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Schon früh fiel Nietzsches literarische Begabung auf.

Mit vierzehn Jahren schrieb er seine ersten Gedichte und verfasste kleine Kompositionen. Kurz vor seinem Zusammenbruch vollendete er 1888 einen Gedichtzyklus, die Dionysos-Dithyramben, in denen sich Bearbeitungen von Gedichten fanden, die schon 1885 zusammen mit seinem wohl bekanntesten Werk, dem "Zarathustra", einer philosophischen Dichtung, veröffentlicht wurden. Ob die große Wirkung des Zarathustra auf die philosophische Lehre oder die sprachgewaltige Darstellung zurückgeht, ist bis heute ungeklärt. "Vor dem Werk Nietzsches", so schrieb Hans-Albrecht Koch in der Tageszeitung "Die Welt" vom 2.Oktober 1999, "erweist sich jeder Versuch, Philosophie und Dichtung zu unterscheiden, als unsinnig."

Zu Lebzeiten jedoch, insbesondere vor seiner geistigen Umnachtung, wurde Nietzsche als Philosoph und als Dichter wenig beachtet. Nur 1888 erschien ein Artikel über Nietzsches "Vorrechte als Schriftsteller", in dem es hieß, es gebe "keine stolzere und zugleich raffiniertere Art von Büchern" als die seinen, denn er sei imstande, "in zehn Sätzen zu sagen, was jeder Andere in einem Buch sagt." Der Artikel stimmte, aber er hatte einen kleinen Schönheitsfehler. Er stammte nämlich von Nietzsche selbst. Doch schon ein Jahr später, 1889, befand der jüdische Journalist und Kritiker Leo Berg(1862-1908):Nietzsche "ist der größte Virtuose der deutschen Sprache." Wörtlich:"Man mag einst über Nietzsche denken, was man will, über den Schriftsteller wird es bald keinen Zweifel geben. Er ist der größte Virtuose der deutschen Sprache."

Nietzsche wirkte überdies früher und nachhaltiger im Ausland als in Deutschland. Der dänische Literaturhistoriker Georg Brandes hat als einer der ersten in Deutschland auf den Philosophen aufmerksam gemacht, und Nietzsche hat diese Verehrung sehr genossen, wie seine Briefe an Overbeck bezeugen.

Doch als man dann Nietzsche entdeckt hatte, konnte sich kaum einer aus der schreibenden Zunft dem Zauber seiner Sprache entziehen, weder den der Bibel abgelauschten Psalmenklängen und dem Prophetenton noch den Wortspielereien und neuartigen Bildern noch den geschliffenen Aphorismen und der pointierten Ausdrucksweise. Wie Goethe ist auch Nietzsche durch die Schule der Lutherbibel gegangen. Nietzsche selbst hat einmal gesagt, die Bibel sei bisher das beste deutsche Buch und "gegen Luthers Bibel ist fast alles Übrige nur 'Literatur'." Unübersehbar ist die religiöse und religionsbezogene Herkunft der Sprache von Nietzsche, auch und gerade bei Zarathustra, hier ist es die Sprache der Mystik. Aber auch die Gedichte - sie fehlen in keiner Gedichtsammlung - haben viele verzaubert, vor allem die Dionysos-Dithyramben. Sie zeigen zugleich das erschütternde Ausmaß des Leidens, dem Nietzsche am Ende seines Schaffens ausgesetzt war.

Nietzsches Stilkunst und originelle Wortschöpfungen sind wohl der Hauptgrund für seine gute Lesbarkeit und eminente Wirkung. Wo zum Beispiel in Akademikerkreisen von "intellektueller Komplexität" die Rede ist, spricht Nietzsche von "Intrigen der Erkenntnis". Ein "Forschungsgebiet" ist bei ihm ein "Jagdgebiet", und dessen Potential nennt er "ausgetrunkene Möglichkeiten". Es lohnt sich noch immer, bei diesem Stilkünstler und Sprachschöpfer in die Lehre zu gehen.


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