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Resümee

Halten wir fest: Religion ist aus der Literatur nicht gänzlich verschwunden, ebenso wenig wie aus dem Alltag, aber die Suche nach Gott treibt die Menschen im allgemeinen und die Schriftsteller im besonderen durchweg nicht mehr um. Sie ist nicht mehr das beherrschende Thema. Eher treiben die Schriftsteller, wie wir an den letzten Beispielen gesehen haben, mit Gott und den biblischen Überlieferungen ihr Allotria.

Das muss nun freilich nicht das letzte Wort zu unserem Thema sein, denn seit dem 11.September 2001 haben, unter dem Eindruck neuer religiöser Gewalt, unsere Intellektuellen, Philosophen und Sachbuchautoren, allen voran Jürgen Habermas, den Wert der Religion wieder entdeckt. Die Belletristik wird vielleicht nachziehen, denn Romane schreiben sich halt nicht so schnell wie ein Zeitungsartikel oder eine Rede.

Im Augenblick allerdings (im Frühling 2002) sieht es in dieser Hinsicht noch reichlich trübe aus. Symptomatisch dünkt mir eher die Vorstellung des neuen Buches von Christa Wolf "Leibhaftig" in der alten Dorfkirche in Pankow. Die Autorin saß bei dieser Lesung vor dem Tisch mit der aufgeschlagenen Bibel, rechts der Taufstein, links die Kanzel, über ihr schwebte ein zartgliedriger Jesus am Kruzifix. Die Literatur schien sich, schrieb der Korrespondent der FAZ (Kürzel mag),"aus der säkularen Welt wieder ins Allerheiligste aufgemacht zu haben. Auf die Anhängerschaft Christa Wolfs, der ein Hang zur Gemeindebildung nicht abzusprechen ist, mochte das gar nicht so ungewöhnlich wirken. Die Stille, die sich nun einstellte, ließ aber auch an die Stimmung in den Jahren vor der Wende denken, als die Kirchenräume der DDR zu Orten oppositioneller Sammlung wurden. Christa Wolfs Auftritte lösten damals eine seltsame Erwartungshaltung aus, weil es hier um so große Dinge wie Wahrhaftigkeit, Hoffnung und Aufbruch ging. Reste dieser Stimmungslage sind noch immer zu spüren."

Am Ende des Buches, in dem es um eine schwere Krankheit und um das Ende der DDR geht, habe die Erzählerin in bravem Erschrecken gefragt, ob der Weg ins Paradies, den man mehr oder weniger auch in der DDR angepeilt habe, "unvermeidlich durch die Hölle" führe, berichtet der FAZ-Korrespondent, "ganz so, als ob der Glaube an die wohl behütete Ankunft im Paradies noch jeden Höllentritt überlebte. Was aber wenn es das Paradies gar nicht gibt? Jesus Christus, der über der Autorin schwebte, schwieg zu dieser Frage. Und auch die Täfelchen, auf denen während des Gottesdienstes die zu singenden Lieder aus dem evangelischen Gesangbuch angezeigt werden, waren leer."

Haben Zweifel und Unglauben nach Günter Grass und vielen anderen Literaten auch von Christa Wolf Besitz ergriffen, nachdem Leichtgläubigkeit die Deutschen zum zweiten Mal in die Irre geführt hat?


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