. . auf


Der Witz als Waffe

Lachen und Humor in der jüdischen Tradition

Auch in Israel haben Juden das Lachen nicht verlernt

Lachen und Humor sind in der jüdischen Tradition fest verankert, wie zahlreiche Anekdoten, Schnurren, Gleichnisse und Schelmengeschichten anschaulich belegen.

Schon der Talmud enthält im Gegensatz zur strengen Bibel zahllose "Lach- und Lächeltexte", die den Einstieg in ernste Erörterungen erleichtern sollen, und lobt Spaß, Posse und Witz. An einer Stelle steht sogar geschrieben: "Man erkennt einen Menschen an seinem Lachen". Bösartige Spöttereien und Zoten sind dagegen verpönt, mehr noch, der Spötter wird dem Sünder gleichgestellt: "Schädlich ist die Spötterei, denn ihr Beginn ist Leid, ihr Ende Vernichtung."

Die Frage, ob Jesus überhaupt gelacht habe, über die sich Christen häufig den Kopf zerbrechen, hat Juden nie beschwert. Für sie ist es völlig selbstverständlich, dass jemand, der wie Jesus seine Wurzeln im Judentum hat, auch Humor besaß und herzhaft gelacht hat. Wie viel Pfiffigkeit und Witz in seinen Worten und Gleichnissen funkelt, das hat zum Beispiel Louis Kretz aufgedeckt.

Dabei reicht die Tradition jüdischen Humors erstaunlich weit zurück. Schon die rabbinischen Gleichnisse aus dem Talmud haben einen witzigen Unterton.

Der Witz als Waffe im Kampf ums Dasein

In der Vergangenheit diente im Judentum der Witz nicht nur dem Vergnügen oder der Erbauung. Im "Kampf ums Dasein" und ums Überleben war er eine unentbehrliche, weil nahezu einzige Waffe, insbesondere in der Diaspora, wo sich die Juden als Minderheit ständig im Verteidigungszustand befanden. Viele Situationen hätten Juden ohne die Hilfe des Witzes kaum bewältigen können. Mit ihm versuchten sie, der ihnen feindlich oder gleichgültig gesonnenen Umwelt Paroli zu bieten und sich gleichzeitig, schwankend zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Mut zu machen, trotz allen Ungemachs weiterzuleben. Durch Witze spielten sie ihre Angst herunter, verwandelten Niederlagen in Siege, zogen das angeblich Erhabene ins Lächerliche und gewannen so emotionalen Abstand von dem, was sie bedrückte. Mitunter ist der jüdische Witz gekennzeichnet durch eine Art störrischen Stolzes, häufiger noch durch eine Melancholie eigener Prägung, wahrscheinlich aus Trauer darüber, schreibt die jüdische Publizistin Salcia Landmann, dass sich der Anspruch, den die Religion an Juden stellte, und die Realität, der sie ausgesetzt waren, nie deckten, so dass sie darauf angewiesen seien, Spiegelgefechte mit der Wahrheit zu führen.

Der kaum überbrückbare Abgrund zwischen dem prophetischen Pathos über die Erwähltheit des jüdischen Volkes und der Banalität der konkreten Judenheit könne nur, meint auch Schalom Ben-Chorin, durch eine Doppelbrücke aus Glauben und Humor überdeckt werden. Ein Beispiel solch gläubigen Humors hat Friedrich Torberg von Albert Einstein in einem köstlichen Vierzeiler überliefert: "Schau ich mir die Juden an, hab ich wenig Freude dran. Fallen mir die andern ein, bin ich froh, ein Jud zu sein."

Der jüdische Autor und Historiker Chaim Bloch wiederum weist darauf hin, dass der Grundtrieb des Judenwitzes orientalischer talmudischer Geist sei. "In ihm ist die Linie gegeben, die zur Judenseele hinführt. Er bezieht sich überwiegend auf rein jüdische Dinge", betont Chaim Bloch in seinem Vorwort zu einem Sammelband mit jüdischen Witzen und Anekdoten, er "bewegt sich im rein jüdischen Milieu und ist dem Westeuropäer unbekannt. Dieser Witz ist keusch und bescheiden, bietet einen eigenartigen Humor, in welchem Sanftmut, Verdruss, Freude, Traurigkeit, Ernst und Spaß miteinander kämpfen."

In scherzhaften Anspielungen wird in jüdischen Witzen über Menschen und Dinge geurteilt und durch ein fein geschliffenes Wort oder eine witzige Redewendung die eigene Anerkennung, das eigene Missfallen und die eigene Meinung zum Ausdruck gebracht, die im Exil von Diasporajuden nicht offen ausgesprochen werden konnten. Oft streuten Juden in ihren Witzen mit staunenswerter Gelassenheit eine kleine Bosheit mit ins Gespräch, die so fein und unverfänglich war, das selbst die Angesprochenen nicht beleidigt sein konnten, sondern lächeln, ja sich freuen mussten.

Reichtum an Vieldeutigkeit

Hin und her gerissen zwischen Bewunderung und Widerwillen gegenüber dem Land, in dem sie lebten, gaben Juden ihre Kritik an der westlichen Zivilisation in Witzen kund. Da sie ihre Verhältnisse nicht ändern konnten, haben sie über diese gewitzelt und gespottet und dabei eine erstaunliche Spitzfindigkeit entwickelt, mit einem Reichtum an Vieldeutigkeit, wobei in den meisten Fällen der Witz weder erklügelt noch ersonnen, sondern die Folge eines Ereignisses oder die Wirkung eines Zufalls war. Tauchen in jüdischen Witzen Fragen auf, so sind sie nicht immer als solche gemeint, eher sind sie ein Ausdruck der eigenen Skepsis. Auch das Denken in Antithesen ist ein Grundmotiv jüdischen Humors.

Daneben enthalten nicht wenige jüdische Witze rebellische Gefühle gegenüber Gott und seinen Gesetzen sowie Zweifel an der jüdischen Religion und Tradition. Bedeutete doch die Auserwähltheit des jüdischen Volkes auch eine Last. Denn Juden war vieles verboten, was andere ungestraft tun durften. Zuweilen schwang in den jüdischen Witzen der Vergangenheit der unbewusste Wunsch mit, die Zustimmung und Bewunderung des Publikums zu erlangen, ein unterirdisches Verlangen nach Liebe sowie ein mehr oder weniger offenes Eingeständnis eigener Fehler und Schwächen, eine überkritische Haltung gegenüber sich selbst und dem Judentum bis hin zur gnadenlosen Selbstkarikatur und Selbstkritik. Wahrscheinlich hat sich noch kein Volk in solch einem Ausmaß über sich selbst lustig gemacht und sich so sehr verspottet wie das jüdische Volk. Der masochistische, selbst erniedrigende Charakter jüdischer Witze, behauptet Oswald LeWinter, beruhe auf einem Geständnis der eigenen Schwäche und Wertlosigkeit. Ein Jude "zieht es vor, sich selbst zum Gegenstand des Spottes zu machen, bevor andere es tun."

Doch zu Beginn der jüdischen Geschichte verhinderte zunächst noch eine starke religiöse Bindung, dass die eigene religiöse Tradition zum Gegenstand von Witzen wurde. Schließlich war die Mehrheit der Juden damals noch fest davon überzeugt, dass alles gottgewollt sei, selbst das Leiden. Der jüdische Witz konnte sich erst voll entfalten, als sich mit der Neuzeit den Juden in Mitteleuropa die Chance zur Emanzipation und Assimilation bot, als die mittelalterliche Gläubigkeit und Gottergebenheit ihre Kraft verlor und damit das Leiden seinen metaphysisch religiösen Sinn. Wer allerdings den Ausstieg aus dem Judentum nur positiv beurteilte, hatte keinen Anlass, diesen Schritt witzig zu beleuchten. Seine volle Tiefe und Schärfe erreicht der Täuflingswitz nur dort, wo der Abtrünnige sich der Fragwürdigkeit seines Schrittes bewusst wurde, wie etwa Heinrich Heine, der die eigene Situation im beißenden Witz vortrefflich parodiert hat. Heine war ein Zyniker ersten Ranges wie das Gedicht "Zum Lazarus" beweist:

Lass die heiligen Parabolen,

lass die frommen Hypothesen -

Suche die verdammten Fragen

Ohne Umschweife uns zu lösen,

Warum schleppt sich blutend, elend,

Unter Kreuzlast der Gerechte,

Während glücklich als ein Sieger

Trabt auf hohem Ross der Schlechte?

Woran liegt die Schuld? Ist etwa

Unser Herr nicht ganz allmächtig?

Oder treibt er selbst den Unfug?

Ach, das wäre niederträchtig.

Also fragen wir beständig,

Bis man uns mit einer Handvoll

Erde endlich stopft die Mäuler -

Aber ist das eine Antwort?

Als Heine im Sterben lag, kniete seine Geliebte an seinem Bett und betete zu Gott, dass er ihm alle seine Sünden verzeihe. Da sagte Heine mit schwacher Stimme: "Meine Liebe, sorge dich nicht - er wird mir schon verzeihen, denn Sünden vergeben gehört zu seinem Beruf."

Jüdische Witze sind nicht immer lustig.

Der jüdische Witz ist das Ergebnis von einzigartigen Umständen und Voraussetzungen auf religiösem, historischem, geistigem und sozialem Gebiet, die besonders geeignet waren, Witze von ungewöhnlicher Tiefe und Schärfe zu erzeugen und verdrängte Wahrheit ans Licht zu holen. Ohne seinen tragischen Hintergrund ist der jüdische Witz kaum zu verstehen. Kein Wunder, dass er in der Weltliteratur eine Sonderstellung einnimmt.

Man lacht, lächelt und schmunzelt über jüdische Witze, aber komisch sind sie keineswegs. Gibt es doch nichts Ernsteres als jene Witze, die in Tagen der Bedrängnis entstanden sind, und zwar dank der Fähigkeit vieler Juden, auf dem Hintergrund des eigenen Leidens einen Witz zu machen. Indessen sollte nie vergessen werden, dass Elend und innere Not Geburtshelfer und Paten jüdischer Witze sind und dass in ihnen Bitterkeit und Leid nicht ein für allemal beiseite gelacht werden, sondern sich fortsetzen und das Schicksal der meisten Juden bis in die Gegenwart hinein bestimmt haben.

Einen ernsten Hintergrund hat beispielsweise folgende typisch jüdische Anekdote, die zeigt, wie Juden eine für sie bittere und anscheinend ausweglose Lage verspottet haben:

"In einem Wiener Reisebüro erkundigte sich nach dem Einmarsch Hitlers ein Jude nach Auswanderungsmöglichkeiten. Die Angestellte des Reisebüros hatte den Globus vor sich und fuhr mit dem Finger von Land zu Land und sagte: "Auswanderung nach Palästina ist gesperrt, die amerikanische Quote ist bereits vergriffen, Visum für England sehr schwer, für China, Paraguay und Brasilien braucht man finanzielle Garantien, Polen erlaubt selbst polnischen Juden keine Wiedereinreise." Der Jude deutete resignierend mit dem Zeigefinger auf den Globus und fragte: "Außer dem da haben Sie nichts?"

Und hier noch zwei weitere Geschichten aus unserem Jahrhundert: In bösen Situationen, bekannte Manès Sperber in einem seiner Bücher, tröste er sich selber zuweilen mit solchen Witzen. "Da gibt es folgende Geschichte: In einem jüdischen Dorf im Osten kommt es in der Nazizeit zu immer grässlicheren Übergriffen, Pogromen und Erschießungen. Einer kommt ins Nachbardorf und berichtet. Man fragt ihn:' Und was habt ihr da gemacht?' Er antwortet:'Beim letzten Mal haben wir nicht nur 75 Psalmen gebetet, sondern alle 150. Und wir haben gefastet wie am Versöhnungstag.' 'Richtig', gibt man ihm zur Antwort, 'man darf sich nicht alles gefallen lassen, man muss sich wehren'."

"Ein 'Neutraler' sagt vor den Reichstagswahlen:'Ich wähle deutsch-national.' 'Antisemitisch?', fragt sein Gegenüber entrüstet. 'Verstehen Sie - wenn die Juden geschlossen in die deutsch-nationale Partei gehen, so erlangen wir die Mehrheit, und dann ist's eben eine semitische Partei'."

"Der Ernst muss heiter sein, der Scherz muss ernsthaft schimmern", sagte Novalis und Schopenhauer: "Je mehr ein Mensch des ganzen Ernstes fähig ist, desto herzlicher kann er lachen."

Das gilt auch für den jüdischen Humor. Ohne den Ernst ist er nicht zu denken. Friedrich Torberg hat in seiner "Tante Jolesch" sogar noch die Schicksals-Turbulenzen des Zweiten Weltkriegs seinen Lesern mit melancholischem Witz nahe gebracht. Theodor Reik bemerkte einmal: "Jaweh hat es dem Juden unserer Zeit verwehrt, sich in Klagen auszusprechen, die ihm die Umwelt gewinnen könnten. Indem er ihn aber witzig sein ließ, gab ihm sein Gott zu sagen, was er leide."

Gelegentlich wird in jüdischen Witzen nicht nur das jüdische Schicksal, sondern die gesamte menschliche Situation voll Schmerz und Bitterkeit in Frage gestellt. Der jüdische Witz mache deutlich, so hat Salcia Landmann ihre Recherchen und Ansichten über dieses Thema zusammengefasst, "dass gerade in einer am eindringlichsten mit dem Handwerkszeug der Logik begriffenen Welt die Gleichungen, die ohne Rest aufgehen, nicht stimmen können. Der jüdische Witz ist heiter hingenommene Trauer über die Antinomien und Aporien des Daseins."

Gleichzeitig halten Juden, so Oswald LeWinter, in ihren Witzen an der Hoffnung fest, dass sie nicht immer die gequälten Opfer eines grausamen Schicksals sein werden, dass sie endlich die Oberhand gewinnen, gerechtfertigt und somit siegreich sein werden. Und diese Hoffnung wiederum verbinde sie mit der gesamten Menschheit.

Antisemitische "Scherze"

Allerdings können jüdische Witze außerhalb ihres Kontextes kaum verstanden werden. Zudem ist es keineswegs belanglos, ob ein Witz von außen her das Judentum verspottet oder von innen her durch Juden selbst. Nur die von ihnen erzählten Witze sind als jüdische Witze ernst zu nehmen. Die anderen Witze, die von Fremden über Juden gemacht werden, sind meistens brutale Schwänke und antisemitische Zoten, in denen in der Vergangenheit, insbesondere im Wilhelminischen Kaiserreich, der Alltagsantisemitismus zum Vorschein kam und durch die sich die Bevölkerung schon lange vor dem Holocaust an eine despektierliche Behandlung der Juden gewöhnt hatte. Manchmal genügte freilich auch ein belustigter Seitenhieb oder bloße Herablassung, um Juden zu verunglimpfen. Was freilich jüdische Selbstironie und Melancholie an Scherzen erfunden haben, das war ins Antisemitische übertragen, oft von beleidigender, ja tödlicher Schärfe. Leider sind heute noch oder schon wieder, vor allem nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten, derartige Witze im Umlauf. Nicht selten kreisen sie in törichter und makabrer Weise ums "Vergasen" und "Verheizen" von Juden.

In der ansonsten seriösen Literatur wurden Juden ebenfalls vielfach verhöhnt und zu Schachern, Betrügern, Ausbeutern und Geizhälsen gestempelt. Man denke nur an die Romane von Gustav Freytag und Wilhelm Raabe. Von welcher Qualität sind hingegen die Verse von Wilhelm Busch? "Kurz die Hose, lang der Rock", dichtete er und fügte hinzu: "Schöner ist doch unsereiner." Nimmt Busch hier die antisemitischen Vorurteile seiner Umwelt aufs Korn, oder drückt er, was bei diesem Spötter und Zyniker kaum anzunehmen ist, nur seine eigene Meinung aus? Heinrich Böll jedenfalls meinte, der Humor von Busch sei antisemitisch und spekuliere auf das widerwärtige Lachen des Spießers, dem nichts heilig sei und "der nicht einmal intelligent genug ist, zu bemerken, dass er in seinem fürchterlichen Lachen sich selbst zu einem Nichts zerlacht."

Der Humor im Ostjudentum

Auch Ostjuden nahmen sich die Freiheit, auf ernste Fragen humoristisch zu reagieren, getreu dem Motto des Gründers des Chassidismus, Rabbi Israel Baal-Schem-Tov: "Gott will frohe Menschen, der Satan will traurige." Die Traurigkeit zieht herab, die Freude erhebt, so kommentiert Ben-Chorin den Ausspruch des Rabbis und zitiert zusätzlich den Psalmisten, der gesagt hat: "Dienet dem Herrn in Freuden." Das sei nicht immer leicht, gesteht Ben-Chorin, aber wir sollten uns wenigstens bemühen, auch die heiteren und komischen Seiten in unserem Leben und in dem unserer Umwelt zu sehen und uns daran zu erfreuen.

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat sich in seinen chassidischen Erzählungen an die ostjüdische Tradition angeschlossen. Für ihn war der Humor der "Milchbruder des Glaubens". Von ihm stammen auch die Sätze: "Wenn ein Mensch nur Glauben hast, steht er in Gefahr, bigott zu werden. Hat er nur Humor, läuft er Gefahr, zynisch zu werden. Besitzt er aber Glaube und Humor, dann findet er das richtige Gleichgewicht, mit dem er das Leben bestehen kann." Offensichtlich war der Humor für Buber ohne den Hintergrund des Glaubens nicht denkbar. Ähnlich dachte der jüdische Theologe Jakob Petuchowski. Er verurteilte eine Theologie ohne Humor sogar als Gotteslästerung. Nebenbei bemerkt: die christlichen Kirchen wären gewiss gut beraten, wenn auch sie dem Humor einen gleich großen Stellenwert wie die jüdischen Tradition einräumten.

Wenn ostjüdische Erzähler wie Scholem Alechjem (1859-1916), der Verfasser von "Tewje, der Milchmann" mit lächelnder Selbstironie oder beißendem Spott über Torheit, Trägheit, Geschwätzigkeit, Neugier, Verschlagenheit, Schmutz oder mangelhafte Bildung des eigenen Volkes spotten, wird ein Lachen provoziert, das einem fast im Halse stecken bleibt. Scholem Alejchem erklärt, die Wurzeln dieses spezifisch jüdischen Humors seien in den "Gegensätzen zwischen den äußeren Lebensbedingungen des dunklen Ghettos und den reinen Seelenregungen seiner Bewohner" zu suchen. Das Spannungsverhältnis resultiere aus dem für Ostjuden damals kaum noch lösbaren Widerspruch zwischen dem Wunsch, Traditionen zu bewahren, die ihnen ein Überleben, Identität und Würde ermöglicht hatten, und dem emanzipatorischen Drang, aus der Enge und Isolierung hinauszugelangen. Für Westeuropäer und assimilierte Juden dagegen wurden Ostjuden wiederholt zu Zielscheiben distanzierenden bösen Spottes und alberner Witzeleien, die von jüdischem Humor meilenweit entfernt sind.

Hier noch zwei weitere Kostproben ostjüdischen Humors: "Liebe Eltern", schreibt ein Jude, der in der russischen Armee dient, nach Hause, es geht uns gut. Wir gehen täglich ein paar Meilen zurück. So Gott will, hoffe ich, zu Rosch-hashana zu Hause zu sein."

"Im zaristischen Russland fiel ein Jude, der nicht schwimmen konnte, in die Newa. Er schrie um Hilfe; in der Ferne spazierten zwei Polizisten - aber sie gingen gleichgültig weiter. Da kam dem Juden in der Not eine Idee: 'Nieder mit dem Zaren!' brüllte er aus Leibeskräften. Im Nu sprangen beide Polizisten ins Wasser und schleppten ihn heraus, um ihn ins Gefängnis zu bringen.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, der den Witz eingehend analysiert hat und dabei in erster Linie auf jüdische Witze zurückgriff, ein Jude war. Er selbst hat gern seine Vorträge und Publikationen mit Anekdoten, Witzen, fröhlichen Zitaten und sarkastischen Bemerkungen gewürzt, sogar sein grimmigstes Buch "Das Unbehagen in der Kultur". Kurz vor seinem Tod begegnete er den Nazis mit trotzigem Witz. Unmittelbar vor seiner Abreise aus Österreich verlangten diese, er solle eine Erklärung unterschreiben, dass man ihn nicht misshandelt habe. Freud gab seine Unterschrift mit der Anmerkung: "Ich kann die Gestapo jedermann auf das beste empfehlen."

Aber selbst bei Freud weist das Repertoire der von ihm veröffentlichten Witze ein Maß an kaum verhüllter Feindseligkeit gegenüber Juden aus Osteuropa auf. Mit Vorliebe erzählte er aggressive tendenziöse Witze über galizische oder osteuropäische Juden, über ungepflegte Männer, denen Kamm, Seife und gute Manieren völlig fremd sind, wie etwa folgenden: "Zwei Juden treffen in der Nähe des Badehauses zusammen. 'Hast du genommen ein Bad?' fragt der eine. 'Wieso' fragt der andere, 'fehlt eins?'" Offenbar war diese krude Karikatur des ungewaschenen Juden, der eindeutig osteuropäischer Herkunft ist, nach Freuds Geschmack.

Viele Kabarettisten waren Juden

Zahlreiche Satiriker und Humoristen sind jüdischer Abstammung, zum Beispiel Moritz Gottlieb Saphir (1795-1858) - er war einer der beliebtesten Satiriker des Vormärz - Karl Kraus und Kurt Tucholsky. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Man denke nur an Max Linder, Danny Kaye und Woody Allan.

Daher ist es wohl auch nicht weiter verwunderlich, dass sich in der Wiener Kleinkunstbühne, die Felix Salten 1901 unter dem Namen "Jung-Wien-Theater zum lieben Augustin" ins Leben gerufen hatte, unter den Autoren und Darstellern, wie übrigens in den anderen Cabarets zu Beginn des vorigen Jahrhunderts auch, nicht wenige Juden befanden, zum Beispiel Bela Laszky, Alfred Polgar, Egon Friedell, Fritz Grünbaum und Roda Roda, der einmal den Rat gab: "Wenn Wein sich gut halten soll, muss der Keller gleichmäßig kühl sein, luftig, trocken und vor allem: gut versperrt."

1927 gründete Oscar Teller in Wien sogar ein "Jüdisch-Politisches Cabaret", das sich von Anfang an großer Beliebtheit erfreute und bis 1938, bis zum Einmarsch der Nazis in Österreich, beträchtliche Erfolge für sich verbuchen konnte. Auch im übrigen deutschsprachigen Raum gab es vor der Hitler-Zeit jüdische Kleinkunstbühnen, einige sogar mit einem jiddischen Programm, wie etwa das Berliner Kabarett "Kaftan", das am 14.Februar 1930 der jiddische Volksschauspieler und -sänger Maxim Sakaschansky und seine Frau Ruth Klinger in Berlin in der Martin-Luther-Straße 31 eröffnet hatten. In selbst verfassten satirischen Couplets nahm Sakaschansky assimilierte Juden aufs Korn. Mit seinem "Schlesischen Bahnhof" löste er Beifallsstürme aus, in dem er einen Schnorrer darstellte, der eben aus Polen am Schlesischen Bahnhof angekommen ist. Als erstes nimmt dieser von einem jüdischen Gemeindebeamten eine Unterstützung entgegen und beklagt sich über die Hochnäsigkeit der Jekkes. Kaum hat er es zu einigem Wohlstand gebracht, klopft an seiner Kurfürstendamm-Wohnung ein polnischer Schnorrer - wie fertigt er ihn ab? 'Sag ich. ich bin ein daitscher Jehude, und weise ihm die Tür.' "

Viele unterschiedliche Menschen und Gruppen besuchen das Kabarett "Kaftan", nur nicht die Mitglieder des C.V., des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens." Sie fühlen sich als Deutsche, zu ostjüdischen Menschen haben sie nicht die geringste Beziehung.

Doch gerade aus dem Alltag der osteuropäischen Juden sind etliche intelligente und hintergründige Witze überliefert: "Warum antwortet ihr Juden auf eine Frage mit einer Gegenfrage?" "Warum soll ein Jude nicht auf eine Frage mit einer Gegenfrage antworten?"

Auch außerhalb der Kabaretts gedeihen jüdischer Witz und Humor. Wir befinden uns an einer Bar in Berlin vor '33'. Ein junger und natürlich schneidiger Offizier nimmt an der Bartheke Platz und glaubt, in der Barfrau eine Jüdin zu erkennen. Er erdreistet sich, seine Bestellung mit der Anrede zu beginnen: "Sarah, geben Sie mir.." Die Antwort der Barfrau lautet: "Sie irren, mein Herr, es war Rebecca, die die Kamele tränkte."

Friedrich Holländer dichtete zu jener Zeit in Berlin: " An allem sind die Juden schuld.., ob es regnet, ob es hagelt, ob es schneit oder ob es blitzt.. an allem sind die Juden schuld."

Dass Menschen auch in schwierigen Zeiten ihren Humor nicht verloren haben, beweist folgende Begebenheit, die Ingeborg Malek-Kohler in ihrem Erinnerungsbuch "Im Windschatten des Dritten Reiches" festgehalten hat. Eines Tages. so berichtet sie, sei ihr Ehemann Enk nach Hause gekommen und habe erzählt, was er gerade erlebt habe: "Ich sitze in einem überfüllten Stadtbahnzug, neben mir ein stämmiger Arbeiter. Plötzlich steht er auf und winkt einer älteren Frau zu, die zusammengedrückt in einer Ecke steht. Erst jetzt sehe ich, dass sie einen Judenstern an der linken Brustseite hat. 'Setz' der doch, du kleene Sternschnuppe', fordert er sie auf. Ängstlich tut sie, wie ihr geheißen. Tiefe Stille im Zug. Plötzlich kommt eine Stimme aus dem Hintergrund. 'Das dürfen Sie nicht.' 'Wat denn, wat denn, ich werde doch wohl noch über meinen eigenen Arsch verfügen können.' Die letzten Worte in vollendetem Hochdeutsch."

Während des Dritten Reiches wanderten viele jüdische Künstler aus. Jene aber, die daheim geblieben waren, wurden in großer Zahl in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern ermordet. Zu diesen gehörten auch Fritz Grünbaum und Fritz Löhner-Beda.

Teller selbst setzte in Amerika mit der Kleinkunstbühne "Die Arche" seine alte Tätigkeit fort - mit Texten von Alfred Neumann, Walter Mehring, Friedrich Torberg und anderen bekannten Literaten. In London existierten zu jener Zeit sogar vier Emigranten-Cabarets.

Nach 1945 schrieb Alfred Polgar:"..die zufällig nicht umgebracht wurden, müssen ihren Frieden machen mit denen, die zufällig nicht mehr dazu gekommen sind, sie umzubringen", und Eckart Hachfeld brachte den Zwiespalt der deutschen Geschichte und Kultur auf folgenden Punkt: "Betracht' ich meinen Lebenslauf, dann geht's mir durch den Sinn: Warum bin ich nicht stolz darauf, dass ich ein Deutscher bin?..Ich habe als Kant das Gewissen gerufen, als Goethe die Humanität gelehrt,- und habe die Werte, die sie mir schufen, in einer Kristallnacht zerstört."

Satirisches über den Holocaust

Selbst der Holocaust wurde in der Nachkriegsliteratur hin und wieder zum Gegenstand von Satiren. Edgar Hilsenrath inszenierte in seinem Roman "Der Nazi und der Friseur", einer wahrhaft schwarzen Komödie, die Bewältigung der deutsch-jüdischen Vergangenheit als große Satire. Sein grotesker Anti-Held, der SS-Mann und Massenmörder Max Schulz drehte nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes seine Identität einfach um, indem er, der Mörder, den Namen eines von ihm ermordeten Opfers annahm und dann als angesehener israelischer Bürger etliche Jahre einen Friseursalon in Tel Aviv führte, bis ihn das Schicksal am Schluss insgeheim doch noch ereilte. Dieses Buch, das, wie Ingeborg Drewitz nach seinem Erscheinen schrieb, "die Banalität des Faschismus, die Dürftigkeit seiner Akteure aufdeckt und der traurigen Lächerlichkeit preisgibt", wurde heftig kritisiert, ebenso der Comic über den Holocaust von Art Spiegelman. Der amerikanische Karikaturist, Sohn eines Überlebenden von Auschwitz, hat die Erinnerungen seines Vaters als Cartoons aufgezeichnet und dabei Juden als Mäuse, Nazis als Katzen und Polen als Schweine dargestellt. Die einen halten Spiegelmans Comic für geschmacklos und äußern moralische Entrüstung. Andere wiederum finden, dass der Holocaust auf diese Weise begreiflicher werde, weil ein Bild mehr aussage als hundert Worte.

Allerdings liegt das Grauen nicht nur in der Massenvernichtung selbst, sondern auch darin, dass die gesellschaftlichen und individuellen Bedingungen und Strukturen, die zu Auschwitz führten, in der ein oder anderen Form fortbestehen wie etwa im Rechtsextremismus, Antisemitismus und in der Fremdenfeindlichkeit. Die Unerträglichkeit dieser Kontinuität kann im Kino ironisch gebrochen werden, etwa wenn Woody Allen seine misanthrope Figur in dem Film "Hanna und ihre Schwestern" sagen läßt, dass die Frage nicht eigentlich darin bestünde, wie Auschwitz möglich wurde, sondern warum es nicht häufiger passiere.

In der Nachkriegszeit

Nach dem Krieg bekam das deutschen Publikum meistens in Talkschows, wenn etwa der Soziologe Alphons Silbermann zu Gast war, moderne jüdische Witze zu hören, wie etwa den: "Ein Jude möchte seinen neuen Ferrari segnen lassen. Er geht zum orthodoxen Rabbiner und trägt sein Anliegen vor. Der sagt, 'ja gerne, aber was ist ein Ferrari?' Ähnlich ergeht es ihm bei dem konservativen Rabbiner, dann geht er zu einem liberalen Rabbiner, der fragt: 'Was ist ein Segen?' "

Und: "Es gibt nur kluge Juden, die dummen lassen wir gleich taufen."

Ferner: Ein Jude begeht Selbstmord und wird daraufhin von Gott zur Rede gestellt:

"Warum hast du das getan? Weißt du nicht, dass ein Jude sich nicht töten darf?"

"Ja", sagt der Jude, "aber mein Sohn hat sich taufen lassen." Darauf der liebe Gott: "Na und, meiner hat sich auch taufen lassen." "Und was hast du darauf gemacht?", will der Jude wissen. "Ein neues Testament."

Im Religionsunterricht wird ein Schüler gefragt: "David, wer war Moses?" "Der Sohn einer ägyptischen Prinzessin." "Falsch, David, sie fand ihn in einem Weidenkorb." Darauf der gewitzte Schüler: "Sagt sie!"

Oder: Ein katholischer, ein evangelischer Geistlicher und ein Rabbi unterhalten sich über die Frage, wann das menschliche Leben eigentlich anfängt. Der katholische Geistliche sagt: "Das Leben beginnt natürlich mit der Verschmelzung von Samen- und Eizelle." Der Protestant macht Einwände, so einfach sei das nicht. Doch der Rabbi meint, das sei doch klar. "Wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund tot ist, dann beginnt das Leben."

Zwei Juden gehen in eine Ausstellung impressionistischer Kunst. Vor einem Gemälde bleiben sie stehen und diskutieren lange darüber, ob dies nun ein Landschaftsbild oder ein Porträt sei. Da sie sich nicht einigen können, gehen sie zurück zu Kasse, um einen Ausstellungskatalog zu kaufen. In diesem suchen sie das Bild. Es hat den Titel "Mandelbaum an der Riviera." Sagt der eine Jude zum anderen: "Siehst du, ich hab' dir doch gleich gesagt, das ist ein Porträt!"

Ein Rabbi ärgert sich darüber, dass viele Gläubige ohne Käppi in die Synagoge kommen. Also schreibt er an den Eingang: "Das Betreten der Synagoge ohne Kopfbedeckung ist ein dem Ehebruch vergleichbares Vergehen." Am nächsten Tag steht darunter:"Hab ich probiert. Kein Vergleich!"

Und da wir nun einmal beim Ehebruch sind, gleich noch eine Anekdote aus biblischer Zeit:

Moses kommt vom Berg Sinai herab, um den Israeliten Gottes Botschaft zu verkünden: "Also Leute, es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist: ich hab' Ihn auf zehn heruntergehandelt. Die schlechte Nachricht: Ehebruch ist immer noch dabei.'"

Israel - ein Land ohne Humor?

Nach Meinung kluger Leute soll der jüdische Witz heute nur noch eine historische Erscheinung sein. Die Gründung des Staates Israel, so wird vielfach argumentiert, habe zum Ende des jüdischen Witzes geführt. Denn wer die Macht habe, bedürfe seiner nicht nicht mehr. Statt mit Witz und Humor wehrten sich heute die Juden in Israel, wie einst ihre Vorfahren in biblischer Zeit, mit Waffengewalt. Das neue Israel sei witzlos wie die Bibel.

Diese Ansicht ist fragwürdig und anfechtbar. Zweifellos sind charakteristische Figuren der herkömmlichen jüdischen Anekdote, wie der Rabbi, die Chassidim, der durchtriebene Kaufmann, der einfältige Goi und andere mehr von der aktuellen Bildfläche verschwunden. Aber wer wollte allen Ernstes behaupten, dass die Probleme, die den Staat Israel gegenwärtig beschäftigen, nicht auch ihre humorvollen Seiten hätten, zum Beispiel die Integration der Einwanderer aus aller Welt, das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen, das leicht Missverständnisse aufkommen lässt, die man, je nachdem wie man sie betrachtet, auch belächeln kann. Zudem haben die großen Einwanderungswellen dem israelischen Humor Charakterzüge anderer Völker hinzugefügt. Populär sind außerdem Witze über die arabischen Staaten und deren Armeen.

Schließlich hat auch Israel, der jüdische Staat, seine Humoristen und Satiriker, allen voran der allgegenwärtige und nicht unumstrittene Ephraim Kishon. Seine zum Lachen und Schmunzeln anregenden Geschichten und Geschichtchen aus dem orientalischen Vielvölkerstaat, bei denen mancher das Gefühl hat, er lache unter seinem Niveau, haben freilich mit dem ursprünglichen jüdischen Witz kaum Ähnlichkeit. Bei Kishon geht es nicht mehr um das nackte Überleben. Seine Zielscheiben sind, wie in den Witzen anderer Völker auch: die beste aller Ehefrauen, die mehr oder weniger zuverlässigen Handwerker, die Tücken der modernen Technik, der lächerliche Kulturbetrieb, das Groteske im Alltag und die Diktatur der Bürokratie. Schalom Ben-Chorin hat über den Witz von Ephraim Kishon gesagt, er folge nicht mehr der Selbstironie des Unterlegenen, vielmehr sei er die Emanzipation zum Lachen über den problematischen, aber immerhin israeleigenen Fortschritt. Er meine nicht nur die Israelis, so erklärt Kishon sich selbst, er meine die Menschen schlechthin. Aus seinem Spott könne man erkennen, wie es wirklich um diese Welt bestellt sei.

Aber Kishon und allen Unkenrufen zum Trotz, selbst in Israel braucht man nicht lange zu suchen, um auf spaßige Geschichten zu stoßen oder Leute ausfindig zu machen, die Sinn für Humor haben, wie Chaim Weizmann, der erste Staatspräsident Israels, von dem der Ausspruch stammt: "Wer in Israel Realist ist, glaubt an Wunder" oder Schalom Ben-Chorin, der nach eigenem Geständnis, mit Buber einen Charakterzug gemeinsam hatte, nämlich den Humor. Dieser, so Ben-Chorin, habe für ihn Lebenskraft bedeutet, ohne die er manches gar nicht durchgehalten hätte. "Würde ich alles und mich selbst immer ernst nehmen, so müsste ich an der Welt und an mir verzweifeln. Es gibt so vieles, das näher betrachtet, eine komische Seite hat, und auch die soll man sehen."

Ein Witz stammt sogar aus den Pionierjahren des neuen Staates. "Ein Jude musste aus seiner Heimat flüchten. Nun betritt er israelischen Boden und seufzt: 'Zweitausend Jahre haben wir vergeblich um Rückkehr gebetet - und ausgerechnet mich muss es treffen!' "

Ferner: "Herr Doktor was haben Sie gegen den Zionismus?"-"Prinzipiell nichts, nur ein paar einzelne Einwände: Erstens, warum habt ihr euch ausgerechnet Palästina ausgewählt? Im Norden Sumpf, im Süden Wüste. Habt ihr kein besseres Land finden können? Zweitens, warum wollt ihr unbedingt eine tote Sprache wie Hebräisch dort sprechen? Und drittens verstehe ich nicht, weshalb ihr euch ausgerechnet die Juden ausgesucht habt. Es gibt sympathischere Nationen."

Den israelischen Kultur- und Literaturträgern gebricht es gleichfalls nicht an Humor. So haben der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels des Jahres 1992, Amos Oz, und andere Schriftsteller die israelische Gesellschaft und ihre mitunter skurrilen Protagonisten in ihren Büchern immer wieder porträtiert, heiter, melancholisch und liebevoll ironisch. Humor, Witz, Ironie bezeugt das Studentenkabarett an der Universität Tel Aviv, das mit seinem Stück "Sie waren alle meine Söhne oder Die Küsten der Schweiz" die Situation Israels witzig beleuchtet und Hiebe nach links und rechts ausgeteilt hat. Auch Filme über das heutige Israel wirken zuweilen erheiternd, wie etwa der Film "Mariage of Convenience" oder "Cup Final". Letzterer erzählt, wie eine Gruppe Palästinenser einen israelischen Soldaten gefangen nimmt und sich mit ihm während des israelischen Vormarsches nach Beirut durchzuschlagen versucht. Bei aller Brutalität fehlt es nicht an köstlichen humorvollen Szenen und utopischen Momenten. Stellenweise wirkt der Film nicht wie ein Kriegsfilm, eher wie die Inszenierung einer Comédie Humaine.

Daneben kommen uns immer wieder Geschichten aus Israel zu Ohren, in denen deutlich Anklänge an den alten jüdischen Witz herauszuhören sind, wie etwa in folgender Anekdote: "Ein Israeli, dessen zwei Söhne an der Front standen, begab sich am Jom Kippur in die Synagoge. Es war zu der Zeit, als am Suezkanal dauernd geschossen wurde und es viele Tote gab. Der Vater betete. 'Lieber Gott, ich weiß, wir sind das auserwählte Volk. Ich bin dir auch dankbar für alles - aber könntest du mir nicht einmal einen Gefallen tun und statt unseres Volkes ein anderes auserwählen?"

Wissen Sie eigentlich, wer ein Zionist ist? "Ein Zionist ist ein Mensch, der einem zweiten Geld gibt, damit ein dritter nach Palästina geht."

Selbst die einstige Ministerpräsidentin Golda Meir bewies Humor mit ihrem Ausspruch: " Früher hat man eine einzige lange Hochzeitsreise mit dem Mann seines Lebens gemacht. Heute macht man mehrere kürzere mit verschiedenen Männern."

Vor einigen Jahren berichtete eine deutsche Tageszeitung von zwei amüsanten Vorfällen. Die erste Mitteilung meldete unter der Überschrift:"Rabbiner-Weisheit rettet eine Ehe", dass ein Rabbiner-Gericht in Tel Aviv das Scheitern einer Ehe verhindert habe. "Ein Mann, der seine Frau nach zwei Jahren Ehe verlassen wollte, weil er ihre Nase hässlich fand, zog seinen Scheidungsantrag zurück, nachdem das Gericht die Frau bewogen hatte, sich durch eine Operation verschönern zu lassen."

Reuven Assor wiederum schrieb aus Jerusalem, dass zwei Drittel der Hauptstadt auf ihre "Erlöser" warteten - "die Araber auf ihre eigene Verwaltung und die Orthodoxie auf den Messias. Als Teddy Kollek von einem orthodoxer Juden in den USA gefragt wurde, warum er Geld für Jerusalem sammle, antwortete er: "Wir möchten, dass der Messias, wenn er kommt, wenigstens eine saubere Stadt vorfindet."

Wie man sieht, haben auch Israelis Humor. Selbst im Heiligen Land haben Juden das Lachen nicht verlernt.

(Der Aufsatz erschien in "Tribüne", Zeitschrift zum Verständnis des Judentums. Heft 126/1993. Ich habe ihn inzwischen geringfügig ergänzt und aktualisiert.)

Zu dem Thema "Was ist jüdischer Humor?" wurde ich am 14.März 2004 von der "Kath.Familienbildungsstätte Klosterstraße Ahlen (Westfalen)" zusammen mit anderen Experten eingeladen, unter denen sich auch der inzwischen verstorbene Kabarettist Gerhard Bronner und der Musiker Dany Bober befanden.


. . auf ursula@UrsulaHomann.de Inhaltsverzeichnis