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Klepper macht früh Erfahrungen mit dem Antisemitismus

Klepper schriftstellerische Laufbahn hatte nicht sehr hoffnungsvoll begonnen. Denn sein erster Roman "Die große Directrice" war vom Knaur-Verlag abgelehnt worden, da man das in diesem Roman "reichlich enthaltene jüdische Element für eine Abdruckmöglichkeit nicht sehr günstig" fand. Tatsächlich hatte in diesem Roman, wie Klepper am 31.März 1931 an Professor Hermann schrieb "...die Auseinandersetzung mit dem Judentum als einem religiösen Problem" eine "zentrale Stellung" eingenommen.

In seiner 1938 erschienenen Gedichtsammlung "Kyrie" haben die Nazis ebenfalls "jüdische Elemente entdeckt. Das hierin enthaltene Neujahrslied "Der du die Zeit in Händen hälst", galt den Zensoren als Ausweis "absolut jüdischer Gesinnung; von einem Dichter des heutigen Deutschland' müsse erwartet werden, dass er nicht "auf die knechtische Einstellung der Psalmen" zurückgreift.

"Der du allein der Ewige heißt

und Anfang, Ziel und Mitte weißt

im Fluge unserer Zeiten:

lass - sind die Tage auch verkürzt,

wie wenn ein Stein in Tiefen stürzt-

uns dir nur nicht entgleiten!"

Dies war die ursprüngliche Fassung, Klepper musste sie umdichten in: "lass - sind die Tage auch verkürzt,

wie wenn ein Stein in Tiefen stürzt -

uns dir nur nicht entgleiten."

Wichtig und aufschlussreich für unser Thema "Jochen Klepper verstrickt ins jüdische Schicksal" ist sein Tagebuch "Unter dem Schatten deiner Flügel", das er von 1932 bis einen Tag vor seinem Tod 1942 geführt hat und das 1956 erstmals herausgegeben wurde. Das Tagebuch ist ein herausragendes Stück Bekenntnis- und Widerstandsliteratur aus christlich-protestantischem Ethos. In ihm findet man eine Fülle von Notizen über das Schicksal der Juden und judenfeindliche Maßnahmen, von Schikanen bis hin zu Verfolgungen. Es ist das Dokument eines Lebens "aus Glauben" und gehört zu den erschütterndsten autobiografischen Zeugnissen aus der Zeit des Dritten Reiches, neben den Büchern von Sebastian Haffner und Victor Klemperer sowie Gertrud Kolmars Briefen. Aus ihm erfährt man sozusagen aus erster Hand sehr viel Authentisches über den Alltag im Nazi-Reich, über das Verhalten nichtjüdischer Deutschen gegenüber Juden - "Die menschliche Härte feiert heute Orgien. Denn keiner der über die Regierungsmaßnahmen empörten, den Juden gegenüber mitleidigen arischen Deutschen bietet Hilfe an" (T.407) - und über das Anbiedern der offiziellen Kirche an die braunen Machthaber, aber auch von dem mehr oder weniger versteckten Widerstand und Aufbegehren einzelner Menschen. Man erlebt mit, wie jüdische Menschen nach und nach ausgegrenzt und in ihrem Menschsein entwertet werden. Ab 1933 ist immer wieder von Pogromen die Rede, von zunehmendem Judenhass und täglich neuen antisemitischen Verfügungen.

Bereits am 8.März 1933 hatte Klepper festgestellt: "Was uns schon jetzt an Antisemitismus zugemutet wird, ist furchtbar", und am 27.März 1933: "Das stille Pogrom hat heut in der Legalisierung des Boykotts gegen jüdische Geschäfte, Richter, Anwälte, Ärzte, Künstler einen Höhepunkt erreicht. Was damit in jungen Juden an Hass gesät wird, muss furchtbar werden. Aufbruch einer neuen Zeit?"

Die Nazis hatten schon im Mai 1933, wie Klepper schreibt, "alle Macht in Händen: über die Parteien, Gewerkschaften, Zeitungen, Sender, Theater, Heer, Polizei, Justiz, Verwaltung, Universität, Schule. ..Es ist beängstigend." (T.52)

Am 5.Juni 1933 (Pfingstmontag) notiert Klepper: "Schicksal als Jude, Schicksal als Geist, Schicksal als Künstler(Schicksal in der Familie)- Demütigungen, Demütigungen. Gegen meine Liebe, meinen Ehrgeiz wird wilder Sturm gelaufen, und das in einer Zeit, in der ich bis an die Ohren in Kunst stecke. Einfälle, Erfahrungen, Formen und Konstruktionsvermögen zur Verfügung habe. Deutlicher als durch meine unentwegte anonyme Beschäftigung kann mir gar nicht gezeigt werden, wie stark an sich jetzt Aufnahmefähigkeit für meine Arbeit da ist. Und nun so im Schatten zu stehen, abgearbeitet, freudlos. Das alles muss ich klar sehen, denn ich hasse religiöse Schwärmerei."(T.56/57)

Klepper, der sich standhaft weigerte, sich scheiden zu lassen, wurde von der Rundfunkleitung wegen seiner "jüdischen Familie" und als früherer Mitarbeiter beim "Vorwärts" am 7.Juni 1933 entlassen. Eine Zeitlang wurde er noch anonym beschäftigt. Fünf Wochen später, am 27.Juli 1933, fand Klepper eine Anstellung im Ullstein-Haus bei der Funkzeitung "Sieben Tage". Aber auch diese dauerte nur zwei Jahre - bis September 1935.

Die Ehe mit Hanni band Klepper hinein in das Geschick der verfolgten Juden im Dritten Reich. Schon am 13.5.1933 war er sich offensichtlich über die Folgen ihm klaren gewesen: "Nun bin ich in die Situation des Judentums sehr verstrickt. So wie die Dinge liegen, müsste meine Ehe mich meinen Posten verlieren lassen", was, wie oben erwähnt, auch prompt geschah. "Ich erlebe kein individuelles Schicksal", vermerkt Klepper am 7.Dezember 1933 und meinte schon am 19.6.1933, "mein jüdisches Schicksal lässt sich in keiner Weise verbrämen und verklären; es spielt zwischen Gott und mir; aber aller übersteigerte Individualismus beängstigt mich; dass Gott in Geschichte, nicht in Verzückung meinerseits mit mir redet, in der Bibel, die zu allen mit einer Sprache spricht, in der 'Gemeinde der Heiligen',- das alles macht es mir nur erträglich, wenn dieser Gedanke sich in mir fester und fester bohren will."

Am 27.Juni 1933 notiert der Schriftsteller in sein Tagebuch: "Und daneben das stille Pogrom, das alle Juden und wer sich mit ihnen verband, trifft. Viele gehen mit dem kleinen Betrag, den man über die Grenze mitnehmen darf, ins Ausland. Mein Beruf bietet uns im Ausland keine Lebensmöglichkeit."


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