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Hat sich der Gottesglaube überlebt?

Wie soll wir nun mit dem religiösen Erbe, das auf uns gekommen ist, verfahren? Haben sich Menschen Gott nur ausgedacht? Ist der Mensch, wie einige Zeitgenossen mutmaßen, nur ein trauriges Wesen, eine Mischung aus Ohnmacht und Anmaßung, mit der Fähigkeit geschlagen, über seine Existenz nachzudenken, aber unfähig, sich als biologisches Wesen hinzunehmen, ohne einen anderen letzten Grund?

Der Medienphilosoph Norbert Bolz erklärt unumwunden, Sinnfragen schlicht für überholt. "Es läuft - ohne Wozu und ohne Ziel."

Wer die Sinnfrage stellt, hat sich verlaufen, fand Arnold Gehlen. Schärfer noch äußerte sich 1937 Sigmund Freud, der in der Religion ohnehin nur eine Illusion sah: "Wer nach dem Sinn des Lebens fragt, ist krank." Die Frage nach dem Zweck des menschlichen Lebens sei, so Freud, unzählige Male gestellt worden, doch habe sie noch nie eine befriedigende Antwort gefunden. Schmerzen, Enttäuschungen sind für den Menschen, laut Freud, unlösbare Aufgaben. Um diese zu ertragen, könnten wir Linderungsmittel anscheinend nicht entbehren. "Es geht nicht ohne Hilfskonstruktionen" soll auch Fontane gesagt haben.

Vielleicht wird es uns wie einst dem ratlosen Menschen ergehen, der, als er das Ende seiner Tage nahen fühlte und sein Leben überdachte, sagte: "Ich habe es nicht richtig verstanden."

Sarah Kirsch, die in der DDR aufwuchs und "nie in die göttlichen Gründe des Glaubens eingetreten" ist, schreibt in "Allerlei-Rauh":"Es war mir nicht möglich, das Erbauliche (zu)finden, das in dem Gedanken lag, gegen Gott immer Unrecht zu haben." Sie verfasste folgendes Epitaph:"Ging in Güllewiesen als sei es/Das Paradies beinahe verloren im/Märzen der Bauer hatte im/ Herbst sich erhängt."

"Indem Sarah Kirsch in dieser Grabschrift(Johann Holzner) auf jede Interpunktion verzichtet, so dass alles mit allem verbunden bleibt, auch wenn sich zwischen Güllewiesen und dem Paradies unübersehbar ein riesiger Abgrund auftut. lässt sie wenigstens für einen Moment noch den Idealzustand der Harmonie aufblitzen, dass das Paradies, 'beinahe', 'beinahe verloren'. Aber kein Lied, kein Gedicht kann darüber hinweg täuschen, dass das Licht(im Märzen) von der Finsternis(im Herbst geschluckt worden ist, dass der Mensch/das lyrische Ich, der Bauer, wer auch immer in Güllewiesen gewesen ist) längst schon keine Brücke mehr zu finden oder gar zu schlagen vermag zwischen der erträumten und der realen Welt."

Schon Gottfried Benn und Bert Brecht hatten in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts allergrößte Schwierigkeiten mit der Vorstellung Gott in der naturwissenschaftlich erklärten Welt. Während der Pastorensohn Benn glaubte, einen Gott aufgrund seiner Darwin- und Nietzsche-Studien ablehnen zu müssen, versuchte der früh sich emanzipierende Brecht zuerst dem Aufsichts-Gott der Bürger zu entkommen.

Viele beurteilen Gott nach der Welt. Das solle man nicht tun, meinte unlängst der Fernseh-Professor Harald Lesch. Das sei ein Versuch, der nicht gelungen sei. "Aber", fügte er hinzu, "es muss ein Meister sein, der sich solche Schnitzer leisten kann."

Hermann Lübbe glaubt jedoch: "Überall schärft sich auch in Europa inzwischen der Sinn dafür, dass moderne Gesellschaften ohne verlebendigte religiöse Kultur zukunftsunfähig wären."

Doch wie dem auch sei, auch Heinrich Heines Aussage gibt zu denken: "Das Nachdenken über das Dasein Gottes ist ein wahrhaftiger Gottesdienst. .Gott war immer der Anfang und das Ende meiner Gedanken. Wenn ich jetzt frage: Was ist Gott? Wie ist seine Natur, so frug ich schon als kleines Kind: wie ist Gott? wie sieht er aus?"

Und von Botho Strauß stammen folgende Sätze:

"Es ist lachhaft, ohne Glauben zu leben. Daher sind wir voreinander die lachhaftesten Kreaturen geworden und unser höchstes Wissen hat nicht verhindert, dass wir uns selbst für den Auswurf eines schallenden Gottesgelächters halten."

"Gott ist von allem, was wir sind, wir ewig Anfangende, der verletzte Schluss, das offene Ende, durch das wir denken und atmen können."

Den Schriftstellern unserer Tage, meint Paul Konrad Kurz, "ist Gott mehr eine Such- und Fragegestalt denn ein katechetisch fixierter Gott, mehr Wegegestalt denn Tempelgott, mehr ein auf das Individuum bezogener, bewusstseinsgegenwärtiger denn ein die Gemeinde versammelnder, kultischer Gott."


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