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Eine Jüdin, die keine sein wollte

Vor 60 Jahren starb Simone Weil im Exil

Als die französische Philosophin und Mystikerin Adolphine Simone Weil am 24.August 1943 im Alter von vierunddreißig Jahren in Ashford, im englischen Exil, starb - nach ärztlichem Befund an "Hunger und Lungentuberkulose" - war sie kaum bekannt. Die meisten ihrer Schriften erschienen erst nach ihrem Tod. Mittlerweile jedoch scheint diese, nach Auffassung von Raymond Aron, "außergewöhnliche Frau" zum "Kultobjekt" zu werden. Manche preisen sie sogar als größte Mystikerin der Moderne. Schon Jean Améry empörte sich über den noch zu seinen Lebzeiten ausgebrochenen "Simone-Weil-Mythos". Er selbst hat die Philosophin in Bausch und Bogen verdammt und vor ihrem Einfluss gewarnt, "der nichts Gutes zeitigen kann", denn ihre Ideen seien "eine rückwärts gewandte Utopie". Andere wiederum verglichen sie mit Antigone, der Jungfrau von Orléans und Rosa Luxemburg.

Simone Weil war eine geborene Rebellin und ein Mensch der Extreme und Widersprüche. Bereits in jungem Alter lehnte sie sich gegen herrschende Ansichten und allgemein übliche Normen auf und fühlte sich für jedes gesellschaftliche Unrecht verantwortlich. Als Jugendliche begeisterte sie sich für die russische wie die chinesische Revolution und unterstützte den Kampf der deutschen Linken gegen Hitler. Sie protestierte gegen die traditionelle Rolle der Frau, gegen Nationalismus und - obwohl sie selbst jüdischer Herkunft war - gegen das Judentum. Nach einem Philosophie-Studium bei Emile Auguste Chartier, genannt Alain, unterrichtete sie ab 1931 an einer Mädchenschule in Mittelfrankreich und engagierte sich sozialpolitisch.

Ihre Solidarität mit der arbeitenden Bevölkerung bewies sie auch, indem sie in den Sommerferien auf Bauernhöfen beim Einbringen der Kartoffel- und der Getreideernte half. Eine Zeit lang arbeitete sie sogar in einer Fabrik, da sie es unerträglich fand, dass Intellektuelle über die Arbeit theoretisierten, ohne sie praktisch zu kennen. In ihrem "Fabriktagebuch" schildert sie sehr genau die körperlich und psychisch belastende Fabrikarbeit. "Es ist ein eindrucksvolles Dokument und zugleich eine Analyse, die unmittelbar an die Arbeiten von Karl Marx anschließt", heißt es im Band "Philosophinnen ".

Simone de Beauvoir, die zusammen mit Simone Weil an der École Normale studierte, berichtet in ihren "Memoiren einer Tochter aus gutem Hause", von dem einzigen Gespräch, das sie miteinander führten: "Simone behauptete mit einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ, dass heutzutage eine einzige Sache Not tue: die Revolution, die allen Menschen zu essen verschaffe. Ich erwiderte in demselben kategorischen Ton, dass das Problem nicht darin bestehe, die Menschen glücklich zu machen, sondern den Sinn ihrer Existenz zu ergründen. Sie sah mich von oben bis unten an und sagte: 'Da kann man sehen, dass Sie nie Hunger gelitten haben'."

Während der Wirtschaftskrise befürwortete die Philosophin, die eine spartanische Lebensweise bevorzugte, kärgliche Mahlzeiten zu sich nahm und selbst im strengen Winter ihr Zimmer nicht heizte, einen kommunistischen Kurs mit konsequentem Klassenkampf. Später jedoch lehnte sie den Marxismus ab und stellte die von Marxisten und Anarchisten verkündete "historische Mission" der Arbeiterklasse in Frage, womit sie Unerschrockenheit und eine erstaunliche Fähigkeit zur Selbstkritik bewies. Immerhin galt Weils Schlussfolgerung, dass der Sowjetstaat "kein Regime sozialer Emanzipation" sei, unter den Linken ihrer Zeit als ketzerische Idee.

Trotz aller Unterdrückung, einerlei ob diese von staatswirtschaftlichen Systemen, vom liberalen Kapitalismus oder vom autoritären Sozialismus, ausgeht, fühlen die Menschen, dass sie für die "Freiheit geboren" sind, schrieb Simone Weil in ihrem "Theoretischen Entwurf einer freien Gesellschaft".

Als die ersten Verfolgten der NS-Diktatur nach Frankreich kamen, half sie mit Geld und Unterkunft. Dabei hatte sie sich eine Zeitlang, um der Erhaltung des Friedens willen, der deutschen Vorherrschaft unterwerfen und ein autoritäres Regime billigen wollen, eines Regimes, das sich politischer und rassischer Verfolgung befleißigte, obgleich sie, nach Aussage von Reiner Wimmer, "die mörderische Natur des Nationalsozialismus, seinen Ausrottungs- und Vernichtungsdrang schon 1932 klar erkannt (hatte), viel klarer als die allermeisten Deutschen." Ihre Thesen hinsichtlich der Unterwerfung unter das deutsche Regime gehörten 1940 sogar zum Programm der Pétain-Diktatur. In der Tat war ihre Haltung dem neuen Staat gegenüber zunächst nicht ohne Sympathie. Der Verzicht auf die parlamentarische Demokratie sei ihr um so leichter gefallen, behauptet Heinz Abosch, "als sie ein solches System stets verachtet hatte." Erst der militärische Zusammenbruch Frankreichs im Juni 1940 bewirkte bei ihr eine geistige Wende. Von da ab orientierte sie sich am Widerstand gegen das siegreiche Deutschland.

Im spanischen Bürgerkrieg hatte die Französin einige Jahre zuvor den Kampf der Republikaner unterstützt. Aber ihr Glaube an die Revolution geriet bald ins Wanken. Als sie nämlich während eines Urlaubs in Portugal, unter dem Eindruck einer Prozession von Fischerfrauen, mit dem Christentum nähere Bekanntschaft machte, glaubte sie, in einer mystischen Schau Gottes Erfüllung zu finden. Die Taufe indessen hat sie verweigert, da sie sich nur dem Christentum, nicht aber der Kirche zugehörig fühlte.

Im Grunde hat die französische Denkerin vieles vorweggenommen, zum Beispiel mit ihrer Prognose von einer zukünftigen bürokratischen Herrschaft die Totalitarismus-Theorie, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch James Burnham, Hannah Arendt und Karl Dietrich Bracher populär wurde, sowie Gedankengänge, die viele Jahre nach ihr Max Horkheimer und Theodor W.Adorno in der "Dialektik der Aufklärung" subtil entfaltet haben. Nicht wenige zählen Simone Weil außerdem wegen ihrer scharfsinnigen Analysen zu einer Pionierin eines ökologischen Bewusstseins.

Intellektuelle, religiöse Kreise und vor allem für Spiritualität aufgeschlossene Menschen fühlen sich von Simone Weil heute noch angesprochen, obgleich sich diese Einzelgängerin kaum zum Gruppenidol eignet. Schließlich hat sie jede Norm gesprengt. Auch war sie bei weitem nonkonformistischer als einige ihre Zeitgenossen wie etwa Jean Paul Sartre, Simone de Beauvoir, André Breton, Louis Aragon oder Claude Lévi- Strauss. Gleichwohl hat sie trotz ihrer Kritik am Totalitarismus zeit ihres Lebens totalitär gedacht.

In der Tat fällt es schwer, bei aller Faszination, die die unbequeme französische Philosophin ausstrahlt, sich mit ihr bruchlos zu identifizieren. Denn obgleich Simone Weil mit allen Verfolgten litt und sich für sie einsetzte, hat sie der Verfolgung und Vernichtung der Juden unter Hitler, die an Grauen alles andere übertrafen, keine Beachtung geschenkt, mehr noch, in der dunkelsten Zeit verfasste sie gehässige antijüdische Texte. Athanasios Moulakis rügt, dass die Philosophin die Fabrikarbeit als unerträglichen Fluch betrachtet habe, während sie die Schrecken des Rassismus nicht wahrnahm: "Auch wenn Simone Weil 1939 keine Details über Oranienburg und Dachau besessen haben mag, die sie sich auch, im Gegensatz zu anderer schwer zugänglicher Information, nie zu beschaffen versucht hat, so bleibt ihre Gleichgültigkeit gegenüber der Judenverfolgung geradezu verblüffend, bei einem Menschen, der das Unglück ins Zentrum seines Denkens rückt. Das Unglück des Jahrhunderts ist nicht die Fabrik, sondern die Gaskammer."

Simone Weils Eltern (der Vater stammte aus Straßburg, die Mutter aus Rostow am Don) waren jüdische Franzosen, Freidenker und Demokraten - im Pariser Bürgertum des 20.Jahrhunderts nichts Ungewöhnliches. Sie hatten ihre Tochter im agnostischen Sinne erzogen, so dass ihr das Judentum von Anfang an fremd blieb. Später als sich Simone Weil ihrer jüdische Herkunft bewusst geworden war, suchte sie, dem Judentum zu entfliehen. Dennoch war die jüdische Herkunft auch in ihrer Familie kein Geheimnis gewesen, zumal sich im Geburtsjahr Simones 1909 die Dreyfus-Affäre ereignet hatte, die Frankreich aufgewühlt und den jüdischen Bevölkerungsteil erschreckt hatte. Diese Affäre klang dann zwar allmählich ab. Aber lange noch blieben die Erinnerungen daran frisch und die Folgen spürbar. Auch assimilierte Juden fühlten sich durch die Hassausbrüche, die die Dreyfus-Affäre hoch gespült hatte, betroffen. Gemahnten diese sie doch an ihre, trotz Assimilation und Emanzipation, besondere, prekäre Lage. Das galt sicher auch für die Eltern von Simone Weil.

In ihrer Studentenzeit hatte die angehende Philosophin eine schroff antireligiöse Haltung eingenommen und nicht nur die jüdische Religion abgelehnt, sondern sich auch geweigert, sich selbst als Jüdin zu sehen. Andere Juden warfen ihr daraufhin jüdischen Selbsthass vor. Emmanuel Lévinas und Paul Giniewski beschuldigten die Philosophin des "Verrats" am Judentum. Paul Giniewski vermerkt in seinem Buch "Selbsthass": "Simone Weil interessierte sich weder für die Gesamtheit der Menschen noch für alle gerechten Sachen, sondern nur für einige ihrer Wahl. Ausgenommen blieben die Juden in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. 1936 als Tränen der Scham sie erstickten, weil weiße Meister annamitische Arbeiter mit Fusstritten verstümmelten oder töten, wurden seit drei Jahren wehrlose Juden in deutschen Konzentrationslagern geschunden. Das spielte sich, genauso wie die Verbrechen in Indochina, vor ihren Augen ab. Auch darüber berichteten die Zeitungen. Die ermordeten Juden rührten sie nicht zu Tränen, noch behinderten sie die Nahrungsaufnahme. Das ist ziemlich schlimm." Eine schwerwiegende, aber offensichtlich nur allzu berechtigte Anklage.

Doch sogar eine Simone Weil ist mit antisemitischen Parolen in der Presse bedacht worden, als sie sich in ihrer Zeit als Lehrerin in Le Puy besonders intensiv und lautstark für die Verbesserung der Lage von Erwerbslosen einsetzte. Ein Lyoner Blatt nannte sie eine "Moskauer Aktivistin", die es unternehme, "junge Mädchen französischer Rasse" mit verderbten Theorien zu vergiften. "Antisemitische Parolen dienten dazu, die bedrohte 'Ordnung' zu beschützen." (Abosch)

Selbst als die Rassengesetze der deutschen Besatzer Simone Weil aus dem Schuldienst verbannt hatten, hat sie sich nicht als Jüdin verstanden. In einem 1941 an den Regierungsbeauftragten für jüdische Angelegenheiten Xavier Vallat gerichteten Brief, in dem sie um Wiedereinstellung in den Lehrberuf nachsuchte, führte die Diskriminierte ins Feld, gar keine Jüdin zu sein. Denn wodurch - so fragte Simone Weil - werde man dazu? Entweder durch den Glauben oder durch Abstammung: den jüdischen Glauben lehne sie ab, und ihre Abstammung vom biblischen Volk sei nicht nachweisbar. Wörtlich sagte sie: "Ich habe keine Zuneigung für die jüdische Religion, keine Verbindung mit der jüdischen Tradition; seit frühester Kindheit bin ich geprägt von hellenistischer, christlicher und französischer Überlieferung."

So ist es sicher auch nicht weiter verwunderlich, dass ihre spätere Hinwendung zum Christentum ganz unter antijüdischen Vorzeichen stand. Laut Daniel Krochmalnik trägt Weils sublime Auffassung von der spirituellen Gottes- und Nächstenliebe, "gnostische Züge und ist mit einem heftigen Antijudaismus verbunden", wie etwa in ihrer Schrift "Israel und die Heiden" (1940-1942). Ihr gespaltenes Verhältnis zur katholischen Kirche, oder wie sie es nannte, ihr spirituelles Versagen betrachtete sie als Folge jüdischen Einflusses.

Simone Weil wollte keinesfalls das Schicksal teilen, das man den Juden aufgezwungen hatte. Da sie ihr eigenes Schicksal bestimmen wollte, hat sie das den Juden auferlegte Los von Anfang an für sich nicht akzeptiert. Stattdessen hat sie die jüdische Tradition geleugnet und stand dem Altem Testament und dem sich, ihrer Ansicht nach, dort als Tyrann zeigenden Gott zeitlebens fremd und feindselig gegenüber.

Dennoch ist das von Simone Weil verworfene jüdische Erbe in ihrem Denken und Handeln keineswegs so abwesend, wie sie es immer wieder dargestellt hat. Das von ihr verworfene jüdische Erbe gehörte in mehr als nur in einer Hinsicht zu ihrer eigenen geistigen Substanz. Ihr Denken hatte zum Beispiel wie das vieler jüdischer Denker der Aufklärung eine universale, keine national geprägte Dimension. Unverkennbar ist das negierte jüdische Erbe ebenfalls in ihrem konstanten Bemühen gegenwärtig gewesen, Ideen in soziales Handeln umzusetzen, soziale Gerechtigkeit hier und jetzt zu verwirklichen, womit sie nolens volens jenem Gerechtigkeitsideal entsprach, das einst die alten Propheten verkündet hatten. Ungeachtet ihres eifrigen Bestrebens, sich seiner zu entledigen, haftete das Judentum Simone Weil an. Auf sie trifft Hannah Arendts Urteil zu: "Aus dem Judentum kommt man nicht heraus." Simone Weil war und blieb eine Jüdin, wenn auch wider Willen.

Ihr Denken zielte indes nicht auf Versöhnung, sondern auf scharfe Alternativen. Das Resultat ihrer ersten philosophischen Reflexion lautete: "Ich bin ein freies Wesen, weil ich ein denkendes Subjekt bin". - "Existieren bedeutet für mich handeln", schrieb sie als Achtzehnjährige und hatte damit die Devise ihres Lebens gefunden. Simone suchte kein Wohlbefinden, sondern Leiden. Das war - so paradox es klingt - ihre Glücksquelle. Jeder eschatologischen Geschichtsvision abhold, war ihr Sinnen und Trachten ganz auf den einzelnen Menschen ausgerichtet, auf seine Existenz, sein Leiden und sein Glück. Er sollte nicht zum Objekt eschatologischer Utopien erniedrigt werden.

Durch Simone Weils Tendenz, alles den eigenen rigiden Maßstäben zu unterwerfen, wurde der Umgang mit ihr in ihren letzten Lebensjahren immer schwieriger. Sie war unerbittlich und unbeugsam in ihren Überzeugungen. Dogmatische Strenge engte ihre Nächstenliebe ein, Das Ende des sozialrevolutionären Engagements hatte Enttäuschung und Bitterkeit zurückgelassen und den Weg frei gemacht für eine neue Hoffnung, diesmal im Zeichen religiöser Zuversicht, was wiederum zu einer radikalen Änderung ihrer Anschauungen führte. Ihr Freiheitsbegriff wurde nun abgelöst durch den Begriff des Gehorsams. Nur noch ein Werkzeug göttlicher Macht wollte Simone Weil sein. Anstelle der Lobpreisung der Welt trat Verdüsterung ein, die den Abgrund des Nichts offenbarte. Die Welt wurde für die Philosophin nun zum Bereich des Bösen, in dem Gott nicht mehr präsent war. Sie selbst suchte die Leere als Erlösung und reihte sich damit ein in die Reihen mystischer Gläubiger.

Die Triebkraft ihres verzehrenden erkenntnismäßigen gesellschaftsverändernden Bedürfnisses kam fraglos aus ihrer eigenen Zerrissenheit, aus der kaum reflektierten Heimatlosigkeit als Jüdin im überassimilierten französischen Judentum, das nicht die Zugehörigkeit zum Volk der Bibel sondern zur grande Nation, zur französischen Nation und Kultur als Identitätsausweis anstrebte. Eine andere Zerrissenheit kam aus der Tatsache, dass sie als Tochter aus zwar aufgeklärten engagierten bourgeoisen Verhältnissen sich allein mit dem gedemütigten Proletariat existentiell definieren konnte und wollte. Die dritte Erklärung für ihre Zerrissenheit ist wohl darin zu sehen, dass sie in der Welt des Geistes und des öffentlichen Handelns, die, wie sie als 16-jährige notiert hatte, allein den "Großen Männern" offen stand, sich selbst als Frau nicht finden konnte. Aus dieser Erfahrung der dreifachen Beeinträchtigung resultierte, allem Anschein nach, sowohl die Radikalisierung ihres politischen und philosophischen Anspruchs wie die sonst so schwer verständliche tragische Leugnung ihrer Jüdischkeit, und die gegen Ende ihres kurzen Lebens radikale Existenzverneinung. Allerdings bleibt vieles im Leben und Wirken von Simone Weil Geheimnis und ist nicht weiter ausleuchtbar.

Der Beitrag erschien, geringfügig verändert, in "Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums. 42.Jahrgang, Heft 166, 2.Quartal 2003.


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