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Unterschiedliche Hiob-Interpretationen

Im Mittelalter sah man in Hiob nur den demütigen Dulder und übersah dabei völlig seine, wenn auch nur kurzfristige Auflehnung gegen Gottes Weltordnung. Daher galt Hiob lange Zeit als ein Exempel für den sich in Gottes unerforschlichen Ratschluss fügenden Menschen. Die Hiobsgeduld wurde genauso sprichwörtlich wie die Bezeichnung Hiobsbotschaft und Hiobspost für Unglücksnachrichten. Die Romantik betonte dagegen Hiobs rebellische Seite, ebenso wie in unserer Zeit Ernst Bloch, der vor allem jenen Hiob im Sinn hatte, der sich den Mund nicht verbieten ließ, der das, was ihm unbegreiflicherweise widerfuhr, nicht als Schicksal hingenommen, sondern weiter gefragt hat, solange bis diese Frage zur Klage und Anklage wurde, in der er Gott gegen Gott anrief. Das Leiden machte ihn, so Bloch, aufrecht und fragend. "Er verlernte nun ganz und gar das Murren nicht, und der Verstand stand nicht still." Jachwes Gerechtigkeit wird durch Blochs Hiob in die Verteidigung gedrängt:"Warum leben die Ruchlosen, werden alt und nehmen zu mit Gütern? Und warum hungern die Armen? Sie hungern nicht deshalb, weil sie gottlos wären, sondern weil die Reichen sie schinden und pressen und Gott sieht zu." Das Buch Hiob lesend, kommt Bloch zu dem Schluss, die einfachste Antwort auf die Frage Hiobs nach der Gerechtigkeit Gottes sei, dass es in der Welt "immer wieder einen Auszug gibt, der aus dem jeweiligen Status herausführt, und eine Hoffnung (..)die in den konkret gegebenen Möglichkeiten eines neuen Seins fundiert ist." Hoffnung aus dem Schlamassel wieder herauszukommen, aber der Mensch muss es wollen und etwas dafür tun. Hoffnung ist für Bloch "der biblisch eigenste Affekt", der indessen religiös verdorben werden kann, "wo sie einen Diener macht." Im Hiobbuch sieht Bloch ein Buch "der menschlichen Revolte", denn sein Protagonist, bezweifelt, ja verneint Gott als einen Gerechten. Für Bloch wird Hiob nur wichtig zur paradigmatischen Veranschaulichung seines eigenen Prinzips Hoffnung.

Bloch hat sich mit Hiob nicht nur in seinem Band "Atheismus im Christentum", sondern auch in seinem schon früher verfassten Hauptwerk "Das Prinzip Hoffnung" und in einigen Aufsätzen auseinandergesetzt.

In Blochschen Sinne äußerte sich auch Johannes R.Becher in seinem Hiob-Gedicht, in dem er Hiob zu der Erkenntnis kommen lässt: "Das Unerträgliche, das wir ertragen, ist Menschenwerk und müsste nicht so sein." Auch wir forschen heute bei persönlichen und globalen Katastrophen zuerst nach den menschlichen oder natürlichen Ursachen und sprechen dann nicht selten von menschlichem Versagen. Freilich muss man dabei auch unterscheiden, wie es die französische Philosophin Simone Weil getan hat, zwischen aktivem Leid-Zufügen und passivem Erleiden. Beide Phänomene sind, Weils Ansicht nach, im Bösen enthalten.

"Das Böse", so sagt sie, "hat zwei Formen, die Sünde und das Unglück." Manches hat der Mensch gewiß in der Hand, doch bei weitem nicht alles, und so bleibt uns nichts anderes übrig als mit dem Theologen Friedrich Christoph Oetinger Gott zu bitten: "Gib mir Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden." Eduard Mörike hingegen, für den offenbar alles direkt aus Gottes Hand kam, betete bescheiden und demütig:

"Herr! schicke, was du willt,
ein Liebes oder Leides;
ich bin vergnügt,dass beides
aus deinen Händen quillt.
Wollest mit Freuden
und wollest mit Leiden
mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
liegt holdes Bescheiden."


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