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Wer war Judas? Verräter oder Heilsbringer?

Wer war Judas? Verräter oder Heilsbringer? Die verrufenste Gestalt des Christentums oder Freund Jesu?

Die Geschichte, wie sie in den Evangelien steht: Judas, einer der zwölf Jünger, verrät Jesus mit einem Kuss (Judaskuss) für ein kleines Handgeld, (Judaslohn) von dreißig Silberlingen an die Gerichtsbarkeit.

Der Judaskuss, der sich in Bildern und Gedichten über Jahrhunderte gehalten hat, steht für eines der schlimmsten menschlichen Vergehen, für den Missbrauch von Vertrauen eines Freundes. Er ist ein Synonym für einen irreparablen Vertrauensbruch, der eine zuvor innige Beziehung voraussetzt, er steht für Unaufrichtigkeit und geheuchelte Freundschaft. (Beispiel Bild von Caravaggio)

Kein Geringerer als der Böse selber motivierte Judas zur Tat: "Es fuhr aber der Satan in Judas." Auch Jesus prophezeite ihm Unangenehmes: "Wehe dem Menschen, durch welchen des Menschen Sohn verraten wird."

Von Judas erzählen alle vier Evangelien mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung.

Nach Mt.26 beging Judas den Verrat, weil er den Glauben an Jesus verloren hatte, weil er, so das Johannesevangelium (Joh.6.67-72), schon immer ungläubig gewesen ist, hier wird mit Judas besonders hart umgegangen. Hier wird er als habsüchtig, geldgieriger Wucherer gezeichnet. Offensichtlich ist er das einzige Schaf, das verloren ging, Bei Matthäus heißt es, es wäre besser, er wäre nie geboren worden. Er erhängte sich, von Gewissensqualen zermartert, so die Evangelien, oder stürzte zu Boden und sein Leib barst auseinander, dass die Eingeweiden herausfielen, wie die Apostelgeschichte beschreibt.

In allen Evangelien kommt Judas schlecht weg.

Judas galt durchweg und gilt oft noch als Inkarnation des Bösen, als Verräter schlechthin. Sein Verrat steht am Beginn des Leidensweges Jesu, der mit der Kreuzigung endet. Der Verrat hat seit diesem Ereignis einen Namen, einen Preis und ein Symbol. Judas ist ein Scheusal. Er ist ein Nichtswürdiger, der aus niederen Bedürfnissen den verrät, von dem er geliebt wird.

Eine andere Interpretation besagt, dass Judas Lieblingsjünger, "geheimer Freund Jesu" (Genfer Professor Rodolphe Kasser) war und von diesem davon überzeugt werden musste, den Verrat zu begehen. Die Interpretation des Verräters Judas als des wahren Jüngers Jesu spiegelt eine Auffassung wider, die Christi Tod erst aufgrund geheimer Belehrung als etwas begreift, das notwendig ist.

Ohne Judas indes wäre, so sagen manche, das Erlösungsgeschehen nicht möglich gewesen. Hätte Judas den Gottessohn nicht verraten, so wäre Jesus nicht getötet worden, hätte folglich auch nicht auferstehen und sein Erlösungswerk nicht verrichten können. Der "Heilsplan" Gottes wäre nicht durchgeführt worden. Nach dieser Theorie hätte Judas also eine notwendige Funktion im Erlösungsgeschehen. Ohne ihn ging es nicht, und deshalb ist er auch nicht schuldig. Ein revoltierender Judas hätte Jesus gerettet und uns allen den Tod gebracht. (Jens, der Fall Judas) Dann wäre die Erlösung ausgeblieben. (Laut Lapide diese hat für Juden auch noch nicht stattgefunden, deshalb erkennen Juden Jesus auch nicht als Messias an.)

(Goethe und Heine haben Jesus als Messias nicht akzeptiert, für Döblin wiederum wurde der Gekeuzigte zum entscheidenden Erlebnis auf seinem Weg zum Katholizismus)

Jesus wiederum selbst weiß, dass Judas ihn verraten wird, und doch verhindert er den Verrat nicht, um die geplante Erlösung zu ermöglichen, aber auf Kosten des armen Judas. Der Barmherzige benutzt offenbar Judas als Instrument und lässt zu, dass einer seiner Schüler schuldig wird. Ist Glück oder Erlösung von vielen auf Kosten eines Unglücklichen legitim? Kann man noch von freier Entscheidung und Verantwortung sprechen, wenn einer etwas tun muss? Oder hat Judas freiwillig seine Aufgabe übernommen? Hat er zugestimmt?

Judas Iskariot, der Jesus von Nazareth, seinen Herrn, dem Hohen Rat "überlieferte", ist in der Tat eine rätselhafte Figur. Er war ein Verräter, gewiss, aber war seine Tat nicht die notwendige Voraussetzung von Kreuzigung und Auferstehung? So hat man auch gemeint, die entscheidende Sünde des Judas sei nicht der Verrat gewesen, den er ja bald bereute, wie es bei Matthäus heißt, sondern der Selbstmord. Im Selbstmord nämlich habe sich seine desperatio gezeigt, die Verzweiflung, der fehlende Glaube an die Größe der göttlichen Gnade.

Trias "Geld-Verrat-Selbstmord/Tod" wurde schon früh reflektiert, die Liebe zum Geld treibt den Menschen weg von Gott und den Menschen, Verrat weckt Misstrauen, löst Ängste beim Verräter aus, die schließlich in Einsamkeit und Verzweiflung (Tod) münden.

Judas Ischariot ist bis heute mit negativen Assoziationen besetzt im Gegensatz zum Judas Barnabas (Paulusbegleiter)

Doch die Judas-Geschichte steckt voller Rätsel. Jesus war ein stadtbekannter Mann, den jeder kannte. Trotzdem musste Judas die Soldaten zu ihm führen, gerade so, als würde Jesus sich bei Tageslicht nie blicken lassen. Warum diese Heimlichtuerei, nachts im Garten Gethsemane, so umständlich und dann noch mit einem Kuss als Erkennungszeichen? Es wäre doch auch einfacher gegangen. Oder bedeutete der Kuss Abschied und nicht Verrat?

Nimmt man an, dass Judas unschuldig von höherer Stelle abkommandiert wurde, ergeben sich einige Fragen und Schlussfolgerungen.

Passt es zur Lehre Christi, dass dieser seinen Gefolgsmann ins "offene Messer" laufen und somit bewusst zum Verräter werden lässt? So betrachtet hat Judas das größere Opfer vollbracht, Jesus wurde zwar gekreuzigt, aber anschließend verehrt, Judas ist mit Schimpf und Schande in die Geschichte eingegangen und bis heute nicht rehabilitiert worden.

Ist demnach Judas' Bild die systematisch ungerechte Verzerrung eines im guten Glauben Gescheiterten?

Es gibt auch noch andere Gestalten in der Bibel, die sich etwas haben zu Schulden kommen lassen.

Schließlich hat auch Petrus den Herrn verraten und kommt später zu höchsten Ehren. Geschichtliche Ungerechtigkeit im Namen Jesu des Gerechten? Eugen Drewermann: "Kaum einem Menschen tut die Bibel so sehr Unrecht wie dem Judas, Von Jesu Aufruf zur Nächstenliebe, ja sogar Feindesliebe blieb bei Judas nicht viel übrig."

Kann da noch von Gerechtigkeit die Rede sein?, fragt Pinchas Lapide und zitiert Heinrich Böll. "Es ist schon merkwürdig, dass dem Petrus die dreimalige Verleugnung eher den fast liebenswürdigen Kredit menschlicher Schwäche eingebracht hat; dreimal und in welcher Situation des Hohnes und der Verlassenheit! - krähte der Hahn, es weinte einer bitterlich und wurde später der erste Papst. Der andere, Judas, warf die Silberlinge in den Tempel, bekannte, er habe unschuldig Blut verraten, verzweifelte und beging Selbstmord. Man muss, so meine ich, wenn man über den Fall Judas liest, immer den Fall Petrus in Ergänzung dazu denken, die beiden Karrieren dagegenhalten. Dazu denken muss man auch, dass Petrus, obwohl eindeutig Jude, wie alle Jünger und Apostel, niemals als "typisch jüdisch" interpretiert und dargestellt wurde. Der Jude, nicht etwa ein Jude, blieb aber Judas." So weit der Katholik Heinrich Böll. (S.29)

Helmut Gollwitzer: "Der Verräter Judas darf nicht schlechter gestellt werden als der Verleugner Petrus, der Verfolger Paulus, die versagenden Jünger alle. Weder seines Verrats noch seines Selbstmordes wegen darf er außerhalb des Wirkbereiches der vergebenden, Leben gebenden Liebe gestellt werden. Wird hier eine Grenze gezogen, dann wird zweifelhaft, wo wir anderen bleiben, die wir oft allzu selbstverständlich uns innerhalb dieser Grenzen wähnen, wir kleinen Versager, oft auch Verräter." (42)

(Krummes Holz Aufrechter Gang. München 1971.


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