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7.Resümee:

Für die Judasgeschichte gibt es verschiedene Deutungsmöglichkeiten, die wiederum etliche Fragen aufwerfen:

Hat Judas nach eigenem Ermessen und freiem Entschluss Jesus verraten?

Oder war er "die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft"?

Ist tatsächlich in ihn "der Satan gefahren", wie es in der Bibel heißt? War er ein Werkzeug des Teufels?

Oder war er ein Werkzeug Gottes?

Oder trieb er, salopp ausgedrückt, mit Jesus ein abgekartertes Spiel?

Die Judasfigur ist für viele auch deshalb so faszinierend, weil sie häufig als Inbegriff des Bösen galt oder noch immer gilt.

Gleich für welche Deutungsmöglichkeit man sich auch entscheidet oder unter welchem Aspekt man die Judasgeschichte auch betrachtet, es bleibt stets ein unbefriedigender Rest, zumindest steht bei allen Deutungen und Sichtweisen die Frage im Raum, warum musste Judas oder warum hat Judas Jesus verraten? Das war doch eigentlich nicht nötig, immerhin ist Jesus nie anonym aufgetreten, immer öffentlich, auf Plätzen und an Orten, die jedermann zugänglich waren, sein Anblick und Aussehen waren bekannt genug. Die Häscher hätten ihn auch ohne Judas' Verrat finden können. Ist die Erlösung der Menschheit vom Verrat eines einzelnen abhängig?

Man kann die oben gestellten Fragen auf eine andere, eine höhere Ebene heben und sich überlegen: Wo, wann und inwieweit hat Gott seine Hand mit im Spiel bei dem, was hier auf Erden geschieht? Geschieht alles nach seinem Willen?

Wie weit reicht seine Wirkung? Wie langmütig ist seine Geduld? Denkt man dabei an Auschwitz, kann einem dabei ganz schwindelig werden. Und: Wo fangen Freiheit und Verantwortung des Menschen an? Wie hängen menschliche Freiheit und göttlicher Wille zusammen? Viele Autoren betonen die Werkzeughaftigkeit von Judas. Sind auch wir nur Werkzeuge in der Hand Gottes? Vertraut man der Hirnforschung, dann wäre der Glaube an die menschliche Freiheit nur ein frommer Wahn.

Halten wir uns lieber an Kant, der gemeint hat, dass man die Freiheit zwar nicht beweisen könne, gleichwohl sei sie wie die Idee der Unsterblichkeit und die Idee Gottes ein Postulat, eine Denknotwendigkeit, eine unbedingte sittliche Forderung. Zumindest erreiche ich mehr, wenn ich an meine Freiheit glaube, daran, dass ich über einen bestimmten Spielraum verfüge, als wenn ich der Meinung bin, ich sei eine Marionette in der Hand eines Mächtigeren.

Zumindest kann man sich mit Heidegger sagen: Dass ich bin, verdanke ich mir nicht selbst, aber mit Camus kann man sich klar machen, von einem bestimmten Zeitpunkt an ist man für sein Handeln veranwortlich, wenn man voll und ganz im Besitz seiner seelischen und geistigen Kräfte ist. Dann hat man einen bestimmten Spiel- und Entscheidungsraum, und dann ist man für sein Tun und seine Reaktionen verantwortlich.

Aber: der Mensch ist ein unvollkommenes Wesen, erkenntnismäßig und moralisch, Gutes und Böses haben an ihm Anteil. Wenn er frei handelt, kann er auch schuldig werden, oft ist es einerlei, wie er sich entscheidet, er wird schuldig allemal, das wussten schon die Alten Griechen. Kein menschliches Leben in Freiheit ohne Schuld, und genau an diesem Punkt zeigt sich die wahre menschliche Größe, wenn nämlich der Mensch, wenn er schuldig geworden ist, sich nicht in fadenscheinige Ausreden flüchtet und die Schuld wegdiskutiert, sondern die Schuld auf sich nimmt, in sich geht, Reue und Buße tut, um es biblisch auszudrücken, wenn er umkehrt, wenn er, um es modern zu sagen, seine Schuld abarbeitet, aufarbeitet und bewältigt. Das sind Vorkommnisse und Ereignisse, an denen er wächst und reift zum wahren Menschentum.

Zurück noch einmal zu Judas. Er hat Jesus verraten und ist schuldig geworden. Aber wenn er sich Gottes und Jesu Willen widersetzt hätte, wäre er auch schuldig geworden.

Er hat seinen Verrat und die Verachtung seiner Umwelt nicht ertragen und Selbstmord begangen. Aber muss dieser das letzte Wort sein? Sind nicht Vergebung, Barmherzigkeit, Gnade gerade im Christentum wichtige Schlüsselbegriffe ? Wird doch hier die Versöhnung zwischen Gott und Mensch, auch zwischen Menschen untereinander hervorgehoben? Dem Neuen Testament zufolge hat sich Jesus Christus geopfert, um die Sünden der Welt auf sich zu nehmen (1. Johannesbrief 2,2) und er vergibt seinen Kreuzigern im Angesicht des eigenen Todes. Hat er also daher auch den Verrat des Judas auf sich genommen und ihm folglich auch vergeben, dass er seinen, nämlich Jesu Willen, erfüllt hat?

Ist es nicht an der Zeit, über Judas nachsichtiger und barmherziger zu urteilen und weniger rigoros als es oft noch geschieht?


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