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Geschichte und Bedeutung des literarischen Expressionismus
(Vortrag, gehalten am 4.März 2004 vor der Literarischen Gesellschaft Arnsberg im Salon Jutta Kramer)

Nachspiel als Einleitung

Im Jahr 1925 veröffentlichte ein ansonsten erfolgloser Anstreicher und Maler ein Buch, das er während seiner Haftzeit geschrieben hatte und in dem er der Kunst der Moderne den Prozess machte. Zu dieser Kunst der Moderne gehörten der Dadaismus, der Kubismus und der Expressionismus. Später erlebte das Buch des Anstreichers, obwohl es ein elendes Machwerk und eine entsetzliche Hetzschrift war, zahllose Auflagen und wurde 12 Jahre lang frisch getrauten Ehepaaren zur Hochzeit überreicht. Sein Verfasser hatte in dieser Schrift Künstler, die den erwähnten Richtungen angehörten, als "geistige Degeneraten" gebrandmarkt und ihre Werke "Wucherungen", "Halluzinationen von Geisteskranken oder Verbrechern" genannt. Später hat er seine Drohung, sie alle, die Künstler und ihre Werke, zu vernichten, auf furchtbare Weise wahr gemacht.

Sie werden es längst erraten haben. Ich spreche von Adolf Hitler und seiner Schrift "Mein Kampf". 1937 wurden in der Ausstellung "Entartete Kunst" viele Kunstwerke, auch solche des Expressionismus, unter dem Etikett "Machwerke von Geisteskranken" ausgestellt und den Schöpfern dieser Werke das Existenzrecht in Deutschland abgesprochen. Doch schon vier Jahre zuvor, nämlich am 10.Mai 1933, hatten deutsche Professoren und Studenten der modernen Literatur durch Bücherverbrennungen den Garaus gemacht. Wieder waren es bevorzugt literarische Werke aus dem Umkreis des Expressionismus, die hier vernichtet und den Flammen übergeben wurden.

Keine Schriftstellergeneration hat im 20.Jahrhundert unter der Geschichte wohl so sehr gelitten wie die expressionistischen Dichter und Schriftsteller. Viele Künstler verschwanden nach 1933 in Todeslagern oder begingen Selbstmord:

Erich Mühsam, Paul Kornfeld, Jakob von Hoddis, Otto Freundlich, Walter Serner wurden in Lagern umgebracht. Hingerichtet wurde neben vielen anderen Felix Grafe. Das Leben nahmen sich Ernst Toller, Ernst Weiß, Walter Hasenclever, Carl Einstein und Alfred Wolfenstein. Etwa zwanzig expressionistische Schriftsteller und Dichter gingen zwischen 1933 und 1945 ins Exil. Viele von ihnen sind im Ausland gestorben.

Die deutsche Kultur ist damals, als man versucht hat, alle diese Schriftsteller und Künstler im wahrsten Sinne des Wortes auszumerzen, sehr viel ärmer geworden, und jene, die sich vorgenommen hatten, die deutsche Kunst und Kultur von sogenannten, angeblich fremden Elementen zu reinigen, haben dieser selbst am meisten geschadet.


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