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Unterschiedliche Beurteilung ihrer Freundschaft

Die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller, über die schon etliche Bücher geschrieben wurden, hat beide zusammen auf den Sockel des Weimarer Denkmals gehoben. Sie ist oft idealisiert und heroisiert, aber auch herabgewürdigt worden. Schon August Wilhelm Schlegel sah in ihr lediglich eine Wiederholung des Verhältnisses von Faust und Wagner. Klar, wo Mythen aufgebaut werden, lassen die Mythenzertrümmerer nicht auf sich warten. Gerade in neuerer Zeit wurde die positive Sicht in Frage gestellt und die Echtheit der Freundschaft zwischen Goethe und Schiller angezweifelt, als könne es im literarischen Leben und erst recht zwischen solch grundverschiedenen Geistern kein so herzliches Verhältnis gegeben haben, wie es nach den Zeugnissen angenommen werden kann. Die Partnerschaft, glauben Skeptiker, habe höchstens auf einem gegenseitigen Missverständnis beruht. Schon zu Goethes und Schillers Zeit hat ihre Umwelt sehr darauf geachtet, ob sich nicht doch gelegentlich ein Riss im Freundschaftsbund dieser beiden Großen zeigen würde. Hans Pyritz empfahl 1950, "Abschied zu nehmen von jenem harmlos-idyllischen Begriff der klassischen Zwillinge, der Dioskuren von Weimar, wie sie das biedermeierliche Bürgertum des 19. Jahrhunderts sich dachte und wie sie Rietschels Doppelstandbild vor dem Weimarer Theater verewigte". Während die einen mit der Biedermeier-Idylle gleich die ganze Freundschaft über Bord warfen, funktionierten sie andere zu einem kulturimperialistischen Kartell um, wie etwa Georg Lukcs, der die Freundschaft der beiden Dichter nicht aus einem persönlich privaten Beziehungsgeflecht erklärte, sondern als eine Gemeinsamkeit grundlegender ökonomisch-politischen Auffassungen und Ziele. Für Benno von Wiese wiederum gehört diese Freundschaft trotz aller Vorurteile zu den "geheimnisvollen Vorgängen der Geistesgeschichte ..., wo auch unserer Kritik der wechselseitigen Vor-Urteile zwischen Goethe und Schiller eine Grenze vorgezeichnet ist, die zu überschreiten die Ehrfurcht verbietet".

Wie dem auch sei, hält man sich an die überlieferten schriftlichen Aussagen von Schiller und insbesondere an die des alt gewordenen Goethe, der noch im hohen Alter nicht müde wurde, seines Freundes Friedrich Schiller zu gedenken und von ihm zu erzählen (wem die oben angefügten Zitate nicht genügen, lese nur Eckermanns "Gespräche mit Goethe" in ihrer Gesamtheit und Goethes Briefe an Carl Friedrich Zelter), dann war diese Freundschaft ganz gewiss, wie jüngst Rüdiger Safranski in seinem grandiosen Schillerbuch festgestellt hat, ein "Glücksfall und Glanzpunkt der deutschen Kulturgeschichte".


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