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Kann man Auschwitz Gott anlasten?

Aber kann man Auschwitz und all die anderen Morde und Massentötungen allen Ernstes Gott anlasten? Muss man nicht zuerst den historischen und anderen kontingenten Umständen Rechnung tragen, die Auschwitz möglich gemacht haben und sich vielleicht eingestehen, dass der Mensch ein Wesen ist, das seinesgleichen das Schlimmste anzutun fähig ist? Man könnte Gott allenfalls den Vorwurf machen, nicht eingegriffen zu haben. Andererseits hat Gott dem Menschen die Freiheit gegeben zum Guten wie zum Bösen. Der Mensch ist mithin frei, das Böse zu tun. An Hiob zeigt sich, wie schwierig es ist, das Böse allein vom Menschen und seiner Freiheit her zu begreifen, da der Mensch nicht nur schuldiger Urheber ist, sondern ebenso ein Opfer des Bösen. Wenn sich Böses nur auf Sünde und Schuld reduzieren ließe, könnte man die Probleme des schuldlosen Leidens leicht beiseite schieben.

Im August 1999 starb in Tel Aviv im Alter von 56 Jahren der israelische Dramatiker Hanoch Levin. Er stammte aus einer orthodoxen Familie, die von Polen nach Palästina eingewandert ist, aber er selbst wurde schon im säkular geprägten Tel Aviv geboren und ist dort auch aufgewachsen. Er hat sich im Laufe seines Lebens zunehmend von der Religion distanziert, sich jedoch wiederholt mit biblischen Themen auseinandergesetzt. Wie fast jedes seiner Dramen sorgte sein Mitte der 80er Jahre uraufgeführtes Stück "Das Leiden des Hiob", in dem er den Propheten nackt auf der Bühne agieren und schließlich aufspießen ließ, für Empörung und bescherte dem Autor den Zorn der Orthodoxie.

Wie man sieht, überall bereitet Menschen die Hiobsgeschichte Kopfzerbrechen und wird zum Stoff eines Dramas oder eines Buches.

Das Zentralthema von Elie Wiesel(Jg.1928) ist seit seiner Befreiung aus dem KZ-Lager Auschwitz, das er als einziger seiner Familie überlebte, das Bezeugen und Deuten des Holocaust. Er fühlt sich als "Hiob-Bote", der die Aufgabe hat, das Erfahrene der Nachwelt zu berichten. Mitunter quält ihn die Frage nach der Möglichkeit einer Existenz Gottes nach Auschwitz, aber auch die Frage nach der Möglichkeit einer Existenz des Menschen nach Auschwitz.

An einer Stelle sagt Wiesel: Hiob hätte sich nicht unterwerfen sollen. Er sei wohl kaum eine historische Gestalt, nicht einmal ein Jude und dennoch von derart herausragender Bedeutung in der Bibel. Wiesel zieht daraus die Konsequenz: Falls Hiob kein Jude war, wird er es.

Laut Rüdiger Safranski blieb Hiob letztlich nur der Glaube an einen unergründlichen Gott. Wenn Gott unergründlich ist, folgert Safranski,dann ist es auch die Welt. In ihr geschieht das Böse, in ihr gibt es Übel, ohne dass es dafür gute Gründe gäbe. Hiobs Frömmigkeit ist für den Philosophen Safranski die vollkommene Entsprechung zum unergründlichen Gott. Hiobs Frömmigkeit sei grundlos. Doch habe Hiob das Schlimmste vermieden, nämlich die Abkehr von Gott. "Er weigert sich, Transzendenzverrat zu begehen."

Auf die Wirklichkeit hinter den fassbaren Dingen dürfe man nicht verzichten, in der die Gründe und Zwecke des Menschen verborgen liegen könnten, mahnt Safranski. Bei Karl Rahner lesen wir wiederum: "Die Unbegreiflichkeit des Leids ist ein Stück der Unbegreiflichkeit Gottes." In Gott jedoch, so Safranski, wird das Leben in seiner Ambivalenz und Abgründigkeit geheiligt, in seinem Gelingen und Scheitern.

Hiobs Name steht somit für eine Vielzahl unterschiedlicher Versuche, Leid als Teil des eigenen Lebens und des eigenen Glaubens zu verstehen. Friedrich Nietzsche beispielsweise sah im Leiden kein Argument gegen das Leben, aber auch keinen Grund zur Resignation, keinen Grund zur Verteidigung irgendeines Verantwortlichen und keinen Grund zur Hoffnung auf Entschädigung. Für Simone Weil war das Leid gleichfalls kein Einwand gegen Gott, im Gegenteil. Sie empfand Leid neben Schönheit als vorrangigen Lebensbezug und als besondere Gelegenheit der Gotteserfahrung.


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