzten Wortformer" und äußerte sich, wenn er gelegentlich auf ihn Bezug nahm, nur abfällig über ihn. Es gibt zwar "Dummheiten und Irrtümer, die kompromittieren, wenn man sie nicht einmal beging", dazu gehört, "als junger Mensch, so bis 25, Nietzsche für'n Halbgott zu halten", liest man in "Die Umsiedler". Paul Celan arbeitete jetzt mit vornehmen Andeutungen, Friedrich Dürrenmatt las Nietzsche in einem Café, während er die Schule schwänzte. Doch im Werk des Schweizer Weltbürgers und Moralisten Max Frisch etwa sucht man den Namen Nietzsche vergebens. Er erwähnt seine Nietzsche-Lektüre in den Tagebüchern und in "Montauk" nur sehr kurz und respektvoll. Heiner Müller verhält sich in seiner Nietzsche-Akzeptanz ebenso. Aber es sind immer nur wenige Stellen, die das Thema anklingen lassen, so auch bei Ernst Meister und Ingeborg Bachmann in ihrem Roman "Malina" - ein Splitter nur und der jeweils in großer Distanz. Peter Handke beschimpft Nietzsche als "einen der größten Kindsköpfe", fügt aber hinzu,, er sei einer der liebenswertesten Menschen gewesen, eigentlich kein Philosoph, sondern ein Schriftsteller, der gar Schönes über die Kunst gesagt habe. Nietzsche gehört eindeutig zu den Verlierern des Zweiten Weltkriegs Wer sich nach 1945 mit ihm befasste, kritisierte seine Lehre aus religiösen, moralischen und politischen Gründen. Freilich bedeutete diese Kritik nicht das Ende seiner Wirkung.

Um so eifriger und unablässiger wurde Nietzsche in Frankreich rezipiert durch den Strukturalismus, durch Philosophen wie Gilles Deleuze, Jacques Derrida, Michel Foucault und später von den Postmodernen, in Amerika durch Walter Kaufmann, in Italien durch Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Jedenfalls wurde Nietzsches Erbe nach 1945 von Franzosen, Italien und Amerikanern besser verwaltet als von Deutschen.

Während es jedoch in der Bundesrepublik, also im westlichen Teil Deutschlands, jederzeit möglich war, sich mit Nietzsche auseinanderzusetzen, verweigerte ihm die DDR die Einreise. Hier wurde nur gelegentlich unter Dichtern und Literaten über den offiziell Verfemten und Verpönten diskutiert, was sicherlich auf die Dauer nicht ohne Wirkung blieb. Denn der 1960 in Thüringen geborene Michael Schindhelm erzählt in seinem autobiographisch gefärbten Erstling "Roberts Reise" von dem Diebstahl einer zerlesenen Zarathustra-Ausgabe in der Technischen Hochschule Fichtenburg. In den Augen von Wolfgang Harich war Nietzsche freilich, wie es auch die offizielle Version vorschrieb, ein "nichtswürdiger Abschaum" und sein Nachlass eine "Riesenkloake". Auch Johannes R.Becher, ein bekannter DDR-Dichter, spürte eine "instinktive Abneigung" gegen Nietzsches Werk. Er habe nicht vermocht, dieses raffinierte Blendwerk" zu durchschauen. "Lenin vor allem verdanke ich es, dass ich mich befreite von den Provokationen eines Nietzsche." Er habe dann, bekennt Becher, in Maxim Gorki die Alternative gesehen.

Das Nietzsche-Archiv war noch in der Sowjetischen Besatzungszone geschlossen worden und wurde erst 1991 wieder eröffnet. Dennoch setzte in Ostdeutschland schon 1986 eine weitreichende und verständnisvolle Neubewertung Nietzsches ein als Signal für einen allmählichen Wandel des geistigen und politischen Klimas im östlichen Deutschland. Aber die Veröffentlichung der Schriften Nietzsches blieben reglementiert.( Die Nietzsche-Rezeption in der DDR ist übrigens ein Kapitel für sich, sie kann hier nur kurz angedeutet werden.)

Gegenwärtig übt Nietzsche eher indirekte Wirkungen aus. Seine geistigen Erfahrungen werden gleichsam unterirdisch, untergründig weiter getragen und aufgenommen, ohne dass die

Quelle jedem noch bewusst ist. Grass macht es beispielsweise

nichts aus, weil ihm so viel einfällt, auch mal Nietzsche oder eben Böll oder Claudel oder Frisch sozusagen weiterzuschreiben. Nicht nur im "Butt", aber hier ganz besonders, wimmelt es bei ihm von Nietzsche-Analogien. Botho Strauß ist ebenfalls, so in "Paare, Passanten", ein gelegentlich und unaufdringlich ins Denkspiel gezogener Kronzeuge. Allerdings meint Matthias Politycki, Botho Strauß habe "den Willen zur Macht" nur als das seelenlose "Böse auf Erden" zu verdauen gewusst. Umberto Eco hat sich Nietzsches Positionen, auffällig besonders im "Namen der Rose", zu eigen gemacht. Matthias Politycki vergleicht Nietzsche sogar mit Michael Endes "Scheinriesen" aus "Jim Knopf und der Lokomotivführer": "Furchterregend aus der Ferne, bei näherem Kennenlernen jedoch überängstlich und 'delicat'". Und wenn es in einer Erzählung von Peter Stamm heißt:" Glück ist, das zu wollen, was man kriegt", fühlt man sich unweigerlich an Nietzsches Amor fati erinnert. Nadolny äußert sich in "Entdeckung der Langsamkeit" über Krankheit geradezu im Nietzsche'schen Sinne, wenn er behauptet: "Krankheit war keine schlechte Methode, um den Überblick wiederzugewinnen."

Gerade jüngere Literaten beschäftigen sich heute wieder mit Nietzsche, insbesondere der Lyriker und Essayist Durs Grünbein und der Romancier und Essayist Matthias Politycki. Wie sehr der Verlust des Ewigkeitsanspruchs, den der Mensch als Geschöpf Gottes einst zu haben glaubte, dem modernen Bewusstsein auch heute noch zu schaffen macht, geht aus einem Gedicht von Durs Grünbein hervor. "Was du bist, steht am Rand/Anatomischer Tafeln.! Dem Skelett an der Wand/Was von Seele zu schwafeln/Liegt gerad so verquer/ Wie im Rachen der Zeit! (Kleinhirn,Stammhirn her)! Diese Scheiße Sterblichkeit."

Im Ganzen gesehen ist Nietzsches literarischer Einfluss geringer geworden, gemessen an den theoretischen Abhandlungen über den Philosophen Friedrich Nietzsche. Doch hin und wieder wird auch in literarischen Zusammenhängen sein Name noch genannt. Hier zwei Beispiele: Im März 2000 wurde in Paris ein Theaterstück von Richard Foreman auf geführt mit dem Titel"Bad boy Nietzsche". Es erntete überwiegend schlechte Kritiken, weil es ein halbes Jahrhundert zu spät gekommen sei. Es zeige zwar, wie sehr die Menschen verzweifeln, wenn sie für das eigenen Handeln keine Maßstäbe mehr haben. Aber das Stück sei doch, befanden Kritiker, eine anbiederische anachronistische Verweigerung von Religion und

Philosophie, in der man sich lustig mache über Gott und alle

Denker, also auch über den Herrn Nicht(gemeint ist damit Nietzsche) "diesen Kasperl".

Udo Marquardt nimmt es auf die leichtere Schulter und teilt uns in "Spaziergänge mit Sokrates" seine eigenen Entdeckungen mit. Nietzsche habe, fand Marquardt heraus, sogar Fernsehkritik geübt und in seiner Schrift "Nietzsche contra Wagner" darauf hingewiesen, dass es eine Sache der Schicklichkeit sei, "dass man nicht alles nackt sehn, nicht bei allem dabei sein, nicht alles verstehen und wissen" müsse. Licht aus, habe Nietzsche gefordert. Denn wer alles sieht, ist unanständig, und das gilt bei Nietzsche, der mit dem Hammer philosophieren wollte, sogar für Gott. In einer kleinen ironischen Geschichte lässt er ein kleines Mädchen seine Mutter fragen:"Ist es wahr, dass der liebe Gott überall zugegen ist", und als das kleine Mädchen erfährt, dass der liebe Gott alles sieht, sagt es nur:"Ich finde das unanständig. "Außerdem beweist das Fernsehprogramm, so Marquardt, Nietzsches Theorie von der ewigen Wiederkehr des Gleichen.


zurück vor auf ursula@UrsulaHomann.de Inhaltsverzeichnis