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Die Entwicklung nach 1945

Von den mehr als dreißig Gemeinden, die es mit etwa zwölf tausend Juden vor 1933 in Sachsen-Anhalt gegeben hat, wurden zunächst nur zwei wiedergegründet:Halle und Magdeburg. In Halberstadt erfuhr die 800-jährige Geschichte dagegen nach dem

Krieg keine dauerhafte Fortsetzung, obgleich hier 1945 von etwa 150 Juden aus verschiedenen Herkunftsländern, die aus dem KZ entlassen waren, am 3.August 1945 kurzfristig eine Gemeinde neu ins Leben gerufen worden war. "Stellt Euch vor:",schrieb der ehemalige Oberkantor der alten Gemeinde, Justin Berliner, der dabei war und als einziger seiner Familie überlebt hatte, "200 junge Menschen haben sehr laut die `Techesakna` und `Hatkwa` im Freien gesungen und kein Mensch hat daran Anstoß genommen." Doch bald darauf kehrten die ehemaligen Häftlinge in ihre Heimat zurück, so dass die Gemeinde wahrscheinlich noch im Jahr ihrer Gründung wieder aufgelöst worden ist.

1954 wurde in Bernburg auf dem jüdischen Friedhof als Letzter Eugen Madelong beigesetzt. Er war, bevor die Nazis an die Macht kamen, Vorsteher des Israelitischen Kranken- und Beerdigungsvereins und Besitzer eines Herrenkonfektionsgeschäfts gewesen. Nach Kriegsende kehrte er als einziger Überlebender seiner Familie aus dem KZ nach Bernburg zurück. Eine Entschädigung hat er nie erhalten.

In Halle wurde am 2.Juni 1947 die erste Vorstandssitzung der neubegründeten Jüdischen Gemeinde einberufen. Zunächst umfasste sie 50 Mitglieder. Im September 1947 erfolgte die Repatriierung der ausgewanderten und zurückkehrten Juden. Nach

langwierigen Verhandlungen und Prozessen kam die Gemeinde auch wieder in den Besitz ihres Gemeindehauses. Bis dahin hatten die Sitzungen abwechselnd in den Wohnungen der Vorstandsmitglieder stattgefunden. Halle wurde zugleich Sitz

des Verbandes der Jüdischen Gemeinde in der DDR von 1952 bis 1962. Dann ging dieser an Dresden über. Seit 1953 besitzt die Gemeinde auch wieder eine Synagoge, für die eine Friedhofskapelle umgebaut werden musste.

Über die letzten Jahrzehnte der DDR-Zeit liegt ein Schatten über der Gemeinde Halle. Lange Jahre wurde sie von einer Frau namens Karin Mylius geborene Lobel geführt, die sich als Tochter eines von den Nazis ermordeten Ehepaares ausgegeben und sich das Vertrauen des damaligen Gemeindevorsitzenden erschlichen hatte. In Wahrheit aber war sie die Tochter eines Polizisten, der in der NS-Zeit gegen Juden vorgegangen war. Vermutlich war Karin Mylius von gewissen Staatsorganen gezielt in die jüdische Gemeinde eingeschleust worden. Juden, die der Gemeinde beitreten wollten, hat sie,

aus Angst vor Entdeckung abgewiesen. Während ihrer Amtszeit von 1968 bis 1986 verfielen die mühsam aufgebauten Gemeindestrukturen. Am Ende hatte die Gemeinde nur noch drei Mitglieder.

Auch die Gemeinde in Magdeburg ist in der DDR-Zeit bis auf wenige Mitglieder geschrumpft. Unmittelbar vor der politischen Wende lebten in der Stadt nur noch etwa zwölf und in ganz Sachsen-Anhalt ungefähr sechzig praktizierende Juden.

Heute ist man durch den Zuzug russischer Juden wieder in der Lage, den Gottesdienst mit den nach der jüdischen Glaubenslehre erforderlichen zehn männlichen Gemeindemitgliedern zu begehen. Mittlerweile ist die Magdeburger Gemeinde mit ihren

720 Mitgliedern - zwei kommen aus Israel, vier sind Deutsche und die übrigen sind aus dem Ostblock eingewandert - die größte Gemeinde von Sachsen-Anhalt und, allem Anschein nach, auch von den neuen Bundesländern überhaupt. Für die Vorstandsmitglieder grenzt es fast an ein Wunder, dass die jüdische Gemeinde in Magdeburg so angewachsen ist, dass der bisherige Saal für die Chanukkafeier viel zu klein geworden ist. Auch die Synagoge soll ganz neu umgestaltet werden, da der für etwa 55 Personen konzipierte Gemeinderaum inzwischen nicht mehr ausreicht.

Lange Zeit hatte die Gemeinde und ganz Sachsen-Anhalt keinen Rabbiner, um so glücklicher schätzt man sich, dass seit einigen Jahren David Benjamin Soussan aus Freiburg/Brsg. das Amt des Landesrabbiners versieht. An den hohen Feiertagen

wurde in der Vergangenheit oft zusätzlich ein Kantor aus Israel eingeflogen, jetzt kommt regelmäßig einer aus Berlin angereist. Vorsitzender des Landesverbandes von Sachsen-Anhalt war bis Ende Juli 1999 der heutige Geschäftsführer der Magdeburger Gemeinde, Peter Ledermann. Jetzt hat Herr Jakow Li das Amt inne. Auch wenn die Integration der Einwanderer oft schwierig und konfliktreich ist - viele, insbesondere jüngere Familien wandern oft nach kurzer Zeit in die neuen Bundesländer ab -, so

sichern die Zuwanderer doch die Zukunft der ostdeutschen Gemeinden, zumal immer wieder neue Menschen nachkommen. So entstand am 1.August 1994 auch in Dessau mit 130 russischen Juden eine neue Zuwanderergemeinde, in der es recht lebendig

und munter zugeht. Noch vor etwa fünf Jahren hat die Landesregierung die Kontingentflüchtlinge nur auf die drei Städte Halle, Magdeburg und Dessau verteilt. Jetzt werden die jüdischen Immigranten auch in kleinere Ortsgemeinden und Kommu-

nen eingewiesen. Sie können zwar nicht regelmäßig am religiösen Leben teilnehmen, gleichwohl ist man in den drei Gemeinden bemüht, die Flüchtlinge, die nicht am Ort wohnen, gut zu betreuen. Von großer Hilfe wird sicher dabei auch der im März 1994 unterzeichnete Staatsvertrag sein - der bisher umfassendste Staatsvertrag mit einer jüdischen Gemeinschaft in Deutschland-, der den Gemeinden Schutz und finanzielle

Hilfe zusichert. Die Gemeinde zu Halle, die im Juli 1992 die 300jährige Wiederkehr der Gründung ihrer ursprünglichen Gemeinde feiern konnte, hat augenblicklich etwa fünfhundert Mitglieder, die, bis auf sieben deutschsprachige Juden, überwiegend aus

der Ukraine, aus Moldawien, Russland oder den Baltischen Staaten eingewandert sind. Die meisten von ihnen versuchen, nach Aussage ihres neuen Vorsitzenden Max Privorozki, sich mit der dreihundertjährigen Geschichte der Halleschen Gemeinde zu identifizieren und ein Bestandteil der Kultur dieser Stadt zu werden. Dabei müssen die meisten von ihnen selbst erst einmal mit den Lehren des Judentums vertraut

gemacht werden.

Sogar nach der Wende hat die Jüdische Gemeinde zu Halle nochmals für eine kurze Weile in den Jahren 1996 und 1997 durch Misswirtschaft, Veruntreuung und Schulden für negative Schlagzeilen gesorgt. Nun aber ist es um die skandalgebeutelte Glaubensgemeinschaft in der Saalestadt wieder ruhiger geworden. Zur Zeit verfügt sie über eine gut funktionierende Sozialabteilung sowie über eine rege Senioren- und Kindergruppe. Regelmäßig findet, neben dem täglichen Deutschunterricht, ein Gottesdienst statt und zwar mit Hilfe von zwei Studenten der Chabad-Lubawitsch-Bewegung.

Was den Mitarbeitern der Gemeine jedoch am meisten Kopfzerbrechen bereitet, sind Arbeitslosigkeit und die Beschaffung von Wohnraum für die Einwanderer. Um so dankbarer sind diese, wenn es geklappt hat. Als einer der Neuankömmlinge, der schon weit über achtzig Jahre alt ist, vor zwei Jahren zum ersten Mal in seinem Leben gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin eine eigene 3-Zimmer-Wohnung mit Balkon und Bad erhielt, hat er vor Freude geweint. Erfreulicherweise ist die Gemeinde nicht auf sich allein gestellt. Nichtjüdische Bürger unterstützen sie und helfen bei der Bewältigung wichtiger Gemeindeaufgaben tatkräftig mit. Sie haben darüber hinaus einen Förderverein zur Erhaltung wichtiger jüdischer Stätten gegründet und kümmern sich um die Aufarbeitung der lange vernachlässigten jüdischen Stadtgeschichte, wozu auch

Einladungen von Zeitzeugen und ehemaligen Gemeindemitgliedern gehören, von denen nur wenige noch leben. Josef Kahlberg zum Beispiel, der Sohn des letzten Halleschen Rabbiners, ist einer von ihnen und gelegentlich Gast in Halle, ebenso der bekannte Philosoph Emil Ludwig Fackenheim. Am 12.5.1999 wurde Fackenheim, nachdem ihn die Nazis vor genau sechzig Jahren aus der philosophischen Fakultät ausgeschlossen hatten, in Halle zum Ehrendoktor der Philosophie ernannt und feierlich geehrt.

Derweil hat sich auch in Halberstadt eine Arbeitsgruppe "Jüdisches Kulturerbe in Halberstadt" gebildet, die das Andenken an ehemalige Halberstädter Juden pflegt und kleine Hefte und Bücher über ihre Geschichte herausgibt. Im Dom der Stadt befindet sich seit 1982 eine Menora zum Gedächtnis an jene Juden, die 1942 aus Halberstadt deportiert wurden, während auf drei Friedhöfen der Stadt rund tausend jüdische Grabsteine von einem einst blühenden Gemeindeleben zeugen.

Hervorzuheben sind aber auch zwei neue Einrichtungen. 1995 entstand in Halberstadt die neue Moses-Mendelsohn-Akademie, zu der Julius H.Schoeps vom Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrum den Anstoß gab, und an der Martin-Luther-Universität

Halle-Wittenberg kann man seit einigen Jahren Judaistik studieren. Wie man sieht, auch in Sachsen-Anhalt blüht und gedeiht wieder jüdisches Leben, und wenn man etwas über Judentum und jüdische Geschichte erfahren will, dann ist man längst nicht mehr nur auf Gedenksteine und jüdische Grabstätten angewiesen.


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