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"Eines Freundes Freund zu sein".

Über die Freundschaft von Goethe und Schiller

Über die Bedeutung "eines Freundes Freund zu sein".

"Selig, wer sich vor der Welt

Ohne Hass verschließt,

Einen Freund am Busen hält

Und mit dem genießt",

dichtete der eine, ähnlich der andere, nur etwas enthusiastischer:

"Wem der große Wurf gelungen,

Eines Freundes Freund zu sein,

Wer ein holdes Weib errungen,

Mische seinen Jubel ein!"

Sie haben es sicher längst erraten, wer diese Verse verfasst hat, der eine war Johann Wolfgang Goethe und der andere sein Freund und Dichterkollege Friedrich Schiller.

Sie haben einander zwar schwerlich "am Busen gehalten", schließlich haben sie nie zum vertraulichen Du gefunden, aber ihre Freundschaft, die erst spät begann und der nur gerade zehn Jahre beschieden waren für Gedankenaustausch und gemeinsames Wirken, für gegenseitige Anregung und fördernde Kritik, war innig und herzlich und sucht noch heute ihresgleichen. Dabei hatte die Freundschaft zwischen den beiden Dichterkollegen anfangs unter ungünstigen Vorzeichen gestanden. Lange Zeit hatte nichts darauf hingedeutet, dass sich die beiden einmal finden und einander so viel bedeuten würden wie es dann tatsächlich der Fall war.

Schiller sah den berühmten Dichter des "Götz" und des "Werther" zum ersten Mal, als der Weimarer Herzog mit Goethe und seiner Begleitung im Dezember 1779 auf der Rückreise aus der Schweiz die "Hohe Karlsschule" in Stuttgart besucht und dort "den Feyerlichkeiten des Jahrestags der Militär-Akademie beygewohnt" hat, wie Goethe am 20.12.1779 verlauten ließ. Bei dieser Gelegenheit war der zwanzigjährige Eleve Friedrich Schiller in der Anstalt seines Herzogs Carl Eugen von Württemberg, der Karlsschule im Neuen Schloss, mit einem Preis ausgezeichnet worden.

Am 21.Juli 1787 kam Schiller, nachdem er schon mancherlei geschrieben und erlebt hatte, nach Weimar, der kleinen Residenzstadt, die viel berühmter war als die meisten größeren Residenzstädte in Deutschland, weil die kunstliebende Herzoginmutter Anna Amalia und ihr regierender Sohn Carl August sie zu einem "Musensitz" gemacht hatten. Wieland, Goethe und Herder hatten sich anwerben lassen und gaben der Stadt Glanz und Gepräge, so dass ihr schon bald der Ehrename "Ilm-Athen" zugesprochen wurde.

Auch Schiller hatte der Ruf von Goethe, Wieland und Herder hierher gelockt. Doch der Dichterfürst war noch in Italien, und so wurde sein Geburtstag in seinem Gartenhaus ohne ihn, aber mit Schiller gefeiert. Es sollte noch eine Weile dauern bis deren Freundschaft tatsächlich begann. Goethe hatte nämlich zunächst gar kein Interesse, Schiller kennen zu lernen, und dieser wiederum vermied es, sich dem Älteren aufzudrängen. Sechs Jahre lang ging Goethe seinem jungen Kollegen aus dem Weg. Für Schiller waren es sechs bittere Jahre. Doch Goethe fühlte sich zunächst vom Werk des Jüngeren abgestoßen.

Nach seiner Rückkunft aus Italien schrieb er, er habe u.a. Schillers "Räuber" vorgefunden. Dieses Stück sei ihm "verhasst", "weil ein kraftvolles, aber unreifes Talent gerade die ethischen und theatralischen Paradoxen, von denen ich mich zu reinigen gestrebt, recht im vollen hinreißenden Strome über das Vaterland ausgegossen hatte....ich vermied Schillern, der, sich in Weimar aufhaltend, in meiner Nachbarschaft wohnte. Die Erscheinung des 'Don Carlos' war nicht geeignet, mich ihm näher zu führen...Sein Aufsatz über 'Anmut und Würde' war eben so wenig ein Mittel, mich zu versöhnen...er, im höchsten Gefühl der Freiheit und Selbstbestimmung, war undankbar gegen die große Mutter, die ihn gewiss nicht stiefmütterlich behandelte... Gewisse, harte Stellen sogar konnte ich direkt auf mich deuten, sie zeigten mein Glaubensbekenntnis in einem falschen Lichte.."

Andererseits hat Schillers Publikumserfolg Goethe sehr irritiert. Nichtsdestotrotz vermittelte er im Dezember 1788 die Berufung Schillers auf eine Professur für Geschichte an der Universität Jena nach Beratung mit Carl August und dem Herzog von Gotha. Am 21.Januar 1789 wurde Schiller zum Professor extraordinarius in Jena ernannt und hielt dort im Mai mit bravourösem Erfolg seine Antrittsvorlesung. In den kommenden fünf Jahren beschäftigte er sich fast ausschließlich mit historischen und philosophischen Arbeiten. Zehn Jahre lebte er in Jena, die erste Hälfte dieser Zeit von Weimar nicht nur räumlich getrennt, fern auf jeden Fall von Goethe.

An seinen Freund Christian Gottfried Körner schreibt Schiller am 2.2.1789: "fters um Goethe zu sein würde mich unglücklich machen.. Ich glaube in der Tat, er ist ein Egoist in ungewöhnlichem Grade.. Ein solches Wesen sollten die Menschen nicht um sich heraufkommen lassen. Mir ist er dadurch verhasst, ob ich gleich seinen Geist von ganzem Herzen liebe und groß von ihm denke." Und am 9.3.1789 richtet er an Körner folgende Zeilen: "Dieser Mensch, dieser Goethe, ist mir einmal im Wege, und er erinnert mich so oft, dass das Schicksal mich hart behandelt hat. Wie leicht ward sein Genie von seinem Schicksal getragen, und wie muss ich bis auf diese Minute noch kämpfen!"

Ein Jahr zuvor war es am 7.September 1788 in Rudolstadt zu einer ersten persönlichen Begegnung der beiden Dichter gekommen. Aber die Gesellschaft, zu der Luise von Lengefeld geladen hatte, war so groß, dass sie es Goethe erlaubte, Schiller nicht besonders zu beachten. Dessen Enttäuschung machte sich in einem Bericht an Körner Luft.

"Sein erster Anblick stimmte die hohe Meinung ziemlich tief herunter, die man mir von dieser anziehenden und schönen Figur beigebracht hatte. Er ist von mittlerer Größe, trägt sich steif und geht auch so, sein Gesicht ist verschlossen, aber sein Auge sehr ausdrucksvoll, lebhaft und man hängt mit Vergnügen an seinem Blick .. freilich war die Gesellschaft zu groß und alles auf seinen Umgang zu eifersüchtig, als dass ich viel allein mit ihm hätte sein oder etwas anders als allgemeine Dinge mit ihm sprechen können.. Im ganzen genommen ist meine in der Tat große Idee von ihm nach dieser persönlichen Bekanntschaft nicht vermindert worden, aber ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe rücken werden."

Der Bann wurde gebrochen, als Schiller am 13.Juni 1794, mit der förmlichen Anrede: "Hochwohlgeborener Herr, Hochzuverehrender Herr Geheimrat" Goethe schriftlich einlud, an der neu gegründeten Zeitschrift "Die Horen" als Autor und Gutachter mitzuarbeiten, die er, unter Mitwirkung von Johann Gottlieb Fichte, Wilhelm von Humboldt und Carl Ludwig Woltmann, zu Beginn des Jahres 1795 herausgeben wollte. "Der Entschluss Euer Hochwohlgeborenen, diese Unternehmung durch Ihren Beitritt zu unterstützen, wird für den glücklichen Erfolg derselben entscheidend sein, und mit größter Bereitwilligkeit unterwerfen wir uns allen Bedingungen, unter welchen Sie uns denselben zusagen wollen." Am 24.Juni sagte Goethe seine Mitarbeit bei den "Horen" zu: "Ich werde", schrieb er, "mit Freuden und von ganzem Herzen von der Gesellschaft sein" und versicherte einen Tage später am 25.Juli, dass er sich "auf eine öftere Auswechslung der Ideen" lebhaft freue.

Schiller hatte Goethes Mitarbeit bei den "Horen" nicht zuletzt deshalb gewünscht, um der neuen Zeitschrift Ansehen zu verschaffen. Goethe wiederum kam die Einladung gelegen, weil er seit längerem am literarischen Leben wenig beteiligt war und, nach eigenem Eingeständnis, hoffte, dass die neue Verbindung nun manches, was bei ihm ins Stocken geraten war, wieder voranbringen würde. Knapp vier Wochen darauf kam es in Jena zu jener bemerkenswerten Begegnung der beiden, über die Goethe dann nach vielen Jahren unter der Überschrift "Glückliches Ereigniß" berichtet hat.

Beide hatten eine Veranstaltung der "Naturforschenden Gesellschaft" im Hause des Mediziners und Botanikers Karl Batsch besucht und die Veranstaltung "zufällig" gemeinsam verlassen. Ein Gespräch knüpfte sich an. Aber hören wir selbst, was Goethe darüber schreibt: "Wir gelangten zu seinem Haus, das Gespräch lockte mich hinein; da trug ich die Metamorphose der Pflanze lebhaft vor, und ließ, mit manchen charakteristischen Federstrichen, eine symbolische Pflanze vor seinen Augen entstehen. Er vernahm und schaute das alles mit großer Teilnahme, mit entschiedener Fassungskraft; als ich aber geendet, schüttelte er den Kopf und sagte: 'Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee.' Ich stutzte, verdrießlich einigermaßen: denn der Punkt, der uns trennte, war dadurch aufs strengste bezeichnet. Die Behauptung aus 'Anmut und Würde' fiel mir wieder ein, der alte Groll wollte sich regen, ich nahm mich aber zusammen und versetzte: 'Das kann mir sehr lieb sein, dass ich Ideen habe ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe.'" Mit diesem Disput war der erste Schritt aufeinander zu getan.

Zwei Tage später folgt eine Begegnung ihm Hause Wilhelm von Humboldts. Beide haben darüber später berichtet, und Wilhelm von Humboldt notiert am 22.7.1794 in sein Tagebuch: "Abends assen Schillers und Göthe bei uns".

Ende August 1794 schrieben beide einander deutende und einander anerkennende Briefe. Vor allem Goethe fühlte sich durch den Brief von Schiller von diesem verstanden und dankte ihm mit folgenden Worten: "Zu meinem Geburtstage ...hätte mir kein angenehmer Geschenk werden können als Ihr Brief, in welchem Sie mit freundschaftlicher Hand, die Summe meiner Existenz ziehen und mich, durch Ihre Teilnahme zu einem emsigern und lebhafteren Gebrauch meiner Kräfte aufmuntern.

Reiner Genuss und wahrer Nutzen kann nur wechselseitig sein, und ich freue mich Ihnen gelegentlich zu entwickeln; was mir Ihre Unterhaltung gewährt hat, wie ich von jenen Tagen an auch eine Epoche rechne und wie zufrieden ich bin, ohne sonderliche Aufmunterung, auf meinem Wege fortgegangen zu sein, da es nun scheint als wenn wir, nach einem so unvermuteten Begegnen, mit einander fortwandern müssten. Ich habe den redlichen und so seltenen Ernst, der in allem erscheint was Sie geschrieben und getan haben, immer zu schätzen gewusst, und ich darf nunmehr Anspruch machen durch Sie selbst mit dem Gange Ihres Geistes, besonders in den letzten Jahren, bekannt zu werden."

Für September schon lud Goethe den neuen Partner in sein Haus nach Weimar ein. Schiller sagte "mit Freuden" zu, verbarg aber nicht, dass er wegen seiner Krankheit mit den störenden nächtlichen Krämpfen nie genau wisse, wann er sich wohlfühle, wünschte, dass sich niemand durch ihn gestört fühle und schloss den ergreifenden Satz an: "Ich bitte bloß um die leidige Freiheit, bei Ihnen krank sein zu dürfen." Vierzehn Tage waren beide in Weimar zu ausgiebigem Gedankenaustausch zusammen. Von nun an sahen sich die beiden, die, wie Goethe es dann in einem Brief an Schiller nannte, einen "Bund des Ernstes und der Liebe" geschlossen hatten, regelmäßig. Fast täglich hatten von Beginn an Botenfrauen oder die fahrende Post Sendungen zwischen beiden zu befördern. Die Freunde borgten einander Bücher, tauschten Manuskripte aus, die Arbeit an den "Horen" ging voran, die "wissenschaftliche Correspondenz" begann. Sie führten "ein Werkstattgespräch in Permanenz", schreibt Sigrid Damm in ihrer Schiller-Biographie. Beide waren sich erstaunlich schnell näher gekommen und fanden zu einem intensiven Arbeitsbündnis zusammen, in dem jeder gab und nahm und das nur Schillers Tod am 5.Mai 1805 aufkündigen konnte.

Oft hielt sich Goethe in Jena auf. Für kürzere oder für längere Zeit setzte er sich von Weimar ab, um sich in der nahen Universitätsstadt in seine wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeiten vertiefen und mit Gelehrten und Freunden unterhalten zu können.

"Goethe ist seit dem 5.hier und bleibt diese Tage noch hier, um meinen Geburtstag mit zu begehen. Wir sitzen von abend 5 Uhr bis nachts 12 auch 1 Uhr zusammen und schwatzen", ließ Schiller Wilhelm von Humboldt am 9.11.1795 wissen. Dass sich der Bund mit Schiller so schnell festigte, beweist, wie sehr Goethe, der nach seiner Italienreise vereinsamt und an einem schöpferischen Tiefpunkt angelangt war, gerade damals eine Verbindung wünschte, in der er sich verstanden wusste und schöpferische Anregungen erhielt. darum der wiederholte lebhafte Dank, "um den einzigen Fall auszudrücken, in dem ich mich nur mit Ihnen befinde" (7.7.1796) und die emphatische Versicherung: "Sie haben mir eine zweite Jugend verschafft und mich wieder zum Dichter gemacht" (6.1.1798).

Beide Dichter haben sich über ihre Freundschaft wiederholt geäußert: Schiller in mannigfachen Briefberichten, vor allem an seinen Freund Körner, Goethe in einem späteren Rückblick "Erste Bekanntschaft mit Schiller" von 1817 und in "Ferneres in Bezug auf mein Verhältnis zu Schiller" von 1825.

Schiller schreibt beispielsweise an Christian Gottfried Körner am 1.9.1794: "Bei meiner Zurückkunft fand ich einen sehr herzlichen Brief von Goethe, der mir nun endlich mit Vertrauen entgegenkommt. Wir hatten vor sechs Wochen über Kunst und Kunsttheorien ein langes und breites gesprochen und uns die Hauptideen mitgeteilt, zu denen wir auf ganz verschiedenen Wegen gekommen waren. Zwischen diesen Ideen fand sich eine unerwartete Übereinstimmung, die um so interessanter war, weil sie wirklich aus der größten Verschiedenheit der Gesichtspunkte hervorging. Ein jeder konnte dem anderen etwas geben, etwas ihm fehlte, und etwas dafür empfangen."

Friedrich Wilhelm David Hoven erhielt von Schiller am 22.11.1794 folgende Zeilen: "Überhaupt bin ich in diesem Sommer endlich mit Göthen genau zusammen gekommen, und es vergeht keine Woche, dass wir einander nicht sehen oder schreiben...In naturhistorischen Dingen ist er trefflich bewandert und voll großer Blicke, die auf die konomie des organischen Körpers ein herrliches Licht werfen.. Über die Theorie der Kunst hat er viel gedacht und ist auf einem ganz anderen Wege als ich zu den nämlichen Resultaten mit mir gekommen."

Beide konzentrieren sich ganz auf das Gespräch miteinander und auf ihre Zweisamkeit. Nach einem Besuch Schillers im Haus am Frauenplan schreibt Goethe "Schiller .. bringt durch seinen Antheil viel Leben in meine oft stockenden Ideen." Schiller wiederum charakterisiert die Begegnung mit Goethe als das "wohltätigste Ereigniß seines ganzes Lebens" und bekennt in den Herbsttagen 1794 Goethe gegenüber:

".. ich bin Ihnen nahe mit allem, was in mir lebt und denkt." Auch von Goethes Seite klingt es vertraulich "Leben Sie wohl und lieben Sie mich, es ist nicht einseitig."

Sie ermutigen sich gegenseitig und finden im gegenseitigen Bezug aufeinander, im idealtypologischen Bild des andern, Orientierungshilfe. Schiller schöpfte aus der Welt der Idee, Goethe aus ihrer Beobachtung. Schiller, der bis dahin Goethes Vorstellungsart als zu sinnlich empfand - "überhaupt .. betastet er mir zu viel", hatte er einmal gesagt - erkannte nun, dass er in Goethes empirischer Naturphilosophie Anknüpfungspunkte für sein eigenes theoretisches Denken finden konnte. Goethe wiederum bemerkte, dass Schiller nicht nur ein Feuerkopf und gebildeter Kantianer, sondern zugleich ein an Fragen der antiken Ästhetik und Kunstphilosophie interessierter Kenner war, dessen souveränes Urteil seine eigene Arbeit fördern konnte. Gerade der wechselseitige Respekt vor der künstlerischen Leistung des anderen und die Toleranz gegenüber abweichenden Wertsetzungen begründeten ihr persönliches Verhältnis, dem in der Geschichte der deutschen Literatur nichts Vergleichbares zur Seite zu stellen ist.

Dadurch gelingt ihnen auch, wie spätere soziologisch ausgerichtete Wissenschaftler festgestellt haben, die Stabilisierung des Daseins in einer sozial heterogenen Welt und kommen dem klassischen Dichter als einer ganzen, Totalität repräsentierenden Existenz, näher, von dem Schiller sagt, er sei "der einzige wahre Mensch".

In diesem Sinne zeugt ihre Freundschaft nicht nur von Persönlich-Individuellem, von privater Zuneigung, Verbundenheit, vielleicht gar Liebe; sie zeugt ebenso unübersehbar vom Kampf um einen Wirkungsraum für eine allgemein verbindliche literarische Tätigkeit gegen die Ungunst der realen Verhältnisse und ist auf diese Weise paradigmatisch für die Stellung des Schriftstellers im Übergang zur modernen Gesellschaft.

Was aber vor allem wichtig ist: Schiller hilft Goethe, Gefühle durch Gesetze zu berichtigen und Goethe bewahrt Schiller vor den Gefahren der Abstraktion, hilft ihm, die Intuition zu beleben und den Sinn für das Konkrete zu schärfen. Beide sind einer tief greifenden Auseinandersetzung bedürftig, Schiller will der grundsätzlichen Kälte der Einsamkeit des Denkens entrinnen, Goethe seiner Vereinsamung im Denken, da er in Weimar nur noch wenig neue Anregung erhält. Die verschiedenen Wege, die sie bisher gegangen waren, sind deutlich. Hatte Goethe seine Auffassung von Stil und Schönheit, innerer Gesetzlichkeit und Eigenwert der Kunst in der Anschauung klassischer Werke der Antike und ihrer Nachfolger gewonnen, so war Schiller weit mehr durch die Anstrengung theoretischen Nachdenkens zu ähnlichen Ergebnissen gelangt

Schiller ist der kantianisch geschulte Kopf, der in der Transzendentalphilosophie zu Hause ist, und dem Erfahrung weniger bedeutet als die Idee. Goethe dagegen ist der Empiriker, der intuitive Denker, der praktische Naturforscher mit einer erfahrungswissenschaftlichen Perspektive. Seinem intuitiv arbeitenden Verstand sind über die erfahrbare Welt hinausgehende Spekulationen fremd. So ergänzen sich beide und fügen sich wie zwei Hälften zu einem Kreis, wie Goethe später das wechselseitige Verhältnis gedeutet hat.

Sicher ist es Schillers Einfluss zuzuschreiben, dass sich Goethe auf die Strenge der Theorie einließ, wie sich andererseits Schiller in der Nähe des Partners Macht und Bedeutung des Gegenständlichen, Empirischen, "Betastlichen" neu erschlossen hat. "Es ist hohe Zeit, dass ich für eine Weile die philosophische Bude schließe. Das Herz schmachtet nach einem betastlichen Objekt", gestand er am 17.Dezember 1795. Man bedenke, das schrieb jemand, der noch vor wenigen Jahren gemeint hatte, Goethes Vorstellungsart sei "zu sinnlich" und betaste zu viel.

Doch bedeutete das gegenseitige Sichverstehen keineswegs, mit allem einverstanden zu sein, was der andere vortrug. Aber die Bereitschaft, sich auf einen Diskurs einzulassen, der zudem kongenial war, führte auch immer wieder zur klaren Erkenntnis der eigenen Möglichkeiten und erbrachte die fortlaufende kritische Begleitung des künstlerischen Schaffens.

Ihr einzigartiger Briefwechsel war ebenfalls ein fortlaufender Werkstattbericht zweier schöpferischer Menschen, die sich zu ergänzen und voneinander zu lernen suchten. Über tausend Seiten umfasst ihre Korrespondenz, und ihre Gespräche hat niemand gezählt.

Das Nachdenken der Briefschreiber, deren Freundschaft mit dem Rückzug in die Kunst beginnt - Tagespolitik und Zeitläufe bleiben ausgeklammert - richtete sich durchweg auf grundsätzliche und spezielle Fragen der Kunst, vornehmlich der Dichtung. Gemeinsam suchten sie Grundgesetze der Dichtung und ihrer Genres aufzudecken und damit auch die eigene Praxis poetologisch zu fundieren.

Aber auch im ganz persönlichen, privaten Leben standen sie sich bei, halfen einander und sprangen für den anderen ein, wenn einer von ihnen krank oder unpässlich war. Goethe begegnete der Krankheit des zehn Jahre Jüngeren mit Verständnis und Mitgefühl und hat, wie August Schlegel einmal befand, wie ein "zärtlicher Liebhaber", für Schiller gesorgt.

Schiller wiederum erlebte Goethes Schmerzen um den Tod des vierten Kindes im Oktober 1795 unmittelbar mit - Schmerzen, von denen er und seine Frau verschont geblieben sind. Bei (Goethe und Christiane überlebten von vier Kindern nur ihr Sohn August.) Zudem fand Schiller hinter der geheimrätlichen Maske, die Goethe nach der Rückkehr aus Italien oft angelegt hatte, den Mann und Dichter und war wie Grillparzer und manch anderer überwältigt von der Wärme, die dieser Mann ausstrahlen konnte.

Doch sei nicht verschwiegen, dass Schiller gegenüber Goethes "Ehestand ohne Zeremonie" eine konventionelle Haltung an den Tag legte. Über Christiane Vulpius und Goethes Beziehung zu ihr hat Schiller oft spöttische und aus heutiger Sicht unakzeptable Bemerkungen gemacht oder sich eines befremdlichen Totschweigens Christianes befleißigt.


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