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Wozu Literatur? Ist Literatur noch zeitgemäß?

Mangelerfahrung bringt den Menschen zum Schreiben und zum Lesen

Solange der Mensch, vermutet der Literaturwissenschaftler und Börne-Preisträger des Jahres 2003 George Steiner, in einem paradiesischen Zustand leidlos und versöhnt mit sich und mit Gott gelebt habe, gab es "vermutlich keinen Bedarf für Bücher oder Kunst". Erst mit dem Bewusstsein des Todes sei dies anders geworden.

Steiner steht mit dieser Ansicht nicht allein. Auch Ulla Hahn meint, dass niemand schreiben und auch nicht lesen würde, "wenn er mit dem, was hier auf der Welt passiert, zufrieden wäre." Martin Walser bekennt sich ebenfalls zu einem "Schreiben aus Mangelerfahrung heraus."

Kunst und Literatur haben Transzendenzcharakter

Für Steiner hat alle große Kunst - Dichtung, Musik und Kunst - zudem noch Transzendenzcharakter, die den Menschen in direkteste Beziehung zu dem bringt, was ihm nicht gehört und über das er nicht verfügt. Steiner bezieht sich dabei auf Hölderlin, der in Dichtern und Denkern Wegweiser zu Göttern sah, die längst entschwunden sind.

Mit Transzendenz auseinander gesetzt haben sich in früheren Zeiten Aischylos, Dante, Bach, Dostojewski und andere Künstler und Dichter. Gerade die Werke Dantes lassen sich als ununterbrochene Meditation über die Schöpfung aus poetischer, metaphysischer und theologischer Sicht erfahren. Transzendenz, glaubt Steiner, gleichfalls in einem Porträt Rembrandts oder in Prousts "Recherche" zu spüren, und überlegt, ob es auch große Philosophie, Literatur, Musik und Kunst atheistischer Herkunft geben könne? Was wäre wohl die atheistische Entsprechung zu einem Fresko von Michelangelo oder König Lear? fragt er und lässt keinen Zweifel daran, dass er sich derartige Entsprechungen nicht vorzustellen vermag.

Ist Literatur Religionsersatz?

Andere wie Günter Kunert glauben, dass Literatur, insbesondere Lyrik, heute vielfach als Religionsersatz akzeptiert wird, insbesondere in Gegenden, die von Amts wegen auf alles Transzendente verzichtet haben wie einst die sozialistischen Länder und die frühere DDR, wobei sich gezeigt hat, dass der Marxismus über einen langen Zeitraum hinweg bestimmte geistige und seelische Erwartungen nicht erfüllt hat.

Die Ansicht, Literatur als Religionsersatz zu betrachten, vermag die im Christentum verwurzelte Schriftstellerin Gabriele Wohmann allerdings nicht zu teilen. Sie wiederum behauptet, dass viele Menschen in der Literatur nicht vordergründigen Trost suchten, sondern Wahrhaftigkeit und Identifikationsmöglichkeiten. "Schriftstellerei und Literatur können keine Erlösung bieten, sie bieten alles mögliche andere: Interessantheit, Unterhaltung, Menschenkenntnis, sie vermitteln Genuss, Freude, Bestätigung, Identifikation.., aber nichts wirklich Erlösendes, Transzendentes. Dazu ist nur die Kirche in der Lage."

Aber auch nicht Transzendenz orientierte oder religiös gebundene Autoren und Dichter wie Günter Grass sehen im Erzählen mitunter ein Überlebensmittel der Menschen. Grass beschloss 1999 seine Nobelpreisrede mit folgenden Worten: "Schließlich wird unser aller Roman fortgesetzt werden. Und selbst wenn eines Tages nicht mehr geschrieben und gedruckt werden wird oder darf, wenn Bücher als Überlebensmittel nicht mehr zu haben sind, wird es Erzähler geben, die uns von Mund zu Ohr beatmen, indem sie die alten Geschichten aufs neue zu Fäden spinnen: laut und leise, hechelnd und verzögert, manchmal dem Lachen, manchmal dem Weinen nahe." Grass hat sicherlich nicht unrecht. Immerhin waren Erzählen und Zuhören seit jeher und sind es noch ein Urbedürfnis der Menschheit.

Dichtung dient dem Überleben

Ums Überleben ging es Scheherazade. Sie begann, "um nicht gleich vom Sultan abgeschlachtet zu werden, drauflos zu fabulieren" (Robert Minder) und erzählte fantastische Geschichten in tausendundeiner Nacht. Nicht von ungefähr nimmt Wolfgang Minatry an, dass in der Natur des Menschen "die Rettung durch die Fantasie vorgesehen sei", wie sie gerade die sogenannte Schöne Literatur auszeichnet, zu der sowohl Gedichte als auch Märchen gehören. Wer im Gefängnis eingesperrt ist, wer im Krankenhaus seine Tage fristen muss oder sonst wie in Bedrängnis lebt und Zugang zu Büchern hat, weiß den Wert der Literatur wohl zu schätzen. So fanden auch viele KZ-Insassen Trost in Versen, die sie auswendig kannten. Ruth Klüger schreibt in ihrem Erinnerungsbuch: "Weiter leben. Eine Jugend" über Schillers Balladen:"..mit denen konnte ich stundenlang in der Sonne stehen und nicht umfallen, weil es immer eine nächste Zeile zum Aufsagen gab, und wenn einem eine Zeile nicht einfiel, so konnte man darüber nachgrübeln, bevor man an die eigene Schwäche dachte. Dann war der Appell womöglich vorbei." Woraus ersichtlich wird, dass Menschen, die mit Gedichten lebten, nicht selten überlebten.

Kein Zweifel, für den ein oder anderen kann Literatur zur Lebens- und Überlebenshilfe werden und Ermunterung zum Durchhalten bedeuten. Das war und ist häufig in Diktaturen der Fall. Hier muss man Literatur durchweg gegen den Strich lesen, wie etwa während der Jahre im Naziregime, während der DDR-Zeit und in anderen Epochen der Unterdrückung. "Eingebettet zwischen Heilruf und klirrenden Sporen, gewannen ein paar Seiten Lessing, Verse Goethes, Szenen Schillers, Lieder der Romantik ihre volle Intensität zurück", schreibt der Literaturhistoriker Robert Minder (1902-1980) in einer literaturwissenschaftlichen Betrachtung. Manches wurde freilich nicht immer und überall richtig verstanden. Wie hätte sonst Werner Bergengruens Roman "Der Großtyrann und das Gericht" oder Jochen Kleppers "Der Vater" bei Nazigrößen so viel Anerkennung finden können, wie es tatsächlich der Fall war, obwohl beide Werke ebenso eindeutig gegen den Nationalsozialismus gerichtet waren wie Lion Feuchtwangers Roman "Erfolg", der schon 1930 eindringlich vor den Nazis gewarnt hatte ?

Soldaten hatten oft den "Faust" oder einen Band Rilke-Gedichte im Tornister. Selbst Lenin nahm das Werk Puschkins und den "Faust" mit ins Exil. "Was konnte er davon erwarten? Vermutlich einen Kräftezuwachs. In der Rocktasche seines älteren Bruders, der früh unter dem zaristischen Regime erschossen wurde, fand sich ein Band Heine. Nicht Bakunin, nicht Marx oder Engels: Gedichte Heines.... Literatur wählt sich auch ihre Leute aus", gibt Robert Minder zu bedenken.

Literatur ist Kommunikation und fordert uns heraus

Literatur ist Kommunikation über die Grenzen hinweg. "Als Deutschland nicht mehr zu Deutschland sprach, sprach das Werk Bertolt Brechts immer noch vom Osten her und das Werk Thomas Manns vom Westen her in den anderen, getrennten Teil." (Minder)So viel steht indessen fest, wirkliche Kunst fordert uns existentiell heraus. Sind doch Künstler, Dichter und Denker verschiedentlich Seismographen für die Wahrnehmung von Brüchen und Widersprüchen in der Welt und im eigenen Leben.

Laut Marie Luise Kaschnitz reißt Literatur die Wände ein, die den Menschen "in seiner Alltagswelt einschließen, in eine Gefangenschaft, die ihn auf eine dumpfe Weise traurig macht." Literatur gibt dem Menschen auch die Möglichkeit mit den Worten des Schriftstellers oder Dichters zu sagen, "was er leidet." Was der Leser durchzustehen hat, haben oft auch Schriftsteller schon durchgestanden und in ein dichterisches Gewand gekleidet.

Literatur kann zudem der Bewusstseinswerdung, der Bewusstseinsbildung oder Bewusstseinserweiterung dienen. Sie kann, wie alle großen Kunstwerke, irritieren und im Leser oder Betrachter eine heilsame Unruhe freisetzen.

Was Literatur nicht kann und was sie vermag

In den sechziger Jahren und noch lange danach glaubte man, dass sich mit Literatur die Gesellschaft verändern ließe. Darin lag eine geradezu maßlose Überschätzung der Literatur. Erwartete man von ihr doch Widerstand gegen die Fiktionen einer "Heilen Welt" und gegen die Neurosen des Kalten Krieges. Dieser Illusion gab man sich bis etwa 1980 hin. Von da ab durfte dann wieder erzählt werden. In mancherlei Hinsicht sind Dichter tatsächlich machtlos. Sie können wohl mit mehr oder weniger mächtigen Worten gegen den Krieg wettern oder ihn befürworten, aber sie können ihn nicht verhindern. Manche unheilvolle Entwicklung hingegen können sie vorwegnehmen, wie es Kafka in seinen Büchern getan hat. Dass Literatur nicht ganz ohne Wirkung ist und auch gefürchtet wird, haben nicht zuletzt die Bücherverbrennungen im Hitler-Regime gezeigt. Wenn Bücher nämlich ganz und gar harmlos wären, brauchte man sie nicht zu fürchten und weder zu verbieten noch gar zu verbrennen.

Die Literatur kann mithin vielerlei. Sie kann aufklären, aber auch schlicht unterhalten und den gestressten Menschen auf andere Gedanken bringen. Zudem gewinnt, wer schreibt oder liest, ein Stück Freiheit, mindestens Bewegungsfreiheit der Fantasie.

Wie deuten Dichter und Schriftsteller ihre Aufgabe?

Wie aber sehen jene, die man gemeinhin zur schreibenden Zunft zählt, ihre Aufgabe und die der Literatur?

Christa Wolf meint: "Die Aufgabe der Literatur ist die Erkundung der blinden Flecken der Vergangenheit." Marieluise Kaschnitz wiederum sagte, die Aufgabe des Dichters sei es, "das Erwünschte (zu) verschweigen und das Unerwünschte zu sagen." Sie dichtete:

"Schreibend wollte ich /

Meine Seele retten /

Ich versuchte, Verse zu machen /

Es ging nicht /

Ich versuchte, Geschichten zu erzählen, /

es ging nicht. /

Man kann nicht schreiben /

Um seine Seele zu retten /

Die aufgegebene treibt dahin und singt." /

Erst im Loslassen, erkannte die Dichterin, geschieht die Rettung. Auch der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg sagte einmal, dass das Schreiben sein Leben nicht entlastet habe. Es habe nur den Riss verdeutlicht, der durch seine Geschichte geht.

Der polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorski sah dagegen seine Lebensaufgabe darin, "den Engeln Beine zu machen." Schließlich habe jeder von uns in sich einen eigenen Engel und einen eigenen Teufel. "Nur sind die Engel oft faul und machen oft Urlaub, während die Teufel stets fleißig sind."

Marcel Reich-Ranicki, für den die Literatur vor allem zwei große Themen hat, die Liebe und den Tod, wiederum bekennt frank und frei, dass die Literatur seine Heimat sei und die sei nicht einmal die schlechteste.

Gefährden Bild und Ton das Lesen?

Welche Funktion kommt der Literatur im digitalen Zeitalter zu? Kommt ihr überhaupt noch eine zu? Gefährden Bild und Ton das Lesen? Mitnichten sagen Literatur- und Medienwissenschaftler und vermuten im Aufkommen interaktiver Medien eher den Beginn neuer Möglichkeiten, alte erzählerische Kräfte neu zur Geltung zu bringen. Denn so sei es eigentlich immer gewesen. Schon der Film habe nicht, wie anfangs befürchtet, die Literatur beendet. Vielmehr habe er das sprachliche Erzählen herausgefordert, tiefer in unwirkliche, nichtmimetische Formen der Fantasie vorzudringen. Allerdings ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass Literatur dem Fernsehen nacheifert und dass, was dem einen die Einschaltquoten, dem anderen die Auflagenhöhen sind.

Teile des Aufsatzes erschienen zusammen mit Ausführungen von Robert Erdemann unter dem Titel "Unverwüstlich, aber weniger Verlage, Buchläden Titel" in der Fachzeitschrift für Literatur und Kunst "Der Literat" 45.Jg.Oktober 10/2003.


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