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Auf Nietzsche beriefen sich viele

Nicht wenige Dichter und Schriftsteller schrieben Bücher über Nietzsche, zum Teil früher als die Philosophen, und haben, seine Anliegen oft besser erfasst als ihre Kollegen vom philosophischen Fach. Gustav Landauer verfasste 1893 den ersten Nietzsche-Roman. Auch in Malraux' Buch "La Lutte avec l'ange" und in Thomas Manns Roman "Dr.Faustus" fand Nietzsches Biographie ihren literarischen Niederschlag.

O'Neill zollte Nietzsche Tribut, als er den Nobelpreis entgegennahm und hat immer wieder betont, wie tief er ihm verpflichtet sei. Auf Nietzsche beriefen sich aber auch Anhänger und Vertreter des Naturalismus, Symbolismus, Expres-

sionismus sowie des literarischen und philosophischen Existentialismus. Nicht zufällig blickt aus dem Expressionismus mit seinen Katastrophenahnungen, seinem Griff ins Chaos, seinem Zug zum Absoluten, seinem Rückzug aus der Wirklichkeit in den Rausch des Geistes und in archaische Phantasien das Gesicht des späten Nietzsche. Den Expressionisten erschien die Erkenntnistheorie Nietzsches als Befreiung, weil sie metaphysische Wahrheiten und die Objektivität der Wirklichkeit zu wenig mehr als Illusionen erklärte.

Nietzsches Ästhetik, das heißt seine Betonung des Lebens und der Kunst, hat die Künstler im Allgemeinen und die Dichter im Besonderen begeistert: Wie kaum ein anderer Denker hat Nietzsche die Moderne beeinflusst und den literarischen Modernismus initiiert, den Futurismus und den Dadaismus. Vor allem das zweite Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts belegt in vollem Umfang, wie stark die deutsche Literatur und das deutsche Geistesleben seit 1890 von Nietzsche bestimmt sind.

Auf den Lyriker und Mitbegründer des literarischen Expressionismus Georg Heym, der im Alter von 25 Jahren beim Schlittschuhlaufen auf dem Wannsee 1912 ertrank, hatte die Lektüre der Werke Nietzsches einen so tiefen Eindruck gemacht,dass er sich wünschte,"sein Leben nun umzugestalten, um ein Pfeil zum Übermenschen zu werden", wie er in sein Tagebuch schrieb. Paul Celan(1920-1970)schwärmte ebenfalls in jungen Jahren für Nietzsches Zarathustra, was ihm bei seinen Mitschülern in Czernowitz den Spitznamen "Übermensch" eintrug. Dies soll ihn aber "nicht sonderlich gestört" haben. Nietzsche hatte weitreichende Folgen und erregte die Gemüter von Freund und Feind. Die einen verherrlichten als Märtyrer der Erkenntnis, die anderen hielten seinen Wahnsinn für die notwendige Folge seiner Vermessenheit.

Im Grunde hat Nietzsche überall Spuren hinterlassen, insbesondere in der schönen Literatur. Man lese nur einmal die vielen Mono- und Biographien über Schriftsteller und Dichter des 19. und 20.Jahrhunderts, um zu ermessen, wie viele von ihm angeregt worden sind oder sich mit ihm auseinandergesetzt haben.

Die älteren Zeitgenossen haben Nietzsche durchweg bekämpft und verspottet, die jüngeren und nachwachsenden Generationen

nahmen ihn dagegen begeistert auf. Stefan Zweig schildert diesen Vorgang anschaulich in seiner Autobiographie "Die Welt von Gestern": "Während der Lehrer über Schillers 'Naive

und sentimentale Dichtung' seinen abgenutzten Vortrag hielt,

lasen wir unter der Bank Nietzsche und Strindberg, deren Namen der brave, alte Mann nie vernommen." Der Bezug auf "den damals noch verfemten Nietzsche" sei vielen Herzenssache gewesen, schrieb Zweig weiter. Schließlich brauche der Geist von Zeit zur Zeit einen dämonischen Menschen, dessen Übergewalt sich auflehnt gegen die Gemeinschaft des Denkens und die Monotonie der Moral. Zweig, ein Humanist ohne Ideologie, blieb übrigens auch nach Hitlers Aufstieg zur Macht ein enthusiastischer Befürworter von Nietzsches Philosophie.

Nietzsches Einfluss auf Rainer Maria Rilke(1875-1926)datiert etwa seit der Bekanntschaft mit Lou Andreas Salomé Anfang 1897 und schlägt sich im "Florentiner Tagebuch" nieder.

Es gibt Ähnlichkeiten zwischen Nietzsche und Rilke in der intensiven Gottsuche und in der Erfahrung und im Ausdruck von Einsamkeit. Nietzsche schreibt: "Weh dem, der keine Heimat hat", Rilke: "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr." Beide bejahen das Leid als Quelle der Freude und bemühen sich, die Beziehung zwischen Denken und Fühlen neu zu bestimmen. Nietzsche klagt: "O, Zarathustra, das Suchen war meine Heimsuchung. Es frisst mich auf." Rilke drückt sein leidenschaftliches Suchen nach Gott mit folgenden Sätzen aus:"Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und

ich kreise Jahrtausende lang" und an anderer Stelle heißt es:"Der Weg zu dir ist furchtbar weit, und weil ihn lange keiner ging, verweht." Beide glaubten, nur der Mensch selbst könne der Erlöser des Daseins sein. Nietzsche sah die rettende Möglichkeit im Übermenschen, Rilke in der "Engelsschau

einer Welt,entkörpert in menschlicher Innerlichkeit." Nietzsches Ton klinge, meint Erich Heller, gebieterischer, Rilkes Auftrag sei bescheidener. "Rilke ist der heilige Franziskus des Willens zur Macht."

Franz Kafkas Nietzsche-Rezeption begann 1900 mit der Lektüre

der "Geburt der Tragödie". Mit Hilfe einzelner Passagen aus

"Also sprach Zarathustra" soll er sogar versucht haben, ein

Mädchen zu verführen. Während des Studiums hat sich Kafka an Diskussionen über Nietzsche, nach Aussagen seiner Freunde, beteiligt. Doch weder in seinen Tagebüchern noch in seinem Briefwechsel wird Nietzsche namentlich erwähnt. Andererseits ist das ständige Kreisen um Gott Grundthema auch bei Kafka(1883-1924), insbesondere in seinem Roman "Das Schloß".

Wahrscheinlich hat Kafka, wie Thomas Mann im Doktor Faustus,

ihn nicht genannt, weil der Philosoph, nach einem Ausspruch

von Gerhard Kurz, in Kafkas Werk so präsent sei,"wie Salz im

Meerwasser". Kurz faßt das Verhältnis zwischen dem Denken Nietzsches und dem Kafkas wie folgt zusammen:"Nachdem er ihn während seiner Gymnasialzeit entdeckt hatte, blieb Kafka Nietzsches Denken treu bis zu seinem Tode." Nietzsches Philosophie mit der Einsicht in den zwiespältigen Charakter unserer modernen Welt und Kafkas Romane erteilten sowohl dem Rationalismus als auch dem Hegelianismus eine Absage, indem sie die Unlösbarkeit des Scheins und den zeitgemäßen Charakter des Wahrheitsbegriffs vor Augen führen. Im Gegensatz zu Hegel definiert Nietzsche - gemäß seiner Erkenntnistheorie - die Kunst "als den guten Willen zum Scheine" und verabschiedet sich von der metaphysischen Wesenssuche.

Zwischen Kafka und Nietzsche bestand offensichtlich eine gewisse Affinität. Um so mehr verwundert es, dass Max Brod, der Franz Kafka sehr geschätzt und über ihn viele Bücher geschrieben hat, Nietzsche stets abgelehnt hat und in ihm den genauen Gegenpol zu Kafka sah. Doch der Lyrik und dem feinen Kunstverständnis von Nietzsche hat auch Brod seine Anerkennung nie versagt. Die Literatur indessen, die auf Nietzsche basiert, hielt Brod für heidnische Verirrungen und Rückfälle.

Bei Robert Musil, der Nietzsche schon mit 18 Jahren gelesen hatte, finden sich kontinuierlich Äußerungen zu Nietzsche in den Tagebüchern. Er war auch die geistige Hintergrundfigur seines Romans "Mann ohne Eigenschaften". Wie Thomas Mann war auch Robert Musil ein kritischer Nietzsche-Leser. In sein Tagebuch notierte er, Nietzsche gleiche einem, der hundert neue Möglichkeiten erschlossen und keine ausgeführt habe. Musil selbst, der in Nietzsche einen geistigen Vor-Mund sah, hat in seinen späten Jahren, wie viele Autoren, aus Nietzsches Werk das ihm Gemäße ausgesucht, unter Vernachlässigung anderer bedeutender Aspekte. So wird die metaphysische Komponente, der Heidegger mehr als tausend Seiten gewidmet hat, fast ganz beiseite gelassen. Nichts in Musils Nietzschebild legt nahe, dass es sich bei diesem Denker, nach einem Urteil von Heidegger, um das Ende und die Vollendung der abendländischen Metaphysik handelt.

Robert Walser ging dagegen so weit, Nietzsches Vorstellung "Wille zur Macht" und "Herrenmoral" als perfide Rache eines Ungeliebten zu deuten, und erklärte den "Willen zur Macht" als Ressentiment des "gekränkten Knechtes.

Das Leitmotiv von Nietzsches Leben und Denken, nämlich das

Thema vom antipolitischen Einzelnen, der, fernab von der modernen Welt, nach Selbstvervollkommnung strebt, findet sich, wie bei vielen anderen, auch in dem Werk von Hermann Hesse (1877-1962), allerdings ohne Nietzsches polemisches Beiwerk. Hesse hatte Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg verlassen und sich, wie einst Nietzsche in die Abgeschiedenheit der Schweizer Bergwelt zurückgezogen. Nietzsche hatte in "Zarathustra" dem Einzelgänger eine mehr als poetische Legitimation erteilt. Hesse wiederum bezog sich vor allem auf Zarathustras Grundsatz: Wenn neues Heil kommt, dann nur aus jedem einzelnen Individuum selbst, nicht aber aus Volk und Gesellschaft. Dieses Motiv entwickelte Hesse in seinen Romanen, angefangen von Demian und Siddharta bis hin zum Glasperlenspiel, für den er den Nobelpreis erhielt. Parallelen gibt es aber auch zwischen Nietzsches Frühwerk"Die Geburt der Tragödie" und Hesses "Hermann Lauscher". Ähnlich wie bei Nietzsche folgten auch bei Hesse auf die romantischen Rauschzustände derbere Einsichten. In Hesses "Peter Camenzind" wiederum ist der Philosoph von großer Bedeutung für das geistige Erwachen des Helden. Im Grunde durchzieht Nietzsches Philosophie Hesses Gesamtwerk. Bezeichnend ist für Hesse die Polarität von amor fati und franziskanischer Opfergesinnung.


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