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Unbestechlicher Beobachter

Oft wird ihm Kälte vorgeworfen und mangelnde Solidarisierung mit den Ärmsten dieser Welt. Doch gerade das will er nicht. Er will nicht Sprecher einer ethnischen oder politisch-religiösen Gruppe sein, stattdessen will er genau beobachten und auf dem Papier festhalten, was er als Migrant und Reisender wahrgenommen hat. Die Aufgabe des Romanciers sieht er nicht in der bloßen Reproduktion der Wirklichkeit, sondern in der kritischen Reflektion über die Welt. Naipaul sagt, er schreibe nicht, weil er Pessimist oder Optimist sei, ihn interessierten Menschen, Landschaften, Geschichte, Ironien, komische Kontraste. Die Welt müsse jeden Tag neu angesehen werden.

Zu seiner ursprünglichen Heimat Trinidad, deren kulturelle und geistige Armut ihm ein Dorn im Auge ist, hat er ein distanziertes Verhältnis ebenso zu Indien. Gleichzeitig fällt es ihm schwer, sich mit den traditionellen Werten in der ehemaligen Kolonialmacht England völlig einverstanden zu erklären und auf sie Bezug zu nehmen. Bei aller Kritik am europäischen Kolonialismus findet er indessen Staatsgebilde wie Pakistan noch fürchterlicher. Wenige Tage vor Bekanntgabe der Verleihung des Nobelpreises an ihn bezeichnete er anlässlich einer Lesung aus seinem neuesten Buch "Half a Life" den Islam als "katastrophal" und verglich ihn mit dem Kolonialismus. Diese Religion habe "andere Kulturen versklavt und versucht auszulöschen". Die "von den Muslimen geforderte Abschaffung des Ich" sei schlimmer als die ähnliche Unterdrückung der Identitäten durch Kolonialherren. In Indien und Pakistan, der Heimat seiner Vorfahren, habe der Islam größte Verwüstungen angerichtet. "Pakistans Geschichte ist heute eine Geschichte des Terrors. Sie begann mit einem Dichter, der dachte, Muslime seien so hoch entwickelt, dass sie einen besonderen Platz in Indien für sich ganz alleine haben müssten." Die Taliban wirken auf Naipaul "genauso furchtbar wie sie aussehen."

Die wenigen literarischen Einflüsse, die in seinem Werk sichtbar werden, sind europäischen Ursprungs. Geschult ist er vor allem am Realismus der großen englischen Erzähler des 19.Jahrhunderts. Auch den Dichter Thomas Mann schätzt Naipaul sehr. Bundesdeutsche Kritiker haben "Ein Haus für Mr.Biswas" sogar als karibische Buddenbrooks apostrophiert, obwohl dieser Roman eher die Größe und Üppigkeit hat wie sie bei Charles Dickens üblich sind, jedoch ohne dessen Sentimentalität. In erster Linie knüpft Naipaul an jenen englischen Roman an, der bei der Darstellung des Individuums dessen gesellschaftlichen Ursprung und gesellschaftliche Stellung mitbedenkt, und der, wie schon bei Daniel Defoe mit seinem Robinson Crusoe, Helden der Handlung hervorbringt, die sich ausführlich zum Weltbürgertum bekennen. Sein großes Vorbild ist, nach eigenem Bekunden, Joseph Conrad.

Häufig schreibt der Autor gegen den politischen Mainstream politischer Weltanschauungen an und wehrt sich gegen jede Art von Bevormundung und Dogmatismus, sei es in der Politik oder in der Religion. Ideologische Patenrezepte sind ihm ein Gräuel. Darüber hinaus schlachtet er gern heilige Kühe und verlässt sich lieber allein auf seine eigenen Wahrnehmungen und Erfahrungen und den Schlüssen, die er daraus zieht.

Kurzum, V.S.Naipaul ist kein Mensch der politisch ausgewogenen begütigenden Äußerung, kein sanftmütiger Mensch, eher anstößig von unerbittlicher Ehrlichkeit, der sich auf diese Weise seine Unabhängigkeit bewahrt hat, "von Leuten, von Verstrickungen, von Rivalitäten, vom Wettbewerb. Ich habe keine Gegenspieler, keine Rivalen, keine Meister. Ich fürchte niemanden", behauptete er einmal. Er sei, betont Naipaul weiter, weder Gott noch der Unesco, sondern nur der eigenen Wahrheit verpflichtet. Überdies sieht er in der Religion eine Geißel der Menschheit, weil sie unsere innersten Wünsche nach eigenen Abenteuern und freien Gedanken unterdrückt.

Da er sich von keiner Seite vereinnahmen lässt, gilt er als schwierig. Er attackiert freilich nicht nur den Imperialismus der Kolonialmächte und äußert sich nicht nur scharf über die Situation in der Karibik oder den religiösen Fundamentalismus, er mischt sich auch in die Politik auf den britischen Inseln immer wieder ein. Seit dem Regierungsantritt von Tony Blair sieht er im Königreich nur noch Kulturverfall am Werk. Die Kunst werde "plebejisch", beklagt er, es herrsche Gleichmacherei. Die Abschaffung von Privilegien verhindere den Geist des Genies. Dennoch fand er nach dem 11. September 2001 lobende Worte für Tony Blairs Führungsstärke in der gegenwärtigen Krise.

Seinen Hauptwohnsitz hat er, abgesehen von einem einjährigen Aufenthalt als Literaturdozent in den USA und einem Jahr in Indien, "der "Bequemlichkeit halber" noch immer in Großbritannien. Seit den 70-er Jahren wohnt er in einem Cottage in Wiltschire, in der Nähe von Stonehenge, und ist heute mit einer pakistanischen Publizistin verheiratet. Sein ganzer Habitus ist kultiviert britisch. Er ist ein Brite durch und durch und hält sehr auf britische Korrektheit und Konvention. Vor elf Jahren, also 1990, wurde er von der englischen Königin geadelt und heißt nun: Sir V.S.Naipaul.

Trotzdem ist er ein Wanderer zwischen den Welten geblieben. Keiner fühlt er sich recht zugehörig. Jede schaut er mit illusionslosen Augen an. Das trug ihm den Ruf eines arroganten Zynikers und Imperialisten ein. Doch ist er weder ein Konservativer und erst recht kein Linker, aber ein Skeptiker.

"Die Welt" nannte ihn einen "menschenfreundlichen Misanthropen". Auf Fotos schaut er in der Tat recht grimmig drein.

Der andere Literaturnobelpreisträger aus der Karibik des Jahres 1992, Derek Walcott, meint, Naipaul sei ein Typ der Dämmerung, er werfe lange Schatten auf alles, was er betrachtet, und auf sich selbst. Er habe zwar zwei Heimaten, Trinidad und England, die er beide hasse. Allerdings hasst er auch das Telefon, Interviews und die meisten Politiker. Salman Rushdie sagte 1987 über das Buch "The Enigma of Arrival" - auf deutsch "Das Rätsel der Ankunft" (nach Meinung von Kennern ist dies gleichfalls "ein sehr großes, berührendes Buch") -, er habe nirgendwo auf den 387 Seiten das Wort "Liebe" gefunden. Indessen - ohne eine sehnsüchtige Vorstellung von Liebe ist so viel Bitternis, wie Naipaul sie aus sich herausschreibt, wohl auch nicht denkbar.

"So kalt wie er schreibt sonst keiner über die Dritte Welt", kritisierte "Der Spiegel" seine kühle distanzierte Art, über die Dritte Welt zu berichten. In der FAZ antwortet er einmal auf die Frage nach seinem größten Fehler: "Freundlichkeit". Der "Telegraph" pries seine "freudlose Ehrlichkeit", und John Updike fragte sich, "ob er nicht alle Länder in den schwärzesten Farben sieht."

Kein Zweifel: Naipauls frühe Auseinandersetzung mit dem Fundamentalismus und seine Kritik am Islam, mit der er sich schon in jungen Jahren profiliert hat, hat heute an Aktualität gewonnen. Vielleicht, mutmaßen einige Zeitgenossen, habe dies bei der Preisvergabe eine Rolle gespielt. Denn seine Bücher seien besser als alle journalistischen Schnellschüsse.


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