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Voltaire, Nietzsche und die Juden

Waren die Philosophen Hitlers Wegbereiter?

Der Antisemitismus scheint unausrottbar zu sein. Um seine hartnäckige Beständigkeit zu erklären, werden vielfältige Gründe ins Feld geführt: Konkurrenzneid, die Suche nach einem Sündenbock bei gesellschaftlichen Krisen und Umbrüchen, seit altersher tradierte und gedankenlos übernommene Vorurteile, gegen die intelligente Menschen eigentlich gefeit sein müssten, sowie die Übertragung diffuser Ängste und eigener negativer Eigenschaften auf den Anderen, den vermeintlich Fremden, bei dem sie dann vehement bekämpft werden. Gelegentlich feiert sogar der absurde, zweitausend Jahre alte Vorwurf, die Juden hätten Jesus ans Kreuz geschlagen, fröhliche Urständ.

Wenn alle diese Motive, die Menschen veranlassen, Juden abzulehnen und zu diskriminieren, wirklich nur mit mangelnder Aufklärung zu tun haben, wie vielfach behauptet wird, dann ist nicht einzusehen, warum selbst Intellektuelle, Philosophen, Wissenschaftler und andere kluge Leute ihnen häufig erliegen. Man denke nur an den in Hochschulkreisen, sowohl im Kaiserreich als auch in der Weimarer Republik, weit verbreiteten Antisemitismus, der meistens noch mit antidemokratischen Einstellungen gekoppelt war. Wenn Personen mit geringen Geistesgaben und begrenztem Horizont, mit mangelhafter Bildung, missglückte Sozialisation und fehlenden Orientierungspunkten in ihrem Leben, Vorurteile kritiklos übernehmen oder selber welche ausbrüten, so kann man dies zur Not noch verstehen. Doch wenn Universitätsprofessoren judenfeindliche Einstellungen hegen und pflegen und ihre Schüler, Zuhörer und ihre weitere Umgebung damit infizieren, dann fällt es schwer, hierfür plausible Gründe zu finden.

Warum kommt man dem Judenhass mit Aufklärung und rationalen Argumenten allein nicht bei? Ist er tatsächlich eine in der abendländischen Kultur tief verwurzelte Mentalität, die Jahrhunderte hindurch von Generation zu Generation, sozusagen als fester Bestandteil unserer christlich geprägten Tradition und abendländischen Identität weitergegeben wurde, zunächst als Antijudaismus, später unter dem Etikett des Antisemitismus? Wie dem auch sei, offensichtlich ist gerade in der Philosophie, also in jener Disziplin, die es mit dem Versuch zu tun hat, Wahrheit durch Denken zu erfassen und moralische Richtlinien zu entwerfen, die Blindheit gegenüber den eigenen Vorurteilen besonders groß. Das gilt auch für die Epoche der Aufklärung, die im Namen der Vernunft gleiche Rechte für alle Menschen beanspruchte und die Aufhebung von Standes- und Klassenschranken versprach. Immerhin kamen die Bestrebungen der Aufklärung vielen zugute, die, wie die Juden in der Diaspora, bis dahin am Rande der Gesellschaft gelebt hatten. Jahrhunderte lang waren Juden verfolgt, unterdrückt und ermordet worden, ohne dass sich eine Stimme dagegen erhob. Erst aufklärerische Philosophen haben ihre Benachteiligungen, ihre oft zum Himmel schreiende misslich Lage als menschenunwürdiges Unrecht erkannt und sich für deren Beseitigung wortreich eingesetzt. Aber nicht einmal die Befürworter von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit waren frei von Antisemitismus. So aufgeklärt und tolerant sie sich auch gaben, in der Praxis verhielten sie sich oftmals ganz anders. Hier blieben zahlreiche Exponenten der Aufklärung hinter ihren Idealen zurück. Während die einen, mit Montesquieu an der Spitze, im Namen der Gerechtigkeit und der Vernunft unterschiedslos für alle Opfer eintraten, die in der Gesellschaft unter Vorurteilen und Äußerungen des Aberglaubens zu leiden hatten, wandten sich andere energisch gegen das aus Kanaan eingewanderte und, wie sie meinten "auf Täuschung ausgehende" Volk der Juden. Nicht jeder Aufklärer war ihm freundlich gesonnen oder fähig, sich von allen Vorstellungen zu befreien, die dem Geist der Aufklärung widersprachen. Häufig war die emotionale Abhängigkeit von kirchlichen Traditionen, die die meisten nicht durchschauten, stärker als die Vernunft. So kam es, dass die Aufklärer mit ihrer Kritik an kirchlichen Strukturen und christlicher Einäugigkeit den Juden zwar den Weg aus dem Ghetto in die Emanzipation geebnet haben, dass aber gleichzeitig nicht wenige von ihnen einem nachchristlichen weltlichen Antijudaismus frönten.

Dies gilt vor allem für den französischen Schriftsteller und Philosophen Francois-Marie Arouet, der unter dem Namen Voltaire bekannt geworden ist. (Er wurde vor dreihundert Jahren in Paris geboren, wahrscheinlich am 21.November 1694 - ein einwandfreier urkundlicher Nachweis seiner Geburt ist nicht auffindbar - und starb in der französischen Hauptstadt am 30.März 1778.)

Mehr als die übrigen Anhänger der Aufklärung hat Voltaire das rationalistische Denken geformt. Obwohl gerade er wie kaum ein anderer das Ideal der Gleichheit aller Menschen geschätzt und das Prinzip der Toleranz gegen jeden Fanatismus, auch in Glaubens- und Gewissensfragen, energisch verteidigt hat, so hat er doch im Laufe seines Lebens eine nahezu unglaubliche Judenfeindschaft an den Tag gelegt. Wie bei den meisten Aufklärern hing seine Abneigung gegenüber den Juden anfangs mit seinem erbitterten Kampf gegen die Autorität und den Einfluss der christliche Kirche zusammen.

Um das neue Testament seiner Voraussetzung, der 'jüdischen' Bibel zu berauben, habe Voltaire das Judentum angegriffen, behauptet sein Biograph Georg Brandes. Wie die Kirche sah Voltaire in allen Juden in erster Linie die Repräsentanten des "Alten Testamentes", das die Wurzel des von ihm verachteten christlichen Glaubens war. Aus dieser Sicht leitete der französische Philosoph, wie andere Aufklärer auch, die Forderung ab, dass das Judentum wie alle historischen Religionen zu überwinden sei.

Voltaires antichristliche Religionskritik war eng verknüpft mit christlichen Judenhass. Obwohl seinem Bild vom Judentum die theologischen Inhalte fehlten, so übernahm er doch die judenfeindliche Einstellung der Kirche mit all ihren Merkmalen und Stereotypen: ihre Ablehnung, ihren Hohn und ihren Hass gegenüber den Juden sowie den alten Vorwurf der Verstocktheit und anderes mehr. Wie ein frommer Christ hielt Voltaire daran fest, dass die Juden eine Gruppe von Schuften und Betrügern seien.

Beim Diktieren seiner Lebenserinnerungen zitiert er noch nach vierzig Jahren die Worte"jenes schönen Liedes" mit altbekannten antisemitischen Legenden von Hostienschändung und Ritualmord, das er einmal in Brüssel vernommen hatte:

"Freuen wollen wir uns, gute Christen, an der Hinrichtung
Des gemeinen Juden namens Jonathan,
Der am Altar mit tiefer Bosheit
Am Allerheiligsten Sakrament den Mord beging."

In seinen Beschreibungen der biblischen Zeit hat Voltaire ein derart verzerrtes und bösartiges Bild von den Juden entworfen und ihnen mit unverkennbarem Behagen so viele Fehler angedichtet, dass ein unbedarfter Leser den Eindruck gewinnen konnte, die Juden seien ein durch und durch minderwertiges und verdorbenes Volk mit unveränderlichen bösartigen Eigenschaften, an denen sämtliche Wanderungen und Zerstreuungen durch die Zeiten nichts hatten ändern können, zumal sich Voltaire bei seiner Charakterisierung des Judentums nicht nur auf die Zeit des Alten Testamentes beschränkt. Nicht selten hat er in seinen Büchern den Abstand zwischen Vergangenheit und Gegenwart völlig verwischt.

aufschlussreich sei in diesem Zusammenhang, schreibt der französische aus Petersburg stammende Historiker Leon Poliakov, die gründliche Durchsicht von Voltaires philosophischem Wörterbuch. Von seinen einhundertachtzehn Artikeln greifen etwa dreißig die Juden an. Sie sind "unsere Lehrer und unsere Feinde, denen wir glauben und die wir verabscheuen", heißt es dort und weiter: Sie sind "unwissend und barbarisch", "das abscheulichste Volk der Erde...., das schon seit langer Zeit die schmutzigste Habsucht mit dem verabscheuuungswürdigsten Aberglauben und dem unüberwindlichen Hass gegenüber allen Völkern verbindet, die sie dulden und an denen sie sich bereichern." Freilich findet sich bei ihm auch die Empfehlung: "Man soll sie jedoch nicht verbrennen."

Voltaires Antipathie gegenüber den Juden war für seine Zeitgenossen kein Geheimnis. Viele seiner Freunde waren darüber äußerst bestürzt. Ein scharfer Beobachter, der Fürst von Ligne, bemerkte, nachdem er acht Tage bei Voltaire zu Gast war und seine Ansichten über Juden zur Genüge kennengelernt hatte: "Herr von Voltaire hat sich deshalb so maßlos gegen Jesus Christus geäußert, weil dieser in einem Volk geboren wurde, das er verabscheute."Augenscheinlich hatte die ursprüngliche Reihenfolge von Kirchenhass und Judenhass bei Voltaire eine Kehrtwendung erfahren. Nicht die Absage an die Kirche stand schließlich bei ihm im Vordergrund, sondern sein Hass gegen die Juden. Nicht wenige fragten sich,"ob Voltaire antijüdisch war, weil er antiklerikal war, oder ob er antichristlich war, weil er antijüdisch war"(Lewis).

Voltaires großer antisemitischer Eifer, wie er aus seinen Schriften hervorgeht, machte sich vor allem in seinem letzten Lebensabschnitt bemerkbar. Seine Fähigkeit, Israels Geschichte in ruhiger Objektivität zu betrachten, hatte im Alter allem Anschein nach beträchtlich nachgelassen. In seiner Jugend soll es allerdings auch andere Momente in seiner Haltung gegenüber Juden gegeben haben. Als er in jungen Jahren in England weilte, weil er sich beim französischen König durch allzu freimütige Bemerkungen unbeliebt gemacht hatte, soll er gegenüber den Kindern Israels ein gewisses Wohlwollen gezeigt und jüdische Freunde gehabt haben, heißt es in einigen Büchern über Voltaire. Er habe in England Geschäfte getätigt, so wird ferner berichtet, und sich bei diesen so gerissen verhalten haben, wie man es im allgemeinen Juden nachsage. Einige Autoren glauben, dass Voltaires spätere Feindseligkeit gegenüber dem Judentum und gegenüber Juden auf persönliche Schwierigkeiten mit einzelnen Juden zurückzuführen seien. Andere wiederum meinen, dass seine Einstellung keineswegs auf eigenen negativen Erfahrungen mit Juden beruht hätte.

Gleichwohl gibt es in Voltaires Werk Anzeichen, die darauf hindeuten, dass sein Verfasser hin und wieder den Juden durchaus wohlgesonnen war oder zumindest für ihre Situation Verständnis gehabt hat, zum Beispiel als er schrieb: "Wenn ich erlebe, wie Christen Juden verfluchen, kommt es mir so vor, als würde ich es erleben, dass Kinder ihre Väter schlagen. Denn die jüdische Religion ist die Mutter der Christenheit und die Großmutter des Islam", oder: "Alle Menschen gehören zusammen, nicht nur die Christen müssen einander dulden. Ich gehe weiter:ich sage euch, dass wir alle Menschen wie unsere Brüder betrachten müssen." Und als ihm einige entsetzt entgegenhalten:"Was mein Bruder soll der Türke sein? Der Chinese? Der Jude?", antwortet Voltaire, treu seiner Theorie, mit einem entschlossenen: "Ja, ohne Zweifel, sind wir doch alle Kinder des gleichen Vaters und des gleichen Gottes." Sein deistisches "Gebet" beschließt er mit den Worten:"Möchten doch alle Menschen sich erinnern, dass sie Brüder sind!"

An anderer Stelle spricht er, ganz im Sinne der rationalistischen Ethik, seine jüdischen Zeitgenossen von der Verantwortung für die Sünden ihrer Vorfahren frei. Nebenbei hat er auch einmal die Möglichkeit einer Rückkehr der Juden in ihr Land erwogen. Doch dies war wohl nur ein Gedankenblitz und kaum als nachdenkens- und beherzigenswerter Vorschlag gemeint. Bekannt sind von ihm auch folgende Aussagen: "Mag sein, dass mir deine Worte missfallen, aber ich werde bis zum Tode dein Recht verteidigen, sie auszusprechen." - "Was ist auf Erden das Beste? Toleranz" und: "Fanatiker sind gefährlicher als Schufte. Einen Besessenen wird man nie belehren können, einen Schurken weit eher."

Doch dass er selbst ein Fanatiker war, wenn es darum ging, jüdische Menschen zu verunglimpfen und dass er selbst, der fanatische Feind jedes Fanatismus, bei seinem Kampf gegen "Mutter Kirche ... das jüdische Kind mit dem klerikalchristlichen Taufbad" ausschüttete, wie Rolf Schütt diesen wunden Punkt in Voltaires Leben salopp umschreibt, hat der Philosoph wohl selbst nie so recht begriffen. Denn wie sonst hätte er folgende Sätze von sich geben können, Sätze, die einen schaudern lassen, weil man aus ihnen schon die Argumente des späteren Vernichtungsantisemitismus heraushört.

"Ihr seid berechnende Tiere", hielt Voltaire den Juden vor, "bemüht euch darum, denkende Tiere zu werden." Mit diesem Vergleich zwischen dem denkenden Christen und dem berechnenden Juden nimmt Voltaire die Grundvoraussetzung des rassistischen Antisemitismus eindeutig vorweg, weil hier die Annahme aller Antisemiten und Rassenfanatiker von der angeblichen Überlegenheit der schöpferischen Intelligenz der Christen über den unfruchtbaren Intellekt der Juden anklingt. In einem anderen Text versteigt sich Voltaire zu der Behauptung, dass die Juden "in jedem Bereich alles abschreiben oder nachmachen." In seiner "Abhandlung über die Sitten" bemerkt er(fälschlicherweise übrigens), dass man im alten Rom die Juden mit dem gleichen Blick betrachtet habe, "mit dem wir die Neger sehen,nämlich als eine minderwertige Menschenart", und weiter: "Alles ist bei den Juden widersprechend und inkonsequent, wie fast bei allen Nationen. Das bringt die menschliche Natur mit sich. Aber das Volk der Juden übertrifft darin alle Menschen". Das Phantom von der jüdischen Weltverschwörung, mit dem Judenfeinde heute noch hausieren gehen, hat Voltaire auf eine kurze Formel gebracht:"Entweder die Juden unterjochten alle oder wurden von der gesamten Menschheit gehasst, ....sie sind nichtsdestoweniger die allergrößten Lumpen, die jemals die Oberfläche der Erde besudelt haben."

Genug der schlimmen Sprüche. Deutlich schimmert in ihnen schon durch, was unter Hitler dann zum unverrückbaren ideologischen, für die Juden tödlichen Glaubensbekenntnis wurde, dass sie zu Recht dazu verurteilt seien, aus der Welt zu verschwinden.

Voltaires ans Pathologische grenzender Judenhass war von erheblicher Nachwirkung. Was er initiiert hat und was dann in den Salongesprächen als leichtfertiges, unverantwortliches Spiel betrieben wurde, gelangte im 19.Jahrhundert in den Bereich der Öffentlichkeit und kulminierte im 20.Jahrhundert in den Gaskammern der Konzentrationslager von Auschwitz und Treblinka.

Auch wenn Voltaires Worte von späteren Polemikern verdreht und in Zusammenhänge gebracht wurden, an die er selbst wahrscheinlich nie gedacht hatte, und obgleich keine direkte Linie von Voltaires judenfeindlicher Einstellung zwangsläufig zum Antisemitismus des 20.Jahrhunderts und zum Massenmord führt, so haben doch nicht wenige seine irrige Meinung über die Juden übernommen. Schopenhauer trat in Voltaires antisemitische Fußstapfen, ebenso die französischen Antisemiten des 19.Jahrhunderts, Alphons Toussenel, der Historiker Jules Michelet, antijüdisch eingestellte deutsche Liberale, Wilhelm Marr, der den Begriff Antisemitismus populär gemacht hat, Ernest Renan, Bruno Bauer, Eugen Dühring und viele andere. Eine 1782 in Prag erschienene antisemitische Streitschrift - in der es von den Juden heißt:"Ein Volk, das es dazu gebracht hat, von allen Völkern gehasst zu werden, muss diesen Hass notwendigerweise selbst verschuldet haben" - war nicht das einzige Pamphlet jener Art, das sich auf Voltaire berief. Kein Wunder, dass in der Nazizeit ein Professor der Geschichte,Henri Labroue, mühelos ein Buch von zweihundertfünfzig Seiten mit Hilfe der judenfeindlichen Schriften Voltaires zusammenzustellen konnte, die allesamt durch ihre Zügellosigkeit bestürzen.

Das alles ändert indessen nichts an der grundlegenden Bedeutung der Aufklärung einschließlich der Französischen Revolution für die Befreiung der Juden und ihre gleichberechtigte Integration in die nichtjüdische Gesellschaft. Fraglos hat die Aufklärung von allen europäischen Epochen und Geistesrichtungen am meisten zur jüdischen Emanzipation beigetragen. Das haben auch Juden, denen das Ghetto zu eng geworden war und die am geistigen Leben ihrer nichtjüdischen Umwelt teilnehmen wollten, erkannt und gewürdigt.

Der aus Polen stammende Talmudist Zalkind-Hourwitz (er lebte in Paris Ende des 18.Jahrhunderts) beurteilte den Patron der zukünftigen Antisemiten in folgender Weise: "Es ist wohl möglich, dass Voltaire es weniger auf die modernen als auf die alten Juden abgesehen hat, das heißt auf den Stamm des Christentums, gegen das er unaufhörlich seine Angriffe richtete. Wie dem auch sei - die Juden vergeben ihm alles Unheil, das er ihnen zugefügt hat zugunsten des Guten, das er ihnen erwies, wenn dies auch geschah, ohne dass er dies wollte, ja sogar, ohne dass er es wusste. Denn wenn die Juden seit einigen Jahren sich ein wenig der Ruhe erfreuen können, so schulden sie dies dem Fortschritt der Aufklärung, zu dem Voltaire sicher mehr durch seine zahlreichen Werke gegen den Fanatismus beigetragen hat als irgendein anderer Schriftsteller." Insbesondere sephardische Juden wie Isaac de Pinto haben die Werke von Voltaire gründlich gelesen und ihn als den größten Geist der Aufklärung verehrt. Um so mehr schmerzten und verletzten sie seine verbalen Angriffe und üblen antisemitischen Ausfälle.

Hundertfünfzig Jahre nach Voltaires Geburt wurde der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche geboren, am 15.Oktober 1844. In der dazwischen liegenden Zeit, zwischen Voltaires und Nietzsches Geburt, hatte sich die Stellung der Juden in Westeuropa entscheidend geändert. Viele hatten mittlerweile das Ghetto verlassen und partizipierten am gesellschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Leben ihrer nichtjüdischen Umgebung - mit großem Eifer und beträchtlichem Erfolg. Außerdem machte ihre rechtliche Einbürgerung überall gute Fortschritte. Doch nur sechs Jahrzehnte lang konnte sich das europäische Judentum seiner neugewonnenen Freiheiten und Rechte, wenigstens juristisch,erfreuen, bevor es von der Katastrophe des Holocaust ereilt wurde.

Noch mehr als Voltaire wurde Friedrich Nietzsche als Vorläufer von Nationalsozialismus und Faschismus in Anspruch genommen, allerdings nicht so sehr wegen seiner gelegentlichen antisemitischen Äußerungen, sondern wegen seiner Philosophie. Dabei dürften nur wenige Anhänger von Hitler und Mussolini die Bücher dieses Philosophen wirklich gelesen und verstanden haben. Ja, vielleicht wäre der Versuch der Nazis und Faschisten, Nietzsche für sich zu vereinnahmen, zum Scheitern verurteilt gewesen, wenn nicht Philosophen und andere akademisch gebildete Leute den "Propheten des Willens zur Macht" als "den" Philosophen des Dritten Reiches gefeiert und seine Lehren im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie uminterpretiert hätten, wie etwa Alfred Baeumler, Fritz Giese, Joachim Günther und Alfred Rosenberg, der Chefideologe der nationalsozialistischen Rassenlehre.

Auch nach der Zerschlagung des NS-Staates galt Nietzsche noch lange Zeit als geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus. Eine Reihe von Autoren hat Bücher über ihn und den Faschismus verfasst und den Philosophen zum Schluss entweder verurteilt oder freigesprochen. Manche zogen bereits in ihren Titeln direkte Linien von Nietzsche zu Hitler. Hier einige Beispiele: Georg Lukács: "Von Nietzsche zu Hitler" (1966), M.P.Nicolas:"From Nietzsche zu Hitler"(1938), Ernst Sandvoss: "Hitler und Nietzsche"(1969). 1945 erschien eine Broschüre mit "Sieben Thesen wider den Nietzsche-Geist", in der der Verfasser, ein Schweizer, den Philosophen zum Kriegsverbrecher erklärte. Das tat auch der französische Hauptankläger M. Francois de Menthon in seiner Ansprache vor dem Internationalen Militärgerichtshof am 17.Januar 1947. Er verurteilte Nietzsche, neben Fichte und Hegel, als antihumanistischen Ahnherr des deutschen Faschismus, weil er Demokratie, Sozialismus, Christentum und Judentum verneint habe. Auch Lukács sah in der Politik Hitlers, trotz des geistigen und bildungsmäßigen Niveauunterschieds zwischen dem Philosophen Nietzsche und dem Demagogen Hitler, eine direkte Umsetzung der irrationalistischen Philosophie von Nietzsche in die Praxis. Nicht anders argumentierte Rudolf Augstein vor einigen Jahrzehnten, als er in einem Spiegel-Artikel den "Schreibtischtäter" Nietzsche und den "Täter" Hitler miteinander verglich. Dagegen haben Walter Nigg, Gottfried Benn, Karl Kraus und der Philologe und Herausgeber einer neuen Nietzsche-Ausgabe Mazzino Montinari den "Alleszermalmer" nachdrücklich verteidigt. "Was kann Nietzsche dafür, dass die Politiker nachträglich bei ihm ihr Bild bestellten?", gab Benn zu bedenken.

Indessen so ganz und gar schuldlos war Nietzsche an seiner eigenen fatalen Wirkungsgeschichte nun auch wieder nicht. Die gewalttätigen Phrasen seiner Moralkritik, seine Distanz gegenüber dem Recht, die Gleichsetzung von Wahrheit und Lüge, die Verherrlichung alles Starken, Lebendigen und Instinktiven, die Unterordnung des Intellekts unter das Primat der Affekte und des Wollens, haben eine barbarische Stimmung erzeugt, die den Aufstieg Hitlers begünstigte, so differenziert vieles auch gemeint sein mochte. Zarathustras "Werde hart!", die markige auf den freien Willen bezogene Wendung von der "blonden Bestie", das Bild des Übermenschen, "die Züchtung einer neuen über Europa regierenden Kaste", wurden aus dem Zusammenhang gerissen und als biologische Höherentwicklung gedeutet. Eine Reihe seiner Aussprüche wie "alles ist erlaubt", "lebe gefährlich" dienten den Nazis als hochwillkommene billige Schlagworte. Was sie sich weiter zu eigen machten, waren das Pathos des Dichterphilosophen, sein Nihilismus und die Verachtung des schwachen"Herdenmenschen".

Nietzsches Schriften, schreibt Karl Löwith, "haben ein geistiges Klima geschaffen, in dem bestimmte Dinge möglich wurden." Der Versuch, ihn von seiner geschichtlich wirksamen Schuld entlasten zu wollen, sei ebenso verfehlt wie der umgekehrte Versuch, ihm jeden Missbrauch seiner Schriften aufzubürden. Die blonde Bestie freilich, die sich dann im Dritten Reich personifizierte, hätte Nietzsche bestimmt nicht begrüßt, und über den Holocaust wäre er sicher genau so entsetzt gewesen wie gewiss auch Voltaire. Unbestritten aber bleibt, dass beide Wege eröffnet haben, die sie selber nie gegangen wären und nie gutgeheißen hätten.

Außer Frage steht außerdem, dass ein großer Teil der verhängnisvollen Gedanken von Nietzsche, die von antisemitischen Autoren, Politikern und Demagogen bis hin zu Hitler und seiner Gefolgschaft zur Vorbereitung eines Weltenbrandes missbraucht wurden, mit der Humanität, die der Philosoph in seinem Werk immer wieder bezeugt hat, nicht zu vereinbaren ist. Zudem war der menschenscheue Skeptiker und extreme Individualist Nietzsche mit seinen wenig staatstragenden Ideen, mit seiner Abneigung gegenüber Gemeinschaftsmythos, Kriegskult, Nationalismus und Antisemitismus alles andere als ein Propagandist der NS-Ideologie und schon gar nicht ein Bewunderer der von den Nazis hochgeschätzten Germanen. Nietzsche hielt sie nämlich für die"Alkohol-Vergiftung Europas". Schon zu Lebzeiten musste er entsetzt feststellen, dass sich die Antisemiten um seinen Schwager Bernhard Förster, der ebenfalls ein übler Judenhasser war, auf ihn beriefen. "dass ich nichts dagegen zu tun vermag, dass in jedem antisemitischen Korrespondenzblatt der Name Zarathustra gebraucht wird, hat mich schon mehrere Male beinahe krank gemacht", schrieb er an seine Schwester nach Paraguay, die eifrig mit dafür gesorgt hat, dass Nietzsche von den Nazis geplündert werden konnte. Nietzsches Urteile über den sich in seiner Zeit erstmals politisch formierenden Antisemitismus fallen schon deshalb so unmissverständlich aus, weil er sich persönlich belästigt fühlt, durch seine Schwester, seinen Schwager und durch verbliebene Bekannte aus dem Kreis um Richard Wagner. Auf antisemitische Zugriffe auf sein Werk reagierte er daher jedesmal empört und angewidert: "Es gibt gar keine unverschämtere und stupidere Bande in Deutschland als diese Antisemiten...Dies Gesindel wagt es, den Namen Zarathustra in den Mund zu nehmen. Ekel! Ekel! Ekel!" Den Antisemiten und den Anhängern von Gobineaus Rassenlehre, die in ihm einen guten Bundesgenossen vermuteten, erteilte er eine klare Absage. "Mit keinem umgehen, der an den Rassenschwindel glaubt" mahnt er in seinen Notizen.

In "Jenseits von Gut und Böse" warnt er vor dem Ressentiment gegenüber den Juden. Es wäre vielleicht nützlich, "die antisemitischen Schreihälse des Landes zu verweisen", schreibt er. In seinen späten Notizen entlarvt er den Antisemitismus als eine Ausgeburt der Rache am Esprit des jüdischen Volkes. "Die Antisemiten vergeben es den Juden nicht, dass die Juden Geist haben - und Geld." Der Antisemitismus sei ein Name der "Schlechtweggekommenen", ihr Kampf gegen die Juden ein Zeichen der schlechteren, neidischeren und feigeren Naturen.

Dabei hatte auch der junge Nietzsche wie fast alle seine nichtjüdischen Zeitgenossen antisemitische Vorurteile gehabt. Er sei noch keinem Deutschen begegnet, bekannte er später in "Jenseits von Gut und Böse", "der den Juden gewogen gewesen wäre." Ähnlich wie bei Voltaire wurde Nietzsches Haltung gegenüber dem antiken Judentum gleichfalls durch seine Einstellung zum Christentum mitbestimmt. Auch er hatte dem Christentum den Kampf angesagt und dem antiken Judentum vorgeworfen, dass es das Christentum zum Entstehen gebracht und dass es an die Stelle der Herrenmoral, der Moralität der Starken und Mächtigen, die Moral der Armen, Kranken und Sklaven gesetzt habe. In seiner Kritik der Moral legt er den Juden den "Sklavenaufstand in der Moral" zur Last; er nennt sie die Genies des Ressentiments, die Erfinder des Christentums, die besten Hasser, die Meister der Anpassungskunst. In einem degoutanten Vergleich läßt er sich sogar zu dem Ausspruch hinreißen, dass Deutschland reichlich genug Juden habe und dass durch vordringliches Judentum der germanische Lebensraum gefährdet sei. Die Tore nach Osten hin wollte er geschlossen halten. Die Assimilation westeuropäischer Juden wiederum befürwortete er "mit Vorsicht und Auswahl". Doch einer seiner besten Freunde und wichtigsten Anreger war jüdischer Herkunft: Paul Ree.

Nietzsches "antisemitische Verirrung" währte nicht lange. Einige Jahre nach dieser Episode schrieb er:"Möge man mir verzeihen, dass auch ich nicht völlig von der (antisemitischen) Krankheit verschont blieb."In der Spätzeit werden positive Aussagen über Juden immer häufiger und sind jetzt meistens mit negativen Wendungen gegen die Deutschen gekoppelt. Eigentlich hatte Nietzsche den Antisemitismus schon im Kreis um Richard Wagner als abstoßend empfunden. Er hatte ihn zwar eine Zeitlang widerstrebend geteilt, doch war der Antisemitismus Wagners dann auch der letzte Grund dafür, dass sich beide immer mehr entfremdeten. Beide waren auf der Suche nach einer neuen Kultur. Wagner glaubte an die Rettung aus der Kulturkreis durch Vegetarismus und Antisemitismus. Für Nietzsche führte dagegen der Antisemitismus tiefer in die Krise hinein. Betrachtet man seine Schriften im ganzen, so kann man leicht feststellen, dass in ihnen die Bekundungen großer Hochachtung vor den Juden überwiegend, die anerkennenden, um Gerechtigkeit bemühten Urteile und der Respekt vor einem schweren Schicksal, das mit "Teufels-Mut"und Intelligenz gemeistert wird.

Obwohl man manche seiner sonstigen Gedanken wegen der Wirkung, die sie gehabt haben, auch weiterhin bei der geistigen Vorgeschichte des Faschismus wird mitanführen müssen, so war Nietzsche doch alles andere als ein Antisemit. In ganz klaren Wendungen brachte er seinen Anti-Antisemitismus wiederholt zum Ausdruck, mitunter mit einem ausgesprochenen philosemitischen Unterton. Für Otto Weininger war er daher der Inbegriff eines Philosemiten. Man kann darüber streiten. Zumindest aber war Nietzsche der wortmächtigste Feind des Antisemitismus und der Antisemiten. Sicherlich ist es kein Zufall, dass der als notorischer Antisemit bekannt gewordene Theodor Fritsch 1887 Nietzsches "Jenseits von Gut und Böse" als "einen flachen geistreichelnden Schwatz eines angejüdelten Stubengelehrten" bezeichnet hat.

Während sich Voltaire, wie oben ausgeführt, in seinen letzten Lebensjahren mehr und mehr zum erbitterten Judenfeind entwickelt hatte, hat Nietzsche, je älter er wurde, um so deutlicher und engagierter die guten Eigenschaften und die besonderen Leistungen der Juden herausgestellt.

Ihnen verdanke die deutsche Kultur außerordentlich viel, in der Wissenschaft, in der Literatur und in der Kunst, hat er immer wieder betont. Erst die Juden, so meinte er, hätten den Europäern die Strenge und unterschiedslose Geltung der Logik beigebracht. Sie hätten positive Leistungen erbracht und sich ihr Bürgerrecht auf Leben und Existenz im alten Europa verdient. Sie bildeten ein europäisches Ferment und gehörten zu den genialen Völkern und Stimulatoren eines neuen, höheren europäischen Menschentyps. Von alledem aber wüssten und spürten die Antisemiten nichts. "Was bliebe vom europäischen Verstande übrig, wenn man den jüdischen davon abzöge", rief der Philosoph seinen Zeitgenossen emphatisch zu. Nietzsche rühmte außerdem die Beharrlichkeit der Juden, ihre Besonnenheit in furchtbaren Lagen, ihre feinste Überlistung und Ausnützung des Unglücks und des Zufalls, ihre Tapferkeit unter dem Deckmantel erbärmlicher Unterwerfung. "Sie haben selber nie aufgehört, sich zu den höchsten Dingen berufen zu glauben, und ebenso haben die Tugenden aller Leidenden nie aufgehört,sie zu schmücken."

Nietzsche glaubte zu wissen, woher diese den Juden eigentümliche Geistigkeit rührt und worin sie ihre Wurzel hat, nämlich in den großen Eindrücken der jüdischen Geschichte, die jeder jüdische Mensch unbewusst in sich trägt. Wohin, so fragte Nietzsche, "soll auch diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden, Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art, wohin soll die sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in große geistige Menschen und Werke!"Wahrscheinlich haben gerade, überlegte Nietzsche weiter, die guten und besonderen Eigenschaften der Juden diesen innerhalb der europäischen Nationen zum Schaden gereicht, "wie Tatkräftigkeit, höhere Intelligenz, in langer Leidensschule von Geschlecht zu Geschlecht angehäuftes Geist- und Willens-Kapital." Diese Eigenschaften hätten ihnen Neid und Hass eingetragen. Daher würden die Juden als Sündenböcke aller möglichen öffentlichen und inneren Übelstände zur Schlachtbank geführt.

Nietzsche wägt die positiven und negativen Charaktermerkmale der Völker gegeneinander ab und argumentiert zunächst wie Voltaire, kommt aber dann zu anderen Schlussfolgerungen als Voltaire, der übrigens in anderen Dingen für Nietzsche ein großes Vorbild war.

"Jedes Volk und jeder Mensch besitzen unangenehme und gefährliche Eigenschaften; es ist grausam, von den Juden zu verlangen, dass sie hier eine Ausnahme machen sollen. Vielleicht sind bei ihnen diese Eigenschaften besonders unangenehm und gefährlich. Vielleicht ist der junge jüdische Börsenspekulant die am meisten abstoßende Erfindung des Menschengeschlechts. Ich möchte jedoch wissen, wieviel man einem Volk nachsehen muss,welches,nicht ohne unser aller Schuld,die leidvollste Geschichte aller Völker gehabt hat und dem wir den edelsten Menschen (Christus) und den weisesten Menschen (Spinoza) verdanken wie auch das gewaltigste Buch und das bewegendste moralische Gesetz, das es überhaupt auf der Welt gibt." Nietzsche hat also auch die Leiden der Juden erkannt und eindrucksvoll ihren Wunsch unterstützt, "endlich irgendwo fest, erlaubt, geachtet zu sein und dem Nomadenleben, dem ewigen Juden ein Ziel zu setzen."

Erst kürzlich hat Friedrich Niewöhner darauf aufmerksam gemacht, dass die Nietzsche-Verehrung gerade unter Juden in aller Welt groß gewesen ist. Achad Haam(Asher Hirsch Ginsberg geb.1856),der den Begriff"Jüdischer Nietzescheanismus" prägte, nahm an, dass der jüdische Übermensch das sittliche Ideal des Judentums verwirklichen könne. Gustav Landauer verfasste 1893 den ersten Nietzsche-Roman, während Martin Buber 1895 den ersten Teil des "Zarathustra" ins Polnische übersetzte. Walther Rathenau war ebenfalls ein Anhänger des Philosophen. Heinrich Berl vermutete in Nietzsche den "Propheten des jüdischen Geistes". Zionisten und Ostjuden, die Nietzsche allerdings nicht sonderlich schätzte, glaubten eine gewisse Affinität zu ihm entdeckt zu haben.

Mit der Legende, die behauptet, Nietzsche sei ein Wegbereiter des Faschismus müsse Schluss gemacht werden, das forderte ausgerechnet ein Jude, der vor den Nazis fliehen musste, der 1890 in Saarlouis geborene Rechtswissenschaftler Richard Maximilian Cahen. 1939 veröffentlichte er unter dem Pseudonym Richard Maximilian Lonsbach die noch heute lesenswerte Schrift "Friedrich Nietzsche und die Juden", die 1985 vom Bouvier-Verlag erneut aufgelegt wurde.

Friedrich Nietzsche hat sich im Laufe seines Lebens und seines Denkens nicht nur vom gemäßigten, den Vorurteilen seines Jahrhunderts verhafteten Antisemiten zum schärfsten Gegner der Judenfeinde seiner Tage gewandelt, mehr noch er fühlte sich besonders zu den Juden hingezogen und von ihnen am besten verstanden. Er, der körperlich schwergeprüfte Mensch, konstatiert Lonsbach, habe im geschichtlich schwergeprüften jüdischen Volk, den gleichen Hang erkannt, die gleiche Qual, die gleiche Liebesfähigkeit, die gleiche Liebe zum Leben wie bei sich selbst. Was Nietzsche aber vor allem an Juden gebunden habe, sei das Streben nach Neuformung und Neugestaltung der Welt gewesen, nach einer Erhöhung der Lebensinhalte, die tiefe Sehnsucht nach einem Anders- und Besserwerden der seelischen und irdischen Lebensbezüge schlechthin. Lonsbach vergleicht Nietzsches Streben mit dem jüdische Streben nach Welterneuerung. Ähnlichkeiten zwischen der Philosophie Nietzsches und dem Judentum entdeckt der Autor auch in der Zielstrebigkeit nach neuen Wertsetzungen, in der Umwertung der Werte, in der Stellung zum Leben selbst, der Bejahung des Lebens um jeden Preis. "Sie geht weit über das Leben als biologische Tatsache hinaus."

In seiner Umwertung der Werte nimmt Nietzsche die Täuschungen des nächsten Jahrhunderts vorweg und "erspürt die kommende Kontaktlosigkeit, die im nächsten Jahrhundert nicht nur die Wenigen von den Vielen, sondern auch die Wenigen und die Vielen untereinander trennen wird, bis sie Opfer eines Massenrausches, der Massenvernichtung werden"(Schäfer). In der Tat so ist es: Nietzsches Prophezeiungen wurden durch die Wirklichkeit des 20.Jahrhunderts weit überboten. Heute sind wir geneigt, in ihm nicht mehr so sehr den Vorläufer des Faschismus oder den Unheilbringer des Nihilismus zu sehen, sondern eher einen feinfühligen Seismographen und Propheten, der vieles vorausgeahnt und gespürt hat.

Quellen:


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