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Von Nichtjuden gepflegte jiddische Folklore

In Deutschland wiederum erfreuen sich - mehr noch als Jiddisch-Kurse - Schtetl-Malerei, Klezmer-Musik und jiddische Folklore großer Beliebtheit. Leider bleibt deren Wahrnehmung oft oberflächlich und ist nicht immer frei von Kitsch und Klischeevorstellungen.

Klezmermusik, einst eine traditionelle Tanzmusik in osteuropäischen Schtetln, die auf Hochzeiten und bei Festen gespielt wurde, heute eine rasante Mischung aus Jazz und osteuropäischer jüdischer Musiktradition, wird seit Jahren immer wieder von jüdischen und nichtjüdischen Musikern aufgegriffen und interpretiert. Nicht wenige junge Deutschen halten Klezmer-Musik und jiddische Lieder für den Inbegriff eines Judentums, das sie nur noch vom Hörensagen her kennen und geben sich insgeheim dem beruhigenden Gefühl hin, mit ihrem Interesse etwas von dem wiedergutzumachen, was von ihren Eltern und Großeltern zerstört worden war. Dass sie in ihrer Bewunderung für diese Form jüdischer Kultur unbewusst auch das alte antisemitische Klischee vom kaftantragenden, ohrengelockten und jiddisch sprechenden Juden am Leben erhalten, dürfte kaum einem von ihnen aufgehen.

Aber es gibt auch durchaus ernsthafte Bemühungen wie jene von den Epstein-Brüder, die in dem Film "A Tickle in the hart" festgehalten haben, warum diese Musik eine Wiedergeburt erlebt, oder die des berühmten Klezmer-Musikers Gioria Feldman und des Nichtjuden Manfred Lemm.

Die Musik der osteuropäischen Juden ist zurückgekommen nach Europa und füllt wieder die Konzertsäle, heißt es in einer Zeitschrift der Katholischen Akademie Mainz, aber auch Kirchen und andere Räume und geht mit dem Swing eine Verbindung ein, wie schon zu Zeiten Benny Goodmans. Die Musiker tragen Namen wie Efrem Zimbalist oder Naftule Brandwein; die besten von ihnen singen "mit einer Träne in der Stimme". Fröhlichkeit und Melancholie, die beim jiddischen Lied eine enge Verbindung eingehen, prägen auch die Instrumentalmusik. Im Grunde sind Synagogalmusik, jiddisches Lied und Klezmermusik nur drei Facetten einer einzigen Kultur. Während der Nazizeit wurde diese Kultur beinahe ausgerottet und konnte nur im amerikanischen Exil überleben, wo ihr auch ein kommerzieller Erfolg beschieden war. Viele Musiker waren nicht nur Grenzgänger im geographischen Sinn, sondern bewegten sich auch musikalisch zwischen der überkommenen Tradition und den Bedürfnissen der Unterhaltungsindustrie.

Während die jüdische Musik in Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg nie mehr recht Fuß fassen konnte, hat sie in den letzten Jahrzehnten gerade in Deutschland einen großen Aufschwung erlebt, wo heute - pointiert ausgedrückt - die Enkel der Täter für die Enkel der Opfer spielen.

Nicht von ungefähr sieht Julius Schoeps in der Pflege des "Tewje-Image" eine Gefahr. Denn das Phänomen zeige, dass Deutsche von einer unvoreingenommenen Wahrnehmung des Judentums immer noch weit entfernt seien. Manche Künstler bedienen in der Tat dieses Klischee mit ihren Darbietungen. Sie spüren, dass sie etwas zu bieten haben, was ankommt, gerade bei russischen Einwanderern.

Doch leider ist, was uns heute vorgesetzt wird, vielfach eine inhaltsleere Folklore jiddischer Musik, mittlerweile vornehm Klezmer genannt. Heute wird der Klezmermusik weltweit eine Resonanz zuteil, die das ostjüdische Kulturgut zu seinen Lebzeiten nie hatte, und so besteht die Gefahr der Verklärung der osteuropäischen Kultur, weil auf diese Weise die osteuropäischen Kultur über Gebühr verklärt und dabei völlig übersehen wird, dass die Menschen im Schtetl in Elend und Armut lebten und mit Humor über eine Welt hinwegzukommen versuchten, die sie nicht wollte und die ihnen das Leben schwer machte.

In der Tat, jiddische Lieder und Musik, jiddische Sprache und Literatur haben ihr Volk überlebt. Weder die angestrengten Wiederbelebungsversuche bei Klezmermusik und koscherem Essen, noch eifriges Erlernen der jiddischen Sprache und Wiederbelebung der jiddischen Literatur werden daran etwas ändern können, oder wie es in einem Lied aus dem Wilnaer Ghetto heißt: "Es fiert kein weg zurik."


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