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Abenteuer mit Büchern

Abenteuerliche Tage liegen hinter mir. Ich verdanke sie "meinen" Büchern. Das Ganze begann damit, dass ich in der "Allgemeinen Frankfurter Zeitung" einen Artikel über Wittgenstein, Kierkegaard und deren Beziehung zur Religion las. Ich fand die Ansichten der beiden Philosophen über Gott und die Ewigkeit etwas vage und nebulös, mit anderen Worten: wenig griffig, doch hatte mich der Aufsatz daran erinnert, dass ich vor etwa zwei Jahrzehnten für die "Neue Zürcher Zeitung" ein Buch von Whitehead über die Entstehung der Religion rezensiert hatte, das mich damals sehr angesprochen hat. Aber wo war das Buch? Ich fand es nicht unter meinen Bücherbeständen und auch nicht auf dem Computer im Register, in dem ich meine alten Bücher festgehalten und Neuzugänge vermerkt habe. Denn das Register weist Lücken auf, weil ich es mitunter versäume, aktuelle Änderungen zu notieren, und weil bei einem Absturz des Computers einige Eintragungen verloren gegangen sind. Also blieb mir nichts anderes übrig, als in den Keller hinunterzusteigen, um in den alten Akten, in denen ich meine Rezensionen aufzubewahren pflege, nachzuschauen und siehe da - oh' Wunder - ich fand die gewünschte Rezension nach kurzer Zeit und konnte mich so anhand meiner Rezension mit dem Inhalt des Buches wieder vertraut machen. So tröstete ich mich vorerst mit dem Gedanken, dass ich das Buch jetzt nicht mehr benötige und dass es sich wohl eines Tages wieder anfinden würde.

Wenige Stunden später jedoch musste ich feststellen, dass mir ein zweites Buch abhanden gekommen war. Ich hatte vom "Besprechungsdienst für ffentliche Büchereien" (kurz EKZ genannt) David Bodanis' "milie und Voltaire" zur Begutachtung zugeschickt bekommen. Mir fiel sofort ein, dass ich zwei kleinere Bücher über Voltaire im Treppenhaus, in dem sich ebenfalls einige Bücher befinden, untergebracht habe. Aber dann als ich die CD-Rom von EKZ im Computer einlegte und das Stichwort "Voltaire" eingab, entdeckte ich, dass ich in den vergangenen Jahren nicht zwei, sondern drei Bücher über Voltaire für EKZ besprochen hatte, und dass dieses dritte, nämlich das Insel-Taschenbuch von Horst Günther, nun genauso wenig wie Whiteheads "Wie entsteht Religion?" aufzutreiben war, weder in den diversen Bücherregalen und Schränken unseres Hauses noch im Register. Auch diesmal half ich mir schnell über den, wie ich hoffte, vorübergehenden Verlust hinweg, indem ich mir sagte, dass ich diesen Band für die Besprechung von Bodanis' Werk nicht unbedingt benötige, und so machte ich mich getrost ans Lesen und Rezensieren.

Aber irgendwie wurmte es mich doch innerlich, dass ich offensichtlich die Kontrolle über meine Bücher verloren hatte, und so nahm ich mir vor, in meinen freien Minuten meine Bücherbestände kritisch zu sichten. Ich fing damit in den Zimmern unserer drei Kinder an, denn seitdem diese längst erwachsen und in alle Winde verstreut sind, habe ich auch deren Zimmer für zahlreiche Bücher mit Beschlag belegt. Dabei fand ich schnell heraus, dass manches etwas willkürlich zusammenstand, und ich habe daher, erst einmal Bücher von ein und demselben Autor zusammengestellt, also zum Beispiel Bücher von und über Montaigne, von und über Montesquieu, Johann Georg Hamann, Nietzsche und andere mehr, auch von Peter Sloterdijk konnte ich etliche Veröffentlichungen in eine Reihe einordnen. Vorerst zufrieden mit meinem "Werk", begab ich mich in den Keller, in dem ein eigener Raum für Bücher reserviert ist. Ich durchsuchte einige vielversprechenden Regale. Ich fand zwar nicht die zwei vermissten Bücher, entdeckte aber bei meiner Tour durch die Bücherwelt manche einst lieb gewordenen, aber mittlerweile vergessenen alten Schätze.

Schließlich führten mich meine Recherchen ins Wohnzimmer. Hier hängt nämlich hinter dem Schreibtisch ein offenes Bücherregal mit sechs Reihen, jede zweireihig dicht vollgepackt. Ich setzte mit meiner Suche unten an und arbeitete mich langsam nach oben vor bis ich die zweitletzte Reihe - längst stand ich auf der obersten Sprosse des Bücherhockers - erreichte. Plötzlich gab es ein leises Rumoren und Knistern, und dann mit einem lauten Krachen segelten die Bücher, zunächst eins nach dem anderen, dann viele auch auf einmal, nach unten, die Bretter hatten sich aus ihren Verankerungen gelöst und rutschten nun nacheinander ebenfalls nach. Ich wundere mich jetzt noch, dass ich keines dieser Bücher auf den Kopf bekommen habe und heil aus dieser Misere herausgekommen bin. Da lagen sie nun alle wild verstreut auf dem Boden und ich staunte nicht schlecht, wie viele Bücher ich im Laufe der Zeit dort in den Regalen versteckt hatte. Dann allmählich machten mein Mann und ich uns daran, die Bücher zu stapeln, im Wohnzimmer, in den Zimmern im ersten Stock und dort, wo gerade Platz war.

Am nächsten Tage schlug mein Schwager kräftige Dübel in die Wand, so dass die Stäbe und Schienen, auf denen die Bretter liegen, jetzt fest in der Wand sind, und ich begann mit dem Einsortieren. Aber durch das Unglück schlau geworden, habe ich die Bretter nur einreihig bestückt mit den für mich unentbehrlichsten Büchern. Alle anderen aber, von denen ich glaube, dass ich sie so schnell nicht brauchen werde, habe ich in zwei großen Kisten und Plastiktüten verstaut, die Hälfte davon im Zimmer unseres jüngsten Sohnes, die anderen im Keller.

Im Regal hinter dem Schreibtisch stehen sie nun, die kostbaren Leseexemplare übersichtlich und gut geordnet. Ganz unten griffbereit die fünfbändige "Weltliteratur im 20.Jahrhundert", "Knaurs Lexikon der Weltliteratur", das zweibändige Werk der "Klassiker der Philosophie" und andere Nachschlagewerke, die ich ständig benutze.

Die Reihe darüber ist mit Büchern von und über Hannah Arendt nahezu ausgefüllt. Bisher schlummerten sie oben auf dem 6.Brett, an das ich oft nur schwer dran kam. Nun kann ich mich auch der Arndt' schen Texte jederzeit mühelos bedienen. Hannah Arendt folgt auf dem Fuß Martin Heidegger, wobei auch Bücher über ihn und das "Dritte Reich" nicht fehlen.

Immer noch griffbereit bietet mir das dritte Brett das "Neue Lexikon über das Judentum", Lexika über deutsch-jüdische Literatur und jüdische Philosophen und einige andere Bücher zum Judentum (meine eigentliche jüdische Bibliothek, die mitterweile auch viel Platz einnimmt, befindet sich, auf mehrere Regale verteilt, im Keller.), gefolgt von christlichen Autoren bis hin zu zu Abhandlungen über die Schuldfrage und andere ethische Problemen.

Das vierte Regal beginnt mit der "Aufklärung". Dann kommt die "Kritische Theorie" mit diversen Protagonisten , wobei auch Ernst Bloch und Leszek Kolakowski nicht fehlen. Von dem letzteren liegen mir "Horror metaphysicus" (auch das Buch besprach ich für die "NZZ") sowie "Narr und Priester" besonders am Herzen.

Die fünfte Reihe beherbergt unter anderem Spenglers "Untergang des Abendlandes" und vier dickleibige Bücher von Hans Blumenberg (ich muss sie mir auf jeden Fall noch mal vornehmen). Den Abschluss ganz oben bilden vier Bücher von Walter Schulz, ebenfalls recht dickleibig, darunter auch der wichtige Band "Philosophie in der veränderten Welt", sowie einige mehrbändige Nachschlagebücher über philosophische Grundbegriffe, Soziologie, Wissenschaftstheorie und andere, die ich nicht mehr allzu oft zu Rate ziehe.

Doch die beiden vermissten Bücher hatte ich bis dahin noch nicht gefunden. Als ich indes am nächsten Tag fünf Minuten lang auf meinen Schwager wartete, der mit mir in die Stadt fahren wollte, kam mir der Gedanke, dass im großen Wohnzimmer-Bücherschrank Bücher über "Literatur und Theologie" stehen, die ebenfalls ein wenig durcheinander geraten sind, ich schaute nach, und was finde ich dort? Den vermissten Whitehead und gleich daneben den "dritten" Voltaire, von dem ich allerdings nicht weiß, was er ausgerechnet dort zu suchen hatte. Doch wie dem auch sei, in diesem Augenblick war sicher keiner, so glaube ich jedenfalls, glücklicher als meine Wenigkeit.

Nun - der Whitehead steht inzwischen im Bücherregal über dem Schreibtisch in der zu ihm passenden Umgebung, Günthers Voltaire habe ich zu den übrigen Voltaire-Büchern im Flur versammelt.

Mit besonderem Vergnügen und viel Wohlgefallen schaue ich mir jetzt von Zeit zu Zeit meine Schätze über dem Schreibtisch an und nehme dann das eine oder andere Buch in die Hand und lese darin. Drunten auf dem Schreibtisch stehen mir genau vis--vis gegenüber das zwanzigbändige Brockhaus-Lexikon (Taschenbuch), das Heine-Handbuch, die Bibel (mit Apokryphen), ein voluminöser Band mit Schiller-Zitaten und die von Heinrich Schmidinger herausgegebene zweibändige Ausgabe "Die Bibel in der deutschsprachigen Literatur des 20.Jahrhunderts." Ihnen zur Seite rechts an der Wand, an der gleichfalls ein Bücherbrett angebracht ist, die Werke von Goethe und Schiller - alles Taschenbücher, nicht nur, weil diese billiger sind als die gebundenen Werke, sondern weil man auch besser mit ihnen arbeiten kann und sie durchaus Bleistiftstriche oder handschriftliche Anmerkungen vertragen, besser jedenfalls als die kostbaren gesammelten Werke, die womöglich noch mit Goldverschnitt verziert sind.) Eine Stufe darunter stehen die Heinrich-Heine-Werke. Daneben liegen dann rechts und links eine Reihe anderer Bücher, die ich gerade lese oder zu lesen beabsichtige.

Die Bücher über Heine und die Bücher von und über Döblin stehen, mangels Platz im Wohnzimmer, wohlgeordnet nebeneinander im Zimmer unserer Tochter. Beide Dichter habe ich erst in den letzten Jahren anlässlich ihrer Todestage richtig für mich entdeckt, und ich war so angetan von ihnen und bin es immer noch, dass ich heute sowohl Mitglied in der Heine- als auch Mitglied in der Döblin-Gesellschaft bin.

Ja, Bücher sind, wie ich einmal las, tatsächlich ein nicht geringer Teil des Glücks. Sie geben mir Trost und Kraft und helfen mir über manche dunkle Stunde hinweg. Ohne sie wäre ich nur ein halber Mensch. Wie schade, dass man so viel Zeit mit Saubermachen, Waschen, Einkaufen und Kochen verbringen muss, statt sich ihnen, den Bücherschätzen, voll und ganz widmen zu können.


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