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Reichtum an Vieldeutigkeit

Hin und her gerissen zwischen Bewunderung und Widerwillen gegenüber dem Land, in dem sie lebten, gaben Juden ihre Kritik an der westlichen Zivilisation in Witzen kund. Da sie ihre Verhältnisse nicht ändern konnten, haben sie über diese gewitzelt und gespottet und dabei eine erstaunliche Spitzfindigkeit entwickelt, mit einem Reichtum an Vieldeutigkeit, wobei in den meisten Fällen der Witz weder erklügelt noch ersonnen, sondern die Folge eines Ereignisses oder die Wirkung eines Zufalls war. Tauchen in jüdischen Witzen Fragen auf, so sind sie nicht immer als solche gemeint, eher sind sie ein Ausdruck der eigenen Skepsis. Auch das Denken in Antithesen ist ein Grundmotiv jüdischen Humors.

Daneben enthalten nicht wenige jüdische Witze rebellische Gefühle gegenüber Gott und seinen Gesetzen sowie Zweifel an der jüdischen Religion und Tradition. Bedeutete doch die Auserwähltheit des jüdischen Volkes auch eine Last. Denn Juden war vieles verboten, was andere ungestraft tun durften. Zuweilen schwang in den jüdischen Witzen der Vergangenheit der unbewusste Wunsch mit, die Zustimmung und Bewunderung des Publikums zu erlangen, ein unterirdisches Verlangen nach Liebe sowie ein mehr oder weniger offenes Eingeständnis eigener Fehler und Schwächen, eine überkritische Haltung gegenüber sich selbst und dem Judentum bis hin zur gnadenlosen Selbstkarikatur und Selbstkritik. Wahrscheinlich hat sich noch kein Volk in solch einem Ausmaß über sich selbst lustig gemacht und sich so sehr verspottet wie das jüdische Volk. Der masochistische, selbst erniedrigende Charakter jüdischer Witze, behauptet Oswald LeWinter, beruhe auf einem Geständnis der eigenen Schwäche und Wertlosigkeit. Ein Jude "zieht es vor, sich selbst zum Gegenstand des Spottes zu machen, bevor andere es tun."

Doch zu Beginn der jüdischen Geschichte verhinderte zunächst noch eine starke religiöse Bindung, dass die eigene religiöse Tradition zum Gegenstand von Witzen wurde. Schließlich war die Mehrheit der Juden damals noch fest davon überzeugt, dass alles gottgewollt sei, selbst das Leiden. Der jüdische Witz konnte sich erst voll entfalten, als sich mit der Neuzeit den Juden in Mitteleuropa die Chance zur Emanzipation und Assimilation bot, als die mittelalterliche Gläubigkeit und Gottergebenheit ihre Kraft verlor und damit das Leiden seinen metaphysisch religiösen Sinn. Wer allerdings den Ausstieg aus dem Judentum nur positiv beurteilte, hatte keinen Anlass, diesen Schritt witzig zu beleuchten. Seine volle Tiefe und Schärfe erreicht der Täuflingswitz nur dort, wo der Abtrünnige sich der Fragwürdigkeit seines Schrittes bewusst wurde, wie etwa Heinrich Heine, der die eigene Situation im beißenden Witz vortrefflich parodiert hat. Heine war ein Zyniker ersten Ranges wie das Gedicht "Zum Lazarus" beweist:

Lass die heiligen Parabolen,

lass die frommen Hypothesen -

Suche die verdammten Fragen

Ohne Umschweife uns zu lösen,

Warum schleppt sich blutend, elend,

Unter Kreuzlast der Gerechte,

Während glücklich als ein Sieger

Trabt auf hohem Ross der Schlechte?

Woran liegt die Schuld? Ist etwa

Unser Herr nicht ganz allmächtig?

Oder treibt er selbst den Unfug?

Ach, das wäre niederträchtig.

Also fragen wir beständig,

Bis man uns mit einer Handvoll

Erde endlich stopft die Mäuler -

Aber ist das eine Antwort?

Als Heine im Sterben lag, kniete seine Geliebte an seinem Bett und betete zu Gott, dass er ihm alle seine Sünden verzeihe. Da sagte Heine mit schwacher Stimme: "Meine Liebe, sorge dich nicht - er wird mir schon verzeihen, denn Sünden vergeben gehört zu seinem Beruf."


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