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Was ist Schuld?

Die Schuldfrage unter besonderer Berücksichtigung der Literatur

Heute noch von Schuld zu reden, ist überaus schwierig geworden. Auch ist die gegenwärtige Situation einigermaßen paradox. Einerseits versuchen wir, uns immer mehr vom Schuldbegriff zu lösen und Schuld auf einzelne gesellschaftliche, pädagogische, psychische und physische Determinanten zu verteilen. Andererseits haben wir im Zuge der Aufklärung ein neues Verständnis von Freiheit entwickelt, sehen in der Selbstbestimmung das höchste Glück und reagieren recht empfindlich, wenn wir unseren Freiheitsraum für beschnitten halten.

Aber allgemeine Demokratisierung bedeutet nicht nur mehr Freiheit, sondern bürdet allen auch mehr Verantwortung auf und vergrößert damit die Gefahr, Fehlentscheidungen zu fällen und schuldig zu werden. Hinzu kommen die durch die Technik gewonnenen, fast unbegrenzten Handlungsmöglichkeiten, so dass wir heute genau abwägen müssen, zwischen dem, was technisch machbar, aber nicht immer verantwortbar, und dem, was für den Menschen sinnvoll ist.

Wie wir Schuld definieren, hängt im Grunde davon ab, wie viel Freiheit wir dem Menschen zubilligen, weil Schuld Freiheit voraussetzt und Freiheit selbst ohne die Begriffe Verantwortung, Gewissen und Schuld nicht gedacht werden darf. Andererseits kommen wir nicht umhin, wenn wir von Freiheit und Schuld sachgerecht reden wollen, auch die Bedingungen zu beachten, denen menschliches Verhalten und Handeln unterliegen.

Ein Blick auf die einzelnen Disziplinen zeigt, wie unterschiedlich Schuld interpretiert wird. Die Psychologie beispielsweise spricht in erster Linie von Schuldgefühlen, Schulderleben und Schuldbewusstsein, die nicht immer auf eine objektiv nachweisbare Schuld zurückgehen, sondern oft aus unbewussten Zusammenhängen wie Minderwertigkeitsgefühlen erwachsen.

Die Verhaltensforschung, insbesondere Konrad Lorenz und der Behaviorismus, sehen in dem sogenannten Bösen reparable Entartungserscheinungen. Hier wird das Böse und damit auch die Schuld auf rein psychische oder biologische Phänomene reduziert, denen jegliche ethische Komponente fehlt. Die Frage nach der Aufhebung von Schuld degeneriert so zur Frage nach der Veränderung der Gesellschaft.

Besonders schwer aber tut sich die Jurisprudenz. Sie ahndet rechtliche, nicht moralische Schuld, auch wenn beide oft zusammenhängen. Sie versucht seit einigen Jahrzehnten, nach Jürgen Baumann, Strafrechtler, den Schuldbegriff zu sozialisieren, zu säkularisieren und zu entmythologisieren. Andere, wie Günther Stratenwerth, ebenfalls Jurist, und der Tübinger Philosophieprofessor Walter Schulz, sind sich bei aller Fragwürdigkeit des Schuldbegriffs seiner Unentbehrlichkeit bewusst und plädieren für seine Anerkennung im Wissen um seine unlösbare Problematik.

In der Philosophie wiederum steht, vor allem bei Heidegger, die sogenannte existenziale Schuld im Vordergrund. Für Heidegger - aber auch für C.G.Jung in der Psychoanalyse und für Theologen, nur sprechen diese nicht von Schuld, sondern von Sünde - gehört das Schuldigsein zur Seinsverfassung des Menschen. Nicht weil wir etwas tun oder unterlassen, sondern allein durch unsere Existenz sind wir schuldig.

Die konkretesten und allgemeinsten Antworten jedoch auf die Schuldfrage gibt die Literatur; allerdings nicht in Form einer genauen wissenschaftlichen Definition, sondern in wechselnden Verkleidungen und Umschreibungen. Schuld wird hier durchweg in einem vielfältigen Geflecht sozialer Bezüge dargestellt.

Gerade in der Literatur kann man deutlich sehen, wie sich der Schuldbegriff im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat und stets abhängig war von der jeweiligen gesellschaftlichen Wirklichkeit und Bewusstseinslage.

Bei den Griechen bedeutete Schuld Verletzung der göttlichen Ordnung. Die Tragödie des Ödipus besteht beispielsweise darin, dass er trotz guter Vorsätze, unschuldig und unbewusst schuldig wird und dafür büßen muss. Der Altphilologe E.R.Dodds sieht darin ein Drama über die Blindheit der Menschen und die verzweifelte Unsicherheit der menschlichen Lage, aber auch ein Drama über menschliche Größe, weil Ödipus ständig nach Wahrheit strebt und bereit ist, die Verantwortung für seine Taten auf sich zu nehmen. Er ist ein Symbol für die menschliche Vernunft, die nicht eher zur Ruhe kommt, bis alle Rätsel gelöst sind, selbst wenn das letzte Rätsel lautet: menschliches Glück beruht auf einer Illusion.

Zugleich haben wir hier den krassesten Gegensatz zwischen Verantwortungsethik und der im deutschen Idealismus bevorzugten und durch die Nazidiktatur gründlich in Misskredit geratenen Gewissensethik, die den Folgen einer Tat zugunsten der reinen edlen Absicht zu wenig Beachtung schenkt.

In der Literatur wurden Schuld und Sühne schon früh und wiederholt behandelt: im Nibelungenlied, in Dantes Göttlicher Komödie, in Goethes Faust, auch in Opern wie in Mozarts Don Giovanni und in Wagners Tannhäuser.

Die Möglichkeit, schuldig zu werden, ist in der Literatur bis zum 19.Jahrhundert niemals ernsthaft bestritten worden. Bis dahin ging es in erster Linie nur um die Frage, wie wird der Mensch schuldig? Durch Erbe, Verhängnis oder eigenes Handeln? Bei Shakespeare erwächst die Schuld aus dem Charakter. Hamlet, überaus sensibel und kompliziert veranlagt, wäre sicherlich in jeder Gesellschaftsordnung gescheitert. Bei Lessing dann, man denke an Emilia Galotti, wird der Konflikt nicht mehr zwischen Gut und Böse, sondern zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Normen, nämlich zwischen denen des Adels und denen des Bürgertums, ausgetragen.

Bei Goethe heißt es in "Wilhelms Meisters Lehrjahre" : "Ihr führt ins Leben uns hinein

/Ihr lasst den Armen schuldig werden, /Dann überlasst ihr ihn der Pein, denn alle Schuld rächt sich auf Erden."

Trost verspricht dagegen eine andere Aussage von Goethe und zwar in "Natürliche Tochter":"Habt ihr denn jeder Ahnung euch verschlossen, /dass über Schuld und Unschuld, lichtverbreitend, /Ein rettend, rächend Wesen göttlich schwebt?" Doch was hat Goethe selbst über Schuld gedacht und nicht eine seiner Personen denken und sagen lassen? Das genau weiß man nicht.

Zukunftsweisend, aber durchaus noch nicht zufriedenstellend eingelöst, wirkt sein Ausspruch in den "Wanderjahren" allemal: "Welchen Weg musste nicht die Menschheit machen, bis sie dahin gelangte, auch gegen Schuldige gelind, gegen Verbrecher schonend, gegen Unmenschliche menschlich zu sein."

Schiller wiederum bezeichnete die Schuld als "der Übel größtes" in "Die Braut von Messina", wörtlich: "Das Leben ist der Güter höchstes nicht, /Der Übel größtes ist die Schuld."

Auch Annette von Droste-Hülshoff hat das Thema Schuld und Sühne in vielen ihrer Dichtungen aufgegriffen und am wirkungsvollsten wohl in der Novelle "Die Judenbuche" gestaltet.

Dostojewski sah im Stolz des Individualisten die schlimmste Sünde, die nur durch ein edelmütiges Schuldbekenntnis vor allen Menschen gesühnt werden kann. Der russische Dichter glaubte, dass jede Sünde - und sei sie noch so "privat", geheim und auf den Gedanken beschränkt - nicht nur für den Sünder selbst, sondern auch für seine Mitmenschen, ja für die ganze Welt Folgen hat. "Alle sind vor allen und für alle schuldig." Die Solidarität der Menschen in der Schuld fordert auch eine Solidarität der Menschen im Leiden. Alle müssen "das Leiden auf sich nehmen und dadurch Erlösung finden". Selbst das ungesühnte Leiden unschuldiger Kinder, dessen Sinnlosigkeit Iwan Karamasow an Gottes Güte und Gerechtigkeit zweifeln lässt und ihn zur Empörung gegen Gott treibt, gewinnt für Dostojewski einen Sinn: Es steht in der Nachfolge Christi, der ebenfalls unschuldig litt, um stellvertretend für die Sünden der Menschheit zu sühnen.

Bekanntlich erfuhr die Menschheit durch Kopernikus, Darwin, Marx und Freud einen vierfachen Schock. Von da an konnte sie sich nicht mehr naiv und unbefangen, weder als Mittelpunkt des Kosmos noch als Krone der Schöpfung betrachten, sondern musste sich abhängig fühlen von gesellschaftlichen Verhältnissen und unbewussten Trieben. Die Personen erscheinen darum in der Literatur des 19.Jahrhunderts nicht selten als Objekte einer total kausalen Umwelt. Die gesellschaftskritischen Dramen von Ibsen, Büchners Woyzeck, Fontanes Effi Briest, Hebbels Maria Magdalena, Hauptmanns Ratten und vor allem Brechts Werke dokumentieren eindringlich, wie unfrei und abhängig von gesellschaftlichen Bedingungen nun der Mensch gesehen wird. Schuldig wird nicht mehr der einzelne an der Gesellschaft, sondern die Gesellschaft am einzelnen.

Bei Franz Kafka indes werden die Menschen, ohne dass sie es wissen, schuldlos schuldig. Damit spielt er auf die allgemeine jüdische Situation an, die vielfach dadurch gekennzeichnet war, dass unschuldige Menschen, nur weil sie Juden waren, grundlos verfolgt und ohne ordentlichen Prozess schuldig gesprochen wurden, wie es besonders eklatant im Hitler-Regime der Fall war, dessen Schrecken der Prager Dichter in vielen seiner Geschichten hellsichtig vorweg genommen hat.

Seit 1945 wissen wir, dass Kafka nicht nur die jüdische Situation dargestellt hat, sondern auch allgemein menschliche Situationen, wie der Mensch sie in der jüngsten Vergangenheit bis in die Gegenwart immer wieder erfährt, insbesondere der Mensch, der aus der Bahn geworfen wird, der merkt, dass er keinen sicheren Boden unter den Füßen hat, dass wir uns alle im Grunde auf nichts und niemand verlassen können und stets mit dem Einbruch des Dunklen und Unheimlichen rechnen müssen, dass es Augenblicke gibt, in denen wir Objekte werden und unsere Verantwortung nicht wahrnehmen können.

Ganz anders sah Kurt Tucholsky seine Situation, als er 1930 in "Briefe an eine Katholikin" formulierte: "In mir ist nichts, was erlöst werden muss; ich fühle die culpa (Schuld) nicht.... Es geht mich gar nichts an. Nichts."

Wir verkennen auch heute durchaus nicht, dass gesellschaftliche Normen und Zwänge den Menschen in seinem Handeln und Denken beeinträchtigen können. Gleichwohl bleibt der Mensch nicht ohne Schuld, wenn er glaubt, dass die Verhältnisse stärker als er selbst seien, und annimmt, dass er sich ihnen immer und überall bedingungslos unterwerfen müsse, statt auf sie schöpferisch und initiativ zu reagieren. Von einem gewissen Bewusstseinsstand an - Camus sagt, ab dreißig sei jeder für sein Gesicht verantwortlich - muss der Mensch erkennen, dass er einen gewissen Spielraum hat und dass es einfach zu billig ist, sich auf ein "die Verhältnisse, sie sind nicht so" herauszureden.

In der Literatur sind nach dem zweiten Weltkrieg lange Zeit die Aufarbeitung der Nazi-Zeit und die Bewältigung der Gegenwart die beherrschenden Themen.

Hans Erich Nossack hat sich in seinen Tagebüchern mit der Schuldfrage befasst, wobei er die Schicksalhaftigkeit des Geschehens hervorhob, aber kein Wort über die nationalsozialistische Politik verlor ebenso wenig wie über den Verlauf des Krieges, die Juden, die Lager und die Täter.

Stefan Andres, der ursprünglich Priester werden sollte und das Dritte Reich als Emigrant von außen erlebt hatte, (seine Frau konnte den Nationalsozialisten keinen 'Ariernachweis' vorlegen) hat schon früh die Schuld des Menschen in der Diktatur literarisch bearbeitet. Luise Rinser schrieb 1954 unter dem Titel "Der Sündenbock" eine Parabel um Schuld und Rache, Recht und Gerechtigkeit im Gewand des Detektivromans.

Schließlich ging man dazu über, die Schuldfrage mit Gesellschaftskritik zu koppeln. Man fragte nun nicht mehr metaphysisch dunkel verhangen, sondern direkt und konkret nach den Schuldigen am und im Dritten Reich. Wie Schuld möglich werden kann, erläutert zum Beispiel Max Frisch an seinem Modell "Andorra". Angeblich haben hier alle den Tod des Judenjungen "Andri" nicht gewollt, alle waren voll guter Gesinnung, und dennoch ist das Böse zustande gekommen. Die gleichen Probleme bewegen auch Ruth Rehmann in ihrem Buch: "Der Mann auf der Kanzel", in dem sie der Frage nachgeht, warum hat mein Vater, ein evangelischer Pfarrer, ein grundgütiger Mensch, nichts gesehen und nichts gegen den Nationalsozialismus unternommen?

Friedrich Dürrenmatt äußerte sich zur Schuldthematik in einer Rede über Theaterprobleme im Jahr 1954: "Wir sind kollektiv schuldig, zu kollektiv gebettet in die Sünde unserer Väter und Vorväter. Das ist unser Pech, nicht unsere Schuld.."

Andere Autoren sehen Schuld als Mitschuld und geistigen Hochmut (Thomas Mann), als Konformismus und Mitläufertum (Böll, Grass, Martin Walser, Uwe Johnson u.a.) und auch als Gleichgültigkeit (Beckett, Ionesco).

Wie indes ist man außerhalb der Literatur, also in der allgemeinen Öffentlichkeit, in der Nachkriegszeit das Schuldproblem angegangen?

Die Sprachwissenschaftlerin Heidrun Kämper vom Mannheimer Institut für Deutsche Sprache (FAZ v.24.9.2003) hat festgestellt, dass deutsche Gerichte in den unmittelbaren Nachkriegsjahren Angeklagten, denen Kriegsverbrechen zur Last gelegt wurden, keine Schuldminderung zuerkannten, wenn diese sich darauf beriefen, zu bedingungslosem Gehorsam verpflichtet gewesen zu sein. Spätestens mit der Gründung der Bundesrepublik tat man es dann aber doch.

Von Schuld ist zwar in den von Heidrun Kämper analysierten Texten häufig die Rede, allerdings versuchten die Täter oft, ihre Schuld zu relativieren und sich selbst als Opfer Hitlers zu stilisieren. Im Gegensatz dazu gab es unter den Opfern oft die Tendenz, sich schuldig zu fühlen, da man das nationalsozialistische Unheil nicht wirkungsvoll zu bekämpfen vermochte oder, das sei an dieser Stelle hinzugefügt, weil man überlebt hatte im Gegensatz zu anderen Leidensgefährten.

Und wie behandeln die heutigen Autoren die Schuldfrage? Sie wird immer noch, wenn auch jetzt unter anderen Aspekten, mit dem Dritten Reich verknüpft, seltener noch mit der vor über etlichen Jahren untergegangenen DDR. Hier tauchte nur im öffentlichen, nicht im literarischen Bereich die Frage nach der Mitschuld der Intellektuellen am korrupten DDR-Staat auf, durch die auch Christa Wolf eine Zeitlang in Misskredit geriet. Aber eine ernsthafte Aufarbeitung der DDR-Geschichte hat bislang noch nicht stattgefunden, allenfalls eine Verklärung in Büchern und Filmen.

Doch die Nazizeit und die Frage nach der Schuld oder Mitschuld ihrer Eltern und Großeltern geistert gelegentlich noch durch die Literatur, obwohl das Dritte Reich als solches auf Nachgeborene mehr und mehr an Faszinationskraft zu gewinnen scheint.

Uwe Timms Buch "Am Beispiel meines Bruders" handelt von den Leerstellen im deutschen Bewusstsein und den einzelnen Phasen von Schuldeinsicht und Aufarbeitung, die nach dem Krieg nur langsam und mühsam in Gang kamen. Der Vater und seine Freunde schwadronierten höchstens vom "Befehlsnotstand", schwiegen aber beharrlich über den eigenen Anteil an Schuld. Timm bemüht sich ferner, in den spärlichen Andenken an den in Russland gefallenen Bruder - einem stenografisch geführten Tagebuch, einigen Fotos, Akten und den beiläufigen Bemerkungen der Eltern - Anhaltspunkte für dessen Schuld oder Unschuld ausfindig zu machen. "Erkannte er etwas wie Täterschaft, Schuldigwerden, Unrecht?" fragt er immer wieder.

Freilich eine konkrete Antwort auf die Schuldfrage ist bei Timm ebenso wenig zu finden wie in Wibke Bruhns Familiengeschichte "Meines Vaters Land", in dem sie das Leben des Vaters enträtseln möchte, um das eigene besser zu verstehen und um zu begreifen, was die Generation der Nachgeborenen beschädigt hat.

Inzwischen sind die Veröffentlichungen über persönliche oder erzählte Erinnerungen aus der Nazi- und Kriegszeit, Berichte von Augenzeugen und mehr oder weniger fiktionale Nachforschungen über Großeltern, Eltern oder Geschwister, die in den Nationalsozialismus verstrickt waren, kaum noch zu überblicken. Plötzlich schaut man nicht mehr von erhöhter Warte auf die Schauplätze des Zweiten Weltkrieges oder des Kalten Krieges, sondern sieht aus der Perspektive einzelner Menschen brennende Städte, sterbende Väter, marodierende Rotarmisten, man liest Briefe von der Front und Tagebücher, hört Geschichten von Flüchtlingstrecks und Vertriebenen.

Mittlerweile fragt sich der ein oder andere - und das zu Recht -, nachdem Bücher über die Vertreibung der Deutschen und den Bombenkrieg erschienen sind, ob deutsche Schuld jetzt aufgeweicht werden soll durch Werke, die das durch Krieg und Nachkriegszeit verursachte Leid der Deutschen in den Mittelpunkt stellen. Werden hier womöglich Täter zu Opfer stilisiert bis hin zur Verleugnung der Täterschaft? Scheint heute ein Erinnern jenseits von Schuld und Sühne wieder möglich zu sein? Vieles spricht dafür. Man schaue sich daraufhin nur einmal die in den letzten Jahren erschienenen Bücher von Martin Walser, Marcel Beyer sowie die Lebenserinnerungen von Reinhard Baumgart und Christoph Heins Roman "Landnahme" an.

Auch wenn hier im Zusammenhang mit der Nazizeit kaum noch von Scham, geschweige denn von Schuld die Rede ist, so wird das Schuldproblem als solches Menschen weiterhin begleiten, immer und überall - auch wenn es die Spaßgesellschaft nicht gerne wahrhaben will - und Schuldbegriff, Schulderleben und Schuldverständnis werden sich dabei weiterhin ständig wandeln.

Die Antworten, die Dichter und Schriftsteller auf die Fragen geben: Was ist Schuld? Wie entsteht sie? gelten jeweils nur für einen gewissen Zeitraum und sind sicherlich nicht immer der Weisheit letzter Schluss. Dennoch sollte man sie stets von neuem durchdenken, um sich klar zu werden, wie komplex das Schuldproblem ist und wie auch unser heutiges Schuldverständnis von früheren und gegenwärtigen Konzeptionen mitbeeinflusst wird und daher schwer auf einen eindeutigen Begriff oder Nenner zu bringen ist.


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