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Was weiss man heute noch von Arnold Zweig?

Aus Anlass seines 120.Geburtstags

Vor seiner Flucht aus Deutschland im Jahr 1933 war Arnold Zweig ein bekannter und viel gelesener jüdischer Autor, der in seiner Romanreihe "Der große Krieg der weißen Männer" seinem Jahrhundert ein unübersehbares Denkmal gesetzt hat. Nach seiner Rückkehr fünfzehn Jahre später spielte sein Name vor allem in den deutschen Kulturkämpfen zwischen Ost und West eine Rolle. Doch was wissen wir heute von Arnold Zweig? Wechselweise gilt er als "deutscher Patriot", als "militanter Zionist und Pazifist", als "Emigrant", "Rückkehrer" und "Akademiepräsident", wobei leicht übersehen wird, dass sich hinter all den Zuschreibungen und Etiketten ein widerspruchsvolles Leben und ein vielseitiges Werk verbirgt.

Geboren wurde Arnold Zweig am 10.November 1887 im schlesischen Glogau (heute: Glogów/Polen) als Sohn des jüdischen Sattlermeisters Adolf Zweig und seiner Frau Bianca.

Von 1907 bis 1914 studierte er Germanistik, Philosophie, Psychologie, Kunstgeschichte, moderne Sprachen und Nationalökonomie in Breslau, München, Berlin, Göttingen, Rostock und Tübingen. Nach dem Willen der Eltern sollte er promovieren und Lehrer werden. Aber schon als Student begann er, schriftstellerisch tätig zu sein - unter dem Einfluss des Neukantianismus, der Lebensphilosophie und der Philosophie Nietzsches, dem er, wie er später schrieb, "die ganze geistige Umgeburt und Atmosphäre" seiner Jugend verdankte. Seine ersten Erzählungen erschienen 1911. Der literarische Ruhm stellte sich ein Jahr später ein mit den "Novellen um Claudia". Den großen Durchbruch bescherte ihm freilich erst etliche Jahre später "Der Streit um den Sergeanten Grischa" (1927).

Schon bald kam Arnold Zweig zum Zionismus, beeinflusst durch Martin Buber und sicherlich auch vorgeprägt durch seinen Vater, der Mitglied der zionistischen Bewegung in Kattowitz war. Kein Wunder, dass sich Zweig gleich in seinen ersten Büchern jüdischen Themen zugewandte, wie etwa 1911 in den "Aufzeichnungen über eine Familie Klopfer", auch wenn diese, in Art und Tonfall der Dekadenz geschrieben, noch eher an Thomas Manns "Buddenbrooks" und "Wälsungenblut" erinnern. In seinen Bühnenwerken dominierte ebenfalls das jüdische Thema von der Bibel bis ins 19.Jahrhundert, von "Abigail und Nabal" (1913) bis zu dem mit dem Kleistpreis ausgezeichneten Stück "Ritualmord in Ungarn" (1914).

1916 heiratete der Schriftsteller seine Cousine, die Kunstmalerin Beatrice Zweig (1892-1971), und hatte mit ihr zwei Söhne: Michael wurde 1920 geboren, Adam 1924.

Im Ersten Weltkrieg wurde Arnold Zweig als Soldat in Serbien, Belgien und in Frankreich bei Verdun eingesetzt. Unter dem Eindruck des kriegerischen Infernos wandelte er sich vom preußischen Patrioten zum entschiedenen Pazifisten. 1916 wurde er an die Ostfront abkommandiert und lernte dort das Ostjudentum kennen, das einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterließ. Aus dieser Erfahrung entstand 1920, in Zusammenarbeit mit dem Maler Hermann Struck, das Buch "Das ostjüdische Antlitz", eine Apologie des Ostjudentums und zugleich ein Zeugnis von Zweigs Engagement für einen "zionistischen Sozialismus". In den Ostjuden glaubte Zweig, ähnlich wie nach ihm Alfred Döblin, die Verkörperung des wahren Judentums und einen Schutzwall gegen die Entfremdung der Westjuden entdeckt zu haben. Aber 1929 musste er dann doch erkennen, dass die von ihm dargestellte ostjüdische Welt endgültig verschwunden ist und als Erneuerungsfaktor für das Judentum nicht mehr in Betracht kam. Als er das ostjüdische Antlitz erneut herausgab, ersetzte er Strucks Bilder durch Bilder von Chagall und Liebermann, die die Ferne jener Welt noch mehr unterstrichen.

Ab 1919 ließ sich Zweig als freier Schriftsteller am Starnberger See nieder. Sein Kernthema umfasste zu jener Zeit weiterhin die Problematik von Judentum und Zionismus. Daneben schilderte er, wie sein Freund Lion Feuchtwanger, in zeitkritischen, humanistisch gefärbten Essays seine Kriegserlebnisse und Nachkriegserfahrungen in der Weimarer Republik in vielen seiner Texte. Als sich jedoch in Bayern der nationalsozialistische Antisemitismus ausbreitete, der im Hitler-Putsch kulminierte, verließ der Schriftsteller seine erste Wahlheimat und zog nach Berlin, das sich mittlerweile zu einem geistigen Zentrum entwickelt hatte. Ab 1924 arbeitete er eineinhalb Jahre als Redakteur für die "Jüdische Rundschau", die das Zentralorgan der "Zionistischen Vereinigung für Deutschland" war, und schrieb Artikel über Zionismus, Antisemitismus und jüdische Autoren wie Else Lasker-Schüler, Alfred Döblin und Franz Werfel. Es gehört zur Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Zweig, der Jahre später an der hebräischen Sprache in Palästina scheitern sollte, einer der Gründer des Hebräischen Weltbundes in Berlin war.

Ab 1926 war er Mitglied des PEN-Clubs und ab 1929 Mitarbeiter der Zeitschrift "Weltbühne". Er verfasste etliche Dramen, Essays und Romane, wie etwa

die Tragödie "Die Umkehr des Abtrünnigen" (1925), die Abhandkung "Juden auf der deutschen Bühne" (1927) und den Roman "De Vriendt kehrt heim" (1932). Ferner entstand "Caliban oder Politik und Leidenschaft" mit dem Untertitel "Versuch über die menschlichen Gruppenleidenschaften, dargetan am Antisemitismus", eine psychologisch-soziologische Untersuchung der Judenfeindschaft (1927), die sich auf die Lehre von Sigmund Freud stützt. Die Abhandlung "Das neue Kanaan" (1925) wiederum enthält ein klares Bekenntnis zum Zionismus.

Zweig sah die Lösung der sogenannten Judenfrage weder in totaler Assimilation noch im nationalen "Judenstaat", sondern in der Anerkennung der jüdischen Gruppe innerhalb der verschiedenen Staaten. Im Grunde hat sich Arnold Zweig Zeit seines Lebens zu seinem Judentum bekannt, auch wenn er schon früh seinen religiösen Glauben verlor. 1908 schrieb er als Student an seine Eltern: "Ich merke erst recht jetzt, wie aufrichtig ich nicht an Gott glaube, wie sicher ich vielmehr weiß, fühle, dass es keinen gibt... Man ist ganz allein."

Schon in seiner Kindheit machte er Bekanntschaft mit dem Antisemitismus. Immerhin hatte die Familie 1896 nach einem antijüdischen Boykott von Glogau nach Kattowitz umsiedeln müssen. Die nächste unerfreuliche Erfahrung bescherte ihm der Erste Weltkrieg. Damals glaubten viele Juden an ein nun unterschiedsloses Verschmelzen von Juden und Nichtjuden im deutschen Volk. Aber die Judenzählung nach Verdun - eine durch Behörden veranstaltete Zählung, um die angeblich große Zahl von jüdischen Deserteuren zu entlarven, deren Resultate, die das Gegenteil ergaben, nie veröffentlicht wurden - bedeutete für Zweig ein böses Erwachen aus einem schönen Traum. Einige Jahre danach hat der Schriftsteller in "Erziehung vor Verdun" (1935) antisemitische Offiziere im deutschen Heer ungeschminkt porträtiert.

Im Jahr 1927, kurz vor seinem 40.Geburtstag legte Zweig mit "Der Streit um den Sergeanten Grischa", einige Jahr vor Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" den ersten deutschen Antikriegsroman vor. Im Mittelpunkt von Zweigs Romans, den viele Kritiker für sein Meisterwerk halten, steht ein Justizmord. Den Roman hat Zweig später dem unvollendeten Zyklus "Der große Krieg der weißen Männer" zugeordnet, dessen weitere Teile nach den wichtigsten Etappen der Zeit von 1913 bis 1918 gegliedert wurden, jedoch nicht in chronologischer Reihenfolge erschienen sind: "Junge Frau von 1914" (1931), "Erziehung vor Verdun" (1935), "Einsetzung eines Königs" (1937), "Die Feuerpause" (1954) und "Die Zeit ist reif" (1957). Mit dieser desillusionierenden Chronik thematisierte er in episch breiter Darstellung die Ursachen und Folgen des Ersten Weltkriegs.

In der letzten Phase der Weimarer Republik war Zweig ein angesehener Schriftsteller mit gefestigtem literarischen Ruhm. Seine anfänglichen Idole: Nietzsches Philosophie, Schelers Phänomenolgie, Bubers Kulturzionismus, der Landauersche Sozialismus waren inzwischen verblasst. Sein Hauptinteresse galt nun der Psychoanalyse. Sein neuer geistiger Führer war fortan Sigmund Freud.

Der 1927 einsetzende Briefwechsel zwischen Freud und Zweig ist auf weite Stellen hin ein aufregendes Werkstatt-Gespräch zwischen einem Schriftsteller, den die Sozialpsychologie fasziniert, und einem Forscher, der große deutsche Prosa schreibt. Dabei gingen sie in ihren Briefen überaus höflich miteinander um und redeten sich wechselseitig mit "Vater Freud" und "Meister Zweig" an.

“Auf Zweigs seelische Komplikationen“, stellt der Literaturhistoriker Hans Mayer in seiner Rezension des Briefwechsels fest, „geht Freud fast niemals ein: ihn scheint der Schriftsteller zu interessieren, nicht der seelisch leidende Mensch. Außerdem verargt er es dem Autor des Grischa-Romans, dass dieser jemals an eine Symbiose zwischen Deutschen und Juden geglaubt hat. Dagegen erwärmt sich das Klima der Briefe sogleich, wenn er auf Berichte Zweigs über sein chronisches, stets mit Erblindung drohendes Augenleiden eingeht.“

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 hielt sich Zweig nach Reisen in die Tschechoslowakei und die Schweiz zunächst in Sanary-sur-Mer (Frankreich) auf, wo er zahlreiche Kollegen wie Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Anna Seghers und Bertolt Brecht wiedertraf. Aufgrund seiner durch Martin Buber frühzeitig geprägten zionistischen Überzeugung zog es ihn weiter nach Haifa, in das damalige Palästina.

Ein Jahr später veröffentlichte Zweig "Bilanz der deutschen Judenheit" (1934), in der er das universalistische Ethos der Judenheit hervorhebt und deutlich macht, was mit der Machtergreifung der Nazis zerstört worden war. Dabei ging es dem Schriftsteller nicht nur darum, die psychologischen Abläufe der Diskriminierung festzuhalten, wie er es ausführlich schon im Essay "Caliban" getan hatte, und den Kollaps der Weimarer Republik nachzuzeichnen. In erster Linie wollte er den Beitrag des Judentums in den Bereichen der Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft Deutschlands würdigen. Nach eigenem Bekunden, versuchte er, seine Haltung als bewusster Jude und Zionist, europäischer Geistiger und Dichter klar zu legen und zu vereinheitlichen. Da das Buch erst ein Jahr nach der Machtergreifung der Nazis erschien, hat es das deutsche Publikum, für das es bestimmt war, nicht mehr erreicht. Allerdings vermochte Zweig in Palästina nicht das Gelobte Land seiner Träume zu sehen. Schließlich hatte er Deutschland als Autor von Weltruf verlassen, In Haifa jedoch fand er sich an der Peripherie einer Gesellschaft wieder, deren Literaturbetrieb und Alltagsleben radikal auf das Hebräische ausgerichtet waren. So litt Zweig unter mangelnden Publikationsmöglichkeiten und fand nur wenige adäquate Gesprächspartner, nicht zuletzt auch deshalb, weil ihm, dem deutschen Schriftsteller, das Hebräische nicht mehr zuwuchs, wie vielen anderen Autoren der Emigration auch. Zur sprachlichen Isolation kam die politische hinzu, denn durch seine scharfe Kritik an der stark nationalistischen und antiarabischen Haltung der jüdischen Bevölkerung Palästinas hatte er sich bei der jüdischen Bevölkerung Palästinas schnell unbeliebt gemacht. Im Grunde sei Zweig, befand Schalom Ben-Chorin, der typische Intellektuelle, der sich moralisch verpflichtet gefühlt habe, ohne dieser Pflicht wirklich gewachsen zu sein. Darüber hinaus bedrohten finanzielle Nöte seine Existenz. Zweigs Unbehagen äußerte sich mitunter durch eine gewisse Aggressivität, über die seine Freunde gelegentlich klagten. Hans Laor berichtet beispielsweise, dass der Kontakt mit Zweig nicht immer leicht gewesen sei.

Bald wandte er sich enttäuscht ganz vom Zionismus ab und bekannte: "Ich mache mir nichts mehr aus dem Land der Väter. Ich habe keinerlei zionistische Illusionen mehr. Ich betrachte die Notwendigkeit, hier unter Juden zu leben, ohne Enthusiasmus, ohne Verschönerung und selbst ohne Spott."

In einer Artikelserie "Hitler und Antihitler", die 1938 in einer Pariser Tageszeitung erschien, bezichtigte er sogar die Zionisten der Kollaboration mit Hitler im Rahmen des zur Rettung deutscher Juden geschlossenen Haavara-Abkommen und erklärte, "die aufrichtigste Bewunderung unter den Juden" zollten Hitler "zionistische Gruppen". Im Sommer 1942 klagte er in der deutschsprachigen, wöchentlich erscheinenden linksradikalen Zeitschrift "Orient", die in heftiger Opposition zum zionistischen Establishment stand und dessen Mitherausgeber er eine Zeitlang war, dass "keines meiner Bücher in den letzten zehn Jahren Zugang auf den hebräischen Buchmarkt" gefunden habe. Gleichwohl erschien ein Jahr später sein "Beil von Wandsbek", lange vor der Publikation des deutschen Originals auf hebräisch.

In diesem Roman hatte sich Zweig in das Deutschland seiner Herkunft versetzt, in eine vom Nazismus zerfressene Gesellschaft, und hatte die Problematik des Menschen in einem totalitären Staat sichtbar gemacht, was ihm aus der großen Distanz überraschend gut gelungen ist. Doch an Zweigs Isolation in Palästina hat das nichts mehr geändert.

Schon mit seinem ein Jahrzehnt zuvor veröffentlichten Palästina-Buch "De Vriendt kehrt heim" (1932) hatte sich der Schriftsteller in Gegensatz zur zionistischen Bewegung gesetzt. Es geht hierin um einen ungeklärten Jerusalemer Mordfall an einem jüdischen antizionistischen Pädophilen aus dem orthodoxen Milieu. Zweig glaubte, dass er wegen dieses Buches, das lange nicht in hebräischer Übersetzung vorlag, boykottiert worden war. In egozentrischer Überschätzung, schreibt Ben-Chorin hierzu, der die Jahre Zweigs in Palästina miterlebt hat, habe Zweig gemeint, dass er durch diesen Roman im jüdischen Palästina zur persona non grata geworden sei. Das sei aber nicht der Fall gewesen, versichert Ben-Chorin. Nur wenige hätten im damaligen Palästina das Buch überhaupt gekannt.

Um so besser kannten offensichtlich die Zensoren im Nazi-Deutschland die Bücher von Arnold Zweig, gerieten doch gerade die im Exil entstandenen Bücher von Zweig wie "Erziehung vor Verdun" und "Einsetzung eines Königs" sofort als "einseitig verlogene Kriegsschilderungen" auf die Liste der verbotenen Bücher.

Mittlerweile hatte sich Zweig, unter Anleitung seines neuen, ebenfalls aus Europa geflüchteten Bekannten Louis Fürnberg, eines kommunistischen Schriftstellers aus Prag, mit dem Marxismus vertraut gemacht. Zudem hatte sich in ihm immer mehr die Überzeugung gefestigt, dass "nur in Europa ein Schriftsteller deutscher Zunge seiner Bestimmung leben kann."

Nachdem Arnold Zweig fünfzehn Jahre lang auf dem Karmel über Haifa ansässig gewesen war, ohne hier richtig heimisch zu werden, flog er, drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und zwei Monate nach Ausrufung des Staates Israel, nach Prag und von dort nach Ostberlin, wo ihm ein ehrenvoller Empfang zuteil wurde und wo sich ihm, durch die Nähe zu den ebenfalls zurückgekehrten Kollegen wie Bertolt Brecht, Anna Seghers, Johannes R.Becher und Friedrich Wolf ein günstigeres Arbeitsumfeld als in Israel anzubieten schien. Tatsächlich wurden dem sich nunmehr bekennenden "marxistischen Sozialisten" in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), der späteren Deutschen Demokratischen Republik (DDR), Ehre und Anerkennung reichlich zuteil.

So trat er 1949 als Delegierter und Redner auf Kongressen des Weltfriedensrats in Paris und Warschau auf. Von 1949 bis 1967 war er Abgeordneter der Volkskammer der DDR und von 1950 bis 1953 Präsident der "Deutschen Akademie der Künste" der DDR, anstelle des im März 1950, unmittelbar vor seiner Rückkehr verstorbenen Heinrich Mann. Nach seiner Amtszeit wurde Zweig als Poeta laureatus der DDR zum Ehrenpräsidenten ernannt. Auch mit Preisen wurde er vielfältig bedacht: 1950 mit dem "DDR-Nationalpreis" 1.Klasse und 1954 mit dem "Vaterländischen Verdienstorden der DDR" in Silber. 1952 erhielt er zu seinem 65.Geburtstag die Ehrendoktorwürde der Leipziger Universität. In seiner Dankesrede sagte Zweig: "Ich finde, dieser Titel passt zu mir." 1957 wurde er als Nachfolger seines verstorbenen Kollegen Brecht Präsident des "Deutschen PEN-Zentrums Ost und West" (ab 1967: "P.E.N.-Zentrum DDR"). Zwei Jahre später, im Jahr 1959 überreichte man dem Schriftsteller im Moskauer Kreml den "Internationalen Lenin-Friedenspreis" und 1961 die "Johannes-R.-Becher-Medaille in Gold". 1962 bekam er ehrenhalber einen Professorentitel, ferner die "Schiller-Plakette" und den "Vaterländischen Verdienstorden in Gold".

Arnold Zweig wurde, wie aus den aufgezählten Ehrungen und Ämtern, leicht zu ersehen ist, zum Aushängeschild der DDR und genoss im Osten die Aufmerksamkeit, nach der er sein Leben lang gestrebt hatte. Doch musste er dafür einen hohen Preis zahlen.

Anfangs glaubte er, zwischen Ostberlin und Haifa, wo er noch eine Wohnung hatte, hin und herpendeln zu können, zumal seine Frau starkes Heimweh hatte und der Ansicht war, unter Menschen, die im Nazi-Regime so viel Grauenhaftes angerichtet hatten, nicht leben zu können. (Nebenbei bemerkt, als sie nach dem Tod ihres Mannes 1968 nach Israel übersiedeln wollte, verweigerte man ihr die Ausreise.) Den Ausschlag für die Entscheidung zu bleiben, gab wohl die von Johannes R. Becher und anderen Kulturpolitikern der DDR garantierte Verbreitung der Werke Zweigs in hohen Auflagen. Indes - diese Aussicht erwies sich als trügerisch ebenso Zweigs Annahme, er könne der Psychoanalyse im sozialistischen System Akzeptanz verschaffen. Auch kam er nicht umhin festzustellen, dass ihn sein Leben in der DDR von jeder Entwicklung und Neuerscheinung auf dem Gebiet der Psychoanalyse und der Freud-Forschung fern hielt. Sein Manuskript "Freundschaft mit Freud", das er auf Anregung von Freuds Tochter Anna nach dem Tod ihres Vaters in Angriff genommen hatte, gab ihm der Aufbau-Verlag kommentarlos zurück. Erst 1996 wurde das Manuskript, nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten, gedruckt.

Obendrein war der Rang eines "Staatsschriftstellers" mit einer Einschränkung von Äußerungsmöglichkeiten verbunden, die für den Schriftsteller gerade im Bereich des Jüdischen besonders schmerzlich gewesen sein dürfte.

Bereits am 13.April 1956 schrieb Arnold Zweig an den in Dresden lebenden deutsch-jüdischen Historiker Helmut Eschwege (1913-1922): "Man bekommt das Gefühl des Reiters überm Bodensee, .... Dass sich in unserem Rücken eine Antisemitenfront befand, war kaum zu glauben, umso genauer müssen wir uns jetzt mit den Fakten vertraut machen. Ich werde mein Buch "Bilanz" der deutschen Judenheit .. zur Neuauflage bringen." Doch kein Verlag in der DDR wagte, Zweigs "Bilanz" herauszubringen. Das Buch erschien sechs Jahre später im Kölner Melzer-Verlag.

Denn unmissverständlich hatte Albert Norden, SED-Politbüromitglied und Rabbinersohn, dem Schriftsteller erklärt, die Hervorkehrung jüdischen Selbstbewusstseins, die Forderung nach einem offenen Bekenntnis zum Judentum sei historisch längst überholt und könne "uns heute in die Position desjenigen bringen, der wider Willen Wasser auf die antisemitischen Mühlen gießt." Sogar ein Arnold Zweig hatte also, infolge der repressiven Literaturpolitik im Osten Deutschlands, Eingriffe in seinen Prosatexten hinzunehmen sowie das Verbot des nach seinem Roman "Das Beil von Wandsbek" gedrehten DEFA-Films mit dem Hinweis, dass der dort dargestellte Amateurhenker zu positiv gezeichnet worden sei. In Wirklichkeit aber störten wohl die Parallelen zwischen der dargestellten braunen und der neuen roten Diktatur. Auch die Auflage der Romanausgabe wurde gedrosselt. Erbittert musste Zwei außerdem erkennen, dass seine Theaterstücke auf den DDR-Bühnen kaum aufgeführt wurden und sein dramatisches Werk damit praktisch ohne Echo blieb.

Offensichtlich hat die DDR, wie Hans Mayer einmal gemeint hat, sich mit Autoren wie Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger und Arnold Zweig "Ersatzklassiker", sozusagen eine Art "Ersatzhierarchie" für die nicht akzeptierten Dichter und Schriftsteller wie James Joyce, Franz Kafka, Samuel Beckett und andere geschaffen.

Allerdings verweigerte Zweig 1967 seine Unterschrift unter eine öffentliche Verurteilung Israels durch jüdische Künstler und Intellektuelle der DDR anlässlich des Sechstagekriegs. "Ich denke, man muss nicht alles unterschreiben", soll er zu dem Spiegel-Journalisten Christian Geißler gesagt haben. Gleichwohl blieb er loyal zum Staat DDR, der ihn aufgenommen hatte. Charakteristisch für Zweigs eher unkritisches Verhältnis zur DDR ist eine Begebenheit, die sich am Rande des PEN-Kongresses 1954 in Amsterdam zugetragen hat. Dort traf Zweig seinen Kollegen Hermann Kesten, der ihn fragte: "Wie geht's, Herr Zweig?" Antwort: "Mir geht's gut. Ich lebe in Ost-Berlin und bin mit meiner Regierung in allen Punkten einverstanden."

Noch zwei große Romane schuf Zweig in den Ost-Berliner Jahren von 1948 bis 1968: "Die Zeit ist reif" (1957) und "Traum ist teuer" (1962). Der erste dieser Spätlingswerke knüpft unmittelbar an seinen 1931 veröffentlichten Roman "Junge Frau von 1914" an, ist indes aber so sehr von Ideologie durchsetzt, dass der freie Atem des Erzählers immer wieder ins Stocken gerät. Noch schlimmer ist es mit dem letzten, mit autobiografischen Zügen befrachteten Buch bestellt. Vieles ist hier, laut Schalom Ben-Chorin, nicht so sehr von Altersweisheit, sondern mehr von Altersgeschwätzigkeit gekennzeichnet. Als "misslungenen Schwanengesang" charakterisiert Wilhelm von Sternburg das Werk. Offensichtlich konnte Zweig in seiner literarischen Arbeit nicht mehr an die Erfolge der Vorkriegszeit anknüpfen. Der Unterschied zwischen dem Arnold Zweig, der 1928 in Berlin seine besten Werke schrieb, und dem, der sich 1963 in Ost-Berlin als Schriftsteller zu behaupten suchte, ist eklatant.

Gesundheitlich angeschlagen und fast erblindet, zog sich der Autor im Laufe der sechziger Jahre immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Er starb am 26. November 1968, sechzehn Tage nach seinem 81.Geburtstag, und erhielt ein Staatsbegräbnis auf dem Dorotheenstadtfriedhof in Berlin, neben Johannes R.Becher, Bertolt Brecht, Heinrich Mann und einigen anderen, die vor drei Jahrzehnten mitgeholfen hatten, sein "Beil von Wandsbek" zu denunzieren. Selbst im Tod hat die DDR den Toten noch bevormundet, indem sie ihm eine Beisetzung nach seinen Wünschen versagte, ohne Gepränge und auf einem jüdischen Friedhof.

In Ostdeutschland waren Zweigs Bücher weiterhin Pflichtlektüre an den Schulen. In der offiziellen DDR-Germanistik freilich wurde nach wie vor weder Zweigs Zionismus zur Kenntnis genommen noch der maßgebliche Einfluss der als bürgerlich abgeurteilten Freudschen Psychoanalyse. Im Westen wiederum existierte Arnold Zweig für die Germanistik überhaupt nicht, und beim allgemeinen Leserpublikum versiegte nach seinem Tod das Interesse an seinem Werk, so weit es überhaupt jemals vorhanden war, sehr schnell, zu sehr hatte sich das Bild eines staatlich protegierten Künstlers im Westen verfestigt.

Die Wiedervereinigung führte dann endlich dazu, dass eine umfassende, auf 26 Bände angelegte, noch nicht abgeschlossene Neuausgabe seiner Werke begonnen wurde, in die nun auch die Texte miteinbezogen werden, deren Veröffentlichung in der DDR verweigert worden war. In Israel hat sich mittlerweile ebenfalls ein neuer ideologiefreier Blick auf Zweig manifestiert. Vor allem sein Buch "De Vriendt kehrt heim" war nach der Ermordung des Premierministers Jitzchak Rabin durch einen jüdischen Fanatiker im jüdischen Staat aktuell geworden.

Festzuhalten bleibt, dass Arnold Zweig ein turbulentes, Leben voller Widersprüche und Irrtümer geführt und ein schier unübersehbares Werk hinterlassen hat, und dass beide, Leben und Werk, geprägt waren von dem für Zweig letztlich unauflösbaren Spannungsfeld zwischen Deutschtum und Judentum.

Der Text erschien zuerst in der „Tribüne-Zeitschrift zum Verständnis des Judentums“ Heft 183, 3.Quartal 2007 und wurde von „literaturkritik.de“ in Heft 11, November 2007 nachgedruckt.


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