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Ein Autor ist neu zu entdecken - Alfred Döblin

Wird der Name Alfred Döblin erwähnt, dann denkt jeder, der sich in der Literatur auskennt, sofort an Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz", einerlei ob er diesen gelesen hat oder nicht. Dabei hat Döblin sehr viel mehr und über sehr unterschiedliche Themen geschrieben. Er nimmt in der Literatur des 20.Jahrhunderts den gleichen Rang ein wie Franz Kafka und Thomas Mann und hat die deutsche Literatur bereichert wie nur sehr wenige im zwanzigsten Jahrhundert.

Bedauerlicherweise hat das Oeuvre dieses so scharfsichtigen Autors, der sich auch politisch zu Wort meldete, in Deutschland wenig Resonanz gefunden. Laut Günter Grass, der in Döblin seinen wichtigsten Lehrmeister sieht, hat dieser antiklassische Schriftsteller nie eine Gemeinde gehabt, nicht einmal eine Gemeinde von Feinden. Die seinerzeit von Walter Muschg besorgte Ausgabe seiner Werke lag beim Walter-Verlag jahrelange wie Blei. Auch heute fast fünfzig Jahre danach, gehört Döblin nicht unbedingt zu den meistgelesenen deutschen Autoren. Ob sein fünfzigster Todestag am 26.Juni 2007 etwas daran ändern wird, bleibt abzuwarten.

Schon die Biografie von Alfred Döblin bietet genügend Stoff für einen Roman, wie er ihn selbst hätte geschrieben haben können. Geboren wurde Alfred Döblin am 10.August 1878 in Stettin als Sohn des Schneidermeisters Max Döblin und seiner Frau Sophie, geborene Freudenheim. Beide waren jüdischer Herkunft. Mit drei Brüdern und einer Schwester wuchs Alfred Döblin auf. Als er zehn Jahre alt war, verließ der Vater, Besitzer einer Zuschneidestube, im Juli 1888 seine Familie und ging mit einer jungen Angestellten nach Amerika. Dieses Ereignis hat den heranwachsenden Alfred nachhaltig erschüttert und die Mutter veranlasst, mit ihren Kindern zu Verwandten nach Berlin zu ziehen.

In Berlin besuchte Döblin mehrere Schulen. Wenn er an seine Schulzeit dachte, erinnerte er sich einer "ultravioletten Hilflosigkeit in Dingen der Menschenkenntnis und der Pädagogik." Es gab aber auch gute Lehrer, denen er seine vorzügliche Kenntnis der antiken Schriftsteller verdankte.

Nach dem Abitur im September 1900 studierte Döblin Medizin und Philosophie und betätigte sich literarisch. Fünf Jahre später promovierte er in Freiburg. Zunächst arbeitete er an psychiatrischen Anstalten: in Freiburg, in Regensburg und in Berlin, bis er sich als Kassenarzt für Nervenkrankheiten in Berlin-Kreuzberg niederließ.

In dieser Zeit war er mit der Krankenschwester Frieda Kunke eng befreundet, verließ sie aber, als sie im Oktober 1911 von ihm einen Sohn bekam. Dieser wuchs bei der Großmutter im Holsteinischen auf. Frieda starb an Tuberkulose im Januar 1918.

Alfred Döblin selbst heiratete am 28.Juni 1912 die Medizinstudentin Erna Reiss. Aus der Ehe gingen vier Söhne hervor.

Nebenbei ließ er sich in diesen Jahren von Herwarth Walden in die Berliner Kunst- und Literaturszene einführen und wurde Mitarbeiter der expressionistischen Zeitschrift "Der Sturm". Er begegnete hier Else Lasker-Schüler, Richard Dehmel, Frank Wedekind, Detlev von Liliencron, Arno Holz, Johannes Schlaf und, wie er selbst berichtet, "Peter Hille, dem Westfalen, dem Wanderer und Stromer, dem Bettler, der wie später Mombert und Däubler nicht recht von dieser Welt war."

Mit seinem Erzählungsband "Die Ermordung einer Butterblume" (1913) wurde er zu einem der führenden Vertreter der expressionistischen Literatur. Es folgten weitere Romane. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, stimmte Döblin wie fast alle deutschen Schriftsteller in jenen Tagen in die allgemeine Kriegsbegeisterung ein. Euphorisch plädierte er für das wilheminische Deutschland und meldete sich freiwillig zum Militärdienst - als Militärarzt. Doch während des Krieges wandelte er sich alsbald zum überzeugten Pazifisten.

In den Wirren des Militärputsches vom 13.März 1919 unter der Führung von Wilhelm Kapp kam seine Schwester Meta Goldberg durch Granatsplitter ums Leben, als sie für ihre Kinder Milch kaufen wollte. Während der Novemberrevolution sympathisierte Döblin mit der USPD, der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei. Als sich diese 1921 auflöste, trat er zur SPD über. Vom Kaiserreich hatte er sich längst abgewandt. Doch auch mit der Weimarer Republik kam er nicht zurecht. Eine Zeitlang war der Sozialismus seine einzige Hoffnung.

Allerdings sah er in Marx und Lenin nicht die "Verwirklicher" des Sozialismus, sondern dessen "Totengräber". Aus dem anfänglichen Lenin-Bewunderer Döblin war schnell ein scharfer Kritiker des kommunistischen Systems geworden. Für Stalin hatte er dagegen, im Gegensatz zu manchen seiner Dichterkollegen, nie ein gutes oder anbiederndes Wort übrig, geschweige denn eine Hymne. Aber 1927 kehrte er auch der SPD den Rücken. Mit den Konservativen indes wollte er ebenfalls nichts zu tun haben, die Kommunisten dagegen waren ihm völlig verhasst.

Vielfach war Döblin auch journalistisch tätig. Unter dem Pseudonym Linke Poot (im Berlinischen heißt Linke Poot "linke Pfote") veröffentlichte er in der "Neuen Rundschau" politische Aufsätze und Glossen zur Zeitgeschichte von ungewöhnlicher Schärfe und Respektlosigkeit. "Ihr an Heinrich Heine geschulter Witz ist nicht selten ins Zynische oder Makabre gesteigert." (Gabriele Sander) Überdies waren Witz, Ironie, Sarkasmus und Spottlust häufig seine Waffen, ganz in der Tradition Heinrich Heines, der in mancher Hinsicht als sein Vorläufer gelten kann.

Kurz vor der Inflation wurde er nebenbei Kritiker für das renommierte “Prager Tagblatt“, für das er in gewohnt lockerer, unkonventioneller Form über Neuinszenierungen in Berlin berichtete. 1928 wurde er trotz des Widerstandes des rechten Flügels in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen. 1929 machte ihn der Roman "Berlin Alexanderplatz" zu einem populären Autor in der Weimarer Republik. Erst nach dem Erfolg des großen Berliner Romans konnte sich Döblin, der bis dahin auf die Kassenarztpraxis im Berliner Osten angewiesen war, nun auch eine Privatpraxis im Berliner Westen einrichten.

Noch 1931 spielte Döblin die Bedeutung der Erfolge der Nazis herunter. Aber dann reagierte er doch sehr schnell, nachdem er den Ernst der Lage erkannt hatte, und emigrierte mit seiner Familie einen Tag nach dem Reichstagsbrand vom 27.Februar 1933 über Zürich nach Paris. Bei der Bücherverbrennung am 10.Mai 1933 wurden auch seine Bücher ins Feuer geworfen. Er schrieb hierüber an seinen Freund Ferdinand Lion: "Am 10.Mai ist autodafé, ich glaube, der Jude meines Namens ist auch dabei, erfreulicherweise bloß papieren. So ehrt man mich. Aber die Sache hat doch zwei Seiten, nämlich wie wird es später sein, in einem Jahr, in zwei Jahren, wann wird die 'Gleichschaltung' der Verlage erfolgen? Arzt kann ich nicht mehr sein im Ausland, und schreiben wofür, für wen? Ich mag über dieses Kapitel nicht nachdenken. Was meinen Sie? Rätselraten."

Im Jahr 1936 nahm Döblin die französische Staatsbürgerschaft an. Nach dem Überfall der Deutschen auf Frankreich, muss die Familie Döblin erneut flüchten. Auf einem Schiff der Greek Line verlassen Alfred und Erna Döblin mit ihrem jüngsten Sohn Stephan am 3.September 1940 den Hafen von Lissabon Richtung USA. Hier hätten sie zweifellos im Elend gelebt, wenn ihnen nicht verschiedene Organisationen und treue Freunde wie Lion Feuchtwanger geholfen hätten.

Gleich nach dem Ende des Krieges kehrte Alfred Döblin als kulturpolitischer Mitarbeiter der französischen Militärregierung voller Hoffnung und Tatkraft, in der Überzeugung, gebraucht zu werden, als einer der ersten Emigranten nach Deutschland zurück. Er war aber auch deshalb so schnell zurückgekehrt, weil er nicht mehr von Unterstützungen abhängig sein wollte. Zunächst lebte er in Baden-Baden in der französischen Besatzungszone, ab 1949 in Mainz, wo er die Universität und die "Akademie der Wissenschaften und der Literatur" mitbegründete.

Im Jahr 1946 rief er die Zeitschrift "Das goldene Tor" 1946-1951) ins Leben und bekannte sich in der ersten Nummer zu Gotthold Ephraim Lessing und zur Golden Gate Bridge in San Francisco, wo 1945 die UNO gegründet worden war. Engagiert äußerte sich der Schriftsteller im Südwestfunk Baden-Baden in Rundfunkansprachen über Probleme der Zeit, über die Teilung Deutschlands, den Kalten Krieg, die Aufrüstungs- und die Friedensbewegung der Nachkriegszeit und die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. Schon bald erkannte er, wie gering man im westlichen Deutschland seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit schätzte, wie rasch die Restauration sich durchzusetzen begann und wie leicht es sich offenbar mit Verdrängungen leben ließ. Seiner Zeitschrift "Das Goldene Tor" war kein Erfolg beschieden, ebenso wenig seinen Büchern. Döblin vereinsamte zusehends und geriet zwischen die Fronten. Im Wirtschaftswunderdeutschland war offenbar kein Platz für ihn und seine Literatur.

Über seine Ankunft in Deutschland berichtet Döblin, der vor allem als Verkünder eines radikalen, christlichen Pazifismus verstanden werden wollte, in "Schicksalsreise" und stellt dabei fest: "Als ich wiederkam, da - kam ich nicht wieder."

Er sieht das Elend der Menschen und die Ruinen in den Städten, "Symbol der Zeit", und erkennt, die Deutschen "haben noch nicht erfahren, was sie erfahren haben. Es ist schwer. Ich möchte helfen." - "Auf allen liegt wie eine Wolke, was geschehen ist und was ich mit mir trage: die düstere Pein der zwölf Jahre. Flucht nach Flucht. Manchmal schaudert's mich, manchmal muss ich wegblicken und bin bitter."

Wenige Jahre nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil zieht Döblin in der jungen Bundesrepublik, deren Erfolgsgeschichte wiederholt, zuletzt 1990 enthusiastisch gefeiert wurde, eine bittere Bilanz: "Es ist geblieben, wie es war. Ich finde hier keine Luft zum Atmen. Es ist nicht Exil, aber etwas, was daran erinnert. Nicht nur ich, sondern meine Bücher haben es auch erfahren: im Beginn mit einem wahren Freudenschrei begrüßt, bleiben sie zuletzt verhungert liegen."

Die Resonanzlosigkeit Döblins und seines Werkes im ersten Nachkriegsjahrzehnt der Bundesrepublik zählt zu den unbegreiflichsten Paradoxien einer Zeit, deren Kulturpolitik doch ausdrücklich unter christlichen Vorzeichen stand.

Die Linken betrachteten ihn als einen Defätisten, die Rechten, die ihn kannten, verzichteten um des lieben Friedens willen, sich auf ihn zu berufen, oder, wie sich Grass ausdrückte: "Der progressiven Linken war er zu katholisch, den Katholiken zu anarchistisch, den Moralisten versagte er handfeste Thesen, fürs Nachtprogramm zu unelegant, war er dem Schulfunk zu vulgär.. der Wert Döblin wurde und wird nicht notiert."

Energisch hatte sich der Schriftsteller gegen den Missbrauch seines Werkes und seines persönlichen Bekenntnisses (er war 1941 zum Katholizismus konvertiert) durch die neue "Heilige Allianz der Antikommunisten" verwahrt. Auch zu den Machthabern im östlichen Deutschland wahrte er Distanz und ging auf ein, von Johannes R.Becher und Bertolt Brecht ausgehendes Angebot, in die DDR überzuwechseln, nicht ein, sondern emigrierte mit seiner Frau am 29.April 1953 ein zweites Mal nach Paris. Die letzte Etappe im Exil führte Döblin in völlige Vereinsamung.

Nun forderte auch das Alter mehr und mehr seinen Tribut mit drohender Erblindung, Herzattacken, Parkinsonscher Krankheit. Döblin war schließlich gänzlich gelähmt und wurde zum Pflegefall. Bei einem Krankenhausaufenthalt im Schwarzwald starb er 78 Jahre alt, am 26.Juni 1957 in Emmendingen - verfemt und vergessen. Während Brecht zum Klassiker avancierte, geriet Döblin in Vergessenheit. Im elsässischen Housseras wurde er begraben neben seinem Sohn Wolfgang. Dieser hatte sich im Krieg freiwillig zur französischen Armee gemeldet und hatte während des Rückzugs, um nicht in deutsche Gefangenschaft zu geraten, in Housseras am 21.Juni 1940 Selbstmord verübt, wo er unter dem Namen Vincent Doblin begraben worden war. Erna Döblin setzte am 14.September 1957 in der Pariser Wohnung ihrem Leben ein Ende und wurde ebenfalls in dem lothringischen Dorf neben Mann und Sohn beigesetzt.

Auf den Grabsteinen, unter dem beide Eheleute ihre letzten Ruhestätten gefunden haben, hat der Schriftsteller zuvor in goldenen Buchstaben eingravieren lassen: „FIAT VOLUNTAS TUA“.


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