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Wie zeitgemäß ist Jochen Kleppers Gottesverständnis?

Jochen Kleppers Verhältnis zur Kirche und Religion

Unbehagen an der Kirche

Der Schriftsteller Jochen Klepper bekannte sich zum christlichen Glauben und litt zugleich unter der Kirche, so wie sie sich vor allem in der NS-Zeit präsentierte. Kein Wunder, dass er an ihr und ihren Würden- und Amtsträgern gelegentlich heftige Kritik übte

So schreibt er am 10. März 1935 in sein Tagebuch: "Mit der Kirche am Sonntag ist es wie mit der großorganisierten Winterhilfe und der Not; man braucht dringend einen Zentner Kartoffeln und bekommt ein Päckchen Pfefferkuchen. Was soll ich denn in der Kirche, wenn ich eine politisch schöne, anständige, mutige Geste für Exegese hinnehmen muss?", und am 29.10.1937 fragt er in einem Brief an Juliane und Kurt Meschke: "Wie suche ich hier nach Kirchen! Die innere und äußere Leere der Gottesdienste ist wieder einmal verzweiflungsvoll."

Schon früh erkannte Klepper die Schuld der Kirchen im Dritten Reich. Eine Tagebucheintragung vom 29.3.1933 zeigt, dass er die furchtbare Gestalt der braunen Diktatur verwerfen und gleichzeitig die Schuld der evangelischen Kirche folgerichtig erkennen konnte, die - mit sich selbst beschäftigt - diese menschenverachtende Vorgänge duldet.

"Die Kirche fürchtet sich vor dem Staat," notiert er am 21.4.1939 in sein Tagebuch, "nicht vor Gott. Das sage ich mit meiner mir so oft zum Vorwurf gemachten 'Obrigkeitsmystik'."

Dennoch hielt er bei allem Protest bewusst zur Evangelischen Kirche, selbst als er sich in den frühen dreißiger Jahren der SPD angegliedert hatte. "Aber ich kann von der Kirche nicht los, muss immer in ihr noch den Kern der Urgemeinde spüren", schreibt Klepper am 29.März 1933 in sein Tagebuch.

Denn dem Satz "Extra ecclesiam nulla salus", den Klepper als Widmungstext in das Freiexemplar seines Romans "Der Vater" für Reinhold Schneider eingetragen hatte, räumte er in seinem Leben einen hohen Stellenwert ein.

Keine Sympathie für dialektische Theologie und Bekennende Kirche

Mit der dialektischen Theologie hat Klepper allerdings wenig im Sinn . Auch hält er Abstand zu der Bekennenden Kirche und ist ihrem Aktivismus abhold, weil dieser seines Erachtens zur unnötigen Spaltung und zu einem "voreiligen Märtyrertum" führt sowie zu einem "Eingreifen in Gottes Fügung."

Auch war der Gottesdienst für Jochen Klepper nicht der Ort, an dem politische Fragestellungen im Zentrum zu stehen hatten. Die eigentliche Mitte bildete für ihn das Wort Gottes in der Liturgie und der Predigt. Außerdem erlaubt die von Luther übernommene Auffassung der Zwei-Reich-Lehre keinen Gedanken an eine politische Opposition. Sie erscheint Klepper als "höchst trügerische und windige Angelegenheit, für die Entwicklung des Staates ohne alle Bedeutung". Die "Barmer Erklärung" ist für ihn daher keine Manifestation des christlichen Glaubens, vielmehr ein Eingriff in die Tagespolitik und damit Heraufbeschwörung eines Kirchenkampfes.

Anfang Juni 1935 äußerte er erstmals Kritik an der Bekennenden Kirche, "die uns doch (gemeint ist hier Ihlenfeld) nahestehen müsste. Aber sie kommt über den politischen Impuls nicht hinaus, wehrt sich mit theologischen Formeln sehr wacker, weiß aber wenig von der Bibel. Es geht Ihlenfeld wie mir, die stärkeren Eindrücke des Gottesdienstes gehen heut von den alten Gesangbuchweisen aus. - Die Flucht in die Historie wünscht er sich noch radikaler als ich sie tragbar finde."

Klepper trennt mithin strikt die religiöse von der politischen Sphäre. Er will ein guter Deutscher sein, lehnt nach eigenen Worten, "Asphaltliteratur" ab und bevorzugt heimatliche Dichtung. Nolde und Dix waren ihm lange fremd.

Gut lutherisch war Kleppers Stellungnahme zur Politik, zum Staat, zur Obrigkeit. Jahrelang, bis es schließlich nicht länger mehr möglich war, sehen wir ihn in den Tagebüchern auf Loyalität auch gegenüber dem willkürlich handelnden Staat drängen. Er ist denkbar großzügig in der Anwendung von Römer 13 (Jeder soll sich der staatlichen Gewalt unterordnen) und das noch bis fast an die Schwelle des Krieges. Damit hängt sicher auch seine kritische Beurteilung des in der Bekennenden Kirche zusammengeschlossenen Widerstandes zusammen.

Am 6.August 1937 findet sich im Tagebuch folgende Bemerkung: " .. im übrigen hat Römer 13 gültig zu bleiben." Diese Stelle aus dem Römerbrief lautet:"Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott, wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet." (Römer 13,1,) Und an anderer Stelle vom 6.8. 1937 in seinem Tagebuch: "Es bleibt bei Römer 13, dem Gehorsam gegen eine mir auch noch so entgegengesetzte Obrigkeit."

Der Respekt vor der gottgewollten Ordnung des Staates hat für Klepper jedoch dort seine Grenze, wo die Freiheit des Glaubens angetastet wird. Er verurteilt das Eindringen der weltlichen Ideologie des Nationalsozialismus in die Kirche, die allein auf Gottes Wort zu hören hat.

"Ich werde mich nur schwer, mit dieser Zeit verständigen können", schrieb er schon am 13.8.1933 an seinen Lehrer Professor Rudolf Hermann.

Aber nach den Novemberprogromen 1938 vermerkt er am 15.12. 1938 in sein Tagebuch: "Ihlenfelds und meine Einstellung wieder völlig gleich. Auch ihm ist nun die Obrigkeit zertrümmert. Auch er sieht in allem dem Schweren nur den Anfang des Tragischen. Auch er kann im Glauben nicht irre werden."

Dennoch trägt er am 29.7.1940 in sein Tagebuch ein: "Es ist nicht leicht für die, denen Ordnung etwas Selbstverständliches ist und die ein derart positives Verhältnis zu Volk und Staat haben."

Seine Haltung gegenüber der Bekennenden Kirche war überdies kein Einzelfall. Neben den beiden Antipoden Bekennende Kirche und Deutsche Christen gab es ein Mittelfeld, das noch zu wenig bekannt ist.

Kleppers Dichtung und Leben gründen auf Religiosität

Kleppers Dichtung gründet wie sein Leben ganz auf seiner Religiosität, nicht nur die geistlichen Lieder "Kyrie", ebenso sein Hauptwerk, der historische Roman "Der Vater", über König Friedrich Wilhelm I., dem sein Amt als schwerer göttlicher Auftrag erscheint.

Der Schriftsteller lebte aus und mit der Bibel und vertraute auf Gottes Führung. In seinem Tagebuch suchte er das lebendige Gespräch mit Gott. Aus seinen Tagebuchnotizen wird ersichtlich, wie intensiv Klepper die Bibelworte auf das eigene Leben anwandte und sich von ihnen leiten ließ. Sie ermöglichten Klepper, das Leben in all seiner Schwere zu ertragen. Stellt, doch die Bibel, seiner Ansicht nach, nicht bloßes Menschenwort, sondern Gottes Wort im Menschenwort dar. Kleppers Umgang mit der Heiligen Schrift war von einem tiefen Vertrauen auf die Wirksamkeit Gottes in und über die Welt gekennzeichnet. "Mein Leben ist ein einziger religiöser Prozess", bekannte er am ersten Tag des Jahres 1933. Der Glaube war für ihn mithin nicht einfach Kirchenlehre, die man übernimmt, vielmehr war er für ihn Lebensvollzug. Das Glaubenkönnen betrachtete als Geschenk, das einem freilich nicht ohne Qualen zuteil wird.

"Dass ich aber fromm bin, ... ist das Geschenk meines Lebens. Jenes Geschenk, das einem unter effektiven Qualen zu Teil wurde und nun die Frage nach der Schuld und dem Übel stumm macht, obwohl man täglich die Schuld und das Übel durchlebt" (14.3.1933).

Alle Bereiche und Zusammenhänge des Lebens haben für Klepper einen Ewigkeitsbezug. Es gibt für ihn schlechthin kein Dasein ohne diese Dimension.

Kleppers Leben mit der Heiligen Schrift ist - das dokumentiert das Tagebuch sehr deutlich - durchwirkt von der Glaubensgewissheit, dass Gott der alleinige Herrscher über die Schöpfung ist, der Herr der Welt, der allmächtig über dem Schicksal jedes einzelnen Menschen steht. Der Gang alles Geschehens ist in Gott beschlossen. Die Anerkennung des Majestätscharakters Gottes zieht sich wie ein roter Faden durch Kleppers Tagebuch. Dieser Majestät unterwirft sich Klepper voll und ganz. Von Gott her erwartet er alle Last und alles Heil seines Daseins. Gott ist ihm primär der Schöpfer und erst sekundär der Richter des Menschen.

Gott verbirgt und enthüllt sich in seiner Schöpfung.

"Ich weiß nur das eine: dass die Anrede Gottes an den Menschen durch das Wort der Schrift, dass die Spiegelung aller Lebensvorgänge in solcher Anrede der Hauptinhalt meines Lebens ist. Ich weiß nur, dass mein Leben unter den tausendfachen Eventualitäten des Lebens lediglich zwei Möglichkeiten der Ordnung hat: die Konzentration und das 'jeweilige' Buch. Die Beugung unter die Anrede Gottes, die alle sichtbaren Ordnungen auflöst" (13.3.1935) und: "Jeder Tag ist von Gott" (29.4.1933).

"Gott, lass uns deiner Ordnung nicht entrinnen, /
Bekenne dich doch noch zu unserer Zeit. /
Lass uns am späten Abend noch beginnen. /
Die große Stunde ist uns noch zu weit."

So dichtet Klepper und betete: "Wenn Gott nur bleiben will, wird alles gut."

Klepper sucht nach Zeichen Gottes

In vielem, was Klepper geschah, widerfuhr oder ihm nicht glückte, vermutete er ein Zeichen Gottes. "Was meint Gott damit, dass meine Lage sich wieder so zuspitzt?" (8./9.Febr.1935) fragt er sich immer wieder, dann wieder überlegt er, als er mit seinem Lutherbuch nicht vorankommt: "Dass nun das neue Buch plötzlich nicht begonnen werden soll - ist's etwa ein ernstes Zeichen von Gott, dass ein so weitgehender Plan jetzt nicht sein darf?-"(18.8.1938)

Als im Oktober 1938, der Ausschluss aus der Schrifttumskammer droht, fragt er in einem Brief an die Familie Meschke: "Wer darf denn sagen, dass solches geschehe ohne des Herrn Befehl." Mit solchen Überlegungen hat sich Klepper oft über schwierige Situationen hinweg geholfen. Doch sein Bestreben, hinter allem was geschah, einen Fingerzeig Gottes zu sehen, betraf auch banale Angelegenheiten. "Bisher hat auch in allen Geldangelegenheiten Gott längst vorgesorgt: was mich mit Scham erfüllt" (24.2.1938). Selbst seine Anstellung beim Funk hat Klepper als Fügung Gottes anerkannt (21.4.1933) und die Begegnung mit Hanni als Anrede Gottes, was man im übrigen gut verstehen kann.

In vielem, was Klepper zustieß, wenn er etwa erkannte, dass Juden und Menschen in seiner Situation sich immer mehr in ihren allerengsten Kreis zurückziehen müssen, hielt er dran fest, "dass Gott auch hierin zu mir redet" und dass das "Ausharren unter dem Feind" der ihm von Gott gewiesene Weg für ihn und die Seinen sei.

"Manchmal denkt man, Gott müsste einem in all den Widerständen der Arbeit ein sichtbares Zeichen geben, das einem hilft" (18.6.35).

Aber letztlich baute Klepper "nicht auf Zeichen und Wunder noch Fügungen, sondern auf den Glauben, der die Verheißungen für den Menschen als Person und sein Dasein überhaupt enthält."

Die Bedeutung des Kreuzes stand ihm klar vor Augen. "Wenn einem für dieses Zeichen die Augen geöffnet wurden, soll man nicht mehr ängstlich ausschauen nach den Wunderzeichen der Hilfe und Bestätigung, so sehr das verwirrte und zusammengepresste Herz danach verlangt"(23.7.36). Hier zeigt sich die große Spannung, die in der Theologie Kleppers zwischen der Ohnmacht des natürlichen Menschen und dem Trost der biblischen Offenbarung besteht. Klepper nennt die Führung Gottes durch Not, Elend und Leid hindurch 'gnädige Zurechtweisungen": "Die Zurechtweisung aber ist unerlässlicher Akt der Führung"(6.6.37).

Klepper unterscheidet drei Stufenfolgen des Glaubens: der anfangende, der fortschreitende und der vollendete Glauben"(22.8.37).

"Der erste entsteht aus Wundern und Zeichen oder großen Werken Gottes, der zweite glaubt dem bloßen Wort ohne Zeichen und Werke.. der dritte, der vollkommene Glaube gibt sich selbst dar ohne Zeichen und Worte...er nimmt alles, was da ist und geschieht, als von Gott kommende an und bezieht alles auf Gott und die unsichtbaren Dinge"(22.8.37).

Als Meschkes um 1939 herum nach Schweden auswandern, fragt sich Klepper:"Was mag Gott zu ihnen geredet haben, dass sie gehen, ohne Zwang?"

"Gott hatte im Zeichen geredet. Gott duldete das Bild", davon war auch Kleppers Protagonist, König Friedrich Wilhelm I. im Roman "Der Vater" überzeugt.

In der täglichen lehrhaft-meditativen Auseinandersetzung mit den Worten der Heiligen Schrift machte Klepper - er erkannte das wohl - einen Entwicklungsprozess durch, ähnlich wie sein Protagonist im "Vater"-Roman, der König für den "Gottes Wille" nicht immer zu erkennen war und der sich fragte: "Wie sollten Könige herrschen." Klepper selbst gestand sich ein: "Ich weiß gar nichts, als dass Gott sich alles vorbehält, mich aber hält" und: "Ich weiß nur das eine, dass es Gott anheim gestellt sein muss, wie und wodurch er den Glauben in uns bewähren will."

Klepper hält nicht viel von menschlichen Leistungen

In Kleppers Vorstellung von der Bestimmung aller Dinge und Vorgänge durch Gott ist kein Raum für eine wirksame eigene Leistung des Menschen. Denn: "Alles, alles muss Gott tun"(1.1.42).

Auch der Glaube ist für Klepper kein selbständiges und eigenwertiges menschliches Werk, das Anrecht auf Gottes Segen gäbe. Vielleicht ist auch der Glaube gottgeschenkt, prädestiniert, überlegt er. Dann wieder versichert er: "Der Ertrag des Lebens besteht im Glauben, nicht in der Leistung" (16.7.36) und gesteht: "Ich habe mich immer am Verantwortungsgefühl gerieben, weil es mir als ein gefährlicher Einbruch der Ethik in den Glauben erschien. Verantwortungsgefühl ist aber nur der Zwang, eine Antwort geben zu müssen auf die Anrede Gottes"(9.6.35).

Rita Thalmann, Kleppers Biographin, hält dagegen das Eintrichtern von "gottgewollten Bindungen" von Jugend an, für eine Sünde, weil dadurch der Geist seiner Urteilskraft beraubt werde. "Sünde war und ist eine Lehre, die durch blindes Vertrauen auf Gottes Fügung und Führung den Menschen in resignierte Duldsamkeit drängt, ihm den Weg zur verantwortungsvollen Tat versperrt." Im Gegensatz zu Dietrich Bonhoeffer habe Klepper nicht erkannt, dass hinter dem Blendwerk des Irrglaubens der Vorurteile, des Klassen- und Rassendünkels die "mündige Welt" existiert, die Welt derjenigen, die für Gleichberechtigung und freie Entfaltung aller Menschen ohne Unterschied des Glaubens, der Nationalität, der Hautfarbe leben und kämpfen.

Nach seiner Entlassung und seinem Unterschlupf beim Ullstein-Verlag, gegen den die Beschäftigung beim Funk, laut Klepper, "ein Dorado" war, vermerkt er in seinem Tagebuch am 29.7.1933: "Gott weiß, warum er mir diesen seltsamen Unterschlupf gibt; vielleicht, dass er mir auch ein Einfallstor aufgetan hat. Ich kann nach alledem nicht fragen, muss die Zähne zusammenbeißen und sehr dankbar sein. Gott wird es wissen, warum er soviel Gnade und soviel Strafe auf mich legt. Was Gott aus meinem Talent macht, ist wohl wichtiger als das, was ich daraus machen möchte, und meine Schwermut über das Schicksal eines Dichters in dieser Zeit darf nicht aus dem Nahrung ziehen, was zu meinem Schutze geschieht." Aber es tauchen auch bange Fragen auf, so am 25.11.1938: "Wann redet Gott wieder 'wie ein Freund'? Er steht als Richter vor der Welt und einem selbst."

Letztlich jedoch überwiegt bei Klepper die Gewissheit, "dass Gott es so beschlossen hat: er will auch durch unsere vergänglichen Werke wirken" (27.10.1939).

Als 1941 die Situation für Klepper und die Seinen immer brenzliger wurde, schrieb er am 17. November 1941 in sein Diarium: "Wir wissen, dass Gott noch alles wenden kann."

Dann wieder betet er um ein Zeichen für Gottes Nähe, das seiner Frau bei ihrer Nüchternheit sichtbar werden könnte. Denn Hannis Bruch mit der Welt reicht tiefer als Kleppers Einsamkeit in seiner Kirche - sie hat nicht seinen Glauben und muss alles durchmachen, ohne die Nähe Gottes. Aber dann entschließt sich Hanni, sich taufen zu lassen, und so kann Klepper am 23.8.1938 in seinem Tagebuch verzeichnen: "Hanni und ich tun auf jeden sorgenvollen Gedanken in die Zukunft einen dankbaren Rückblick in die Vergangenheit. Und seit Hanni Christin werden will, bin ich viel ruhiger. Gott hat so deutlich gemahnt." Am 19.Oktober 1938 heißt es: "Ich denke nur mit Dankbarkeit ohne jeden Groll an das Vergangene" und 11.Januar 1939: "Ein Ehepaar richtet sich immer wieder gegenseitig auf - am gemeinsamen Glauben."

Hin und wieder plagen den Schriftsteller auch Skrupel, und Zweifel etwa wenn er 13.9.1938 fragt: "Ist Gott bei den Frommen und Tapferen? In der Stunde der Hybris des Dritten Reiches?"

Nach heutigem Verständnis wird Kleppers Umgang mit der Bibel in dem Moment schwer nachvollziehbar, wenn er meint, den Texten der Bibel eine direkte Umsetzung und Handlungsanweisung entnehmen zu können. Zudem fragt man sich hin und wieder, wenn Kleppers so unbeirrt an Gottes Fügung glaubt, wie weit reicht diese in den Bereich menschlicher Freiheit und menschlicher Entscheidungen hinein? Wie kann man beides, Gottes Fügung und menschliche Freiheit, miteinander in Einklang bringen?

Mensch und Welt sind der Sünde verfallen

So viel steht für Klepper fest, Sünde ist nicht identisch mit Unglück. Aber, so fügt er hinzu: Das Unglück bringt den Menschen womöglich Gott näher, "Unglück trennt nicht, nur die Sünde"(10.12.37).

Klepper betont die Ohnmacht des Menschen, aber Gott lässt ihn in dieser Ohnmacht nicht allein. Indem er richtet, richtet er wieder auf. Der Mensch begleicht seine Schuld nicht, Gott übernimmt sie. "Gott zerreißt den Schuldschein, der zwischen ihm und uns besteht"(12.9.35). Doch bleibt der Christ zeit seines Lebens ein Sünder. Er fällt immer wieder in Sünde und bedarf daher der Vergebung.

Wer sich von Gottes Führung so viel verspricht wie Klepper, kann mithin vom eigenen Streben nur wenig halten.

Die Menschen können das Unheil der Welt nicht abwenden. (Klepper hat das in seinen letzten Lebensjahren schmerzlich erfahren.) Sie können nur beten: Gott möge es tun. Sich in Gottes Willen, in die von Gott vorgezeichnete Bahn fügen ist das einzige, was dem Menschen bleibt.

In Selbstfindung und Selbstverwirklichung sein Heil zu finden, wie es heute wie vielen Menschen vorschwebt, wäre Kleppers Sache nicht gewesen, diesen Zielen hätte er heftig widersprochen.

Die Seligkeit des Menschen besteht für ihn nicht in der Bezogenheit auf sich selbst, sondern in der Hingebung an Gott. Klepper ist getragen von einem gläubigen Vertrauen in die göttliche Fügung seines Lebens und gewinnt vielen Dingen zum Beispiel seinem Entschluss, sich aus dem öffentlichen Leben nach 1933 zurückzuziehen, einen Sinn ab.

"Erfolge oder Misserfolge sind ja in erster Linie doch religiöse Angelegenheit, und kein Aufsichtsrat der Ufa und kein Reichsdramaturg des Propagandaministerium kann doch darüber entscheiden, was Gott mir geben oder nehmen will"(20.2.34).

Für Klepper zählt nicht die auf menschlichen Fähigkeiten beruhende Leistung, sondern ihre Autorisierung durch Gott. Gott muss seiner Überzeugung nach über Gelingen und Nachhall auch der Dichtung befinden.

Während der Katholik Schneider von einem unversehrten Kern im Menschen ausgeht und damit von der Wirkung der Persönlichkeit, ist der Protestant Klepper von der radikalen Verderbtheit der menschlichen Natur überzeugt und hält eine fruchtbare Wirkung menschlicher Begegnungen nicht für möglich hält. Während Schneider als Katholik an unzerstörte Fundamente dieser Welt glaubt und darum die "ewige Ordnung" schon im Diesseits vorfindet - zwischen Zeit und Ewigkeit besteht für ihn eine "analogia entis" - , geht der Lutheraner Klepper davon aus, dass das Leben als Ganzes der Sünde verfallen und dem Gottesreich entgegengesetzt ist. Er kann daher die Ordnung nur aus dem Jenseits, aus der biblisch bezeugten Offenbarung erfahren. Während sein Kollege und Leidensgefährte im Dritten Reich, Werner Bergengruen die Welt auslegt, exegesiert Klepper die Heilige Schrift.

Nach außen hin erschien Klepper oft passiv oder resigniert. Er selbst ergriff kaum die Initiative, sondern überließ möglichst alles Beginnen Gott. Nur im Glauben vermochte Klepper einen Sinn des Lebens zu erfahren.

Gérard Imhoff meinte, dass gerade Kleppers Religiosität jeden Eigenwillen erstickt habe. Seiner Ansicht nach beweist der Mechanismus der Flucht nach innen einen Mangel an politischer Reife, die Unfähigkeit des Deutschen, sich selbst zu definieren und als Staatsbürger erwachsen zu werden.

Der Wahnsinn des Glaubens

"Sooft ich die Bibel lese, ist es das gleiche: die gleichen Worte sind an das jüdische Volk gerichtet. Die gleichen Worte bezeichnen Amt und Passion Christi. Die gleichen Worte reden mich in meiner innersten Geschichte an, die gleichen Worte weiß ich an alle Gläubigen gerichtet. Ich weiß nichts Lebenswerteres als den Wahnsinn des Glaubens."

Kurz nach Kriegsausbruch, im September 1939, schreibt Klepper: "Es soll nicht gefragt werden: "Was soll mir genommen werden?, sondern es darf nur gefragt werden, was will Gott mir mit diesem Strafgericht und dieser Prüfung geben? Denn Er kann nicht zerstören, wie die Welt zerstört" und: "Ich glaube nicht, dass jemals in christlicher Zeit ein Krieg so wenig als Strafgericht angenommen und begriffen worden ist wie dieser, der sich nach Menschenwillen sogar erst noch steigern soll." Noch in den "dämonischen Siegen" der ersten Kriegsjahre spricht für ihn "das Gericht Gottes zu unserm Volk." Ende des Jahres 1939 vertraut er seinem Tagebuch an: "Ich bin leicht geneigt in allem, das mir versagt wird, ein Gericht Gottes zu sehen."

Die Frage nach dem Warum, nach der Anwesenheit Gottes angesichts des menschlichen Leidens wird von Klepper verworfen, eher ist er bereit, Gott zu rechtfertigen: "Oft kommt dem Menschen der Gedanke: Gott kann kein Quäler sein! Aber kann Gott es denn einem erlassen, die Welt zu erfahren, das Gottlose zu erleiden?"

Erschrocken war Klepper angesichts der Zunahme gesetzlich verankerter Repressalien gegenüber Juden. Dennoch stellte er sich auch diesmal ganz unter ein Bibelwort: "Gott ist der rechte Vater über alles, das da Kinder heißt im Himmel und auf Erden" (Epheser 3,15). Weiterhin vertraut Klepper vorbehaltlos auf Gottes Mit-Sein und Mit-Leiden und bekennt: "Man erlebt dieses und jenes, und alles führt immer nur wieder zu der Erfahrung der völligen Ohnmacht, in die hinein Gott spricht." Denn: Der prophetische Auftrag besteht nicht in der Verkündigung des Zornes Gottes, sondern darin das Leid der Welt zur Sprache zu bringen."

In seinem Todesjahr, das auch das seiner Frau und seiner jüngsten Tochter war, erkennt Klepper: "Im Irdischen kann uns Gott zugrunde gehen lassen, er hat es je und je auch an den Frömmsten getan. Es steht bei ihm, wodurch er wirken will" und: "Die Menschen, die Gott am stärksten zu sich ziehen will, müssen zuvor am tiefsten alles Menschliche erfahren; und einer, der Gott sucht, muss sich selbst zuvor als verloren erkennen." - "So überwog doch das Leiden", diese Erkenntnis wiederum teilt er mit dem von ihm dargestellten König.

"Ich glaube an alle Leiden von Gott her. Aber ich glaube auch an ein seliges Schauen." Leiden erfährt Klepper als Erfahrungserweiterungen.

Klepper kennt durchaus die Verzweiflung an der Welt, das Leiden am Leben, der Glaube löscht beides nicht aus. Die Leiden dieser Welt sind der Ausfluss des menschlichen Eigenwillens und der menschlichen Gottferne.

Schon 1933 war ihm bewusst: "Man weiß: Gott kann jeden Tag des neuen Jahres Leiden über Leiden häufen"(1.1.1933) und: "Ich weiß, wie furchtbar Gott packen kann, wie viel er einem auferlegen muss - und trotzdem - trotz meiner Angst vor allen Kombinationen, mit denen man Gott ins Spiel sehen möchte, - trotz, trotz alles dessen kann ich nicht anders, als immer wieder an das "Alle Dinge zum Besten kehren" glauben" (7.Juni 1933). Die gleiche Beteuerung gibt sich Klepper sechs Jahre später am 28.März 1939: "Ich halte mich daran, dass 'denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen' müssen.-"

Das Christentum, der Glaube waren für Klepper indes kein sanftes Ruhekissen, im Gegenteil: "Ich kann ganz und gar nicht behaupten, dass mir vom Christentum eine Beruhigung herkäme. Dazu sind seine Widersprüche zu quälend...Ich weiß nur das eine: dass die Anrede Gottes an den Menschen durch das Wort der Schrift, dass die Spiegelung aller Lebensvorgänge in solcher Anrede der Hauptinhalt meines Lebens ist."

Festzuhalten bleibt, dass Klepper sich in allen Situationen seines Lebens von Gott geführt fühlte und der Meinung war: "Es ist Gottes Sache, wie weit er einem die Menschen über sich die Augen öffnen will, und von Gott aus läuft wohl da die ganze menschliche Selbsterkenntnis auf das Bewusstsein aus dafür, dass man sich geführt weiß. Das schließt alles andere in sich" (3.4.1933). Ferner hat er "den Glauben nicht für eine Glücksgarantie" angenommen und war von dem Bewusstsein erfüllt, "für die Augenblicke, in denen Gott durch Geschichte, durch andere Menschen, durch die Bibel zu einem redet."

Alles hat Klepper Gott anheim gestellt, und doch hat er einmal gegen Gottes Willen gehandelt (manch einer hat es ihm später noch übel genommen), als er mit seiner Frau und jüngsten Tochter den Freitod wählte. Da er für sich und die Seinen keinen Ausweg mehr sah, "nahm er", wie Reinhold Schneider schrieb, "seine Frau und die jüngste Tochter an der Hand und eilte zu Gott, ehe er sie gerufen hatte."

Am 8.Dezember 1942 notiert Klepper in sein Tagebuch: "Gott weiß, dass ich es nicht ertragen kann, Hanni und das Kind in diese grausamste und grausigste aller Deportationen gehen zu lassen. Er weiß, dass ich ihm dies nicht geloben kann, wie Luther es vermochte:'Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, lass fahren dahin -.' Leib, Gut, Ehr ja! Gott weiß aber auch, dass ich alles von ihm annehmen will an Prüfung und Gericht, wenn ich nur Hanni und das Kind notdürftig geborgen weiß." Und er fährt fort: "Gott ist größer als unser Herz.- Das Wort soll uns noch in den Tod begleiten.. Stürben Hanni und das Kind, Gott weiß, dass sich nichts in mir gegen seinen Willen auflehnt. Aber dies nicht."

Klepper hat, wie aus den Ausführungen hervorgeht, immer wieder die Ohnmacht des Menschen betont und ganz auf die Fügung und Führung Gottes vertraut.

"Der Ertrag des Lebens besteht im Glauben, nicht in der Leistung" und gesteht: "Ich habe mich immer am Verantwortungsgefühl gerieben, weil es mir als ein gefährlicher Einbruch der Ethik in den Glauben erschien. Verantwortungsgefühl ist aber nur der Zwang, eine Antwort geben zu müssen auf die Anrede Gottes." Klepper hat offensichtlich vom Freiheitsvermögen des Menschen nicht viel gehalten. Er traute dem Menschen nicht die Fähigkeit zu, in Freiheit die richtige oder überhaupt eine Entscheidung zu treffen. Er hat ihm nur die Möglichkeit zugestanden, zu sündigen, oder war es mehr der Zwang zur Sünde, dann könnte auch in diesem Falle von Freiheit kaum die Rede sein, sondern dann wäre das Handeln zum Sündigen naturgegeben. Oder hat auch hier Gott seine Hand im Spiel? In beiden Fällen wäre der Mensch ein ganz und gar unfreies Wesen. Aber lassen wir das.

Uns, den Zeitgenossen des 21.Jahrhunderts, fällt es jedenfalls schwer, Kleppers Freiheitsverständnis und auch Gottesverständnis vorbehaltlos zu teilen. Aber die Beschäftigung mit ihm und seinem Glauben macht nachdenklich. Sie zwingt zur Bescheidenheit und zur Einsicht, dass wir vieles doch wohl nicht in der Hand haben und dass wir über so viele Dinge nicht verfügen, wie wir mitunter glauben.


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