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Was löste Luthers Judenhass aus?

Was indessen hat Luthers Wandel erzeugt und den unübertrefflichen Judenhass ausgelöst? Warum hat sich seine Haltung gegenüber Juden so verhärtet? War es nur die Enttäuschung darüber, dass seine Missionsversuche misslungen waren? Die Gründe hierfür sind vielschichtiger und liegen tiefer.

Die neue lutherische Lehre hatte mittlerweile an Durchsetzungskraft gewonnen und war zu einem politischen Faktor geworden. In den lutherischen Territorien hatte sich das neue Kirchenwesen zur Staatskirche entwickelt. Luther fühlte sich von diesem Zeitpunkt an nicht mehr als mutiger Einzelkämpfer, als Professor oder Prediger, sondern als verantwortlicher Kirchenmann und Dogmenwächter, so dass in dieser Phase seines Lebens nicht die Theologie, sondern der auf die Landeskirche übergegangene Staatsschutz für die allein wahre Religion zum Nährboden für seine Intoleranz gegenüber Juden wurde. Bei der Durchsetzung der von ihm aus der Bibel erschlossenen Glaubenswahrheiten auf politischer Ebene standen ihm im eigenen Umkreis, so glaubte Luther jedenfalls, vor allem Juden im Wege. Luther argumentierte nun nicht mehr exegetisch, sondern nahm die alte mittelalterliche Judenfeindschaft wieder auf. Selbst vor Anspielungen auf "Ritualmorde" scheute er nicht zurück, obwohl er früher derartigen Anschuldigungen selbst energisch entgegengetreten war. Wider besseren Wissens erregte er sich über jüdische Brunnenvergiftung und darüber, dass Juden christliche Kinder gestohlen und ermordet haben sollten, um deren Blut für religiöse Zwecke zu gebrauchen.

"Sie bleiben gleichwohl im Herzen unsere täglichen Mörder und blutdürstigen Feinde. Solches beweisen ihr Beten und Fluchen und soviel Historien, da sie Kinder gemartert und allerlei Laster geübt, darüber sie oft verbrannt und verfolgt sind." Zu Unrecht fürchtete Luther eine Judaisierung der christlichen Gemeinden. Die eigene Unsicherheit gegenüber glaubensstarken Juden weckte bei ihm allem Anschein nach eine unbändige Ablehnung des einst von ihm bewunderten jüdischen Volkes. Hinzu kam, dass im Frühjahr 1542 eine jüdische Schrift veröffentlicht worden war, in der die Christen ihrerseits zum Übertritt zur jüdischen Religion aufgefordert wurden. Luther sah dadurch sein Lebenswerk gefährdet und erging sich erneut in wüsten Verfluchungsarien über alle Menschen, die sich der Annahme seines Glaubens widersetzten.

Diese Ausfälle waren beileibe keine Ausbrüche individueller Emotionen oder Symptome von Altersstarrsinn - obwohl später Krankheiten den alten Luther immer wieder schwankenden Stimmungen unterwarfen -, vielmehr waren wohl dogmatisches

Verantwortungsbewusstsein und landeskirchliche Religionspolitik ausschlaggebend für Luthers neuerliche Entgleisungen in die Judenfeindschaft.

Der Gedanke, dass Juden ihre berechtigten theologischen Gründe dafür haben könnten, seinem Drängen nicht nachzugeben, ist Luther offensichtlich nie gekommen. Das nachbiblische Judentum in seiner Eigenständigkeit wurde weder von ihm noch von seinen Nachfolgern jemals richtig wahrgenommen. Keiner von ihnen unterzog sich der Mühe, das Judentum kennenzulernen, wie es sich selbst verstand und wie es sich in der Geschichte erfahren hat, nämlich als Volk Gottes, als das Volk der Bibel. Im Grunde hat Luther gegen ein Judentum gekämpft, das es so, wie er es darstellte und wie es im Feindbild der Christen gesehen wurde, überhaupt nicht gab. Dem Judentum der Reformzeit einen "Absolutheitsanspruch, Unbeirrbarkeit, ja Unbelehrbarkeit" zu unterstellen, geht haarscharf an der jüdischen Wirklichkeit vorbei, da das Judentum niemals in jenem Sinne Absolutheitsansprüche erhoben hat, wie sie für die christliche Lehre über Christus und seine Kirche selbstverständlich geworden waren. Diese Unkenntnisse haben im Laufe der Geschichte oft mit dazu geführt, dass unzählige Menschen ihr Leben verloren und an vielen Orten Angst, Schrecken und Grausamkeit regierten.


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