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Schicksal des Jiddischen unter Stalin

Stalin setzte in den vierziger und fünfziger Jahren die jiddische Sprache und Kultur auf die Anklagebank. "Ein seltenes Ereignis in der Kultur- und Justizgeschichte", schrieb Arno Lustiger in der Wochenendausgabe der Tageszeitung "Die Welt" vom 10.August 2002 zur Erinnerung an den Tag vor fünfzig Jahren, als am 12.August 1952 im Moskauer Lubjanka-Gefängnis dreizehn Angeklagte jüdischen Glaubens hingerichtet worden waren. Im Prozess selbst waren oft jiddische Gedichte und Texte als Anklagepunkte zitiert worden. Im Grunde jedoch sei die jiddische Literatur schon lange zuvor gestorben, schreibt Susanne Klingenstein zum 50.Jahrestag der Hinrichtungen, "nämlich in den Tagen, als die Dichter der Illusion erlagen, sich durch äußere Anpassung eine private künstlerische Freiheit erkaufen zu können. Die Hinrichtungen am 12.August 1952 vollzogen nur physisch, was geistig schon lange geschehen war."

"Es ist zu hoffen", so beschließt Lustiger seinen Artikel, "dass sich dieser kulturelle Massenmord, der erst mit dem Tode Stalins im März 1953 endete, in der Geschichte der Menschheit niemals wiederholen wird. Was bleibt, ist die Schande für diejenigen, die die nationale Kultur eines Volkes durch Morde an dessen Vertretern zerstören wollten - im Namen einer Ideologie, die vorgegeben hatte, das 'Menschenrecht' zu erkämpfen."

Dabei hatte es in den zwanziger Jahren in der Sowjetunion eine wahre Wiedergeburt jiddischer Literatur und Sprache gegeben, die viele der in den Jahren zuvor emigrierten Autoren zurückgelockt hatte. Denn zu jener Zeit hatte das kommunistische Regime das angeblich "proletarische" Jiddisch gegen das "bourgeois-nationalistische" Hebräische begünstigt.

In Russland hatte zunächst, unmittelbar nach der Revolution, die Tendenz bestanden, die einzelnen Völker und Sprachen des riesigen russischen Landes intakt zu erhalten und ihre Eigenart aufmerksam zu pflegen. Jiddisch bildete da keine Ausnahme. Es wurde sogar versucht, in Birobidschan, an der äußersten Ostgrenze des Landes eine geschlossene jiddische Siedlung aufzubauen, als ein Zentrum der jiddischen Kultur, ähnlich wie es ein Jahrzehnt zuvor Berlin gewesen war.

In Russland bildete sich während der zwanziger Jahre eine jiddische Literatengruppe, die sich "Di chaliastre"(die Bande) nannte, der auch Perez Markisch angehörte, der dann 1952 in Moskau hingerichtet wurde. Doch die Blütezeit der russischen und jiddischen Kultur war schon 1929 wieder zu Ende, als Stalin durch brutale soziale und kulturelle Reglementierungen und Repressionen seine Diktatur zu verankern begann.

Im Jahr 1941 allerdings, zwei Monate nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, hatten russische Intellektuelle noch einen leidenschaftlichen Appell an die Juden der Welt gerichtet, der Sowjetunion in ihrem Kampf ums Überleben zu helfen. Der Direktor des Staatlichen Jüdischen Theaters in Moskau, Salomon Michoels, rief aus:" Brider un schwester, jidn vun der ganzer welt. Uns trenne zwar mächtige Ozeane, aber wir sind vereinigt durch Ozeane von Blut unserer Mütter und Schwestern, unserer Söhne und Brüder, die durch die Faschisten vergossen wurden."

Dem 1942 konstituierten Jüdischen Antifaschistischen Komitee der Sowjetunion(JAFK) mit dem Präsidenten Michoels an der Spitze gehörten fast hundert Persönlichkeiten aus Literatur, Journalistik, Kunst, Theater, Film an. Unter ihnen befanden sich Staatsbeamte, Generäle und "Helden der Sowetunion".

Einige Jahre später, 1948, wurde Michoels auf persönlichen Befehls von Stalin in Minsk hingerichtet. 1952 erfolgte der oben erwähnte Prozess samt Schließung jüdischer Einrichtungen und Unterdrückung jüdischen Lebens.

Schon unmittelbar nach dem Krieg war die politische Lage im sowjetischen Machtbereich völlig ungewiss geworden. In Polen kam es 1946 zu Pogromen, während Stalin in der Zeit zwischen 1948 und 1952 die Elite jiddischer Künstler in der UdSSR -vierhundertfünfzig Schriftsteller, Musiker, Tänzer, Maler, Bildhauer, Schauspieler - ermorden ließ. Dennoch bekannten sich in der sowjetischen Volkszählung von 1959 noch 410.000 sowjetische Juden zu Jiddisch als ihrer Muttersprache, aber mit jeder folgenden Volkszählung ging ihre Zahl weiter zurück.

Erst unter Gorbatschow kamen 1989 alle Gräueltaten und Brutalitäten ans Tageslicht. Heute wird jedes Jahr am 12.August auf den verbliebenen Inseln jiddischer Kultur, besonders in den Vereinigten Staaten, der Ermordeten gedacht. In der Tat waren die damals hingerichteten Dichter die letzten zwischen 1884 und 1900 geborenen Schriftsteller, für die das europäische Schtetl und seine traditionelle Religiosität noch Orte der Kindheit gewesen und die mit den Werken von Mendele Mojcher Sforim, Scholem Alejchem und Jizchak Leib Perez aufgewachsen waren.


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