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Vielfältige Deutungen in der Literatur

In die Literatur fand die Hiobsgeschichte ebenfalls vielfältigen Eingang. Wie kaum ein anderes biblisches Buch hat sie Philosophen, Theologen und Literaten zu Reflexionen und eigenen Schöpfungen inspiriert. Das Buch Hiob gehört wie kaum ein anderes Buch der Bibel zu den größten Werken der Weltliteratur neben Dantes Göttlicher Komödie und Goethes Faust. Gerade in unserem Jahrhundert häufen sich die literarischen Auseinandersetzungen mit Hiob, gerade in unserem Jahrhundert fordert die Hiob-Erzählung Menschen immer wieder heraus.

Goethe diente die Hiobsgeschichte als Vorlage für die Darstellung seines Fausts-Dramas und dessen Einordnung in einen höheren Zusammenhang. Man denke an die Wette zwischen Gott und Mephisto im "Prolog im Himmel", durch den der Leser den Charakter des Helden wie den Grundgedanken der Tragödie kennen lernt. Gott und Mephisto wetten um die Seele von Faust so wie sie einst um Hiobs Treue zu Gott gewettet haben. "Der Mensch ist ein Wesen", sagt Luther, "um das sich Gott und der Teufel streiten."

Wie bei Hiob triumphiert auch im Faust der Satan zunächst über Gott. Er hat beide von ihrem ursprünglichen Weg abgelenkt. In Hiob ist es das Unglück, im Faust das Glück, dort der Schmerz, hier die Freude, die der Satan als Hebel ansetzt, um den Menschen zu Fall zu bringen. Zwei verschiedene Gedankenströme kommentieren ein und denselben ursprünglichen Gedanken. Beide, Hiob und Faust, bleiben sich am Ende treu: Hiob indem er Gott dient und Faust indem er am Ende der Natur huldigt, sie sich untertan macht und indem er"strebend sich bemüht". Der Teufel hat hier wie dort keine Chance. Bei beiden hat er das Nachsehen.

Sowohl in Hiob als auch in Faust wird ein Mensch auf die Probe gestellt. Die Prüfungen sind allerdings unterschiedlicher Natur.Heinz Flügel sprach einmal von einer "entgegengesetzten Versuchungsgeschichte". Während in Hiob geklärt werden soll, ob der Mensch Gott nur wegen seines Wohlergehens lobt, muss Faust beweisen, dass "ein guter Mensch sich in seinem dunklen Drange des rechten Weges wohl bewusst" ist. Während im Hiobbuch Theologie und Anthropologie gleichberechtigt im Zentrum der Geschichte stehen, konzentriert sich das Drama von Faust allein auf das Menschenbild.

Der Faust verrät die tiefe Beeinflussung durch das Alte Testament. Das wird besonders deutlich im Prolog, in der Formulierung "Knecht Gottes", durch die zwiefache Szene im Himmel und auf Erden - oben wird gehandelt, entschieden und über den Menschen verfügt, unten wird gesprochen, das Untere kennt den Sinn des Oben nicht - ferner in der grandiosen Verherrlichung des Weltschöpfers und -Regierers durch die Engel. Goethe hat in "Dichtung und Wahrheit" selbst davon erzählt, dass er durch die Bibel reiche Belehrung erfahren und von ihr viel Anschauungsmaterial bezogen habe. Sie sei für ihn die sinnliche Veranschaulichung des rein Gedankenmäßigen gewesen. Goethes Faust, meinte Heinrich Heine ganz richtig, sei so reich wie die Bibel. "Er umfaßt Himmel und Erde, den Menschen samt seinem Commentar." Doch das Problem der hebräischen Bibel, die Theodizee, die Frage:"Warum muß der Mensch leiden?" hat Goethe nicht berührt. Bei ihm geht es um die sittliche Tüchtigkeit, in der Bibel dagegen um die religiöse Rechtgläubigkeit und die Unterwerfung unter den Willen Gottes. In vielem ist Faust mehr Prometheus als Hiob, er erhebt sich über Gott und Teufel und fürchtet weder den einen noch den anderen.

An Hiob soll überprüft werden, ob er fromm bleibt, wenn er alles verliert, an Faust, ob er auch dann metaphysisch ausgerichtet bleibt, wenn ihm handfeste Genüsse geboten werden. Nichts kennzeichnet die Divergenz zwischen Faust und Hiob besser als das Wort:"Es irrt der Mensch solang er strebt", und "wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen". Faust ist nicht ein Mann wie Hiob, der recht und schlecht, zufrieden mit sich und der Welt seine Tage dahinlebt, der, ohne über den Weltenlauf zu grübeln und nachzudenken, alle Gaben aus Gottes Hand dankbar hinnimmt und wohlthuend verwertet, nicht ein Mann, der erst durch Leiden zum Nachdenken angeregt, an Gottes Gerechtigkeit zu zweifeln anfängt, und zuletzt, da er das Rätsel nicht lösen kann, sich ergeben in Gottes Ratschluss fügt. Faust hat vielmehr viel nachgedacht und seinen Geist im Denken stets geübt, ohne seinen Wissensdurst stillen zu können."Dass wir nichts wissen können, das will mir schier das Herz verbrennen."

Faust hochmütiges Streben nach unbegrenzter Erkenntnis verleitet ihn zu einem Bündnis mit dem Teufel. Mit seiner Hilfe verrichtet er Wunder und frönt allen Lastern. In Hiob geht es um die Darstellung eines gerechten, aber unerforschlichen göttlichen Waltens in der Menschheit. Im Faust steht die Darstellung der geistigen Entwicklung des Menschen im Vordergrund, die Geschichte seines Werdens, seiner seelischen Entfaltung, seines Lebens und Strebens.

- Faust und Moses, Faust und Hiob, Goethe und das Alte Testament avancierten, nebenbei bemerkt, zu bevorzugten Themen jüdischer Autoren, bis weit in die 20er Jahre unseres Jahrhunderts hinein. 1882 schon, als sich zum 50.Mal Goethes Todestag jährte, hatte sich der hessische Landesrabbiner Julius Landsberger zum Gegenstand seines Festvortrags gewählt: Faust und Hiob. So viel zu Goethes Anleihen aus Hiob für seinen Faust.

(Nachtrag:Goethe erwähnt Hiob viermal in seinem Tagebuch, seiner Untersuchung zur Morphologie stellt er ein Hiobzitat voran, in "Zahme Xenien" antworten Hiobs Freunde ihm mit:"O laß die Jammer-Klagen, da nach den schlimmen Tagen man wieder froh genießt."

Im Hiob-Buch fallen für Goethe laut Langenhorst "Poesie, Religion und Philosophie ganz in Eins"zusammen.(S.54))

Die Hiobs-Geschichte hat eine Fülle von Deutungen erfahren. Häufig hat man Hiob zwischen Dulder und Rebellen gesehen. In den vergangenen Jahrhunderten haben Dichter und Schriftsteller wie Milton, Melville, Blake, Philosophen wie Hobbes, Kant, Kierkegaard, und Musiker wie Johannes Brahms aus dem Hiob-Buch mit unterschiedlichen Intensionen geschöpft.

Andere wiederum haben aus der Hiobsgeschichte eine Satire gemacht wie der Spötter G.B.Shaw oder eine Groteske wie Oskar Kokoschka und Alfred Polgar oder einen "Anti-Hiob" verfasst wie Bert Brecht oder in Hiob die Verkörperung des modernen Jedermann gesehen wie George Wells.

Werfen wir einen kurzen Blick auf Shaws Kurzgeschichte"Ein Negermädchen sucht Gott". Das Negermädchen macht sich auf die Suche nach den verschiedenen Göttern, es trifft u.a.den Gott Noahs und Abrahams und der erweist sich als rachsüchtiger, Opfer fordernder Unhold. Dann begegnet es dem Gott Hiobs, der auf Hiob zu sprechen kommt. "Aber der war so bescheiden und dumm, dass ich die furchtbarsten Missgeschicke über ihn ergehen lassen musste, um ihn zum Klagen zu bringen." Das Mädchen wiederholt daraufhin die unbeantworteten Fragen Hiobs und Gott weist es mit einer karikierten Wiederholung der Gottesreden des biblischen Hiob zurück. Aber die Kontrahentin ist hartnäckiger als es Hiob einst war. "Das ist kein Argument, sondern Hohn. Du scheinst nicht zu wissen, was ein Argument ist", sagt das Mädchen und denkt sich:"Ein Gott, der mir meine Fragen nicht beantworten kann, nützt mir nichts..ich glaube überhaupt nicht, dass du jemals etwas erschaffen hast. Hiob muss sehr dumm gewesen sein, dass er dich nicht durchschaut hat." Aber auch mit den anderen Göttern ist das Mädchen nicht zufrieden, so dass es schließlich - das ist der ironische Schluss - an der Seite eines irischen Sozialisten in der tätigen Arbeit für das Allgemeinwohl und die Familie die Erfüllung findet, so dass sich die unbeantwortbare Frage nach Gott nicht mehr stellt.

Bei Brecht(1898-1956) hat, obwohl er Atheist war, die Bibel sein Gesamtwerk geprägt. Ähnlich wie Goethe und Voltaire hat er das Buch der Bücher als Steinbruch benutzt. In der Kurzgeschichte "Der Blinde" (1921) erzählt er: Ein einfacher Mann lebte dreißig Jahre lang gut und ohne Ausschweifung und wird von einem zum anderen Tag blind. Er gerät in die soziale Isolation, als er in eine Blindenanstalt eingeliefert werden soll, begeht er Selbstmord. Denn: "Dort werden wir versucht, Gott zu verzeihen, dort gehe ich nicht hin." Er will sein Schicksal nicht demütig ertragen. "Er fand sich nicht ab. Ihm war Unrecht geschehen. Er war blind geworden, unschuldig blind". Und dann die rebellische Zuspitzung:"Gott wurde nicht verziehen. Diese Haltung kehrt, wie wir sehen werden, in der Literatur häufiger wieder.

Herbert George Wells((1866-1946), Autor der Zeitmaschine, erlebt durch den Krieg eine tiefe Desillusionierung und kam dadurch zu einer intensiven Beschäftigung mit religiösen Fragen. Aber das Buch, in dem er die Hiobsgeschichte thematisiert, "The Undying Fire"(das unsterblich oder unvergängliche Feuer) ist kaum bekannt geworden.

Hiob wird zur Spielfigur ferner in Romanen von Alfred Döblin(1878-1957). Der Mann Biberkopf in Döblins Alexanderplatz ist ein Gezeichneter, ein Hiob, und bei Gerhart Hauptmann taucht Hiob ebenfalls auf. Hauptmann war der Meinung, dass der Schluss des Hiob-Berichts, "worin er zur Demut umgebogen wird".."den Stempel der Fälschung allzu deutlich" trägt. In "Buch der Leidenschaft", das autobiographisch geprägt ist, versucht Hauptmann, seine Zerrissenheit zwischen zwei Frauen in der Zeit von 1893 bis 1904 aufzuarbeiten. In diesem Roman wird besonders der vom nahenden Tod gezeichnete Bruder des Protagonisten immer wieder mit Hiob verglichen. Auch eine der Frauen, so heißt es hier, sei "von einem Hiobsschicksal gestreift, als sie einen Netzhautabriss erleidet." Hauptmanns Charaktere tragen ihr Schicksal jedoch mit geduldiger Fassung und demütiger Ergebenheit. Auch bei anderen Autoren wird Hiob im Kontext von Krankheit und Tod nicht selten am Ende zur Versöhnungsfigur.

Höhepunkt der epischen Hiobrezeption ist zweifellos Joseph Roths(1894-1939) "Hiob. Roman eines einfachen Mannes" aus dem Jahr 1930. Joseph Roth erzählt die Geschichte eines modernen Hiob: Der in Galizien lebende jüdische Lehrer Mendel Singer wandert nach Amerika aus, und dort trifft ihn das Unglück in seinen Kindern hart, so dass er sich von Gott abwendet. Aber durch die wunderbare Heilung eines Sohnes(, die viele Kritiker allerdings nicht überzeugt) wird er schließlich zu Gott zurückgeführt.

In unserem Jahrhundert wurde Hiobs Name vielfach zum Sinnbild für einen vom Schicksal geschlagenen Menschen. Ernst Wiechert (1887-1950) sah in Hiob ("Spiel vom deutschen Bettelmann" (1932) ein kollektives Symbol für ein leidgeprüftes Volk, das heißt, in der Hiobsgestalt kristallisierte sich für ihn das Schicksal des deutschen Volkes in den Nachkriegsjahren.

Wiechert hatte vom Mitteldeutschen Rundfunk den Auftrag erhalten, ein Hörspiel zu verfassen, das als eine "Art Rückschau auf das damals verflossene Jahr" gesendet werden sollte. Der Dichter hatte den Ersten Weltkrieg als Frontsoldat mitgemacht und war in eine Krise geraten, hinzu kamen persönliche Schicksalsschläge, 1912 Selbstmord der Mutter, anderthalb Jahrzehnte später nahm sich seine Ehefrau das Leben. In dieser Situation entdeckte er die "Offenbarung eines neuen naturhaften Menschentums", eines "einfachen Lebens". Später hat man ihm "Stoffmissbrauch" vorgeworfen, und obwohl Wiechert alles andere als ein Freund der Nazis war, haben diese seine Version vom einfachen Leben auf der Scholle nicht zu Unrecht missbraucht. (siehe Nolde)

Hiob ist in der christlichen Literatur nach 1945 gleichfalls eine häufige Erscheinung: Thornton Wilder (1897-1975) übernimmt in seinem Dreiminutenspiel "Hast du nicht achtgehabt auf meinen Knecht Hiob" die Struktur des Hiobbuches, vertauscht jedoch die Rollenträger. Zwar behält Satan seine Aufgabe. Doch Gottes Stelle nimmt nun "Christus" ein und an Hiobs Platz des Knechtes tritt Judas. Wilder setzt Hiob und Judas gleich. Dieser wird, ähnlich wie im späteren Roman von Walter Jens, bei ihm zum Erfüller des göttlichen Heilsplans stilisiert und deshalb in den Himmel aufgenommen.

Bei Paul Claudel(1868-1955) ist Hiob der Zweifler und Ankläger, der den Schöpfer vor ein Gericht zitiert und dann doch nach mancherlei Anfechtungen die Gewissheit von Gottes Güte erfährt. Claudel befand sich, ähnlich wie Wiechert, nach dem Ersten Weltkrieg ebenfalls in einer Krise. Hinzu kamen der Tod seiner Schwester Camille und der Tod wichtiger Weggefährten sowie eigene Krankheiten. Die biblische Figur war für Claudel zunächst auch ein Symbol der Revolte gegen die conditio humana. (Gedicht"Antworten an Job").


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