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Nachsatz: Ein problematischer Vergleich

Jüngst erschien ein Buch, in dem der Verfasser sich und sein Schicksal ausdrücklich auf Hiob bezieht und sich selbst den Namen Job gibt. Zu Unrecht, wie ich meine, dementsprechend kritisch fiel meine Rezension aus, die ich für die Zeitschrift "Zeitwende" schrieb:

Der Naturwissenschaftler Friedrich Cramer(Jahrgang 1923) hat sich bei seinen autobiographischen Skizzen ebenfalls an Hiob orientiert. Jedem Kapitel stellt er Abschnitte aus dem Hiobbuch voran, so dass der Leser von vornherein weiß, wie er Cramers Erinnerungen zu verstehen und einzuordnen hat.

Der erste Teil seiner neunzehn Geschichten beginnt jeweils in der Kriegszeit. In der Erzählung "Über Brücken" sehen wir zunächst ein Schlachtfeld mit einem blutigen "Fleischklumpem in der zerfetzten Uniform". Es ist Job kurz,vor seinem neunzehnten Geburtstag. Die Sanitäter, die ihn finden, glauben kaum, dass er überlebt. Überrascht zeigen sie sich von seinem Vornamen. "Komischer Vorname: Job! Ach ja, ist dasselbe wie Hiob. Das war so ein alter Jude? Einer, der so allerhand durchmachen musste? So eine Art Vorgänger vom Herrn Jesus?" Durchmachen und durchstehen muss der moderne Job in der Tat so mancherlei, in den Kriegsjahren, aber auch Jahre später, im Frieden. In der Bundesrepublik lebt er nicht immer unangefochten. Doch unmittelbare Bedrängnis und Todesgefahr sind nun gebannt. Im zweiten Teil der Geschichte erzählt Cramer von einer Reise nach Warschau zu Kollegen, zu wissenschaftlichen Vorträgen. In Polen herrscht, "seit über acht Wochen,seit dem 13.Dezember 1981", der Kriegszustand.

Im Zweiten Weltkrieg geriet Job - davon handelt eine andere Erzählung - in einen Stacheldrahtverhau und verletzte sich schwer. Als Siebzigjähriger zieht er Drähte für die Weinstöcke an der Terrasse seines Hauses und erinnert sich an die damaligen Fieberträume. Dann wieder hat ihn in Russland der Gasbrand ereilt. Nur langsam findet er vom Tod ins Leben zurück. Später treffen wir ihn am Berliner Wissenschaftskolleg wieder, diskutierend mit Iso Camartin und Fritz Dieckmann. Oder: Job wird in einen Lazarettzug verladen - es ist November 1942 - und führt im Lazarett Gespräche mit seiner schwäbisch-pietistischen Betreuerin über unbewusste und angebliche Schuld, über Teufel und Gott, über gerechte Bestrafung und unschuldiges Leiden und Gottes unerforschliche Wege. Die nächste Szene führt uns in die siebziger Jahre, in die Zeit der Studentenunruhen. Job erlebt hautnah mit, dass sich sein Sohn gewalttätig gebärdet. Nachdem der Aufruhr vorüber ist, meint Otto Creutzfeld, einer der Diskussionsteilnehmer: "Da hat ja noch mal ein Schutzengel einen Vatermord verhindert!" Und der Sohn brummelt:"Ich glaube eher, dass ein Teufel seine Hand im Spiel hatte." Am Ende wird - der Schauplatz hat inzwischen gewechselt - Rilkes berühmter Satz zitiert: "Jeder Engel ist schrecklich".

Im Februar 1943 - Job geht mittlerweile an zwei hölzernen Krücken und ist einigermaßen wieder hergestellt-will er alles nachholen, was ihm das Dritte Reich bisher an Bildung vorenthalten hat. 1944 handelt er sich eine Anzeige wegen "Verunglimpfung des Führers" ein. Wieder hat Job Glück, der Polizist, der ihn verhört, ist kein Unmensch.

Die Nachkriegszeit ist geprägt durch Studium, Unterrichten und Forschen, gelegentlich auch durch Auseinandersetzungen mit Nationalsozialismus und Krieg, ferner durch Empfänge bei prominenten Leuten mit viel Small Talk, durch Begegnungen mit überlebenden Juden, Besuche in Israel, Reisen nach England, Italien und Amerika. Kurz nach Kriegsende bemüht sich Job erfolgreich um Nachhilfeunterricht über Juden, für sich und seine Schüler, bei Jaspers und dessen jüdischer Frau. Jahre später legt sich Job, obwohl verheiratet, eine Freundin zu. Im vorgerückten Alter läßt er sich von seiner Frau scheiden, nachdem die gemeinsamen sieben Kinder erwachsen geworden sind und das Haus verlassen haben. Nun hat er sich - der modernen Zeit entsprechend- für frei - frei vielleicht für eine neue Lebensgefährtin, zumindest jedoch frei für einen neuen Lebensabschnitt.

Einmal registriert er dankbar, seine Kriegserlebnisse und sein jetziges Leben überdenkend, dass Satan die Wette mit Gott verloren habe. Doch was ist mit Jobs Bruder, der im Krieg geblieben ist, und mit den vielen anderen, die nicht überlebten, mit jenen, die ermordet und vergast wurden? Dass sich Menschen glücklich preisen, wenn sie lebensgefährlichen Situationen entronnen sind und Gott dafür danken, wer will es ihnen verdenken? Aber soll und darf man sich so ohne weiteres mit Hiob vergleichen? Auffallend ist zudem, dass der moderne Job in Cramers Geschichten weder mit Gott hadert noch gegen ihn rebelliert oder sich gar resigniert in sein Schicksal fügt oder sich erkennbar intensiv mit Gott und der Religion befasst.

Den Fall der Mauer erlebt der Erzähler mit Freunden und Kollegen 1989 in Berlin. "Erst jetzt, sechsundfünfzig Jahre nach 1933 und fünfzig nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, in Jobs siebenundsechzigstem Lebensjahr," heißt es im letzten Abschnitt des Buches, "waren die Hitlerzeit und der Krieg für ihn zu Ende."

Zweifellos haben die Kriegserlebnisse mit ihren Erfahrungen von Angst, Schmerz und Todesnähe sowie die Ereignisse und Begegnungen nach dem Krieg für den Erzähler große Bedeutung. Auf den Leser wirken die vielen kleinen Episoden dagegen auf die Dauer eher eintönig. Hinzu kommt, dass die Übertragung der alttestamentlichen Hiobsgeschichte ihre Tücken hat und dass der Vergleich des biblischen Hiob mit dem modernen Job in vielen Passagen kaum zu überzeugen vermag.


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