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Erfahrungen einer "philosophierenden Hausfrau" in den sechziger Jahren (Gedicht, wiedergefunden beim Ausräumen eines alten Schrankes)

Wer geht durch die Straßen bei Regen und Wind,

ob es wohl Arnsbergs Philosophen sind?

Gar mancher eilt mit durst'gem Sinn

zum Alten Rathaus hurtig hin,

denn dort hoch oben unterm Dach

hat die Philosophie ihr Fach,

und während draußen es geschneit,

führt Dr. Hofmann uns in Platons Zeit,

zu Aristoteles und Augustin

und auch zu Thomas von Aquin.

Doch einmal gab's ein groß' Geschrei,

als Dr.Hofmann sagt, es ist vorbei

mit dieser ew'gen Bummelei,

Sie könnten auch mal etwas tun

und brauchten sich nicht auszuruhn,

Sie könnten Referate halten,

dann kann der Geist auch nicht erkalten.

Doch wollen wir nichts übertreiben

und lieber bei der Wahrheit bleiben,

es wurde nur schwach protestiert,

das hat Herrn Dr.Hofmann nicht gerührt.

Es schrieb ein jeder dann mit Fleiß

zu Hause hin, was er noch weiß.

Man schrieb über Substanz und über Wesen

und was man sonst noch so gelesen,

auch über Materie und Form,

es war wirklich enorm.

Manchmal machten wir's uns auch recht schwer,

man überlegte hin, man überlegte her.

Was sagte da noch Sokrates?

Und wer war gar Diogenes?

Man kam sich dann zuweilen vor,

als wäre man ein rechter Tor.

Oft wusste man nicht aus noch ein,

was ist real und was ist Schein?

Wie bring' ich da nur Ordnung rein?

Und wo ist nur das wahre Sein?

Ach, wie war das alles noch,

ich glaub', in meinem Kopf ist gar ein Loch.

Doch mancher unter den Scheffel stellt sein Licht,

Wie viel er aber weiß, das ahnt er nicht.

War die Stunde aus,

und ging man dann nach Haus,

kreiste noch lange um und um

die Philosophie uns noch im Kopf herum.

Morgens ging es zum Kaufmann dann,

wo man recht lange warten kann,

auch da fing ich zu grübeln an.

Wie war das noch gewesen?

Was hab' ich doch bei Kant gelesen?

Ach, ja, der Mensch ist ein vernünftig' Wesen,

Vernunft gereichet ihm zur Zier,

sie unterscheidet ihn vom Tier.

Und wandt der Kaufmann sich an mich,

so wusst ich doch sicherlich

nicht mehr, was ich gewollt,

dafür, was ich nach Kant gesollt.

Von der Philosophie so ganz besessen

hat meinen Einkauf ich vergessen.

War zu Haus die Arbeit dann getan,

und ich fing endlich nun zu lesen an,

und glaubt', die Kinder spielten oben munter,

kam ganz bestimmt schon wieder eines 'runter.

Ach, Mammi, sieh doch mal,

mein kranker Zahn, der macht mir Qual.

Hast Du für uns denn keine Zeit?

Dann war es wieder mal so weit,

ich klappt' mein Buch ganz eilig zu

und ließ Herrn Jaspers seine Ruh'.

Hofft ich abends auf ein stilles Stündchen dann,

stellt doch der Mann das Fernsehen an.

War ich wirklich mal allein,

stellt Besuch bestimmt sich ein.

Wer könnte mir ein zweites Leben

zu meinem ersten außerdem noch geben,

das der Philosophie allein gehört,

und in dem mich niemals einer stört?

Wir kamen dann zu Ockham und Descartes

und haben manches uns erspart.

Was aber wusst' ich denn von Leibniz nur?

Hat ich 'ne Ahnung? Keine Spur!

Was bedeutet er bisher für mich?

Ein Kuchen? Ein Genie, und weiter ging es nicht.

Auch von der ew'gen Harmonie

hört ich noch nie.

Dank Dr. Hofmann aber ward's mir klar,

was er mit seinen Monaden war.

Doch als wir kamen dann zu Kant,

geriet alles außer Rand und Band,

als Herr Schauer sagte: Ist ja klar,

was Kant da sagt, ist nicht mehr wahr.

Man kann, weil man soll, man soll, weil man muss,

das schafft ja wirklich nur Verdruss,

und eng gebunden an Raum und Zeit

reicht unser Denken auch nicht weit.

So deuteln wir da vor uns hin,

hat das denn überhaupt noch einen Sinn?

Revolte brach da plötzlich los,

der Aufruhr wurde riesengroß,

denn jeder hatte was zu sagen,

zu loben oder anzuklagen.

Kant ist wohl schwer, und manches hat er nicht bedacht,

doch wird er darum nicht veracht'.

Hat er doch erfasst und definiert,

was zu der Wissenschaft von heute führt.

Ist das Gesetz auch sehr formal

und fehlt hier ganz das Material,

so will ich nun konkret benennen,

was wir bei Kant ganz klar erkennen:

Nicht von Gefühlen soll der Mensch sich leiten lassen,

nicht nur lieben, nicht nur hassen,

Vernunft muss herrschen über Emotion,

und wüsste das ein jeder schon,

wär' manches in der Welt

viel besser doch bestellt.

Durch Kant ein jeder leicht begreifen kann,

guter Wille ohne Klugheit richt' nur Schaden an.

Er hat uns also manches noch zu sagen,

wir sollten ihn drum nicht verklagen.

Denn wie es auch immer sei,

an Kant kommt keiner halt vorbei.

Und der Erfolg? Du meine Güte!

Er treibt bei uns nicht jene Blüte,

wie bei dem Herrn in der Welt,

der gleich 'ne Tonne sich bestellt.

Wir haben nur eifrig alles mitgeschrieben,

und auf der Erde sind wir noch geblieben,

So treiben wir's nun ein gutes Jahr,

und ich muss sagen, es macht Spaß, fürwahr!


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