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Fragen und Einwände

Einige Autoren haben vor allem die bedenklichen Folgen von Nietzsches Philosophie oder vielmehr die Folgen seiner Diagnostik, seiner Zeitanalyse, vor Augen gehabt. Wenn Gott ganz verschwindet, wenn die Rechtfertigungsfrage auf den Menschen zurückfällt, dann kann es geschehen, dass Versuche unternommen werden, sich die Fragen nach Gott und dem Sinn des Lebens ganz abzugewöhnen. Die Fraglichkeit, die im Selbst- und Weltverhältnis des Menschen aufklafft, würden dann wegrationalisiert. Technische, politische und ökonomische Fragen würden daraus. Zugegeben: Irgendwie bleiben immer noch Werte übrig wie die Werte von Freiheit, Gerechtigkeit, Wohlergehen, Solidarität, die im Begriff der Menschenwürde fundiert und zusammen gefasst sind. Diese ist tatsächlich nur eine Idee in einer Welt ohne Gott durch keine Natur- sondern nur durch gesellschaftliche Übereinkunft geschützt. Für Nietzsche dagegen ist die Idee der Menschenwürde etwas, das man sich erst durch Arbeit an sich selbst, durch Selbstgestaltung erwerben muss. Nur die Selbstgestaltung begründet den Rang und die Würde der Person. Die Einsicht in den Scheincharakter jeder Wahrheit, die Einsicht, dass die Welt und das Leben an sich ohne jeden erkennbaren Sinn sind, dass alle bisherigen Sinngebungen höchst anfechtbare menschliche Leistungen gewesen sind und dass es um so mehr für den Menschen darauf ankommt, sein Leben in einer an sich sinnlosen Welt zu meistern, das sind Gedankengänge, die Nietzsches Spätwerk bestimmen und die letztlich die meisten Menschen überfordern dürften, denn es ist doch sehr die Frage, ob die menschliche Gattung ohne einen Glauben, sei es den Glauben an Gott oder an die Vernunft im Leben gedeihen kann.

Ein berechtigter Einwand gegen Nietzsches Philosophie kommt von Jörg Splett, einem katholischen Theologen. Dieser lehnt es ab, alles als pure Setzungen zu betrachten, wie Freundschaft, Liebe, und Glaube. Zudem sei der Wille zum Leben, entgegen Nietzsches Meinung, selbst Christen zu eigen, vorausgesetzt, man begreife das Leben als Liebe und Bejahung personaler Gemeinsamkeit. Dann könne man sogar den Willen zur Macht bei sich und anderen kritisieren und ändern und brauche nicht bei der hoffnungslosen Interpretation Nietzsches stehen zu bleiben. Insbesondere, so ein weiterer Einwand von Splett, sei die Botschaft Christi "keineswegs bloße Wunscherfüllung der Schwachen". Vielleicht, sollten wir, nicht so sehr Gott, sondern vor allem den Menschen gegenüber Nietzsche verteidigen, "ermutigt durch das unzweideutige Ja Gottes zu ihm in Jesus Christus."

Jaspers führt dagegen an, dass Nietzsche sich im Gegensatz zu Kierkegaard um sublime Gedankenbauten in der Theologie nie gekümmert habe. Sein Kampf gegen das Christentum erfolgte aus christlichen Antrieben unter Verlust der christlichen Gehalte. Doch wollte er nicht beim Nihilismus stehen bleiben, sondern einen ganz neuen Ursprung gewinnen.

Auch Georg Simmel meinte, dass Nietzsche unfähig gewesen sei, die Transzendenz des Christentums zu begreifen. "Es kann kein Gott sein, sagt er, denn gäbe es ihn, wie hielte ich es aus, nicht Gott zu sein." Ulrich Beer behauptet dagegen und das sicher zu Recht, dass Nietzsche begabt gewesen sei mit einer sensiblen selbstmörderisch existentiellen Religiosität. Er litt darunter, dass er tief existentiell in den Banden des Christentums lag. Seine Kritik war Kampf um Sein und Nichtsein.


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