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Engel im Sachbuch

Gegenwärtig sind die Sachbücher über Engel kaum noch zu zählen. Nicht wenige Autoren, wie Ute York, untersuchen Entstehung und Aufgaben der Engel. Über die Engel des Lebens und den gefallenen Engel hat sich der theologisch versierte Uwe Wolff in bilderreichen Bänden gleichfalls Gedanken gemacht. "Kann man an Engel glauben? Kann man sie erfahren?" fragt dagegen etwas skeptisch der Theologe Herbert Vorgrimler. Wer jedoch wissen will, welche Rolle die Boten Gottes in der Weltliteratur spielen, ist mit Haffmans 'Himmlischem Hausbuch der Engel und dem in der Manesse Bibliothek erschienenen Engel-Band bestens bedient.

Ein ungewöhnliches Engelbuch, das völlig aus dem Rahmen der bisher üblichen Publikationen fällt, ist Michel Serres' "Die Legende der Engel." Bei ihm haben sich die Engel zu modernen Telegeschöpfen gemausert. Sie benutzen die heutigen Technologien mit all ihren Raffinessen, um mit Überschallgeschwindigkeit ihre Botschaften zu verbreiten. Sie sitzen in Halbleitern, Wendeschaltern, in Umformern, Gleichrichtern, Chips und Mikroprozessoren, in Großrechnern, Teleskopen, in den Cockpits der Flugzeuge und sind mit allen Systemen der modernen Datenübermittlung bestens vertraut. Als Adapter, Impulse, als Wellen, Codes, elektronische Signale bewohnen sie Maschinen, nisten sich in den Medien ein und versorgen uns mit wichtigen und oft auch überflüssigen Informationen aus aller Welt. Mit ihren einstigen Dienstleistungen, frohe Botschaften zu überbringen, die Geburt Jesu anzukündigen und andere Aufträge Gottes auszuführen, haben ihre jetzigen Funktionen nichts mehr zu tun. Stattdessen sorgen die heutigen Engel dafür, dass dieses Universum perfekt funktioniert und dass durch weit gespannte Kommunikationsnetze die Menschheit zu einer Einheit verschmilzt.

Serres' Engel sind mithin weder Museumsobjekte noch Märchengestalten, sondern aktive Energie des Alls, verantwortliche Partner unseres irdischen Schicksals. Der an der Sorbonne und an der Stanford University lehrende Philosoph bedient sich ihrer im allegorischen Sinne. Für ihn sind Engel ein Sinnbild und Interpretationsschlüssel für unser modernes Kommunikationszeitalter. Der Einfall ist so übel nicht, zumal uns der Autor seine Gedanken anhand einer kleinen philosophischen Erzählung, die man ebenso gut als Liebesgeschichte lesen kann, vorführt. Schauplatz des Geschehens ist die Halle des Pariser Flughafens Charles-de-Gaulle. An diesem unruhigen Ort, in dem Durchsagen über die Lautsprecher durcheinander schwirren und Menschen zwischen den An- und Abflügen der Flugzeuge hin und her hasten, treffen sich Pia und Pantope. Pia ist Flughafenärztin, Pantope Inspizient der Air France. Sie spielt die unwissende Naive, die an Engel glaubt und sie auch tatsächlich überall wahrnimmt. Er findet diese Legenden anfangs ein wenig lächerlich und wehrt sie ironisch ab. In langen gelehrten Disputen, in denen der Autor all sein Wissen und die Ergebnisse seines Nachdenkens demonstriert, sprechen sie über Engel aus der Sicht der Menschen, der Arbeit, der Stadt, der Sprache und aller erdenklichen Übermittlungstätigkeiten. Später dreht sich ihr Gespräch um Gott, Teufel, Hölle, Fegefeuer, Jüngstes Gericht und Paradies. Zwischendurch gesellen sich zu den beiden noch Pias Bruder Jacques und dessen kleine Tochter Angelique hinzu. Die Erwachsenen sind ungeheuer gebildet und kennen sich in allen Winkeln und Ecken der Mythologie, der Architektur-, Natur-, Kunst-, Wissenschafts- und Religionsgeschichte gut aus.

Aber was erfahren wir aus ihren Gesprächen? Zum Beispiel, dass sich in unserer schönen neuen Welt die Überbringer von Botschaften unaufhörlich vermehren. Doch je mehr Engel als Meldereiter fungieren, je mehr Wellen-Kreaturen entstehen, desto größer wird unser Abstand zu Gott. Wo heute Engel sind, so das Fazit des Buches, hat die Offenbarung ausgespielt. Gott ist gegenwärtig nur noch in der Form der Abwesenheit. Diese Lücke nutzen die Engel und springen ein; "sie sind das göttliche Kleingeld, Statthalter seiner Abwesenheit."

Serres' "Legende der Engel" beschreibt eine Welt, in der es nichts mehr zu entdecken gibt, in der die Menschen den Boden unter den Füßen verloren haben, in der man das Ziel nicht mehr sieht und in der vielleicht mehr Fragen als früher ungelöst bleiben, wie die Fragen: Was ist Wirklichkeit? Was ist Geschichte? Welche Botschaften verbreiten die Engel? Welchem Ziel dienen sie? Die Menschheit kommuniziert, aber was kommuniziert sie? Und warum kommuniziert sie? Haben wir uns über dieses weltweite Kommunikationsnetz überhaupt noch etwas zu sagen? Wir erfreuen uns zwar mannigfaltiger Beziehungen, die die Engel für uns anknüpfen. Dennoch läßt sich auf diese Weise der allgemeine Mangel an Liebe nicht beheben. Wo Signale auf Signale antworten, besitzt das Wort zwar Überschallgeschwindigkeit, aber wir kennen nicht seinen tieferen Sinn. Unser Ideal der Perfektion und Formvollendung werden in Serres' umfangreichem Band gründlich in Zweifel gezogen. Am Schluss formulieren Serres' Protagonisten den etwas sibyllinischen Satz: "Wir haben gefunden, was wir nicht mehr verlieren können, auch wenn es verschwunden ist."

Geblendet von der opulenten Fülle der herrlichen Bilder, mit denen das Buch reichlich ausgestattet ist, geblendet von der rhetorischen Gewandtheit und profunden Gelehrsamkeit des französischen Wissenschaftlers, legt man den Band ein wenig atem- und sprachlos aus der Hand. In der Tat, Serres' "Legende der Engel" ist ein imposantes, ein beeindruckendes, ein anspruchsvolles Werk, doch im Gegensatz zu den eher volkstümlichen und manchmal auch etwas schlichten Engelbüchern, fühlt sich der Leser von Serres abstrakten Engelgestalten gefühlsmäßig kaum angesprochen und sein Herz nicht erwärmt.


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